{"id":1048,"date":"2019-06-22T16:21:53","date_gmt":"2019-06-22T14:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1048"},"modified":"2019-06-22T16:21:53","modified_gmt":"2019-06-22T14:21:53","slug":"djihad-paradise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/djihad-paradise\/","title":{"rendered":"Djihad Paradise"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise, Beltz &amp; Gelberg Verlag, Weinheim 2013, 413 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-407-81155-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch wurde in eine Zweimannzelle verlegt und geriet in einen Sog. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass so etwas passieren konnte. Nat\u00fcrlich nicht sofort, aber nach und nach geriet ich in einen Sog, der alles \u00e4ndern sollte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der 21- j\u00e4hrige Julian Engelmann, der sich jetzt Abdel Jabbar Shahid nennt und vor kurzem aus Waziristan zur\u00fcckgekehrt ist, steht im rosafarbenen Kaufhaustempel Alexia mit einem Sprengstoffg\u00fcrtel um den Bauch und will sich als Salafist und Gotteskrieger in die Luft sprengen. Pl\u00f6tzlich steht seine ehemalige Freundin und Frau Romea, ehemals Shania, vor ihm, das M\u00e4dchen mit den schlingpflanzengr\u00fcnen Augen.<br \/>\nWie kann es zu so einer prek\u00e4ren Situation kommen? Zwei Deutsche, einst ohne Glauben, sind zu Muslimen konvertiert. Er wurde ein fanatischer Anh\u00e4nger der Religion, sie tr\u00e4gt noch ein Kopftuch, zweifelt aber am geheuchelten Verhalten der Gl\u00e4ubigen, auch Frauen, die sich dem Islam verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n<p>In R\u00fcckblenden f\u00e4chert die deutsche Autorin, die Germanistik, \u00c4gyptologie und Pr\u00e4historische Arch\u00e4ologie studiert hat, das Leben ihrer beiden Hauptfiguren auf. Jeweils aus der Sicht von Julia und Romea erf\u00e4hrt der Leser von deren Innenleben und Motivationen. \\n\\nJulian wechselt wiedermal die Schule und landet in Romeas Klasse. Zwischen beiden Jugendlichen, die aus sehr unterschiedlichen Elternh\u00e4usern stammen, entwickelt sich schnell eine Beziehung. Julians Mutter verl\u00e4sst die Familie voller Verachtung. Sie hasst ihren alkoholabh\u00e4ngigen, schlaffen Ehemann und sie sieht keine Hoffnung f\u00fcr ihren Sohn, der, wie sie prophezeit irgendwann mal im Knast landen wird.<br \/>\nRomea f\u00fchlt sich einsam in ihrer Familie. Die Eltern leben nur f\u00fcr ihre Arbeit und die Familie l\u00e4uft nebenher mit Nannys und allem finanziellem Komfort, den man sich vorstellen kann. Den einzigen Wunsch, den das M\u00e4dchen h\u00e4tte, w\u00e4re Zeit mit den Eltern zu verbringen. Sie ahnt jedoch, dass sie mittlerweile auch zu alt ist, um darauf noch zu hoffen. Als die Eltern sich dann wirklich mal ein paar Stunden frei nehmen, um ihren neuen Freund Julian kennenzulernen, endet auch diese Begegnung in einem Fiasko.<\/p>\n<p>Julian und Romea, sie hat genug Geld, hauen einfach ab, wollen alles hinter sich lassen, zumal Julian wieder in die F\u00e4nge seines Drogendealers gelangt ist und f\u00fcr ihn eine paar Br\u00fcche begangen hat. Aber in Barcelona l\u00e4uft alles schief und Julian landet im Gef\u00e4ngnis. Nach Deutschland ausgeliefert, lernt er im Knast Murat, einen gl\u00e4ubigen Salafisten kennen. Aus Abneigung entsteht Freundschaft als Julian im Gebet pl\u00f6tzlich eine innere Ruhe und Zufriedenheit sp\u00fcrt und einen Raum findet, im dem alles gut ist, wenn man betet. In der Religionsgemeinschaft z\u00e4hlt jedoch nicht nur unbedingt der Glaube, sondern eher das Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit, das Einstehen f\u00fcr den anderen.<br \/>\nJulian zieht mit seinem Interesse f\u00fcr den Islam auch die sich anf\u00e4nglich str\u00e4ubende Romea auf seine Seite. Nach mehreren Auseinandersetzungen mit den Eltern zieht Romea zu Julian, der nach seiner Gef\u00e4ngniszeit nun mit Murat zusammenwohnt. Da Julian immer noch Schulden bei seinem Dealer hat, muss er mit Murat und Romea eines Nachts fliehen.<\/p>\n<p>Alle drei finden in der Moschee eine Unterkunft. Die N\u00e4he zu den Gl\u00e4ubigen in der Gemeinde der \u201eSalafiyya-Bruderschaft\u201c ziehen Julian und Romea, die jetzt sogar heiraten, immer tiefer in die Denkweisen der Moslems hinein. Romeas verzweifelte Eltern finden keinen Weg zu ihrer Tochter. Julian versinkt im Glauben, denkt, dass er endlich das gefunden hat, was er ben\u00f6tigt und gibt sich doch selbst und seine Verantwortung f\u00fcr sein Leben auf. Als die kl\u00fcgere Romea ihn dazu animiert doch endlich Arabisch zu lernen, um den Koran besser zu verstehen, darf er nat\u00fcrlich mit Murat nach \u00c4gypten reisen. Romea gibt ihr eigenst\u00e4ndiges Denken nicht auf und so h\u00e4ufen sich die Konflikte bis zu dem Moment, wo Julian Romea brutal niederschl\u00e4gt. Der Bruch ist unvermeidlich, denn Romea verl\u00e4sst sofort die Moschee und den Einflussbereich der Salafisten. Julian verfolgt nun erst recht sein Ziel. Er will <em>\u201evergangenen Mist ausb\u00fcgeln\u201c<\/em>, um ins Paradies zu gelangen. Seine extrem existentiellen Erlebnisse zwischen den sich bek\u00e4mpfenden muslimischen Gruppierungen im Nahen Osten beenden seine Abenteuerlust, aber nicht die Idee, f\u00fcr den Glauben zu sterben. Am Ende stehen sich Romea und Julian, die beiden, die einst so verliebt ineinander waren, gegen\u00fcber.<br \/>\nAuf der Suche nach dem, was man f\u00fcr wichtig h\u00e4lt, kann eine entscheidende Begegnung gerade in jungen Jahren eine Rolle spielen. Der haltlose Julian trifft auf Murat und seine religi\u00f6sen Rituale, die dem Leben Struktur und Inhalt geben k\u00f6nnten. Julian verliert sich im Glauben, stellt nichts mehr in Frage. Romea sehnt sich ebenfalls nach Zuwendung, verliert aber nicht ihre Selbstachtung.<br \/>\nOb spekulativ erdacht oder recherchiert, diese Geschichte scheint glaubw\u00fcrdig zu sein, denn sie \u00fcberzeugt auf der psychologischen Ebene. Die inneren Beweggr\u00fcnde der Jugendlichen sind verst\u00e4ndlich, wenn auch nicht immer nachvollziehbar.<br \/>\n\u201eDjihad Paradise\u201c fordert dem Leser vieles ab. Anna Kuschnarowa dringt aber auch in fremde Welten ein und \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr das Andere, Unbekannte ohne es nicht auch kritisch zu betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise, Beltz &amp; Gelberg Verlag, Weinheim 2013, 413 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-407-81155-4 \u201eIch wurde in eine Zweimannzelle verlegt und geriet in einen Sog. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass so etwas passieren konnte. 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