{"id":1100,"date":"2019-06-22T16:14:51","date_gmt":"2019-06-22T14:14:51","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1100"},"modified":"2019-06-22T16:14:51","modified_gmt":"2019-06-22T14:14:51","slug":"traumsammler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/traumsammler\/","title":{"rendered":"Traumsammler"},"content":{"rendered":"<p><strong>Khaled Hosseini: Traumsammler, Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 441 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-10-032910-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Fr\u00fcher, als er klein gewesen sei, berichtete er, habe er sich setzen m\u00fcssen, und dann habe sein Vater Geschichten von Dschinns, Elfen und D\u00e4monen erz\u00e4hlt, wenn auch selten, denn sein Vater sei nicht oft in der passenden Stimmung gewesen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Pari und Abdullah aus dem afghanischen Dorf Shadbagh bitten den Vater Saboor immer und immer wieder die Geschichten, die ihm die Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlt hat, zu wiederholen. Vom Leben hart gezeichnet doch mit einer gewissen Begabung zum Tr\u00e4umen, l\u00e4sst der Vater sich oft \u00fcberreden. Die Mutter der Kinder starb bei Paris Geburt. Die neue Stiefmutter hat ein eigenes Kind und wenig Zeit f\u00fcr das vierj\u00e4hrige M\u00e4dchen, das eigentlich vom elfj\u00e4hrigen Bruder vom ersten Tag an versorgt wurde. Innig ist die Beziehung der beiden Kinder, die nun mit dem Vater auf dem Weg durch die W\u00fcste nach Kabul unterwegs sind.\\r\\nDie wechselvolle Geschichte der Geschwister beginnt Anfang der 1950er Jahre und endet in unserer Gegenwart. Sie spielt in Kabul, Paris und Kalifornien.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Perspektiven und zeitliche immer wieder versetzt, mal in Briefform, als auktorialer Erz\u00e4hler, als Interview oder aus dem Blickwinkel eines wichtigen Protagonisten f\u00fcgt der in Kalifornien lebende Autor alle Erz\u00e4hlstr\u00e4nge zusammen. Informationen \u00fcber die Geschwister flie\u00dfen ein, doch erst nach achtundf\u00fcnfzig Jahren sehen sie sich wieder und erkennen einander kaum.<\/p>\n<p>\u201eAn manchen Tagen hatte Abdullah das Gef\u00fchl, dass seine wahre Familie nur aus ihr bestand.\u201c<\/p>\n<p>Die geliebte Schwester Pari jedoch wird, der kalte Winter steht bevor und die Familie hat bereits einen S\u00e4ugling verloren, an die reiche Familie Wahdati in Kabul verkauft. Paris Onkel Nabi beichtet in seinem Abschiedsbrief kurz vor seinem Tod, dass er diesen Deal eingef\u00e4delt hatte. Er arbeitet als Koch und Fahrer f\u00fcr die Familie und ist fasziniert von der eloquenten und gutaussehenden Ehefrau seines Arbeitgebers. Sie ist in der afghanischen Gesellschaft eine Ausnahmeerscheinung. Sie rebelliert gegen den Vater, geht fremd, trinkt, dichtet. Als ihr ungeliebter, wohlhabender Mann, der, was er nie zugeben w\u00fcrde, in seinen Angestellten Nabi verliebt ist, einen Schlaganfall erleidet, flieht sie aus der Verantwortung mit ihrer Tochter Pari nach Paris.<\/p>\n<p>Nabi wird seinen Herrn, dessen Neigung er erkennt, bis zu seinem Tod begleiten und innig betrauern.<\/p>\n<p>Von Kriegen gebeutelt bleibt Nabi das Haus und die Erbschaft. Er stellt alles dem griechischen Arzt und plastischen Chirurgen Mr Markos, wie er ihn in seinem Brief nennt, zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Die Ersatztochter Pari kann die schwarzen Leerstellen der exaltierten Mutter nicht f\u00fcllen. Pari ist hochbegabt, studiert Mathematik an der Sorbonne und entt\u00e4uscht doch ihre alkohols\u00fcchtige und zum Drama neigende Mutter. Pari ahnt instinktiv, dass sie nicht ihr Kind sein kann, weist die Ahnung aber lange Zeit von sich. Sie sp\u00fcrt, dass<em> ein<\/em> Mensch in ihrem Leben fehlt, aber sie wei\u00df nicht wer. Erst in einem Interview f\u00fcr eine Literaturzeitschrift offenbart die Mutter Unbekanntes aus ihrer Vergangenheit. Pari wird es lesen, da hat die Mutter ihrem Leben bereits selbst ein Ende gesetzt.<\/p>\n<p>Mr Markos wird auf Bitte des verstorbenen Nabi die verschollene Pari suchen und den Kontakt zu Abdullah, der mittlerweile mit seiner Familie in Kalifornien lebt, herstellen. Das Motiv der Mutter, die ihre Tochter nicht annehmen kann, taucht in den verschiedenen Schicksalen, von denen Khaled Hosseini berichtet, immer wieder auf.<\/p>\n<p>Einst erz\u00e4hlte Saboor seinen Kindern das M\u00e4rchen vom Dschinn, der den Familien die Kinder raubt. Als der Vater in dem M\u00e4rchen sich auf den Weg macht, um den entf\u00fchrten Sohn zur\u00fcckzuholen, stellt der Dschinn ihn vor die Wahl, entweder bleibt der Sohn und genie\u00dft Bildung und Wohlstand oder er nimmt ihn mit in sein Dorf und lebt ein armes, hartes Bauernleben. Pari als geraubtes Kind stehen alle T\u00fcren zum pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck in der westlichen Welt offen. Sie kann einen Akademikerkarriere in Frankreich antreten und frei mit einem Mann, den sie liebt, leben. W\u00e4re das im Afghanistan der Taliban m\u00f6glich gewesen? Und doch bleibt die emotionale Leere, der innere unerkl\u00e4rliche Verlust. Es fehlen die Wurzeln. Frauenschicksale zwischen Tradition und Modern, in vielen Variationen durchziehen sie den gesamten Roman und ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Bewegend bis zur letzten Seite lesen sich diese vielschichtigen, wie vielstimmigen Lebensl\u00e4ufe, deren Wahrheitsgehalt bei aller Fiktion der Leser gern glauben m\u00f6chte. Auch wenn es um Schuld, falsche Entscheidungen, Verlust, Vergebung, tragische Lebensl\u00fcgen und W\u00fcrde geht, nie dr\u00fcckt der Autor auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse und trotzdem wird der Leser gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig au\u00dferordentlich gefordert und das ist die gro\u00dfe St\u00e4rke dieses Buches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Khaled Hosseini: Traumsammler, Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, S. 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