{"id":114,"date":"2019-06-22T11:32:12","date_gmt":"2019-06-22T09:32:12","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=114"},"modified":"2019-06-22T11:32:12","modified_gmt":"2019-06-22T09:32:12","slug":"die-verlorenen-von-new-york","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-verlorenen-von-new-york\/","title":{"rendered":"Die Verlorenen von New York"},"content":{"rendered":"<p><strong>Susan Beth Pfeffer: Die Verlorenen von New York, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 350 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-551-58219-5<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Ich war so verw\u00f6hnt, dachte er. Ich habe so viel gehabt und es nie zu sch\u00e4tzen gewusst. Ich wollte immer noch mehr.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein Asteroid prallt auf den Mond und entgegen allen Berechnungen driftet der nat\u00fcrliche Satellit aus seiner Umlaufbahn und kommt der Erde bedenklich nahe. Die verheerende Folgen sind f\u00fcr den Menschen nicht mehr beherrschbar, die Gezeiten werden zu tobenden Tsunamis, Vulkanausbr\u00fcche nehmen zu und Erdbeben fordern tausende Tote.<\/p>\n<p>Susan Beth Pfeffer w\u00e4hlt dieses so unwahrscheinliche Naturereignis zum Ausgangspunkt ihrer geplanten Endzeit-Trilogie. Bereits im Roman \u201eDie Welt, wie wir sie kannten\u201c spielt die amerikanische Autorin mit der Ohnmacht des Menschen gegen\u00fcber dem unberechenbaren Universum. Die 16-j\u00e4hrige Miranda berichtet im ersten Teil in ihrem Tagebuch, wie ihre Kleinfamilie in Pennsylvania trotz Strom- und Heiz\u00f6lausfall, Hunger und eisiger K\u00e4lte \u00fcberlebt. Susan Beth Pfeffer sensibilisiert die Wahrnehmung ihrer Leser f\u00fcr das t\u00e4glich so Selbstverst\u00e4ndliche. Im aktuellen Jugendroman \u201eDie Verlorenen von New York\u201c jedoch f\u00fchrt sie den Leser schonungslos ohne lange Einleitung in das hoffnungslose zeitgleiche Szenario mitten nach Manhattan.<\/p>\n<p>Wieder wendet sie den Blick vom gro\u00dfen Ganzen ab und konzentriert ihr Handlungsgeschehen auf das individuelle Schicksal einer kleinen Gemeinschaft, der puertoricanischen, religi\u00f6sen Familie Morales. Der 17-j\u00e4hrige Alex \u00fcbernimmt nach dem Einschlag des Asteroiden die Verantwortung f\u00fcr seine zwei j\u00fcngeren Schwestern Bri und Julie. Glauben die Jugendlichen noch zu Beginn, dass es der Wissenschaft m\u00f6glich sei, den Mond wieder in seine Umlaufbahn zu katapultieren, so erkennen sie schnell, dass sich k\u00fcnftig niemand damit besch\u00e4ftigen wird. Scheute sich die Autorin im ersten Band davor, dem Leser drastische Szenen vor Augen zu f\u00fchren, so geht sie im zweiten Teil bis an die Schmerzgrenze. Immer noch hoffend, die Mutter zu finden, der Vater ist wahrscheinlich beim Besuch in Puerto Rico von der Flutwelle erfasst worden, schaut sich Alex unter den gefundenen Leichen im Yankee-Stadion um. Tausende Fliegen umkreisen die grausig anzuschauenden Menschen, die vom pl\u00f6tzlichen Tod \u00fcberrascht wurden.<\/p>\n<p>Alex ist erleichtert, die Mutter ist nicht unter den Toten. Doch von Tag zu Tag schwindet die Hoffnung auf eine R\u00fcckkehr. Trotz Sommerzeit werden die Temperaturen immer eisiger. Seuchen brechen aus, Ratten erobern die Stra\u00dfen, Leichen werden nicht mehr entsorgt. Die Menschen sterben mitten auf der Stra\u00dfe einen lautlosen Hungertod. Wer \u00fcber Beziehungen oder wertvolle Tauschmittel verf\u00fcgt verl\u00e4sst Manhattan, denn es wird vorausgesagt, dass die Insel untersp\u00fclt werden wird. Zur\u00fcck bleiben die Armen und Kranken. Alex ist mit der Verantwortung f\u00fcr die Schwestern und der sozialen Isolation v\u00f6llig \u00fcberfordert, denn weder die Kirche, Alex hat keine Zeit, um \u00fcber Barmherzigkeit oder Regeln zu diskutieren, der Glaube, noch ein Gott k\u00f6nnen ihm helfen. Immer wieder muss er sich mit seiner starrsinnigen 13-j\u00e4hrigen Schwester Julie auseinandersetzen.<br \/>\nAlle Regeln des menschlichen Zusammenlebens, jegliches moralische Empfinden oder ethische Fragen werden ohne Erbarmen au\u00dfer Kraft gesetzt. Und so \u00fcberleben er und seine Schwestern ( Bri wird es am Ende nicht schaffen ) nur durch die linken Gesch\u00e4fte mit dem schmierigen Harvey, der auch vor Menschenhandel nicht zur\u00fcckschreckt. Mit seinem Mitsch\u00fcler Kevin, der sich in einer Zeit, in der jeder nur an sich denkt als selbstloser Freund entpuppt, beginnt Alex das so genannte \u201eLeichen-Shopping\u201c. Schmuck, Kleidung \u2013 alles, was Wert hat, nehmen die Jungen den Toten, die auf den Stra\u00dfen liegen, ab und tauschen sie gegen Lebensmittel. Oft gelangt der ruhige Alex, dessen ausweglose Situation den Leser gedanklich nicht mehr losl\u00e4sst, an einen Punkt der totalen Hoffnungslosigkeit. Aber Alex gibt, trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge, nie auf und das wirkt in einer lebensfeindlichen Umwelt fast \u00fcbermenschlich.<\/p>\n<p>Beim Lesen von Susan Beth Pfeffers Endzeitthriller empfindet man keine Lust am Schrecken, sondern nur das blanke Entsetzen. Nie geht es um spektakul\u00e4re Effekte oder Kosumkritik, der Roman \u00fcberzeugt durch die enorme Kraft seiner Hauptfiguren. Trotz aller Fiction ist die Darstellung der bedr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re im Angesicht des Todes nicht unrealistisch. Die Autorin spart nicht an drastischen Schilderungen und emotionalen Szenen. Alex und Julie jedenfalls werden der H\u00f6lle Manhattan entkommen. Immerhin sollen sich Miranda aus dem ersten Band und Alex im dritten Teil treffen. Biblisch alt ist diese Thematik der Untergangs- und \u00dcberlebensgeschichten und so w\u00e4re es interessant zu erfahren, wie sich die versprengten \u00dcberlebenden verhalten, zu einer neuen Gesellschaft zusammenfinden und mit den Relikten der Vergangenheit umgehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susan Beth Pfeffer: Die Verlorenen von New York, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 350 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-551-58219-5 &#8222;Ich war so verw\u00f6hnt, dachte er. Ich habe so viel gehabt und es nie zu sch\u00e4tzen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-verlorenen-von-new-york\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-114","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jugendbuch"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=114"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":148,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions\/148"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}