{"id":1113,"date":"2019-06-22T16:06:14","date_gmt":"2019-06-22T14:06:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1113"},"modified":"2019-06-22T16:06:14","modified_gmt":"2019-06-22T14:06:14","slug":"karl-ove-knausgard-spielen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/karl-ove-knausgard-spielen\/","title":{"rendered":"Karl Ove Knausg\u00e5rd: Spielen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Spielen, Aus dem Norwegischen Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2013, 567 Seiten, \u20ac22,90, 978-3-630-87412-8 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eNie vergeht die Zeit so schnell wie in der Kindheit, nie ist eine Stunde so kurz wie in ihr. Alles steht einem offen, und man l\u00e4uft mal hierhin und mal dorthin, tut dies und tut das, und dann ist die Sonne untergegangen, \u2026 Aber gleichzeitig vergeht die Zeit auch nie so langsam wie in der Kindheit, niemals sonst ist eine Stunde so lang wie in ihr.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie bereits in den B\u00e4nden <em>\u201eSterben\u201c<\/em> und <em>\u201eLieben\u201c<\/em> benutzt der norwegische Autor Karl Ove Knausg\u00e5rd ohne R\u00fccksicht auf sein privates Umfeld oder gar den Leser sein eigenes Leben als Grundmaterial und erz\u00e4hlt im dritten Band realistisch von seinen Erinnerungen an die Kindheit in Tybakken.<br \/>\nFr\u00fch, bereits mit 20 Jahren, haben seine Eltern, der Vater ist Lehrer, die Mutter Krankenschwester, geheiratet und ein neues Haus bezogen. In der Neusiedlung werden Karl Ove und sein \u00e4lterer Bruder Yngve gro\u00df. Hier ziehen sie mit ihren Freunden um die H\u00e4user, gehen in die Schule, zum Schwimmverein, denken \u00fcber Freundschaft nach, die erste Liebe, ihre Vorlieben f\u00fcrs Lesen und Musikh\u00f6ren, interessieren sich f\u00fcr M\u00e4dchen und Fu\u00dfball. Die fr\u00fchen 1970er Jahre bis zum Eintritt ins Gymnasium und dem Umzug der Familie nach Kristiansand umfassen die genauen Erinnerungen des Autors.<\/p>\n<p>Den ganz normalen Alltag als Abenteuer ab seinem sechsten Lebensjahr schildert Karl Ove Knausg\u00e5rd ohne Reflexionen aus einer erwachsenen Perspektive, aber daf\u00fcr in aller Ausf\u00fchrlichkeit und epischen Breite. Alle Familien in der Siedlung haben Kinder und mit seinem Freund Geir entdeckt Karl Ove geheime Pl\u00e4tze, die nur die beiden kennen. Aber Geir mag auch den dicken, unbeholfenen Vemund, was Karl Ove nicht nachvollziehen kann. Mit Trond und anderen Jungen geht es auf Schatzsuche immer dem Regenbogen entgegen. Der Junge kommt mit schlechtem Gewissen zu sp\u00e4t zum Essen oder lebt in der Angst, die Eltern k\u00f6nnten herausfinden, dass er mit seinem Freund gez\u00fcndelt hat. Versunken im Spiel werfen die Jungen Steine nach Autos, in der Vorstellung, sie w\u00fcrden sowieso nicht treffen. Doch dann besch\u00e4digt Karl Ove ein Auto und ein Riesenkrach ist zu erwarten.<\/p>\n<p>Die dramatische Dynamik dieser Szenen werden von Karl Ove genau erinnert und ihm ist klar, auch das ist zu \u00fcberstehen.<br \/>\nRigide Verbote im Hause Knausg\u00e5rd, z.B. ist es den Kindern nicht erlaubt, den Fernseher anzustellen, im Haus zu rennen oder Freunde in die Wohnung einzuladen, bestimmen Karl Oves Kindheit, aber auch unbedingter Gehorsam, die panische Angst vor den Wutausbr\u00fcchen und f\u00fcr ein Kind nicht einsch\u00e4tzbaren Erwartungen des strengen Vaters.<br \/>\nPr\u00e4zise und nachvollziehbar schildert der Autor, wie er als Kind k\u00f6rperlich und seelisch die Furcht vor dem autorit\u00e4ren Vater f\u00fcrchtete und durchlebte.<br \/>\nDa Karl Ove noch bis ins Teenager-Alter schnell weinte, f\u00fchlte sich der ungeduldige Vater oft provoziert. Nie hat der Vater mit den S\u00f6hnen gespielt und Geburtstage wurden innerhalb der Familie recht lieblos gefeiert, aber nie mit Freunden.<br \/>\nDabei leben die Eltern von Karl Ove kein f\u00fcr die Zeit stereotypisches Leben, sondern ein ziemlich modernes. Sie sind beide f\u00fcr den Hausputz zust\u00e4ndig und die Mutter geht einer sie ausf\u00fcllenden Arbeit nach. Und seltsamerweise verlaufen alle Aufenthalte bei den Eltern des Vaters ohne jeglichen Druck auf die Kinder oder die \u00fcblichen Verbote.<\/p>\n<p>Rasend kann der Zorn des Vaters sein, besonders dann, wenn er mit den Kindern allein ist. Brutal wie gnadenlos und mit eisiger K\u00e4lte z\u00fcchtigt er seine S\u00f6hne. Er pflegt keine Freundschaften und bleibt f\u00fcr Nachbarn oder Kollegen immer auf Abstand. Auch im Band <em>\u201eSterben\u201c<\/em> drehen sich die Erinnerungen um die tragische Vaterfigur, die sich im Haus der eigenen Mutter zu Tode s\u00e4uft, aber auch Kindheits- und Jugenderinnerungen werden geschildert.<\/p>\n<p>Im Band <em>\u201eSpielen\u201c<\/em> konzentriert sich Karl Ove Knausg\u00e5rd konsequent auf die Erlebnisse in der Kindheit, ohne lange, r\u00fccksichtslose Reflexionen \u00fcber Kunst, Sex, Sprache, Traum, den eigenen Wert oder Nichtwert, wie in <em>\u201eSterben\u201c<\/em> oder philosophische Exkurse wie in \u201eLieben\u201c. Als w\u00fcrde Karl Ove Knausg\u00e5rd f\u00fcr <em>\u201eSpielen\u201c<\/em> eine T\u00fcr \u00f6ffnen, den Gedankenstrom flie\u00dfen lassen und pl\u00f6tzlich steht er wieder als Kind in seiner Siedlung, sitzt am Tisch bei den Eltern oder tauscht mit dem Bruder Geheimnisse aus.<\/p>\n<p>Immer wieder geraten die Schilderungen der Landschaften und Pl\u00e4tze zu ausufernd, als w\u00e4re die Kindheit angef\u00fcllt mit Zeit, die nie zu Ende geht. Der Autor beschreibt die Szenen mit Spielfreunden oder in der Familie, die durch ihre anschauliche Darstellung und die w\u00f6rtliche Rede lebendig werden und ja fast bildlich vor Augen stehen. Man f\u00fchlt mit dem Jungen mit, der in seiner hilflosen Position den Erwachsenen gegen\u00fcber, die keine Empathie empfinden, einiges ausstehen muss. Aber Karl Ove, der ein emsiger Leser und flei\u00dfiger Sch\u00fcler ist, der den Vater nicht entt\u00e4uschen will, entpuppt sich auch als Besserwisser und Neunmalkluger. M\u00f6glicherweise ist er auch einen Tick weiter als die anderen Freunde, aber er kehrt gern den Angeber heraus.<br \/>\nVieles fehlt diesem Kind, denn es stellt fest, dass seine Gro\u00dfmutter, die Mutter seines Vaters, die Einzige ist, die ihn lang in den Arm nimmt.<br \/>\nIst die Mutter in der Familie eher die Idealistin, so bleibt der Vater Pragmatiker.<br \/>\nEin Fazit, das Karl Ove Knausg\u00e5rd \u00fcber seine stille, ja in der Erinnerung fast unsichtbare Mutter zieht, klingt f\u00fcr sie fast entschuldigend:<em> \u201eAll das, was M\u00fctter f\u00fcr ihre S\u00f6hne tun, tat sie f\u00fcr uns.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als die Mutter f\u00fcr eine Weiterbildung in Oslo nur an den Wochenende zu Hause ist, beginnt f\u00fcr den Jungen <em>\u201eVaters Finsternis\u201c. <\/em>Karl Ove beschleicht auch in seiner Hilflosigkeit gegen\u00fcber der Macht des Vaters die Sehnsucht, endlich erwachsen zu sein. Auch der Vater wird ein Jahr nur sporadisch zu Hause sein, sich aber durch die einsamen Abende das Trinken angew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Indem Karl Ove Knausg\u00e5rd nur die Familienkonstellationen begutachtet, von seinen Empfindungen, ob nun zu den Eltern, den Freunden oder Freundinnen berichtet, entsteht ein Bild von einer scheinbar \u00e4u\u00dferlich harmonischen Kindheit, doch die h\u00e4usliche Gewalt \u00fcberschattet diese. Warum der angeblich so gute Lehrer, der der Vater sein soll, nur an Weihnachten freundlich ist, dieser Frage geht der Autor nicht nach. Er analysiert nichts, sucht nach keinen Erkl\u00e4rungen oder Entschuldigungen f\u00fcr die Verhaltensmuster des Vaters. Er \u00fcberl\u00e4sst dem Leser das Nachdenken und Urteilen. Die Aggressionen des auch sadistischen Vaters hemmen jeglichen Widerstandsgeist der Kinder, erst zum Ende verweigert Ingve stur den Umzug mit der Familie. Karl Ove Knausg\u00e5rd beschlie\u00dft f\u00fcr sich, als seine Kinder auf der Welt sind, dass sie nie Angst vor ihm haben sollen.<\/p>\n<p>Wie auch im Band <em>\u201eSpielen\u201c<\/em> versinkt der Leser, wenn er sich auf die Lekt\u00fcre einl\u00e4sst, im nicht gerade spektakul\u00e4ren, aber authentischen Leben dieses norwegischen Autors mit Echtheitsgef\u00fchl, der keine ironische Distanz, Leichtigkeit oder Abgekl\u00e4rtheit sucht, sondern gekonnt literarisch wiedergibt, wie es war. Als Kind konnte er nichts infrage stellen und so bleibt auch der Grundton des Erz\u00e4hlten. Auch wenn es eine pers\u00f6nliche Fahrt in die Vergangenheit ist, so ist entsteht doch auch ein gesellschaftliches Abbild einer bestimmten Generation, eines bestimmten Zeitempfindens, das so nie wieder zu finden sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Spielen, Aus dem Norwegischen Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2013, 567 Seiten, \u20ac22,90, 978-3-630-87412-8 \u201eNie vergeht die Zeit so schnell wie in der Kindheit, nie ist eine Stunde so kurz wie in ihr. 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