{"id":1084,"date":"2019-06-22T16:12:54","date_gmt":"2019-06-22T14:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1084"},"modified":"2019-06-22T16:12:54","modified_gmt":"2019-06-22T14:12:54","slug":"der-freundliche-mr-crippen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-freundliche-mr-crippen\/","title":{"rendered":"Der freundliche Mr Crippen"},"content":{"rendered":"<p><strong>John Boyne: Der freundliche Mr Crippen, Aus dem Englischen von Werner L\u00f6cher-Lawrence, Arche Verlag, Hamburg 2013, 528 Seiten, \u20ac22,95, 978-3-7160-2700-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEr war entschlossen, da bestand keine Frage. Er griff in seine Taschen. Links war die Flasche und ein Taschentuch, rechts drei feste, scharfe Messer, um die Tat zu vollenden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist ein historischer Kriminalfall, oft verfilmt, der sich vor mehr als 100 Jahren ereignete. Cora Crippen wurde am Hilldrop Crescent 39 im Londoner Stadtteil Holloway ermordet. Ihre k\u00f6rperlichen \u00dcberreste fein s\u00e4uberlich in Paketen verpackt wurden unter den Bodenplatten im Keller gefunden. Der Kopf jedoch blieb verschwunden. Doch wer war der T\u00e4ter?<\/p>\n<p>Der irische Autor John Boyne rollt die Ereignisse von Neuem auf und erz\u00e4hlt in seinem Roman aus seiner Sicht von den Menschen, die in diesen Fall einst involviert waren. John Robinson und sein Sohn Edmund gehen 1910 an Bord der <em>Montrose<\/em>. Schnell wird klar, Edmund ist eine junge Frau. Per Zufall entdeckt der Kapit\u00e4n des Schiffes, dass den Weg von Antwerpen ins kanadische Quebec angetreten hat, die Verkleidung.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend und auch zeitversetzt wird der Leser nun \u00fcber die Biographie der Hauptfigur Hawley Crippen ins Bild gesetzt. Mit einer religi\u00f6sen, den Sohn innig liebenden Mutter gesegnet, bleibt Hawley in heimatlichen Michigan wenig Raum zum Atmen. Die Mutter, die in ihrem religi\u00f6sen Wahn mit Jesus verheiratet ist, widmet all ihre Kraft dem Kind. Als Hawley jedoch der bigotten Mutter seinen innigsten Wunsch, Arzt zu werden, offenbart, verweigert diese ihm jegliche Unterst\u00fctzung. Aus eigener Kraft, Crippen arbeitet hart in einem Schlachthof, schafft es der junge Mann sich zwei  medizinische Abschl\u00fcsse allerdings \u00fcber Fernstudien zu sichern. Letztendlich ist er nur ein ausgebildeter Arzthelfer, gibt sich aber zeitweilig als Doktor aus.<\/p>\n<p>Ungl\u00fcckliche Umst\u00e4nde, die Eltern h\u00e4tten sich nie ein Medizinstudium leisten k\u00f6nnen, L\u00fcgen, T\u00e4uschungen und das Vorgaukeln falscher Selbstbilder und Einsch\u00e4tzungen durchziehen als Motiv den gesamten Roman. Auch Crippens zweite Frau Cora erz\u00e4hlt jedem, der es wissen will, wie begabt sie als S\u00e4ngerin ist, obwohl ihr d\u00fcrftiges Talent eher mittelm\u00e4\u00dfig ist. Aus der Unzufriedenheit \u00fcber Dichtung und Wahrheit erw\u00e4chst in der Ehe der Crippens ein Gewaltpotential, das Hawley scheinbar irgendwann handeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich h\u00e4lt sich John Boyne an die historischen Fakten. Er zeigt psychologisch nachvollziehbar, wie es m\u00f6glicherweise zu der Tat kommen konnte.<\/p>\n<p>Crippen geht mit seiner zweiten Frau, einer Variet\u00e9-T\u00e4nzerin, nach London. Schnell wird Crippen klar, dass Cora mit ihrer tyrannischen und hysterischen Art sein Leben zur H\u00f6lle machen wird. Sie, die wie ihre Bekannte, Louise Smythson, nur auf der Suche nach einem reichen Mann war, um gesellschaftlich aufzusteigen, hatte sich in Crippen gewaltig geirrt. Als vermeintlicher Arzt kann er ihr nie den gesellschaftlichen Rang bieten, der ihr ihrer Meinung nach zusteht. Er ist auch finanziell nicht in der Lage, sie ausreichend auszustatten. Zwar arbeitet er von fr\u00fch bis sp\u00e4t, kann sich aber nicht sanieren. Die launische Cora beginnt ihren Mann zu hintergehen, zu betr\u00fcgen und letztendlich schl\u00e4gt sie ihn, wenn ihr etwas nicht passt.<\/p>\n<p>Als Crippen dann eine junge, sanfte Frau, Ethel LeNeve, kennenlernt, sp\u00fcrt er zum ersten Mal was es bedeuten k\u00f6nnte, jemanden wirklich zu lieben.<\/p>\n<p>Ethel erkennt, in welchem privaten Dilemma Crippen steckt. Angeblich, so wird nach Coras Verschwinden behauptet, sei sie w\u00e4hrend ihrer Reise nach Kalifornien verstorben. Chief Inspector Walter Dew von Scotland Yard aufgescheucht durch die Aussage der sogenannten Freundin von Cora, Mrs Smythson und ihren weitreichenden Kontakten, stattet Crippen einen Besuch ab und ist fasziniert von dem sanften, wie freundlichen Mann, dem er nie einen Mord zutrauen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Jagd nach den beiden Fl\u00fcchtigen nimmt nur einen kurzen Teil des Romans ein. Dew stellt Mr Robinson auf der <em>Montrose<\/em>, bevor er kanadischen Boden betreten kann und nach John Boynes Sicht auf diesen Kriminalfall hat sich der Kriminalbeamte in Crippen auch nicht get\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Bestechend ist der trockene Humor mit dem John Boyne all seine Figuren, die historisch belegten, aber auch die fiktiven, pr\u00e4zise durch deren Wortwahl entlarvt. Da sind die ungebildeten und anma\u00dfenden Mitmenschen mit Verm\u00f6gen und Einfluss und die die ohne Mitgef\u00fchl, Empathie oder Distanz alles daf\u00fcr tun, um in den Kreis der Wohlhabenden aufgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Wie bereits in seinem Roman <em>\u201eDer Schiffsjunge\u201c<\/em> ( John Boyne erz\u00e4hlt von den Ereignissen rund um die Bounty und bietet dem Leser einen ganz neuen Weg, die Geschehnisse zu betrachten) zieht der Autor, den Leser vom ersten Moment in die Geschichte hinein. John Boyne kann spannend, atmosph\u00e4risch dicht und vor allem lebensnah schreiben. Es scheint als st\u00fcnde der Leser immer genau in der beschriebenen Szene. Schnell schl\u00e4gt man sich beim Lesen auf die Seite derjenigen, die doch eigentlich zu verurteilen w\u00e4ren. Unterhaltsam liest sich diese Neuinterpretation der historischen Geschehnisse, die bis heute nicht wirklich entschl\u00fcsselt sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Boyne: Der freundliche Mr Crippen, Aus dem Englischen von Werner L\u00f6cher-Lawrence, Arche Verlag, Hamburg 2013, 528 Seiten, \u20ac22,95, 978-3-7160-2700-4 \u201eEr war entschlossen, da bestand keine Frage. Er griff in seine Taschen. 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