{"id":1217,"date":"2019-06-22T15:46:57","date_gmt":"2019-06-22T13:46:57","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1217"},"modified":"2019-06-22T15:46:57","modified_gmt":"2019-06-22T13:46:57","slug":"zwei-oder-drei-dinge-die-ich-dir-nicht-erzaehlt-habe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/zwei-oder-drei-dinge-die-ich-dir-nicht-erzaehlt-habe\/","title":{"rendered":"Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erz\u00e4hlt habe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Joyce Carol Oates: Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erz\u00e4hlt habe, Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2014, 269 Seiten, \u20ac15,90, 978-3-446-24632-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSie sah aus, als m\u00fcsse sie sehr, sehr gl\u00fccklich sein. Aber der Schein trog.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sie sind Sch\u00fclerinnen der Quaker Heights Day School, einer Einrichtung, die Wert auf eine hochkar\u00e4tige Erziehung in einer Umgebung der Gleichberechtigung legt. Und doch ist es in New Jersey nicht anders als anderswo in den USA, denn auch hier herrscht eine soziale Hierarchie, eine fest etablierte gesellschaftliche Pyramide, die die Sch\u00fcler von beliebt \u00fcber Mitte der Mehrheit bis Versager abstuft. Aller Sch\u00fcler der Quaker Heights verf\u00fcgen \u00fcber gut verdienende Eltern und f\u00fchlen sich in gewisser Weise gegen\u00fcber den Jungen und M\u00e4dchen an staatlichen Schulen privilegiert.<\/p>\n<p>Die mittlerweile 76-j\u00e4hrigen Joyce Carol Oates besch\u00e4ftigt sich in ihrem neuesten Jugendbuch mit den unterschiedlichen Lebenszielen und -ansichten dreier 17-j\u00e4hriger junger Frauen. Alle drei sind locker befreundet und absolvieren ihr letztes Jahr an dieser Schule. Merissa als Vorzeigesch\u00fclerin hat endlich die Zusage f\u00fcr die Brown University erhalten. Als das perfekte M\u00e4dchen ihres Vaters, der beruflich oft auf Reisen ist, wurde ihr die Hauptrolle im neuesten Schulst\u00fcck zugesprochen, sie arbeitet in der Redaktion f\u00fcr die Jahrgangsb\u00fccher und spielt in der Hockeymannschaft. Mit ihrem Porzellanpuppengesicht und ihrer schlangen Figur zieht sie die Blicke der Jungen an, ist beliebt und offensichtlich gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Doch Merissa verbirgt wie alle drei Protagonistinnen Geheimnisse, Dinge, die sie nie, wirklich nie erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Um dem Druck der Anforderungen Stand zu halten, ritzt sich Merissa kleine Wunden in den K\u00f6rper. Der kurzzeitige Schmerz l\u00e4sst sie sich selbst sp\u00fcren. Geschickt verdeckt sie die Wunden mit Pflastern, damit nur nicht das Bettzeug \u00fcber Nacht schmutzig wird. Merissa tut alles daf\u00fcr, damit ihr Vater sie liebt. Durch Leistung gewinnt sie seine Aufmerksamkeit, obwohl er, wenn sie ehrlich ist, sie kaum noch wirklich wahrnimmt. In der Ehe ihrer Eltern br\u00f6ckelt es bereits lange Zeit und Merissas Vater zieht aus. Merissas Mutter, die offensichtlich keinem Beruf nachgeht, konzentriert sich auf die Tochter und ihre Beruhigungspillen. Zwischen Mitleid und Verachtung schwanken die Gef\u00fchle Merissas f\u00fcr die Mutter, die sie auch noch auffordert, nicht zu weinen, wenn der Vater mit ihr spricht. Als m\u00fcsse sie auch noch die Gef\u00fchle der Tochter reglementieren und dem Ehemann bis zuletzt alles recht machen. L\u00e4ngst ist klar, dass der Vater eine andere Frau hat und mit seinen Gedanken weit fort lebt. Merissas Reaktion auf all diese privaten Sorgen, die sie ihren Freundinnen nicht mitteilt, ist Leistungsverweigerung in der Schule. Sie will nicht mehr die Hauptrolle spielen, sie gibt die Hausaufgaben nicht mehr p\u00fcnktlich ab, sie funktioniert nicht mehr tadellos und glaubt, damit dem Vater eins auszuwischen.<\/p>\n<p>Innerlicher Halt f\u00fcr Merissa ist ihre Freundin, die kleine, rothaarige, absolut respektlose Tink, die sich nie etwas gefallen lassen w\u00fcrde. Nur Tink ist vor einigen Wochen verstorben. Eine letzte SMS an alle Freundinnen liest sich wie ein Abschied und doch bleibt die Frage bis zum Ende, ob es wirklich Selbstmord war. Tinks Mutter, eine bekannte Fernsehschauspielerin, ist nach dem Tod der Tochter nicht bereit mit den Freundinnen zu sprechen. Tink jedenfalls ist nicht die perfekte Tochter, sie lehnt sich gegen die Mutter auf. Als Kinderstar einst ber\u00fchmt, immerhin spielte sie mit der Mutter \u00fcber mehrere Jahre in einer erfolgreichen Serie, verweigert Tink bis hin zu ihrem eigenen Namen alles, was andere ihr zumuten wollen. Andererseits l\u00e4sst sie sich auf niemanden ein, sie bleibt unverbindlich bis zum Schluss. Ihr Charisma jedoch scheinen die anderen M\u00e4dchen nach wie vor zu vermissen. Marissa und auch Nadja sprechen mit Tink, glauben sie zu h\u00f6ren und ben\u00f6tigen ihren Zuspruch. Auch Nadja h\u00fctet ihre Geheimnisse und eine tiefe innere Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung. Ein abwesender Vater und eine um Jahre j\u00fcngere d\u00fcnne Stiefmutter bereiten der etwas f\u00fclligen Nadja Kummer. Als sich ihr junger Lehrer, Mr Kessler, dem M\u00e4dchen freundlich zuwendet, sie aus ihrer unsicheren Kleinm\u00e4dchenart herausholen will, verwechselt Nadja Freundlichkeit mit Liebe. Einst hatte die Mutter sie verlassen. Dass sie vor ein paar Jahren gestorben ist, hatte ihr niemand mitgeteilt. In ihrer naiven Art glaubt Nadja nun, dass sie Mr Kessler etwas schenken sollte, zumal er seinen Geburtstag erw\u00e4hnt hatte.<br \/>\nUnbedarft und irgendwie weltfremd schenkt Nadja anonym Mr Kessler einen kleines originales Gem\u00e4lde von Kandinsky. Dieses Gem\u00e4lde ihres Vaters w\u00fcrde, so Nadjas Meinung, niemand vermissen.<br \/>\nDie Katastrophe ist vorprogrammiert. Nadja duckt sich jedoch nicht weg, sondern steht ehrlich zu allen Problemen, die sie dann mit Marissa gemeinsam l\u00f6sen wird.<\/p>\n<p>Es sind die Geheimnisse, die zwei oder drei Dinge, die die M\u00e4dchen sich nicht anvertrauen k\u00f6nnen, die ihnen das Leben aber schwer machen. Die Figuren unterscheiden sich sehr voneinander, jedes M\u00e4dchen ist auf dem Weg zu sich selbst, alle machen schmerzliche Erfahrungen und doch bleiben sie mit ihren Konflikten und Fragen allein. Am einsamsten war wahrscheinlich Tink. Hier bleibt viel Raum zum Nachdenken f\u00fcr die Leserinnen, denn diese wird dieser Roman auch nach dem Lesen noch lang besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Bei ihrer Vorliebe gerade f\u00fcr Jugendthemen schreibt Joyce Carol Oates als gute Beobachterin und Schriftstellerin wirklichkeitsnah und empfindsam. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie weit diese Autorin von der Generation, die sie offenbar besch\u00e4ftigt, allein an Jahren entfernt ist. Oder auch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joyce Carol Oates: Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erz\u00e4hlt habe, Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2014, 269 Seiten, \u20ac15,90, 978-3-446-24632-4 \u201eSie sah aus, als m\u00fcsse sie sehr, sehr gl\u00fccklich sein. 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