{"id":1319,"date":"2019-06-22T15:27:15","date_gmt":"2019-06-22T13:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1319"},"modified":"2019-06-22T15:27:15","modified_gmt":"2019-06-22T13:27:15","slug":"steine-im-bauch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/steine-im-bauch\/","title":{"rendered":"Steine im Bauch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jon Bauer: Steine im Bauch, Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2014, 386 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-462-04652-6 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDer zweite supergute Spitzenmoment in meinem Leben war, als ich mich mal \u00fcbergeben musste und Mum mich zu sich und Dad ins Bett gelassen hat, und der Fernseher war an, irgendetwas \u00fcber Delfine, und wir haben zusammen geknuddelt. Zusammen ist mein Lieblingswort.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Richtig gl\u00fccklich ist der Ich-Erz\u00e4hler, dessen wahrer Name nie genannt wird, nur, wenn er mit seinen Eltern allein ist und kein Pflegekind die Mutter Mary vereinnahmt. Aber diese Zeiten sind wirklich selten, denn ein frecher, aufm\u00fcpfiger Junge l\u00f6st den n\u00e4chsten ab, bis Robert kommt. Robert ist der Junge, der so gern in die Wolken schaut, er ist sanft, ruhig, verst\u00e4ndnisvoll und klug. Er beschimpft den Erz\u00e4hler in einem leisen Ton, damit die Mutter ihn nie h\u00f6rt. Bei Robert erklingt nie die <em>\u201ePflegekindstimme\u201c<\/em> der Mutter. Der Erz\u00e4hler empfindet die Jungen im Haus, nie nimmt die Mutter ein M\u00e4dchen auf, als Konkurrenz. Er behauptet sogar in der Schule, das er das Pflegekind sei. Jede Nacht n\u00e4sst der Junge sich ein, sp\u00fcrt die Sympathie f\u00fcr Robert seitens der Mutter und handelt, um Aufmerksamkeit zu erlangen, v\u00f6llig irrational. Als der Vater f\u00fcr Robert, nie f\u00fcr ihn, den Kamin entz\u00fcndet, h\u00e4lt der Erz\u00e4hler provokant seine Hand ins Feuer. Ein Hilfeschrei.<\/p>\n<p>In R\u00fcckblenden erinnert sich der 28- j\u00e4hrige Erz\u00e4hler, der nach sieben Jahren aus Kanada heimgekehrt ist, an seine Kindheit. Der Vater ist l\u00e4ngst verstorben, auch Robert ist tot. Mutter Mary leidet an einem Hirntumor, kann kaum noch sprechen und die Pflegerin erw\u00e4hnt immer \u00f6fter das Hospiz. Nach und nach erschlie\u00dft sich dem Leser, was wirklich geschehen ist als der Erz\u00e4hler, der durch seine Kinderjahre schwer traumatisiert ist, acht Jahre alt war. Klar wird, der Erz\u00e4hler hat Schuld auf sich geladen und er will endlich sprechen. Aber die Mutter kann ihn nicht mehr h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Doch warum hat die Mutter Pflegekinder betreut? Vielleicht aus finanziellen Erw\u00e4gungen oder doch eher aus dem selbstlosen oder egoistischen Gef\u00fchl heraus, anderen helfen zu m\u00fcssen. Wie oft musste sich der Erz\u00e4hler anh\u00f6ren, dass es ihm gut ginge, aber die Jungen mit ihren kaputten Familien m\u00fcssten leiden.<\/p>\n<p>Die Eltern des Erz\u00e4hlers erkennen den Kummer des eigenen Kindes, gehen mit ihm zum Psychologen und stellen ihm einen Fernseher ins Zimmer. Nie darf Robert mit ihm fernsehen und sein Zimmer ist eine absolute Tabuzone, aber Robert, den seine Eltern, so das Vorstellungsbild des Erz\u00e4hlers, wie einen Kuckuck in ein fremdes Nest gelegt haben, umgeht diese Verbote. Auch der leibliche Sohn der Familie lebt seine Gemeinheiten an den Eindringlingen aus. Als der 13-j\u00e4hrige Robert dann auch noch der Pflegemutter das Leben rettet, wei\u00df der Erz\u00e4hler, dass er, wenn die Mutter das Krankenhaus verl\u00e4sst, nun wirklich an zweiter Stelle stehen wird.<\/p>\n<p>Und dann gesteht der Erz\u00e4hler seiner totkranken Mutter, die ihn f\u00fcr Robert h\u00e4lt, dass er das geliebte Pflegekind damals so zugerichtet habe. Denn Robert hatte einen Unfall und musste danach spastisch gel\u00e4hmt im Rollstuhl sitzen. Eine Trag\u00f6die. Voller Aufopferung hat die Mutter sich sechs Jahre bis zu seinem Tod um Robert gek\u00fcmmert. Seine wahren Eltern, Alkoholiker, beschuldigten die Pflegeeltern ihre Aufsichtspflicht vernachl\u00e4ssigt zu haben. Ein Gericht jedoch sprach sie frei. \\r\\nBis in das Erwachsenenalter hinein kann der Erz\u00e4hler seiner Mutter nicht verzeihen, die die ihn doch irgendwie liebte.<\/p>\n<p><em>\u201e Denn Mum und Robert zusammen, das ist, als w\u00e4re man im Dunkeln.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Jon Bauer findet einen eindringlichen, unsentimentalen Erz\u00e4hlton, denn alles was der Sohn erinnert, steht im Pr\u00e4sens, als w\u00e4re es die Gegenwart. Der Abschied von der Mutter innerlich wie \u00e4u\u00dferlich bleibt ein gro\u00dfer Schmerz, den der Leser nachvollziehen kann. An Nebenschaupl\u00e4tzen der Handlung bemerkt man, wie gebrochen der Sohn durch sein Kindheitstrauma ist. Man mag die Figuren von Jon Bauer, der heute in Australien lebt, nicht sympathisch finden, aber das muss auch nicht sein. Aufw\u00fchlend und lesenswert ist dieses Deb\u00fct allemal &#8211; sprachsicher und gef\u00fchlsecht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jon Bauer: Steine im Bauch, Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2014, 386 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-462-04652-6 \u201eDer zweite supergute Spitzenmoment in meinem Leben war, als ich mich mal \u00fcbergeben musste und Mum mich zu sich&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/steine-im-bauch\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-1319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1319"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1448,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1319\/revisions\/1448"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}