{"id":1207,"date":"2019-06-22T15:47:53","date_gmt":"2019-06-22T13:47:53","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1207"},"modified":"2019-06-22T15:47:53","modified_gmt":"2019-06-22T13:47:53","slug":"die-luegen-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-luegen-der-anderen\/","title":{"rendered":"Die L\u00fcgen der anderen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mark Billingham: Die L\u00fcgen der anderen, Aus dem Englischen von Peter Torberg, Atrium Verlag, Hamburg 2014, 416 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-85535-054-4 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEigentlich doch bl\u00f6d, diese Spielchen, die wir so spielen, oder? Die Konventionen, die uns auf Geheih und Verderb aneinanderbinden. Die Regeln, die uns zwingen, Dinge zu tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen: mit Leuten reden, die wir verachten, mit Leuten schlafen, die wir nicht mehr lieben oder bei denen wir bef\u00fcrchten, dass sie uns nicht mehr lieben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Vor acht Wochen haben sie sich an der K\u00fcste von Florida im wohlverdienten Urlaub kennengelernt, drei englische Paare aus London. Sie h\u00e4ngen in Bars ab, trinken zu viel, reden oberfl\u00e4chlichen Kram und geben vor, sie seien nun Freunde. Am Ende der Reise werden E-Mails mit dem Wissen ausgetauscht, dass man sich sowieso nie wiedersieht. Doch am allerletzten Tag in Sarasota verschwindet ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen. Es ist Amber-Marie, die die sechs Engl\u00e4nder bei einem unverbindlichen Geplauder kennengelernt hatte. Durch ihre Behinderung geht der Teenager freudestrahlend ohne jegliche Bedenken auf Menschen zu. Alle werden nach ihren Alibis befragt und reisen in die Heimat zur\u00fcck.<br \/>\nAls Angie dann per Mail ihre Urlaubsbekanntschaften zu einem Dinner einl\u00e4dt, sagen alle nicht gerade begeistert, aber doch von Neugier angestachelt, zu. Nach und nach lernt der Leser die sechs Leute und ihre allt\u00e4glichen L\u00fcgen kennen, denn jedes Paar f\u00fchlt sich nun zu einer Gegeneinladung gen\u00f6tigt. Die rundliche Hausfrau Angie hat zwei eigene Kinder, die schon fast erwachsene Teenager sind. Ihr stets missgelaunter Mann Barry muss sich auf der Arbeit seinem Bruder unterordnen. Er vermisst seinen leiblichen Sohn, den die Mutter ihm vorenth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Marina und Dave sind noch frisch verliebt. Der nicht gerade attraktive Dave arbeitet als Computerspiele-Entwickler in einer Firma und die farbige Marina, die durchaus M\u00e4nner anzieht, geht einer Halbtagst\u00e4tigkeit als Sprechstundenhilfe nach. Sie schreibt und nimmt Schauspielunterricht. Daves christlicher Glaube und seine Anh\u00e4nglichkeit beginnen Marina langsam zu nerven. Die pragmatische Sue ist Lehrerin und der ziemlich arrogante Ed, der immer nur sexistische Anspielungen parat hat, arbeitet als Vertreter eines Sachbuchverlages. Aber in Anbetracht der Ver\u00e4nderungen in der Verlagsbranche hat er wenig Auftr\u00e4ge und erwartet demn\u00e4chst seine Entlassung. Thematisiert wird auf jedem Treffen, teils sensationsl\u00fcstern, teils unangenehm ber\u00fchrend, nat\u00fcrlich auch der Mord an dem jungen M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Einerseits gewinnt der Leser einen intimen Einblicken in die famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse der sechs Protagonisten, andererseits verbreitet der T\u00e4ter in einem Monolog seine Ansichten vom modernen Leben. Er hat Amber-Marie in seinen Wagen gelockt und erw\u00fcrgt. Ein zweite Tat, wieder an einem behinderten M\u00e4dchen, wird in Kent folgen. Die ermittelnde Polizistin in England, eine ambitionierte junge Frau, wird auf die drei Paare angesetzt und findet heraus, dass einige Alibis der M\u00e4nner einfach nicht stimmen k\u00f6nnen.<br \/>\nDem Leser ist klar, einer aus der Gruppe der sechs Leute, muss der M\u00f6rder sein. Hier setzt die Sogwirkung dieses gut geschriebenen Thrillers an, denn Mark Billingham baut Szenen zu einer enormen Spannung auf, jedes Wort, jeder Satz k\u00f6nnte den allzu cleveren T\u00e4ter enttarnen.<\/p>\n<p>Reihum treffen sich die Paare nun zum Dinner und je mehr sie getrunken haben, um so mehr Sticheleien und Konflikte in den Zweierbeziehungen, aber auch untereinander kommen zum Vorschein. So ahmt die offensichtlich talentfreie Marina die Leute eher nach, als dass sie wirklich sich in eine Person hineinversetzen kann. Sue tr\u00e4gt schwer am Tod ihrer fr\u00fch verstorbenen Tochter Emma. Ed hat einst eine Buchh\u00e4ndlerin vergewaltigt und ist nie zur Rechenschaft gezogen worden.<br \/>\nZum Ende hin wird klar, keiner kennt den anderen, nicht mal seinen Partner.<\/p>\n<p>Mark Billingham f\u00fchrt den Leser als exzellenter Beobachter der englischen Mittelschicht mit seinen Vermutungen geschickt mal in die Richtung und dann wieder in die andere. Nie ist er sich wirklich sicher, wer hinter den Morden stecken k\u00f6nnte und vor allem warum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark Billingham: Die L\u00fcgen der anderen, Aus dem Englischen von Peter Torberg, Atrium Verlag, Hamburg 2014, 416 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-85535-054-4 \u201eEigentlich doch bl\u00f6d, diese Spielchen, die wir so spielen, oder? Die Konventionen, die uns auf Geheih und Verderb aneinanderbinden. 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