{"id":1259,"date":"2019-06-22T15:41:27","date_gmt":"2019-06-22T13:41:27","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1259"},"modified":"2019-06-22T15:41:27","modified_gmt":"2019-06-22T13:41:27","slug":"an-einem-tag-im-november","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/an-einem-tag-im-november\/","title":{"rendered":"An einem Tag im November"},"content":{"rendered":"<p><strong>Petra Hammesfahr: An einem Tag im November, Diana Verlag, M\u00fcnchen 2014, 496 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-453-29155-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eF\u00fcr ihn war kein Kind von Natur aus b\u00f6se. Wie oft hatte er fr\u00fcher erkl\u00e4rt, dass man mit allen reden k\u00f6nnte. Man m\u00fcsse nur den richtigen Ton finden, d\u00fcrfte sich nicht anbiedern, solle ruhig in gewissen Situationen die Autorit\u00e4t hervorkehren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Kriminalhauptkommissar Arno Klinkhammer ist zufrieden mit seiner Karriere in der sogenannten Provinz, er ist da angekommen, wo er sowieso hinwollte. Im Rhein-Erft-Kreis f\u00fchrt er die Ermittlungen und wird gleich mit dem Fall eines verschwundenen Kindes konfrontiert. Bereits vor 12 Jahren war ein junges M\u00e4dchen wie vom Erdboden verschluckt und Klinkhammer hatte zum damaligen Zeitpunkt alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Das darf ihm jetzt nicht passieren.<\/p>\n<p>Petra Hammesfahr erz\u00e4hlt von dem bewussten Tag im November, an dem die f\u00fcnfj\u00e4hrige Emilie Brenner mit ihrem neuen Fahrrad trotz Regen das Haus verl\u00e4sst und nie wieder zur\u00fcckkehren wird. Nach und nach beschreibt die Autorin die Personen, die mittelbar und unmittelbar mit dem Schicksal des M\u00e4dchens zu tun haben. Zeitlich weit ausholend in einer Art Vorausblende schildert sie Geschehnisse in Nachbarnfamilien und deren Umkreis.<\/p>\n<p>Emilie ist ein beh\u00fctetes Kind, ein <em>\u201eUnfall\u201c<\/em>, wie die Mutter Anne sie auch manchmal eher scherzhaft nennt. Sie und ihr Mann Lucas gehen in ihren Berufen auf und Emilie verbringt viel Zeit bei den Gro\u00dfeltern, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Auch der Nachbarsjunge von nebenan, Mario, leidet nicht unter materiellen Sorgen, Zeit jedoch finden die Eltern, die im Filmbusiness arbeiten, nie f\u00fcr ihn. Er ist an der Hauptschule gelandet, obwohl er eigentlich mehr k\u00f6nnte. Sein Lehrer, er wohnt ebenfalls in dem ruhigen Einfamilienviertel, \u00e4rgert sich \u00fcber Marios Faulheit und er hadert mit seinem Beruf und dem<em> \u201eAusl\u00e4nderpack\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Gedem\u00fctigt wird der Junge von dem sogenannten Trio Infernale, drei minderj\u00e4hrigen, schlagkr\u00e4ftigen M\u00e4dchen aus seiner Schule. Irina und ihre Cousine Jana, beide aus Kasachstan stammend, und die fette, deutsche Jessie ziehen alle Kinder mit Gewalt und Erpressung ab, die allein auf dem Schulhof stehen. Sie drohen massiv mit der Ermordung der Eltern oder der Entf\u00fchrung kleinerer Geschwister. Die Erwachsenen sehen machtlos zu und wenn, was eher die Ausnahme ist, der \u00e4ltere Bruder von Irina wieder Kontakt mit der Polizei hat, wird die Schwester gr\u00fcn und blau geschlagen. Ihr Wertebewusstsein jedoch \u00e4ndert sich nach diesen <em>\u201eErziehungsma\u00dfnahmen\u201c<\/em> nicht. \\r\\nDie Angst vor den <em>\u201eRussenweibern\u201c<\/em> geht im Viertel um und sogar Emilie wird davon erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Als das Kind verschwunden ist, ermitteln die Beamten in alle Richtungen. In den engen Kreis der Verd\u00e4chtigen ger\u00e4t der Kasachen-Clan, der \u00fcber Ger\u00fcchte als kriminell von allen verurteilt wird, aber auch der erwachsene, schizophrene Sohn von Marlies, in dessen Laden Anne oft aushilft und sich als Kosmetikerin selbstst\u00e4ndig gemacht hat. Anne, ihre Schw\u00e4gerin Simone, stichelt immer wieder gern, hat wenig Kontakt zu ihrem Kind. Sie arbeitet bis sp\u00e4t abends und von Freitag bis Sonntag lebt das M\u00e4dchen dann bei den gut betuchten Schwiegereltern. Warum fragt man sich, empfindet Anne so viel Empathie und Solidarit\u00e4t f\u00fcr ihre Freundin, die zugegeben ein schweres Schicksal hat? Warum ist die Zeit f\u00fcr die Freundin und das verdiente Geld wichtiger als das eigene Kind?<\/p>\n<p>Als Anne bemerkt, dass sie wieder schwanger ist, und auch noch Zwillinge erwartet, bricht f\u00fcr sie alles zusammen. Bereits \u00fcber vierzig ahnt sie, dass sie nun ihren Beruf erstmal aufgeben muss. Schnell findet die sogenannte Freundin eine Nachfolgerin f\u00fcr Anne im Gesch\u00e4ft und \u00e4u\u00dferst geh\u00e4ssige Worte. Lukas steht jedoch an der Seite seiner Frau, unterst\u00fctzt sie hingebungsvoll und hebt sein Kind als Prinzessin in den siebten Himmel. Emilie ist es nicht gewohnt, von jemandem Widerworte oder gar Ermahnungen zu h\u00f6ren, wenn sie etwas m\u00f6chte.<\/p>\n<p>An diesem bewussten Tag, an dem es stundenlang regnet, treffen nun viele Ereignisse aufeinander. Emilie sieht nicht ein, warum sie ihr neues Fahrrad nicht drau\u00dfen zeigen darf. Anne ist extrem genervt und m\u00fcde, um sich mit dem anspruchsvollen Kind auseinanderzusetzen. Mario, der gerade aus dem Krankenhaus zur\u00fcckkehrt, sp\u00fcrt einen tiefen Hass auf den Lehrer von gegen\u00fcber, der gesehen hat, wie die Russenweiber ihn zusammengeschlagen haben und nicht eingegriffen hat. Marlies Sohn schleicht im Viertel durch die Gegend. Viele geraten in den Kreis der Verd\u00e4chtigen, sogar die Eltern.<\/p>\n<p>Als die Polizei die Leiche der kleinen Emilie findet, ist klar, der T\u00e4ter hat sie schwer misshandelt.<\/p>\n<p>Die Sogkraft dieses absolut spannenden Krimis erkl\u00e4rt sich aus der Tatsache, dass alle fiktiven Figuren aus den unterschiedlichsten Milieus Bekannte, Nachbarn sein k\u00f6nnten oder Menschen, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Es ist der Alltag, in den das bittere Drama einbricht und niemandem traut man so eine Tat an einem Kind zu. Gro\u00dfe Spannungsb\u00f6gen werden glaubhaft aufgebaut, die den Leser an die Geschichte fesseln. Die verschiedenen Perspektiven, aus denen erz\u00e4hlt wird, ob nun aus Annes Sicht, der des Lehrers oder des Jugendlichen Mario und die zeitlichen Verschiebungen f\u00fchren dazu, dass man, nunja, das ist gewollt, selbst ermittelt und Vermutungen anstellt. Der an sich immer wieder zweifelnde Kommissar Klinkhammer begibt sich wieder auf eine falsche Spur und niemand kann es ihm verdenken. Es sind die Erwachsenen die auf ganzer Linie versagen, die beh\u00fcten ohne wirklich Verantwortung zu \u00fcbernehmen, die ma\u00dflos fordern oder wegschauen und sich nicht mal schuldig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Petra Hammesfahr gelingt es geschickt und psychologisch genau, ein Bild von all den Familien und Personen zu zeichnen, deren Situation der Leser versteht oder distanziert betrachtet. Es sind die Schw\u00e4chen und Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft, die jeden ber\u00fchren, der diese Geschichte liest und die Hilflosigkeit und das Schweigen, das herrscht, wenn es um Missst\u00e4nde geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra Hammesfahr: An einem Tag im November, Diana Verlag, M\u00fcnchen 2014, 496 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-453-29155-3 \u201eF\u00fcr ihn war kein Kind von Natur aus b\u00f6se. Wie oft hatte er fr\u00fcher erkl\u00e4rt, dass man mit allen reden k\u00f6nnte. 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