Keyserlings Geheimnis

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 234 Seiten, €20,00, 978-3-462-05156-8

„Die Geschichten, die ihm durch den Kopf gehen, haben etwas mit diesem Wort ( Edelfäule ) zu tun, Geschichten aus einer Gesellschaft, deren schöne Fassade bröckelt wie trockene Schminke auf dem Gesicht einer Alternden, die das Alter fürchtet, von deren Schlössern der Putz fällt und durch deren undichte Dächer der Wind der Veränderung, wenn nicht gar der Sturm des Umsturzes zieht.“

Das Wort „Edelfäule“ fällt, als Lovis Corinth den Dichter Eduard von Keyserling beim Sommeraufenthalt 1901 am Starnberger See malen möchte. Max Halbe und Frau haben eingeladen und alle sind gekommen, außer Frank Wedekind, der wieder schmollt. Die Gesellschaft erlebt unbeschwerte sonnige Tage und Keyserling, den die meisten Edchen nennen, hängt seinen Gedanken nach und erinnert sich in Rückblenden an Episoden aus seinem Leben. Ein Geheimnis umwittert den Dichter, das er nicht preisgeben kann und will. Es hat mit Ada, einer Frau aus einfachen Verhältnissen zu tun, die durch ihre Ehe mit dem Generalmajor Friedrich von Cray aufgestiegen ist. Eduard von Keyserling, der Graf, wie er sich nur nennt, wenn es ihm einen Vorteil verschafft, lebt nach einer Zeit in Wien nun mit seinen beiden Schwestern, die ebenfalls dichten, in München. Als Corinth ihn malt und er das Bild sieht, erkennt er die eigenen körperlichen Gebrechen, die sich bereits andeuten. Keyserling weiß, dass er trotz Quecksilberbehandlung erblinden wird.

Wie ein Mensch aus einer Zeit, die untergegangen ist, wirkt dieser Graf, dessen Dichtungen und Romane ( „Die dritte Stiege“ oder „Die Wellen“ ) längst in Vergessenheit geraten sind.
Geboren in Kurland, heute Lettland, verbrachte Edchen, das zehnte von zwölf Kindern, seine Kindheit auf Schloss Tels-Paddern, wohin ihn die Mutter in den Jahren von 1890 bis 1894 beorderte, da der älteste Sohn Otto seine Frau bei einer Kur begleiten muss. Keyserling kann den Gutsherren nur spielen, denn sein Interesse an der Landwirtschaft hält sich in Grenzen.
Auch an den Tod des Vaters erinnert sich der Dichter, einen Vater, der um die Vorlieben und Schwächen seines Sohnes wusste. So beglich er seine Spielschulden und hielt sich mit Ermahnungen doch zurück, wohl im Wissen, dass die Frauen, das Geld und die vermeintliche Liebe das Schicksal seines Sohnes bestimmen werden.

Als die Mutter dann verstarb, kehrte der Bruder wieder nach Kurland zurück und Eduard war für ein Leben, dass er sich erträumte, frei. Er wollte für die wahre Literatur leben, reisen, Liebschaften pflegen, gut leben. Dies sollte ihm nicht vergönnt sein, denn durch seine Leidenschaft für das Spiel geriet er immer wieder in Schwierigkeiten und einmal sogar … , aber das sollte wohl ein Geheimnis bleiben.

Als Leser folgt man Keyserling in eine Welt, in der die Sommer noch wunderbar heiß waren und die Winter bitter kalt. Die gehobene Schicht der Von und Zu trifft sich zu Bällen und man logiert in Hotels, verbringt eine lange Zeit bei Freunden oder auf Schlössern.
All dies beschreibt Klaus Modick in einer unverwechselbar bildreichen wie literarisch genussvollen Sprache.

„Leise vor sich hin singend bummeln Hummeln durch die Vormittagssonne, hängen ihre Samtleiber an die Rosenblüten und die Glocken des Benediktenkrauts im verwilderten Rasen. Zwischen Stockrosen, Astern und Malven lehnt der Sommer lässig am Gartenzaun und sieht den Schwalben zu, die ihre schnellen Schriftzüge in den Himmel kritzeln.“

Schildert der Autor die Naturgeschehnisse zwar zeitlos, so ahnt der Leser, wie eingeengt, das Korsett als Sinnbild der Zeit, die Mitmenschen des Grafen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Gesellschaftsschichten gelebt haben. Wenige Zeugnisse von Keyserlings Leben existieren, denn sein schriftlicher Nachlass wurde auf seinen Wunsch hin vernichtet.

Im Ausklang des fiktiven wie unaufdringlichen Romans über Eduard von Keyserling, dessen 100. Geburtstag sich am 28. September 2018 jähren wird, verweist Klaus Modick auf ein Werk des Grafen „Die Wellen“, das vielleicht doch als Klassiker in Erinnerung bleiben wird und eine Leseempfehlung sein könnte.

„Und der See spricht auch zu Keyserling, atmet Erinnerungen aus. Er braucht ja nur den Artikel austauschen, dann wird der See die See, die Ostsee seiner Kindheit. Wellen gibt es dort wie hier, damals wie heute. Der Duft, der Dunst, das Licht. Und der Augenblick. Mehr braucht er nicht.“

Bewahren Sie Ruhe

Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe, Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer und Jenny Merling, Verlag Kein & Aber, Zürich 2017, 440 Seiten, €23,00, 978-3-0369-5776-0



„Sie waren sechs Tage lang verschwunden gewesen, und es fühlte sich an, als sei sie nun auf einem anderen Planeten aufgewacht. Es fühlte sich nicht einmal an, als gäbe es hier genug Luft zum Atmen.“

Sie sind fast wie Schwestern aufgewachsen, die Cousinen Liv und Nora. Nora wurde von ihrer Mutter nicht gerade umsorgt und so ist es doch verwunderlich, dass Nora beim Tod der Mutter in eine tiefes Loch fällt. Um dem traditionellen Weihnachtsfest zu entgehen, schlägt Liv eine Kreuzfahrt von Kalifornien Richtung Panamakanal und wieder zurück vor. Zwei Wochen ausruhen, gut essen und einfach entspannen. Liv ist mit Benjamin verheiratet und hat zwei Kinder, Sebastian ist acht Jahre alt und Penny elf. Nora lebt mit Raymond zusammen, sie haben ebenfalls zwei Kinder, Marcus ist elf und June sechs Jahre alt. Da Liv in der Filmbranche arbeitet und Raymond als Schauspieler, hat sie ihn ihrer Cousine vorgestellt. Erwachsene und Kinder mögen sich und so scheint dem harmonischen Urlaub, nichts im Wege zu stehen. Die Kinder bemerken gleich, dass sie kaum Spielgefährten auf dem Schiff finden. Nur eine argentinische, ziemlich reiche „juwelenbesetzte“ Familie hat ältere Kinder, Hector ist sechzehn und Isabel vierzehn Jahre alt.

Niemand ahnt, dass alle Kinder demnächst eine Schicksalsgemeinschaft bilden werden und in Gefahren geraten, die sich niemand ausmalen möchte.

Parallel zu der illustren Gesellschaft auf dem Schiff lernt der Leser die zehnjährige Noemi kennen, die mit ihrem Onkel von Panama aus in die entgegengesetzte Richtung reist. Noemis junge Eltern leben illegal in New York. Die lateinamerikanische Großmutter kann sich nicht mehr um die Enkelin kümmern und so muss das Mädchen mit einem Onkel beschwerlich zu den Eltern reisen.

Als den beiden amerikanischen Familien dann doch die Decke auf den Kopf fällt, beschließen sie mit den Kindern einen Landausflug zu machen. Welches Land genau betreten wird, bleibt offen. Gesagt wird nur, dass es „die Schweiz Südamerikas“ sei, vielleicht Costa Rica. Die Männer jedenfalls gehen Golf spielen und die Frauen, Camilla, die Mutter von Hektor und Isabel, Liv und Nora und die Kinder treffen sich zum Ausflug mit Pedro. Als dann aber Pedros Van eine Panne hat, die Kinder beschließen im offenen Meer schwimmen zu gehen, wo es keine Haie geben soll, bahnt sich die Katastrophe an.

Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Mütter im Urlaubsmodus nicht auf die Kinder geachtet haben, diese mit der Flut vom Badeplatz fortgezogen wurden und zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort die falschen Leute treffen. Die aufgelösten Eltern, Nora und Liv belastet auch noch eine Lüge, können nur hoffen, dass die Kinder zusammenbleiben und trotz Überbehütung die richtigen Entscheidungen treffen. Allerdings ist Sebastian, der Diabetiker ist, in großer Gefahr. Penny ist ein aufgewecktes Kind, dass immer geradeheraus ihre Meinung sagt und Marcus hochsensibel und gleichzeitig hochbegabt. Isabel, nur mit einem Bikini bekleidet, ahnt als einzige, was ihnen bevorstehen könnte, denn die Kindergruppe befindet sich in den Händen von extrem gefährlichen Drogenhändlern. Wären die Polizisten in dem südamerikanischen Land nicht so korrupt, hätte die Entführung der Kinder ein schnelles Ende finden können. Dabei wissen Liv und Nora ganz genau, dass nach ihren Kindern nur gesucht wird, weil sie US-Amerikaner sind. Eine bittere Erkenntnis, denn wenn sie etwas wirklich noch nie empfunden haben, dann war das existentielle Angst.
Ein Appell an die Entführer im Fernsehen führt zu keinem Ergebnis und letztendlich spüren die Cousinen, dass ihr einvernehmliches Verhältnis nach diesem Urlaub beendet sein wird. So wie die Dynamik zwischen den beteiligten Erwachsenen sich verändert und alle ihr Gesicht verlieren, entwickeln sich auch zwischen den Kindern starke Sympathien und Antipathien.

Jeweils aus der Sicht der beteiligten Familienmitgliedern wird die Geschichte erzählt. Auf ihrem Leidensweg treffen die Kinder dann auf Noemi und es scheint so, als würden zwei Welten aufeinandertreffen.
Maile Meloy inszeniert eine dramatische Handlung, die den Leser nicht kalt lässt und im Bangen um die Kinder Seite um Seite fesselt. Sicher kann man den Roman als Schicksalsschlag dreier oder sogar vier Familien lesen.
Aber man kann es auch als Metapher deuten und erkennen, nichts ist mehr sicher, wenn man nicht jeden Moment die Augen aufhält und sich auf das Wesentliche konzentriert.

Krokodilwächter

Katrine Engberg: Krokodilwächter, Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 512 Seiten, €18,99, 978-3-257-60863-2

„Ein Tatort erinnerte in vieler Hinsicht an ein Theaterstück. Eine Vielzahl von Aussagen, die zusammen ein Art Ganzes ergeben. Stichworte und Einsätze. Jeppe gab es ungern zu, aber er mochte diese Dynamik, diesen Rhythmus, der an Tatorten zu spüren war.“

Grausamer Schauplatz der Geschichte ist Kopenhagen. Jeppe Kørner und Anette Werner sind die leitenden Kriminalkommissare und ein relativ gutes Team. Er holt den Kaffee und sie fährt den Wagen, das funktioniert wie ein stilles Abkommen. In anderen Momenten geraten die beiden auch mal aneinander, wenn Anette wiedermal nicht feinfühlig ist und taktlos die Hinterbliebenen mit direkten Fragen bedrängt oder Jeppe seine Aggressionen nicht in den Begriff bekommt. Sein Scheidungsverfahren läuft und wenn ihn etwas wirklich zu Boden geworfen hat, dann der Verlust seiner Frau. Aber nun steht ein neuer Fall an. Die einundzwanzigjährige Julie Stender wohnt kaum ein halbes Jahr in Kopenhagen und wollte Literatur studieren. Jetzt liegt sie tot in ihrer Wohnung. Der Mörder hat sein Opfer mit Messerstichen malträtiert und qualvoll ermordet. Entdeckt hat sie ein altersschwacher Nachbar, der nun im Krankenhaus liegt. Eingefügt in die Handlung ist ein Manuskript aus dem Internet, dass von einem Mord an einer jungen Frau erzählt.

„Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert.“

Dieser Text stammt von der Pensionärin Esther de Laurenti, der Besitzerin von Julies Wohnung, die sehr ihrem Rotwein zuspricht und ihre beiden Möpse liebt. Als Esther ihre Geschichte schrieb, sie gehört zu einem Schreibgruppe an, spürte sie, dass auch Julie trotz fröhlicher Ausstrahlung einen tiefen Schmerz in sich fühlt. Beide Frauen verbindet ein trauriges Erlebnis in ihrer Jugend. Als Esthers es einmal in einer Runde von Freunden bereits stark alkoholisiert preisgibt, bereut sie es sofort. Sie kann nicht ahnen, dass sie durch ihre Erzählung einen Reigen von Morden auslösen wird. Ein Opfer wird der junge, introvertierte Kristoffer sein, der Gesangslehrer von Esther.
Zu Esthers Schreibgruppe gehört auch ein angesehener dänischer Schriftsteller, Erik Kingo, und eine wohlhabende Ehefrau, Anna Harlov. Kingo ist ein unangenehmer Weltbürger, der durch seine Äußerungen, gerade über Frauen, sich wenig Freunde gemacht hat. Julies Vater, der sich als Mäzen von Galerien einen Namen gemacht hat, ist ein Bekannter von Kingo und sein Vertrauter.

Beide wissen, dass Julie mit fünfzehn Jahren ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hatte und schwanger wurde. Eine Katastrophe. All diese Fakten kennen auch die Ermittler, die in polizeilicher Kleinarbeit nun jedem Nachweis nachgehen und trotzdem im Dunkeln tappen. Da taucht ein Foto der entstellten Toten bei Instagram auf, das Manuskript von Esther wird plötzlich weitergeschrieben und seltsame Geschichten werden den Ermittlern erzählt, die einfach nicht stimmen können. Alles kreist letztendlich um das Thema Kind. Joffes Ehe ging in die Brüche, weil er keine Kinder zeugen konnte, Julies Lehrer nimmt sich das Leben, weil er von seiner Vaterschaft erfahren hatte oder war es doch ein Mord? Junge Frauen werden schwanger und finden keine Unterstützung in der Familie.

Was die dänische Autorin Katrine Engberg dem Leser als Debüt präsentiert, ist ein klassischer Howdunit-Krimi mit psychologischer Unterfütterung, den man in einem Zug lesen muss.
Im Zentrum stehen aber nicht nur Kinder, sondern auch Manipulationsmechanismen, die in dem wunderbaren Bild vom Krokodilwächter versinnbildlicht werden.
Der Krokodilwächter ist ein kleiner Vogel, der von den Essensresten im Maul eines Krokodils lebt. Es ist eine Win-win-Situation. Der kleine Vogel bekommt sein Essen und säubert zugleich dem Krokodil die Zähne. Ein guter Grund den Kleinen nicht zu fressen. Wer benutzt wen für seine grausigen Pläne und warum werden so viele Menschen um Umkreis von Julie an den Rand des Todes geführt?

Keine Frage dieser Krimi im Krimi, in dem die Ermittler an ihre physisch und psychisch an ihre Grenzen stoßen, ist letztendlich ein perfides Spiel mit Macht und Einflussnahmen.
Absolut spannend!

Idaho

Emily Ruskovich: Idaho, Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2018, 380 Seiten, €24,00, 978-3-446-25853-2

„Sie empfand, was er empfunden haben musste, als er ihr Gesicht gegen den Fernseher gedrückt hatte: Enttäuschung und einen tiefen, hoffnungslosen und seit langer Zeit nagenden Schmerz, der nichts mit ihm zu tun hatte, für den sie ihn jedoch voll und ganz verantwortlich machte.“

Als die Handlung im Jahr 2004 einsetzt, liegt das tragische Ereignis in Idaho, Ponderosa, an das sich Wade Mitchell bald nicht mehr erinnern wird, neun Jahre zurück. Jenny, seine damalige Frau, die sechsjährige May und die neunjährige June und er sind in die Berge gefahren, um Holz aufzuladen. Ein lähmender Geruch begleitet ihre Fahrt in den Wald. Ein Unfall geschieht, nein kein Unfall. Jenny tötet ihre Tochter May mit einem Beil auf dem Rücksitz des Pick-up und June verschwindet für immer. Es gibt keine Erklärung für diese unglaubliche Tat und Jenny ist sofort bereit ihre Schuld vor Ort, denn zuerst wurde Wade von der Polizei verhaftet, und später vor Gericht eilfertig zu gestehen. Wade wird Jenny im Frauengefängnis nicht besuchen und sich scheiden lassen. Er heiratet Ann, die aus England stammt und aus deren Sicht Teile der Geschichte erzählt werden. Beide kannten sich vor den Geschehnissen im Wald, denn Wade hat bei Ann Klavierunterricht genommen. Sein Vater und sein Großvater erkrankten früh an Demenz und Wade fühlt die Angst vor der Zukunft.

Emily Ruskovich springt in den Zeiten hin und her, erinnert einmal an die Anfänge der Beziehung zwischen Wade und Jenny und schaut dann weit in die Zukunft. Sie lässt weiße Leerstellen, die der Leser mit seinen eigenen Ideen oder Vorstellungen füllen muss.

Nach seinem fünfzigsten Lebensjahr beginnt Wades friedfertiges Verhalten in Aggression umzuschlagen, ein brutaler Aussetzer nach dem anderen ereignet sich. Ann lebt mit ihrem Mann auf einer einsamen Anhöhe und erträgt den Gedächtnisverlust und die Gewalttätigkeit ihres Mannes aus Liebe. Er gesteht ihr, dass er sie vom ersten Moment an geliebt hat. Ein wichtiger Satz in dieser dunklen Geschichte, die sich zeitversetzt auch Jenny und ihrem Leben im Gefängnis, der Jugend von Wade und Jenny, den ersten Ehejahren und der Beziehung der Schwestern May und June zuwendet und weiteren Nebenhandlungsschauplätzen, die um den Ort und die Leute in Idaho kreisen.

Ann fühlt sich Jenny gegenüber schuldig und so schickt sie an die Bibliothek des Frauengefängnisses, z.B. ein Sachbuch übers Zeichnen, dass Wade nicht weggeworfen hatte. Sie ruft sogar an, um herauszufinden, ob Jenny das Buch in der Bibliothek gefunden hat.
Ab und zu setzt sich Ann in den Pick-up und lässt ihren Gedanken freien Lauf, in dem sie darüber nachgrübelt, wo June sein könnte, was wirklich geschehen ist.

Emily Ruskovich verweigert ein eindeutiges Ende nicht zuletzt, weil sie darauf besteht, ihre Protagonisten nicht viel besser zu kennen als wir, auch wenn sie ihre Geschöpfe sind. In einer bedrückenden, wie bildhaften Sprache erzählt die amerikanische Autorin in ihrem Debüt von eigentlich ganz unspektakulären Personen, die völlig unberechenbar handeln und in denen etwas zerbrochen sein muss, was jedoch nie ans Tageslicht gelangt. Ob es nun Jennys Griff zum Beil war oder Wades gewaltsame Unberechenbarkeit. Ann scheint in einer seltsamen Beziehung zu beiden zu stehen. Diese Rätselhaftigkeit der Figuren nimmt auch den Leser gefangen und die Frage, was eigentlich geschehen ist in einer Natur, die weit und unberührt scheint.

Kranichland

Anja Baumheier: Kranichland, Wunderlich Verlag bei Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, 432 Seiten, €19,95, 978-3-8052-0021-9

„Marlene und Wieland beobachteten den majestätischen Flug der Tiere, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren.“

Für das verliebte Paar, Marlene und Wieland, fliegen die Vögel ins Kranichland, in ein Land der Sehnsucht und Freiheit. Marlene eckt überall an, dabei ist ihr Vater Johannes Groen ein hoch angesehenes Parteimitglied in der DDR und auch noch bei der Staatssicherheit. Wieland kommt aus einer Pfarrersfamilie und weiß, dass er in seinem Heimatland nie Architektur studieren kann, geschweige denn Abitur machen und auf die Universität gehen. Als die beiden, Marlene ist bereits schwanger, beschließen, über Prag die Flucht aus der DDR vorzubereiten, werden ihre Pläne schnell unterbunden. Marlene sieht kurz vor ihrer Inhaftierung noch von weitem ihren Vater.

Immer wieder in Zeitsprüngen, die Familiengeschichte der Groens beginnt 1936 und endet in der Gegenwart, verfolgt der Leser die Schicksale der einzelnen Figuren, deren Lebenswege sich durch die geschichtlichen Ereignisse kreuzen werden. Als Johannes, seine Mutter hatte sich das Leben genommen, am Ende des Krieges Elisabeth kennenlernt, ist beiden schnell klar, das sie zusammen gehören. Von Kolja, den Johannes als Vaterfigur ansieht, stark beeinflusst, arbeitet Johannes mit entsprechenden Privilegien für den Sicherheitsapparat der DDR. Sie ziehen von Rostock nach Berlin und leben dort ein bequemes Leben. Johannes und Elisabeth haben drei Mädchen, Charlotte, Marlene und Theresa.

Zu Beginn der Geschichte erhält Theresa die Zuschrift eines Anwalts, der ihr eröffnet, dass sie die Erbin des einstigen Familienhauses in Rostock zusammen mit einem Tom Halász sei. Eine gewisse Marlene Groen habe es beiden vererbt. Doch Marlene ist laut Familiengeschichte angeblich mit siebzehn Jahren bei einem Segelausflug ums Leben gekommen und nach der Wende wurde doch das Rostocker Haus verkauft. Johannes kann keine Auskunft mehr geben, denn er ist bereits seinem Krebsleiden erlegen, Elisabeths Demenz ist zu weit fortgeschritten, um von ihr eine verlässliche Auskunft zu bekommen.
Nach und nach erfährt der Leser, wie die einzelnen Personen zueinander stehen. Johannes hat Elisabeth sehr viel allein gelassen. Bei ihrer Arbeit im Krankenhaus lernt sie den aufmerksamen Dr. Anton Michalski kennen. Beide verlieben sich ineinander und Marlene wird geboren. Allerdings kann sich Elisabeth nie ganz von Johannes lösen und so nutzt Anton kurz vor dem Mauerbau die Gelegenheit, um bei einer Dienstreise nach München nicht mehr in die DDR zurückzukehren.

Im Westen wird er dann auch seine Tochter Marlene wiedersehen, denn diese wurde nach einer qualvollen Haftzeit, an deren Folgen sie ihr ganzes Leben lang leiden wird, abgeschoben. Die in der Haft geborene Tochter Pauline, ebenfalls unter enormen Schmerzen, hat angeblich nicht überlebt.
Johannes jedoch erfährt von Kolja, dass, eine perfide Regelung, die Babys von Republikflüchtigen zur Adoption freigegeben werden. Er nimmt Pauline zu sich und zieht sie als Theresa als sein Kind groß. Marlene, die mit einem Zeichentalent wie Theresa begabt ist, wird noch ein Kind gebären. Tom jedoch leidet unter der bipolaren Störung der Mutter.
Nach und nach lüftet das Testament von Marlene alle Geheimnisse der Familie Groen, die für die einst linientreue Charlotte, ganz die Tochter ihres Vaters, unfassbar sind. Die Mutter ist fremdgegangen, der Vater hat es natürlich gewusst und nie etwas gesagt, genauso wenig wie über den Verlust der Schwester Marlene je gesprochen wurde. Billigend haben die Eltern, obwohl Johannes zum Ende der DDR schon arge Zweifel hatte, die Trennung zwischen Mutter und Kind hingenommen.

Mit einem zahlreichen Personal und gut recherchiert erzählt Anja Baumheier von den persönlichen aber auch geschichtlichen Ereignissen um eine Familie zwischen Ost und West. Das liest sich zu Beginn extrem spannend, ufert aber im Laufe der Handlung durch konstruierte Zufälle und Aneinanderreihungen von Ereignissen, die immer durch neue Katastrophen getoppt werden müssen, aus. Da die Figuren doch als Stereotype charakterisiert werden, fehlt die Tiefe und die innere Entwicklung über die Jahre hinweg. In gewisser Weise erinnert die Struktur der Handlung und Konstellation der Figuren teilweise an die erfolgreiche Fernsehserie „Weißensee“.

Und doch „Kranichland“ liest sich unterhaltsam und lässt den Leser am Leben der Familie Groen teilhaben, an den Eckpfeilern der geschichtlichen Ereignisse, wie die Aufstände 1953, den Mauerbau wie Mauerfall.

Die Architektur des Knotens

Julia Jessen: Die Architektur des Knotens, Kunstmann Verlag, München 2018, 432 Seiten, €24,00, 978-3-95614-229-1

„Ich möchte meinen Kindern ein Zuhause sein. Ich möchte ein Mensch sein, dessen Türen weit offen stehen, ein lebendiger Mensch. Alle würden behaupten, das ich das war. War ich aber nicht. Nicht so, wie ich es jetzt bin.“

Zu Beginn schaut Yvonne ihren Kindern, John ist acht, Mika vier, beim Spielen zu. Die Jungen erbauen akribisch ihre eigene Stadt mit unterschiedlichsten Spielzeugen. Als Mutter beobachtet Yvonne diese friedliche Zusammenarbeit der beiden, kein hysterisches Weinen von Mika, der sich vom älteren Bruder zurückgedrängt fühlt, keine Überlegenheitsgesten von John. Langsam wird klar, die beiden hecken irgendetwas aus. Nach dem längeren Spiel mit der detailreich ausgeschmückten Stadt beginnt ein enormer Krach, der Yvonnes Mann, Jonas anlockt. Die Jungen zerschlagen lustvoll ihren Aufbau.
Wochen später wird Yvonne die eigene Familie zerstören, denn sie hat für sich registriert, dass sie einfach ihr Leben so nicht weiterführen kann und will. Yvonne ist Ende dreißig und arbeitet als Grundschullehrerin, Jonas teilt sich als Physiotherapeut die Praxis mit Frank, der bald Andrea heiraten wird. Doch warum beschleicht Yvonne dieses depressive Gefühl, diese drängende Sehnsucht nach Veränderung? Fühlt sie sich einsam, unglücklich, kann sie nicht mehr mit Jonas sprechen, ist der Sex nach fünfzehn Jahren Ehe zu langweilig oder gar nicht mehr existent?
Nach außen hin scheint alles in Ordnung, es gibt keine Streitereien, keine Sticheleien.
Durch Yvonnes Gedankenstrom lernt der Leser ihre Sicht kennen, auch Jonas Perspektive wird verdeutlicht.

Als die Familie zu Jonas’ Freund Sven in die Nähe von Kopenhagen fährt, Baby Ella soll getauft werden, beobachtet Yvonne andere Frauen und bemerkt, dass sie sich selbst verloren hat. Durch die immer gleiche Abfolge der Tage, die auf Dauer ermüdend ist, spürt sie, so ihr Gefühl, sich selbst nicht mehr. Sie geht mit Mille, der Frau von Sven, und Peter am Abend noch tanzen und schläft mit Peter, der gut zehn Jahre jünger ist.

Yvonne erzählt Jonas von Peter, alles gerät in eine Schieflage, die Yvonne einerseits befreit, andererseits aber in tiefe seelische Konflikte stürzt, denn sie kann Jonas keine Antworten geben, die ihm helfen, alles zu verstehen. Er kann nicht fassen, dass seine Frau alles infrage stellt und mit diesem Mann, der in Hamburg lebt, immer noch Kontakt hat. Peter führt mit seiner Frau, sie haben keine Kinder, eine offene Beziehung. Doch was bindet Yvonne an Peter, ist es das Körperliche, die Abwechslung? Sie zieht in ein Hotel, überlässt Jonas die Kinder und kann es kaum aushalten, von ihnen getrennt zu sein. Yvonne versucht einer guten Freundin ihre Lage zu erklären, aber es funktioniert nicht. Wenn Yvonne bei den Kindern ist und auf Inge, ihre Schwiegermutter trifft, sieht sie sich mit Vorwürfen konfrontiert, die sie reglos annimmt. Sie weiß selbst nicht, wie sie das Dilemma in ihrer Familie regeln soll. Für sie ist alles offen, für die anderen alles in Unordnung.
Auf der Suche nach dem anderen, dem anderen Lebensmodell hängt Yvonne in der Luft, kauft sich ein Bild, um sich selbst besser kennenzulernen, schläft mit Peter und findet keine Antwort.
Jonas hält nur die Wut auf Yvonne aufrecht. Die Jungen spüren die seltsame Atmosphäre, leiden unter den Abwesenheit der Mutter.

Sprachlich glanzvoll offenbart Julia Jessen den festgezurrten Knoten, den ihre Protagonistin nicht zu zerschlagen vermag. Kann der Leser sie verstehen oder bleibt ihm alles ein Rätsel? Offen sein für Veränderungen als Plädoyer für ein gelungenes Leben. Nicht an dem Gewohnten festhalten, Flüchtlinge unterrichten und etwas tun und nicht nur lamentieren und Reden schwingen, wie Jonas’ Freund Sven, mit dem Yvonne auf der Hochzeit von Frank in einen Streit gerät. Zusammen gehen Jonas und Yvonne auf diese Hochzeit, auch wenn sie kein Paar mehr sind. Dass sich Jonas bereits eine neue Freundin gesucht hat und diese zum Geburtstag seines Sohnes mitbringt, ärgert Yvonne. Aber es ist seine Entscheidung. Julia Jessens Figuren, ihre Beweggründe und Motivationen sind wirklichkeitsnah und doch ambivalent, nicht perfekt und doch konsequent. Ein Roman, der lange nachwirkt und auch befremdet.

Schöne Seelen und Komplizen

Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, München 2018, 313 Seiten, €20,00, 978-3-492-057738



„Ich spürte wieder, wie gut es tat, bei so einer großen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. Manchmal fange ich nachträglich richtig zu schwitzen an bei dem Gedanken, ich hätte es verpassen können. In jedem Menschenleben gibt es wahrscheinlich nur ein wirkliches Großereignis.“

Julia Schoch hat eine faszinierende Versuchsanordnung gewählt, sie platzt mitten hinein in die Leben von verschiedenen Teenagern, die alle an die gleiche Potsdamer Schule gehen. Zyklisch, Jahr um Jahr, von 1989 bis 1992 stehen einzelne Szenen für sich, aber es gibt auch Querverbindungen zwischen den Mitschülern.

Es ist Sommer 1989, Lydia Gebauer, Stefanie Kuhn, Kati Viehweg, Franziska Stellmacher und die anderen genießen noch die Ferien oder arbeiten im Park von Sanssouci bevor wieder die Schule und die Abiturzeit an der Kollwitz beginnt. Sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt und berichten recht nüchtern davon, was jeder Jugendliche mit Freunden, den Eltern, der ersten Liebe, den Lehrern aber auch dem sozialistischen System durchlebt. Alexander Wagenthaler, der ganz gut zeichnen kann und eigentlich Geschichte studieren will, setzt sich mit seinem Lehrer auseinander, der ihn mit subtiler Überzeugungsarbeit zu einem längeren Dienst in der Armee überreden will und natürlich auf die Lehrerlaufbahn orientieren. Direktor Simizeck hält wie immer seine ellenlangen Propagandareden. Glauben die einen, alles wird für immer geregelt sein, Schule, Abitur, Studium, Arbeit, Rente, so hoffen die anderen auf Veränderung. In jedes individuelle Leben wird der Leser hineingezogen und er verlässt es auch wieder. Ein Faden wird aufgenommen, aber nicht immer zu Ende gesponnen. Vieles muss er sich puzzleartig zusammensetzen, sich selbst ein Bild von den jungen Erwachsenen machen, denn diese werden ohne Vorwarnung in einen gesellschaftlichen Umbruch hineingeraten. Aus der Perspektive der Jugendlichen wird nun erzählt, wie Mauerfall und Wende sich auf sie und die Erwachsenen, Eltern und Lehrer, auswirken. Direktor Simizeck verschwindet, Verunsicherung macht sich breit, Lehrer brechen im Unterricht zusammen, Schüler geben renitente Antworten, sind aber auch verunsichert.

„Andererseits kann die Viehweg ihre Klappe nicht halten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt sie den alten Staat. Sie sagt, sie könne nicht verstehen, wie man sich freiwillig für die soziale Unsicherheit entscheiden kann.“

Setzt sich der Alltag der einen einfach fort, bewegt die anderen der Umbruch, die Angst vor der Zukunft, so verharren die anderen in ihren persönlichen ganz privaten Querelen. Alexanders Vater hat seine Stasiakte gelesen und bricht zusammen, ein Lehrer wird von einem LKW überfahren, die Schülerin Vivian Korbus versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. In Erinnerungen, Rückblenden und gegenwärtigen Beschreibungen fächert die Autorin die unterschiedlichen Schicksale auf und beenden sie auch wieder schlagartig. Türen öffnen sich und klappen wieder zu. Zum Ende hin signalisiert die Abiturfeier 1992, diese Generation wird in Freiheit ohne politische Gleichschaltung und propagandistische Drangsalierungen ihren Weg machen können.

Im zweiten Teil des Romans sind fünfundzwanzig Jahre vergangen und um ehrlich zu sein, wird er jetzt erst richtig interessant. Julia Schoch spürt nun den realistischen Lebenswegen der ehemaligen Schüler nach, die alle Mitte vierzig sind. Sie erzählen wie sie leben, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und vor allem, ob sie in der neuen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Schule heißt nun Luisengymnasium, an dem Stefanie Kuhn als Lehrerin arbeitet. Sie organisiert ein Klassentreffen, zum dem allerdings nur sieben Ehemalige kommen. Wieder taucht der Leser nur kurzzeitig in die Lebensstationen der Protagonisten ein. Kati Viehweg arbeitet als Soziolinguistin und muss immer wieder erleben, wie wenig ihr alter Vater, der einst in der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, sie ernst nimmt. Alexander Wagenthaler reist von einem Historikerkongress zum nächsten, hangelt sich von einem Projekt zum anderen und spürt die innere Distanz zur eigenen Arbeitssituation. Sind die einen weit fort von Potsdam wie Franziska, so sind andere aktiv, wie Rebekka oder desillusioniert wie Ruppert. Sie haben Familie und leben im Reihenhäuschen durch das Erbe der Großmutter, sie betrügen einander, sind geschieden und zutiefst unglücklich durch die Trennung von den Kindern. Sie ärgern sich über den fehlenden Gemeinschaftssinn oder sind die allergrößten Egoisten. Sie stoßen an berufliche und persönliche Grenzen und müssen diese aushalten. Die einen graben den Garten um, die anderen suchen sich ein amouröses Abenteuer, die anderen kämpfen um Sorgerechte und Alimente. Und Alexander sagt:

„Wenn ich meinen geistigen Zustand definieren sollte, würde ich sagen, ich lebe in ständiger Ungeduld und zugleich in großer Erschöpfung. Eine Art angeleintes Pferd, das sich wild galoppierend tiefer und tiefer in den Sand unter ihm arbeitet.“

Eins zwei drei Vampir

Nadia Budde: Eins zwei drei Tier, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1999 /
Eins zwei drei Vampir, Pappband, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, €13,00, 978-3-7795-0585-3

„Launisch fröhlich nett Skelett“

Vor 18 Jahren erschien das sensationelle Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“ der noch unbekannten Berliner Illustratorin und Buchmarktdebütantin Nadia Budde. Begeistert wurde es von der Kritik und vor allem von Kindern aufgenommen, die die seltsam schrägen Tierfiguren und holpernden Reimereien liebten. Kein Buch wurde, einmal ins Herz geschlossen, so zerfleddert durch mehrmaliges Durchblättern, mit ins Bett nehmen und herumtragen, wie dieses. Ein absolutes Unikat nach wie vor im Meer der durchaus beachtenswerten Bilderbuchveröffentlichungen in Deutschland.
Übersetzungen des Bilderbuches, z.B. ins Englische, Portugiesische, Koreanische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische und Galizische mit gleichem Erzählprinzip sind erschienen. Und so funktioniert das Erzählprinzip, drei Worte, die irgendwie zusammen passen, erklingen und das vierte Wort reimt sich irgendwie auf das dritte Wort, Seitenwechel, mit dem letzen Wort beginnt wieder eine Reimreihe, deren letztes Wort sich wieder auf das dritte Wort reimt usw..

Zeit ist ins Land gegangen, neue Bilderbuchprojekte und Lehraufträge folgten und nun hat Nadia Budde, längst auf dem Markt etabliert, wieder nach dem alten und bewährten Erzählprinzip ein Reimbuch vorgelegt.

Im neuen Pappbilderbuch werden keine Tiere vorgeführt und mit Reimworten ausgestattet, sondern großäugige Gruselfiguren. Skurril und humorvoll reihen sich die Monster von Tarantel über Skelett bis Monster unter dem Bett aneinander. Riesen in unterschiedlicher Bekleidung, Skelette in witzigen T-Shirts, Vampire mit ihren Lieblingseinhörnern und Ungeheuer von damals, gestern und heute entpuppen sich als ganz normale Monster von nebenan.

Die am Computer entworfenen gruseligen Ungeheuer, die am liebsten vor sich hin grinsen, machen Kindern keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie regen zum Dichten und Herumblödeln mit Kindern ein.

Wunderbar leicht reihen sich die Wortkaskaden in „Eins zwei drei Vampir“ aneinander und regen dazu an, erneut das Bilderbuch “Eins zwei drei Tier“ wieder aufzuschlagen.

All die Jahre

J. Courtney Sullivan: All die Jahre, Aus dem Englischen von Henriette Heise, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, München 2018, 464 Seiten, €22,00, 978-3-552-06366-2

„ Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren Sohn war?“

Ende der 1950er Jahre reisen die beiden Schwestern, Nora ist einundzwanzig und Theresa siebzehn von Irland in die USA. Früh haben sie ihre Mutter verloren und so kümmerte sich Nora immer um die lebensfrohe, ja fast wilde Theresa, die einen hellen Verstand hat. Sie hofft, in Amerika eine gute Ausbildung zu bekommen. Für Nora jedoch bedeutet die Ausreise die Heirat mit Charlie, ihrem ehemaligen Nachbarn. Beide Mädchen arbeiten sofort nach ihrer Ankunft in Boston in einer Strickfabrik, Theresa macht Abendkurse und geht mit Begeisterung tanzen. Nora bereut ihr Vorhaben, den albernen Charlie, den sie nicht liebt, zu heiraten. Aber dann wird Theresa schwanger, bekommt ihr Kind bei den Nonnen und Nora muss wieder Verantwortung übernehmen. Sie heiratet, täuscht mit ihrer Kleidung eine Schwangerschaft vor und nimmt Theresas Kind zu sich.
Patrick ist ein Schreibaby und fordert alle Aufmerksamkeit ein. Theresa weiß längst, dass der Kindesvater verheiratet ist und selbst ein Baby hat. Im Streit mit Nora verlässt Theresa ihren Sohn und hofft auf eine mögliche Eigenständigkeit in der Zukunft, um ihr Kind letztendlich doch zu sich zu nehmen.

In der Rahmenhandlung des Romans, der zum Teil im Jahr 2009 spielt, erzählt J. Courtney Sullivan von Patrick, der mit fünfzig Jahren alkoholisiert mit dem Auto gegen eine Mauer fährt. Immer hat sich Nora um Patrick, ihren Lieblingssohn, am meisten gegrämt. Ihre eigenen Kinder, John, Britney und Brian, haben nie verstanden, warum die so strenge Mutter den so aus der Art geschlagenen Patrick so sehr umsorgt hat. Immer wurde bei den Raffertys alles unter den Teppich gekehrt. Nie gab es gute Gespräche, immer ging es nur ums Sparen, was die Leute sagen und die Angst der sorgenvollen Mutter.
Als Nora ihre Schwester, die nun fast fünfzig Jahre im Kloster in Vermont lebt, anruft, um ihr zu mitzuteilen, dass ihr Sohn tot ist, weiß niemand in der Familie von diesem Geheimnis. Mag Patrick etwas gemerkt haben, so wird nicht klar, was er wirklich wusste.
Bedrückend ist das Schweigen in der Familie. Nie hat sich John mit seinem älteren Bruder verstanden, nie ist zu Nora durchgedrungen, dass ihre Tochter Bridget lesbisch ist und was in ihrem jüngsten Sohn Brian, der eine tragische Sportlerkarriere hinter sich hat und nun wieder bei der Mutter lebt, vorgeht, bleibt ihr verschlossen.
Zwischen den Schwestern wird es kein klärendes Gespräch geben. Im Ausklang des Romans deutet es sich an, aber man weiß es nicht. Für Nora, die alle Bürden auf sich genommen hat, hat sich Theresa eigennützig aus dem Staub gemacht und in den tröstenden Schoß der Kirche begeben. Sie hat sie mit all ihren Problemen allein gelassen. Auch wenn die Iren in den Familien zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, so bleibt Nora, die sich um alle noch so fernen Verwandten sorgt und kümmert und niemanden an sich heranlässt, völlig allein.

J. Courtney Sullivans Thema ist immer die Familie und ihre Verwerfungen. Der Reiz der Lektüre besteht zum einen in der unterhaltsamen wie lebensnahen Darstellung der einzelnen Familienmitglieder und ihrer Geschichten. Es geht ums Auswandern, aber auch enge gesellschaftlich-moralische Zwänge in der irischen Community in den 1960er Jahren. Zum anderen blickt der Leser in den gegenwärtigen Alltag der Kinder von Nora, die ehrlich befreit ihr aktives Leben führen können und doch immer wieder auf Widerstand in der eigenen Familie stoßen. So hat John mit seiner Frau Julia ein chinesisches Kind adoptiert. Nora ist der festen Meinung, man müsse Maeve nie sagen, woher sie eigentlich stamme. Bridget möchte mit ihrer bildschönen Freundin Natalie ein Baby per Samenspende austragen, wagt es aber nicht, der Mutter davon zu erzählen. Dass Patrick zeitweilig der beste Kunde in seiner eigenen Bar war, ist kein Geheimnis. Er ist in dieser Familiengeschichte, die schillerndste Figur, der als widersprüchlicher Charakter kaum zu fassen ist.
Wie immer schreibt J. Coutney Sullivan berührend ohne je sentimental zu werden und wählt die unterschiedlichsten Erzählperspektiven, um ihren Figuren und deren Lebenswegen nah zu sein.

Lied der Weite

Kent Haruf: Lied der Weite, Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 384 Seiten, €24,00, 978-3-257-07017-0

„Also, sagte Harold. Ich weiß, wie ich drüber denke. Was meinst du, was wir mit ihr machen sollen? Wir nehmen sie auf, sagte Raymond.“

Klar sind die Worte der Figuren in Kent Harufs Roman aus dem Jahr 1999, klar und unmissverständlich. Wenn die beiden alten, raubeinigen Junggesellen Harold und Raymond McPheron, die weit vom Ort entfernt auf ihrer Ranch leben, etwas sagen, dann ist das wie in Stein gemeißelt. Sie nehmen das siebzehnjährige schwangere Mädchen, das von ihrer hartherzigen Mutter vor die Tür gesetzt wurde, auf. Als die Lehrerin Maggie Jones mit ihrem Ansinnen bei den beiden Kuhbauern vor der Tür steht, erstarren diese zuerst zu Salzsäulen. Nicht der Gedanke, was mögen die anderen im Ort Holt, eine fiktive Stadt östlich der Rocky Mountains, denken, bewegt die beiden, sondern die Frage, können sie mit einer jungen Frau und ihrem Baby umgehen.

Viktoria spürt die Unsicherheit der alten Männer, sie leidet unter ihrer Schweigsamkeit und findet doch einen Weg, um mit ihnen klarzukommen. Als dann aber Dwayne, der attraktive Kindesvater, der sich vor vielen Monaten einfach so aus dem Staub gemacht hatte, auftaucht, folgt sie ihm ohne sich umzusehen. In der kleinen Wohnung in Denver jedoch fühlt sie sich nicht Zuhause. Sie ist einsam, wenn Dwayne in die Fabrik fährt. Sie verabscheut die Partys mit ihrem Drogen- und Alkoholkonsum, die Dwayne so liebt und sie empfindet nichts mehr für ihre große Liebe, die der Realität nicht standhält.

Parallel zu der Geschichte um die schwangere Victoria erzählt Kent Haruf unaufgeregt und mit Lakonie von weiteren Personen aus Holt. Da ist der Lehrer Tom Guthrie, der von seiner Frau Ella, die es fort zieht, schon lang allein gelassen wurde, und nun mit seinen kleinen Söhnen Ike und Bobby den Alltag bestehen muss. Drangsaliert wird Tom von den Eltern eines widerwärtigen Schülers, der einfach nur faul glaubt als guter Basketballspieler im Schulalltag durchzukommen. Tom muss sich beschimpfen lassen und er muss erfahren, wie sich der miese Schüler an seinen kleinen Söhnen rächt.

Drastisch offenbart Kent Haruf sexuelle Erfahrungen, die Kinder wie Jugendliche durchleben. Er berichtet von einsamen Menschen, von zerrütteten Ehen, von unverschämten, ungebildeten Farmern, die wenig Achtung vor anderen Menschen empfinden.
Richtig Sorgen jedoch machen sich die beiden McPherons, die glücklich sind als Victoria aus Denver zurückkehrt und sich auch nicht nach der Geburt von Dwayne überreden lässt, ihren Heimatort zu verlassen.

Der amerikanische Autor Kent Haruf ist immer ganz nah an seinen Figuren, er vermag es unterhaltsam und dialogreich, ohne zu psychologisieren und zugleich einfühlsam, vom einfachen Leben der Menschen auf dem Land zu berichten. Bodenständig und ohne moralische Scheuklappen helfen die einen, selbstgefällig und dümmlich versuchen die anderen, ihre Interessen durchzudrücken. Es ist der Minikosmos, der im Kleinen das große Ganze spiegelt und zum Nachdenken anregt. Wie würden wir uns verhalten, wo wären die Grenzen des Erträglichen erreicht? Antworten werden nicht geliefert, aber Fragen aufgeworfen.