{"id":1255,"date":"2019-06-22T15:37:13","date_gmt":"2019-06-22T13:37:13","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1255"},"modified":"2019-06-22T15:37:13","modified_gmt":"2019-06-22T13:37:13","slug":"roman-ohne-u","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/roman-ohne-u\/","title":{"rendered":"Roman ohne U"},"content":{"rendered":"<p><strong>Judith W. Taschler: Roman ohne U, Picus Verlag, Wien 2014, 330 Seiten, \u20ac17,99, 978-3-7117-2018-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201ePl\u00f6tzlich fiel es ihm ein. Roman ohne U! Er sah sich als Kind auf dem Dachboden sitzen und mit einer uralten Schreibmaschine, die er in einem Kasten gefunden hatte, spielen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Diese Schreibmaschine, eine uralte Continental, geh\u00f6rt Thomas Bergm\u00fcller. Es existiert nur die Metallverbindung, aber der Buchstabe U ist fort. Einst hatte der verhasste Vater die Maschine vor Wut vom Tisch geweht. Thomas wollte studieren, schreiben, er wollte nicht sein Leben lang in der M\u00fchle als Knecht arbeiten und dann dabei zusehen wie sein j\u00fcngerer Bruder Arthur alles erbt. Nach einem erneuten Streit verl\u00e4sst Thomas 1945 die M\u00fchle und l\u00e4uft den Russen in die Arme. Nach 20 Jahren Lagerhaft in Sibirien, schwersten Dem\u00fctigungen, missgl\u00fcckter Flucht und gesundheitssch\u00e4digender Arbeit im Uranbergbau wird er in die Heimat zur\u00fcckkehren und nie wirklich ankommen. Und erst Jahre sp\u00e4ter erf\u00e4hrt Arthur die wahre Lebensgeschichte seines Bruders, eine Geschichte voller Gewalt, Mut aber auch tiefster Liebe.<\/p>\n<p>Judith W. Taschler erz\u00e4hlt nicht chronologisch die Geschichte von Thomas Bergm\u00fcller, der in den sowjetischen Straflagern die Liebe seines Lebens, Ludovica Juliane, kennenlernen wird und die Geschichte der Familie seines Bruders Arthur und dessen Sohn Julius. In ihrer Montagedramaturgie wechselt die \u00f6sterreichische Autorin zwischen R\u00fcckblenden und fortlaufendem Handlungsbericht der erz\u00e4hlten Gegenwart. In gutem Erz\u00e4hltempo schildert sie Episoden aus den verschiedenen Lebensphasen ihrer fiktiven Protagonisten. Dabei verweben sich die Schicksale der Familienmitglieder, ohne dass sie \u00fcberhaupt selbst eine Ahnung davon haben. Erst am Ende kl\u00e4ren sich die Beziehungen auf tragische wie seltsam gl\u00fcckliche Weise.<br \/>\n<em>\u201eAls man mich aus der Zelle holte und zum Verh\u00f6r bringt, sehe ich Ludovica zum ersten Mal, sie steht im Gang zwischen zwei Soldaten. Sie f\u00e4llt mir sofort auf. Ein Sonnenstrahl, der durch ein schmales Fenster f\u00e4llt, erhellt genau ihr Gesicht. Noch nie habe ich ein so sch\u00f6nes M\u00e4dchen gesehen: rotblonde lange Haare, gr\u00fcne Augen, ein kleiner Mund, kleine Nase, alles wirkt zart an ihr, selbst sie Sommersprossen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese rotblonden, erstaunlichen Haare fallen auch bei Julius\\&#8216; Geliebten Stefanie Mangold auf. Sie erteilt Julius Ehefrau Katharina den Auftrag, die Biografie ihres Onkels Thomas zu schreiben. Er hatte immer wieder versucht, seine ungew\u00f6hnlich harte Lebensgeschichte, die von Judith W. Taschler atmosph\u00e4risch genau und schonungslos erfunden wurde, in eine Form zu bringen. Es existieren Aufzeichnungen und eine CD.<\/p>\n<p>Katharina und Julius werden viel zu jung Eltern von Zwillingen. Verblendet von ihrem Liebesrausch wird ihnen erst sp\u00e4ter klar, wie wenig sie zueinander passen. Julius geht Kompromisse ein, um Geld zu verdienen und seine Familie zu ern\u00e4hren. Nur durch die Hilfe von Arthur, der irgendwie etwas gut machen will an seinem Sohn Julius, \u00fcberlebt die Beziehung der beiden. Die kleine Familie zieht zum Vater aufs Land, noch zwei Schwangerschaften folgen und als Katharina in ihrem Beruf endlich wieder Fu\u00df gefasst hat, wird sie durch eine Intrige ihres eifers\u00fcchtigen Ehemannes wieder schwanger. Ihre Ehe steht kurz vor dem Ende.<\/p>\n<p>Julius arbeitet dann als Pharmavertreter f\u00fcr Tirol und Katharina hat sich mit den Aufzeichnungen von Biografien selbst\u00e4ndig gemacht. Nach sechs Jahren Wochenendehe w\u00fcnscht sie sich wieder ein engere Beziehung zu ihrem Mann. Da hat sie bereits \u00fcber das Schicksal von Thomas Bergm\u00fcller und seiner gro\u00dfen Liebe Ludovica, einer begabten Pianistin, in wahrhaft schwierigen Zeiten geschrieben. Doch dann geschieht ein t\u00f6tlicher Unfall, beteiligt sind Julius und Stefanie.<\/p>\n<p>Schn\u00f6rkellos ist die Erz\u00e4hlweise von Judith W. Taschler, dabei lotet sie die psychologische Seite ihrer Figuren aus, ohne zu viel zu analysieren. Immer sind es die S\u00f6hne, die keinen Kontakt, keine N\u00e4he zu ihren V\u00e4tern finden. Dieser Grundkonflikt und das Heimatgef\u00fchl, die einen fliehen vor der Bergm\u00fchle in Ober\u00f6sterreich, die anderen sp\u00fcren nur hier Verbundenheit und Sicherheit, ziehen sich durch die Familienerz\u00e4hlungen. Vom Ende her allerdings erweist sich, wie klug der Roman konzipiert ist und wie die einzelnen Lebensgeschichten mit ihren H\u00f6hen und Tiefen miteinander verwoben sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith W. Taschler: Roman ohne U, Picus Verlag, Wien 2014, 330 Seiten, \u20ac17,99, 978-3-7117-2018-4 \u201ePl\u00f6tzlich fiel es ihm ein. Roman ohne U! 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