{"id":116,"date":"2019-06-22T11:20:20","date_gmt":"2019-06-22T09:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=116"},"modified":"2019-06-22T11:20:20","modified_gmt":"2019-06-22T09:20:20","slug":"arabqueen-oder-der-geschmack-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/arabqueen-oder-der-geschmack-der-freiheit\/","title":{"rendered":"ArabQueen oder der Geschmack der Freiheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00fcner Jasemin Balci: ArabQueen oder der Geschmack der Freiheit, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2010, 313 Seiten, \u20ac14, 95, 978-3-10-004814-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMariam \u00e4rgerte sich, dass sie die ganze Zeit so blind gewesen war, dass sie es nicht schon vorher bemerkt hatte \u2013 diese Verlogenheit, in der alle lebten, von der alle wussten, von der aber nicht gesprochen werden durfte.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Mariam und ihre j\u00fcngere Schwester Fatme wohnen mit ihren Eltern und den zwei Br\u00fcdern im Berliner Stadtteil Wedding. Als Sunniten leben sie nach jahrhundertealten Br\u00e4uchen und Pflichten, die der Vater als Sittenw\u00e4chter, der ohne Arbeit die Hartz IV-Bez\u00fcge der Familie mit anderen Frauen durchbringt, mit brutaler Gewalt in der Familie durchdr\u00fcckt. Die Mutter der Familie Omar ist Analphabetin und wurde zwecks Hochzeit aus dem fernen Ostanatolien nach Berlin geholt. Heftige Spannungen zwischen den Eheleuten, die Armut und die beobachtenden Blicke der besser gestellten Verwandtschaft sorgen f\u00fcr ein Klima der Lieblosigkeit, Wut, Angst, st\u00e4ndigen Kontrolle und Gewalt. Bildungsfern und nur auf die Familie orientiert k\u00fcmmert die Mutter sich ohne Interesse oder Kenntnisse der deutschen Sprache nur um den Ruf der T\u00f6chter. Auf die Teilnahme am Unterricht und gute Noten f\u00fcr eine sp\u00e4tere Ausbildung legt die Familie keinen Wert, denn die M\u00e4dchen werden sowieso heiraten und dann f\u00e4llt dem Ehemann jegliche Verantwortung zu. Beide Br\u00fcder z\u00e4hlen sich zu den Loosern. Ohne Ausbildung jobben sie gelegentlich illegal im Gem\u00fcsehandel des sittenstrengen, geizigen Onkels. Masud und Rafi d\u00fcrfen ihren Leidenschaften folgen und sich mit Frauen treffen, auch wenn sie nicht zu dem hochgehaltenen Ehrbegriff der Familie passen. Zum L\u00fcgen und T\u00e4uschen m\u00fcssen sie keine Fantasie entwickeln.<\/p>\n<p>Zerrissen zwischen dem Leben deutscher M\u00e4dchen, Mariam und Fatme freunden sich mit Lena an, und ihrem eigenen voller Verbote und Vorschriften entwickeln die M\u00e4dchen ihre spezielle Perfektion im L\u00fcgen, um sich etwas von der Freiheit der anderen zu erobern. Nie \u00fcber die Stra\u00dfen ihres Kietzes hinausgekommen, geben sie sich ohne famili\u00e4re Beobachtung selbstbewusst und im Ton \u00e4u\u00dferst r\u00fcde, besonders wenn es um M\u00e4nner geht.<br \/>\nWieder zu Hause m\u00fcssen sie vor den m\u00e4nnlichen Familienmitgliedern kuschen und k\u00f6nnen nur in Gedanken sich eine Traumwelt zusammenspinnen, die mit einem k\u00fcnftigen realen Leben nichts zu tun haben wird. Im abgedunkelten Zimmer probieren die M\u00e4dchen freiz\u00fcgige Kleidung an, die sie sich hart erspart haben und nie den Eltern zeigen k\u00f6nnten.<br \/>\n\u201eArabQueen\u201c ist der stolze Username Mariams im Netlog und zeigt die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Wirklichkeit.<br \/>\nIn vielen Episoden erz\u00e4hlt G\u00fcner Balci, die selbst im Bezirk Neuk\u00f6lln aufgewachsen ist, vom rechtlosen Dasein der jungen M\u00e4dchen und Frauen unter der Oberhoheit der M\u00e4nner. Als Zeugin hat sie einen atmosph\u00e4risch dichten Tatsachenbericht geschrieben, denn sie kennt aus eigener T\u00e4tigkeit in einem M\u00e4dchentreff die Schicksale vieler junger M\u00e4dchen und Frauen.<br \/>\nAngelehnt an das Leben zweier Freundinnen wurde laut Vorwort der Roman geschrieben. Mariam droht die Zwangsheirat mit ihrem Cousin aus Anatolien. Sie wird an einen jungen Mann verschachert, der nach Deutschland geholt werden soll, um seiner eigenen Armut zu entfliehen.<br \/>\nNach und nach registriert Mariam, auch durch ihre vom Jobcenter erzwungene Arbeit im M\u00e4dchenclub, wie anders ihr t\u00e4gliches Leben sein k\u00f6nnte. Allerdings muss Mariam feststellen, dass sie unter ihren Leidensgenossinnen keine Hilfe erwarten kann, denn auch die Frauen haben ihre unterdr\u00fcckte Position nie hinterfragt und f\u00fcgen sich um des lieben Friedens Willen. Eingebleut wurde ihnen seit sie denken k\u00f6nnen, dass die anderen, die Ungl\u00e4ubigen, die Deutschen, moralisch verkommen sind und nur sie in Reinheit leben. Mariam schafft es, bedingt, sich \u00fcber diese alten Denkweisen hinwegzusetzen. Da emotionale Bindungen, au\u00dfer an die Schwester, weder an den Vater noch an die Mutter existieren, scheint der Ausbruch eine Alternative.<br \/>\nMariam plant mit Hilfe der Leiterin des M\u00e4dchenclubs ihre Flucht.<br \/>\nG\u00fcner Balci zeichnet ein d\u00fcsteres, ja fast mit allen Klischees besetztes Bild muslimischer, unterdr\u00fcckter Frauen und will gleichzeitig zur Rebellion aufrufen und den jungen M\u00e4dchen, die in famili\u00e4ren K\u00e4figen ausharren m\u00fcssen bis der Ehemann aus der T\u00fcrkei anreist, verdeutlichen, dass es andere Wege gibt, Rechte existieren, die sie einklagen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcner Jasemin Balci: ArabQueen oder der Geschmack der Freiheit, S. 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