{"id":1273,"date":"2019-06-22T20:05:56","date_gmt":"2019-06-22T18:05:56","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1273"},"modified":"2019-06-22T20:05:56","modified_gmt":"2019-06-22T18:05:56","slug":"jenseits-der-blauen-grenze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/jenseits-der-blauen-grenze\/","title":{"rendered":"Jenseits der blauen Grenze"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dorit Linke: Jenseits der blauen Grenze, Magellan Verlag, Bamberg 2014, 300 Seiten, \u20ac16,95, 978-3-73485602-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Ich schaue hoch in den Himmel, h\u00f6re das Pl\u00e4tschern der Wellen. Seltsame Situation. Wir bewegen uns in die Ungewissheit, so wie es fr\u00fcher die Seefahrer taten. Ohne Karte, mit ungewissem Ziel und nur mithilfe der Sterne. Immerhin haben wir einen Kompass und ein Ziel, den Westen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Vor 25 Jahren ist sie gefallen, die Mauer. Offenbar ist nun genug Zeit vergangen, um sich an das Leben vor dem Mauerfall im realen Sozialismus zu erinnern. Dorit Linke, 1971 in Rostock geboren, war 18 Jahre alt, als sich f\u00fcr DDR-B\u00fcrger fast alles ver\u00e4nderte. Auch ihre Helden in ihrem Deb\u00fctroman sind in diesem Alter, Hanna und Andreas. Sie wachsen in Rostock auf, sind Freunde, enge, lange Freunde. Sie lieben David Bowie, die westliche Musik und naja, vielleicht noch Karat, aber niemals die Pudyhs. Sie stehen im Intershop staunend vor den Auslagen und riechen den Duft der gro\u00dfen weiten Welt, die f\u00fcr sie verschlossen bleiben wird.<\/p>\n<p>Zeitversetzt erz\u00e4hlt die Autorin von der Flucht ihrer Protagonisten im August 1989 \u00fcber die Ostsee und dabei konfrontiert sie den Leser immer wieder mit Erinnerungsfetzen und Szenen, die Hanna durch den Kopf gehen. Akribisch haben sie alles vorbereitet, sind gute Sportler und vor allem k\u00f6nnen sie nichts mehr verlieren. Hanna, die auch die Erz\u00e4hlerin ist, ist von der<em> \u201ePenne\u201c<\/em>, der Erweiterten Oberschule, geflogen, die Aussicht auf ein Biologiestudium ist illusorisch. Andreas musste seine Lehre beenden und auch f\u00fcr ihn sind die Tore geschlossen. Bew\u00e4hren sollen sich die zwei im Dieselmotorenwerk bei monotoner Arbeit mit fiesen Kollegen. Schuld an allem ist Hannas Opa, ein durchgeknallter, politisch naiver Quertreiber, der als Rentner glaubt, er habe Narrenfreiheit. Als der Sputnik 1988 in der DDR verboten wurde, immerhin ein anerkanntes sowjetisches Magazin, verfasst er im Namen von Hanna und Andreas eine Petition f\u00fcr die weitere Ver\u00f6ffentlichung der Zeitschrift. Eine un\u00fcberlegte Tag mit Folgen.<\/p>\n<p>Andreas kennt nur noch einen Ausweg, die Flucht \u00fcber das blaue Meer. Er hat im Jugendwerkhof bereits erfahren, was geschieht, wenn man sich nicht einordnen will.Provokant und seltsam unerschrocken geben sich die beiden in der Schule, ecken bei den Lehrern an und d\u00fcrfen auch \u00f6fter zur Aussprache ins Direktorat.  Hanna ist eine ausgezeichnete Schwimmerin, sie wird Andreas nicht im Stich lassen. uf ihrem gef\u00e4hrlichen Weg begleiten die beiden ihre gemeinsamen Erinnerungen an ihre Schulzeit und Sachsen-Jensi, der neu in die Klasse kam. Er wohnt bereits in Hamburg, denn seine Eltern hatten ohne sein Wissen einen Ausreiseantrag gestellt. Sachsen-Jensi bringt alle mit seinem Geheule auf die Palme und kann doch so herrlich politische Witze erz\u00e4hlen.<br \/>\nEr liebt die Mosaik-Reihe und Andreas und Hanna wollen ihm sogar das letzte Heft, das seiner Sammlung fehlt, in Folie eingeschwei\u00dft, aus der DDR mitbringen.<br \/>\nNaiv ist der Blick der jungen Rostocker auf den Westen, ungehemmt renitent verhalten sie sich in der Schule auch gegen\u00fcber den Lehrern. Die Erwachsenen allgemein werden aus dem Blickwinkel Hannas zu holzschnittartig dargestellt. Die Lehrer wirken wir Karrikaturen, die Eltern von Hanna handlungsunf\u00e4hig und Andreas Eltern nur regimetreu.<br \/>\nDer Opa von Hanna spioniert dann so einige wichtige Details aus, die den beiden bei der Flucht helfen. Zu Beginn sind sie noch guter Dinge und entgehen allen Gefahren, aber dann sinkt der Mut, gerade in dem Moment, wo eine westdeutsche F\u00e4hre an ihnen vorbeirauscht und nur ein kleiner Junge ihnen zuwinkt. Immer schwerer f\u00e4llt den beiden das Schwimmen. Und dann bemerkt Hanna, dass das Seil, das sie beide an den Handgelenken verbindet, gekappt ist.<\/p>\n<p>Die Dreierfreundschaft zwischen dem Neuen, Sachsen-Jensi genannt, Hanna und Andreas entwickelt sich langsam und wird aber im Laufe der Zeit existentiell, denn von den Erwachsenen haben die Jugendlichen nichts zu erwarten. Jensis ehrliche und vor allem direkte Art nimmt alle f\u00fcr ihn ein und sorgt auch f\u00fcr den Humor in dieser doch eher dunklen Geschichte. Wirklichkeitsnah und authentisch beschreibt die Autorin die Zeit in der DDR zwischen 1982 bis 1989, u.a. die v\u00f6llig unfeierliche Jugendweihe, bei der jeder Jugendliche sich schrecklich verkleidet vorkam. Und sie spricht interessanterweise den Jugendlichen mit einem Zitat aus dem Roman <em>\u201eWie der Stahl geh\u00e4rtet wurde\u201c<\/em> von Nikolai Ostrowski aus dem Herzen. Das Leben soll einen Sinn haben, und den hoffen Hanna und Andreas im Westen zu finden, wenn sie ihr Vorhaben erfolgreich vollenden.<\/p>\n<p>Dorit Linke hat f\u00fcr ihren Erstlingsroman den Erz\u00e4hlton f\u00fcr jugendliche Leser gut getroffen und hilft ihnen, sich in die f\u00fcr sie fremde Zeit hineinzuversetzen.<\/p>\n<p>Das angef\u00fcgte Glossar informiert ausf\u00fchrlich \u00fcber alle DDR-spezifischen Termini.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dorit Linke: Jenseits der blauen Grenze, Magellan Verlag, Bamberg 2014, 300 Seiten, \u20ac16,95, 978-3-73485602-0 \u201e Ich schaue hoch in den Himmel, h\u00f6re das Pl\u00e4tschern der Wellen. Seltsame Situation. 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