{"id":1269,"date":"2019-06-22T15:41:52","date_gmt":"2019-06-22T13:41:52","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1269"},"modified":"2019-06-22T15:41:52","modified_gmt":"2019-06-22T13:41:52","slug":"im-freien-fall-oder-wie-ich-mich-in-eine-pappfigur-verliebte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/im-freien-fall-oder-wie-ich-mich-in-eine-pappfigur-verliebte\/","title":{"rendered":"Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jessica Park: Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte, Aus dem Amerikanischen von Bea Reiter, Loewe Verlag, Bindlach 2014, 379 Seiten, \u20ac17,95, 978-3-7855-7867-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFinn war einfach hinrei\u00dfend. Sogar, wenn er platt wie ein Pfannkuchen war.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die 18-j\u00e4hrige Julie Seagle aus Ohio ahnt nicht, dass sie Betr\u00fcgern bei der Anmietung einer Wohnung in Boston auf den Leim gegangen ist. Nun wird es vor Semesterbeginn am Whitney College knapp, eine ordentliche Bleibe zu finden. Julies Mutter ruft Erin Watkin, ihre ehemalige Freundin aus Studienzeiten, an. Sie hilft sofort und bietet Julie vor\u00fcbergehend das frei gewordene Zimmer ihres Sohnes Finn an. Er ist zur Zeit auf Reisen. Matt holt die verzweifelte Julie und ihre Koffer mit dem Auto ab. Bei der Familie Watkins, die sich sehr intellektuell gibt, f\u00fchlt sich Julie, die auch ziemlich gut mit Worten umgehen kann, gleich wohl. Matt absolviert ein Mathe- und Physikstudium und sogar die 13-j\u00e4hrige Celestine verwendet sprachliche Bilder, als w\u00e4re sie einem Kost\u00fcmfilm entsprungen.<\/p>\n<p>Celestine jedoch ist f\u00fcr Julie von Anfang an ein R\u00e4tsel. Wie kann es sein, dass ein Teenager sich so unglaublich altmodisch kleidet, keine Freunde hat und vor allem mit einem gro\u00dfen Pappbild durch die Gegend l\u00e4uft? Die Pappfigur zeigt den 23-j\u00e4hrigen Finn, den die Schwester offensichtlich sehr vermisst. Julie nennt ihn ab und zu etwas abf\u00e4llig <em>\u201ePapparsch\u201c<\/em>. Als sie jedoch \u00fcber Facebook mit ihm Kontakt aufnimmt, \u00e4ndert sie ihr freches Verhalten und beide kommen sich sehr nah.<\/p>\n<p>Julies Wohnungssuche, Matt versucht zu helfen, entpuppt sich als fast aussichtslos. Die kakerlakenverseuchten Buden f\u00fcr Leute mit geringem Budget sind unzumutbar. Doch Julie will ihren Vater, der seit ihrem f\u00fcnften Lebensjahr nicht mehr bei der Familie wohnt, nicht um Unterst\u00fctzung bitten.<\/p>\n<p>Wenn Matt von seinen Studien spricht, dann versteht Julie kein Wort. Aber sie mag den leicht verschlossenen, aber sympathischen Typen, der sich r\u00fchrend um die Schwester k\u00fcmmert. Celestines Eltern halten sich sehr im Hintergrund. Sie verreisen allein, legen keinen Wert auf Familienfeste und warmes Essen wird bestellt. Beide sind hochintellektuell, klinken sich aber v\u00f6llig aus, wenn es um emotionale Probleme geht.<\/p>\n<p>Als Erin bemerkt wie gut Celestine mit Julie auskommt, bietet sie ihr Finns Zimmer an. Als Gegenleistung soll sich Julie um die Tocher k\u00fcmmern. Sie wird zur Schule gebracht, abgeholt und eigentlich rund um die Uhr betreut.<br \/>\nJulie mag diesen Deal, denn sie glaubt, sie k\u00f6nnte Celestine aus ihrem Schneckenhaus herausholen. Sie k\u00fcmmert sich sehr um das junge M\u00e4dchen und sorgt sich, denn sie bemerkt wie isoliert Celestine lebt. Immer wieder kommen Nachrichten von Finn. Der Kontakt zwischen Julie und Finn \u00fcber Facebook wird immer vertrauter und langsam verliebt sich die junge Frau in den Weltenbummler, der nie anruft, skypt oder gar Karten schreibt.<\/p>\n<p>Und doch irgendetwas stimmt in dieser Familie nicht, eine Traurigkeit liegt unter der so gekonnt aufgebauten Fassade. Langsam beginnt auch der Leser zu ahnen, was es sein k\u00f6nnte. Als Julie Antworten einfordert, st\u00f6\u00dft sie auf Gegenwehr.<\/p>\n<p>Angeblich hatte Erin Depressionen und in dieser Zeit hat sich Finn als Elternteil angeboten. Nun \u00fcbernimmt Matt diese Alltagsaufgabe und die Eltern geben alle Verantwortung an ihn ab.<\/p>\n<p>Aber auch Julie hat ihre Sorgen. Immerhin wollte ihr gut verdienender Workaholik-Vater mit ihr in die Weihnachtsferien reisen, lie\u00df dann aber die Fahrt von seiner Sekret\u00e4rin absagen. Sogar die geplante Silvesterverabredung mit Julie in einem piekfeinen Lokal in Boston hat der Vater vergessen. Julie ist verzweifelt und endlich richtig entt\u00e4uscht. Um sich nicht einzugestehen, wie gleichg\u00fcltig sie ihrem Vater ist, hat sie sich immer wieder Ausreden f\u00fcr seine Abwesenheit ausgedacht.<\/p>\n<p>Als Celestine dann endlich ihre erste Einladung zu einer Pyjama-Party bekommt, hofft Julie, die auch Papp-Finn etwas aus dem Gesichtsfeld des M\u00e4dchens verschwinden lassen hat, auf eine Ver\u00e4nderung. Aber alles l\u00e4uft schief, und endlich nach einem Riesenkrach mit Matt, muss die Familie Julie die Wahrheit sagen.<\/p>\n<p>Jessica Parks Jugendroman liest sich fl\u00fcssig und vor allem geheimnisvoll, denn das hinter Celestines <em>\u201eMacke\u201c<\/em> ein tiefer Schmerz steckt, ahnt der Leser.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tten der linear erz\u00e4hlten Handlung ein paar K\u00fcrzungen ganz gut getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jessica Park: Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte, Aus dem Amerikanischen von Bea Reiter, Loewe Verlag, Bindlach 2014, 379 Seiten, \u20ac17,95, 978-3-7855-7867-4 \u201eFinn war einfach hinrei\u00dfend. 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