{"id":1164,"date":"2019-06-22T15:55:43","date_gmt":"2019-06-22T13:55:43","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1164"},"modified":"2019-06-22T15:55:43","modified_gmt":"2019-06-22T13:55:43","slug":"an-guten-tagen-fahren-wir-rueckwaerts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/an-guten-tagen-fahren-wir-rueckwaerts\/","title":{"rendered":"An guten Tagen fahren wir r\u00fcckw\u00e4rts"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alex Shearer: An guten Tagen fahren wir r\u00fcckw\u00e4rts, Aus dem Englischen von Armin Gontermann, List Verlag, Berlin 2014, 252 Seiten, \u20ac17,99, 978-3-471-35108-6<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDas Leben anderer Leute kommt einem vor wie ein Wollkn\u00e4uel mit Tausenden von Knoten. Unm\u00f6glich, die alle aufzudr\u00f6seln. Am besten macht man weiter und denkt nicht mehr dran.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der britische Kinderbuchautor Alex Shearer hat das nicht getan. Er erinnert sich an das Leben seines an Gehirntumor verstorbenen Bruders Louis und dr\u00f6selt mal mehr mal weniger erfolgreich die Lebensf\u00e4den auf.<\/p>\n<p>Louis ist der \u00c4ltere, in den so viele Hoffnungen gesetzt wurden, der ein Ingenieurdiplom abgeschlossen hatte und sich zeitlebens mit irgendwelchen Aushilfsjobs \u00fcber Wasser hielt. Kaum praktisch veranlagt glaubte er k\u00f6rperliche Arbeit sei wichtiger als geistige. Der willensstarke Louis konnte sich nicht einordnen, eckte an und setzte eigene Projekte in den Sand. Ein Querkopf, ein T\u00fcftler, ein Tr\u00e4umer, ein Mensch mit einem unsteten Leben. Fr\u00fch verstarb der Vater an Lungenkrebs und rauchte bis zum letzten Augenblick. Jetzt sollte Louis der Mann im Hause sein, was Alex ziemlich kr\u00e4nkte, denn in ihn schien die Mutter kaum Erwartungen zu setzen. Auch wenn die beiden Jungen sich bis aufs Blut pr\u00fcgeln konnten, so hielten sie doch auch zusammen, wenn es darauf ankam. Louis stellte sich vor seinen kleinen Bruder, als der sich zum <em>\u201eRabauken\u201c<\/em> entwickelte.<\/p>\n<p>Und Louis nahm die alte Mutter zu sich bis sie starb.<\/p>\n<p>Alex Shearer schreibt seine Erinnerungen an den doch widerspr\u00fcchlichen Bruder nicht chronologisch auf. Er springt bei seinen szenischen Schilderungen mal in die Vergangenheit, dann wieder in die Gegenwart. Wenn das Buch beginnt ist Louis schon ein totkranker Mann. In vielen Szenen beschreibt der Autor, wie schwer es dem einst agilen Louis f\u00e4llt sich etwas zu merken. Und immer wieder fragt sich Alex Shearer, warum der Bruder so ein Leben gew\u00e4hlt hat. Nichts konnte er zu Ende f\u00fchren, immer wieder gab es Neues, was ihn interessierte. Warum vergeudete er seine geistigen F\u00e4higkeiten, er, der Sprachen beherrschte, der viel gereist war? Warum blieb nie eine Frau an seiner Seite?<\/p>\n<p>Als Louis seiner neuseel\u00e4ndischen Freundin nach Australien folgte, brach der Kontakt zwischen den Br\u00fcdern zeitweilig ab. Als klar wurde, wie krank und allein Louis ist, reist Alex zu ihm. Wie ein Mantra betont der \u00e4ltere Bruder, dass sie ja hart im Nehmen seien und auch Alex greift nach jedem Strohhalm, um dem Bruder Mut zuzusprechen.<br \/>\nDoch Alex kann auch seine Wut auf den Bruder nicht verhehlen, so schlecht er sich auch dabei f\u00fchlt. Seit zehn Jahren funktioniert im Haus der Wasserboiler nicht mehr, die Waschmaschine ist defekt, der Wasserkessel ohne Henkel, der K\u00fchlschrank ist so versifft, dass darin bereits neues Leben keimt und die Wohnung hat seit einem Jahrzehnt keinen Staubsauger oder Wischlappen gesehen. Louis schaut aus wie ein Penner, war ewig nicht beim Fris\u00f6r, alles ist f\u00fcr ihn zu teuer, dabei hat er genug Geld auf der Bank. Er tr\u00e4gt seine Wollm\u00fctze tief im Gesicht und v\u00f6llig farbverschmutzte Kleidung.<br \/>\nVieles was der Bruder empfindet oder denkt, ist Alex v\u00f6llig fremd, er kann es nicht deuten und will es auch irgendwann nicht mehr.<br \/>\nAlex beschreibt die Freunde, die nach Louis, der unbedingt unabh\u00e4ngig sein will, immer wieder fragen.<br \/>\nDoch der Mensch, der f\u00fcr Louis am allerwichtigsten ist, bleibt sein Bruder.<\/p>\n<p><em>\u201eWei\u00df du was?\u201c, sagte er. \u201e Du bist alles, was ich noch habe.\u201c Ein ziemlich schrecklicher Gedanke, fand ich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alex Shearers Reflexionen \u00fcber den Bruder, Familie, Freundschaft, Beziehungen \u2013 das Leben allgemein \u2013 beschlie\u00dfen oftmals in einem ruhigen Erz\u00e4hlton die einzelnen Kapitel.<em>\u201eZuerst lieben wir, wen wir lieben m\u00fcssen. Dann werden wir erwachsen und lieben, wen wir lieben wollen. Aber wir bleiben trotzdem gefangen, wie ein Fisch, der einen Haken verschluckt hat. Fast unser ganzes Leben lang k\u00f6nnen wir flussabw\u00e4rts schwimmen und werden doch wieder zur\u00fcck in die Vergangenheit gezogen, in unsere Kindheit, hin zu unserem schutzlosen Ich. Und dann werden wir an Land gezogen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Louis fordert den Bruder auf, \u00fcber das zu schreiben, was er mit ihm erlebt hat, auch von beider Verzweiflung. Aber der Bruder soll keinen sentimentalen Stuss schreiben und davon ist dieses Buch zwischen Weinen und Schmunzeln meilenweit entfernt. Es gibt keine tiefsch\u00fcrfenden Brudergespr\u00e4che, denn Louis w\u00e4re dazu gar nicht mehr in der Lage. V\u00f6llig unspektakul\u00e4r ist Alex einfach nur da, er k\u00fcmmert sich ums Essen, um neue K\u00fcchenger\u00e4te, um DVDs, um die Wege, die getan werden m\u00fcssen, um Besuche bei Bekannten. Alles was die beiden verbindet, sind die lebendig erinnerten vergangenen Episoden, ob diese nun komisch, peinlich oder auch traurig sind.<\/p>\n<p>Alex Shearer hat ein anr\u00fchrendes Buch geschrieben, voller kluger S\u00e4tze, ein Buch das langsam gelesen werden sollte, um nichts zu verpassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Shearer: An guten Tagen fahren wir r\u00fcckw\u00e4rts, Aus dem Englischen von Armin Gontermann, List Verlag, Berlin 2014, 252 Seiten, \u20ac17,99, 978-3-471-35108-6 \u201eDas Leben anderer Leute kommt einem vor wie ein Wollkn\u00e4uel mit Tausenden von Knoten. 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