Die Morde von Morcone

Stefan Ulrich: Die Morde von Morcone, TB, Ullstein Verlag, Berlin 2017, 282 Seiten , €14,99, 978-3-548-28924-3

„Seine Gedanken schweiften hartnäckig ab, während seine Augen weiterlasen. Drei Morde. In Morcone. In so kurzer Zeit. Ein Verdächtiger, den Giada für unschuldig hielt. Die geheimnisvollen Zeichen.“

Da hofft der Münchner Strafverteidiger Robert Lichtenwald auf ein ruhiges Sabbatjahr in Morcone, zumal er wirklich sein Leben überdenken muss und vielleicht doch herausfinden, wohin seine Frau Stefanie entschwunden ist, da liegt bereits die erste Leiche im Gebüsch. Ein Hermaphrodit, eine afrikanische Prostituierte, wurde brutal ermordet und in ihren Körper wurde der Buchstabe L eingeritzt. Lichtenwald findet den Leichnam gemeinsam mit seinem Vermieter Emanuele Cardi, Conte di Monteciretta. Die Ruhe im beschaulichen Ort ist dahin, zumal es weitere Leichen mit eingeritzten Buchstaben geben wird. Doch worauf weisen die Buchstaben hin, was haben sie zu bedeuten? Die Journalistin vor Ort, Giada Bianchi, für ihre zornigen Ausbrüche bekannt, nimmt die Spur auf. Eigentlich betreibt sie ja einen kleinen Schreibwarenladen, aber die Kunden können warten. Lichtenwald traut der hiesigen Polizei nicht über den Weg, zumal sie alle Klischees erfüllt, die so kursieren. Nach der dritten Leiche tummeln sich die Medien in Morcone, doch Giada hat immer noch die besten Kontakte zur Polizei. Als sie auf eigene Faust ermittelt, entdeckt sie in San Rocco eine geheimnisvolle Inschrift und eine gruselige Erscheinung. „Saligia“ steht dort geschrieben, d.h. die sieben Todsünden und der Mörder hat bereits Buchstabe für Buchstabe abgearbeitet. Es fehlen noch drei Personen. Auch wenn Lichtenwald sich seinem Garten und den Pflanzen widmen wollte, schließt er sich den Recherchen der attraktiven Giada an und beide gelangen nach und nach nicht nur hinter das Geheimnis des religiös fanatischen Mörders, sondern auch in seine Fänge.

Mit viel Schwung erzählt Stefan Ulrich die Kriminalgeschichte über einen Serienmörder, der einfach nicht zu fangen ist. Die Polizei verhaftet ständig irgendwelche Leute, um sie wieder freizulassen. Nur die beiden „ehrenamtlichen“ Ermittler verstehen, was sich hinter den Zeichen des Mörders verstecken könnte und finden auch die richtige Spur, die sie nach Florenz führen wird. Bei aller Begeisterung für die italienische Küche, die Landschaft der Toskana und die temperamentvollen Bewohner Morcones ist die Geschichte von den sieben Todsünden und die Reinigung der Menschheit weit hergeholt und nicht sonderlich spannend, zumal die Idee einfach nicht mehr neu ist.

Wenn du vergisst

Lisa Ballantyne: Wenn du vergisst, Aus dem Englischen von Marie Rahn, btb Verlag, München 2017, 479 Seiten, €9,99, 978-3-442-71525-1



„Margaret Holloway, stellvertretende Rektorin, Ehefrau und Mutter wusste nicht, was ihr als kleines Mädchen widerfahren war, und hatte schreckliche Angst davor, es herauszufinden.“

Die traumatische Erinnerung kann tief vergraben im Gedächtnis nie mehr auftauchen, doch ein Anlass, ein Zeichen, ein Gesicht kann sie wieder hervorholen und ein intaktes Leben völlig durcheinander bringen.
An einem eisigen Dezembertag im Jahr 2013 setzt sich Margaret Holloway in ihr Auto. Sie ist verärgert, da ihr Schützling, sie kümmert sich um verhaltensauffällige Schüler, von ihrer Schule fliegen soll. Ohne ihre Schuld gerät die Lehrerin auf dem Heimweg in einen Massenkarambolage und sitzt eingequetscht in ihrem Auto. Sie riecht den Benzingestank und ahnt die Gefahr. Ein Mann mit einem entstellten, stark vernarbten Gesicht zieht sie in letzter Sekunde aus ihrem Wagen. In dem Chaos vor Ort verliert sie ihn aus den Augen.

Lisa Ballantyne erzählt ihre Geschichte mal aus Margarets Sicht, dann wieder aus der Sicht von Big George und dem schmierigen Journalisten Angus Campbell. Beide Männer schildern Geschehnisse vor achtundzwanzig Jahren und der Leser rätselt zu Beginn, was diese beiden mit der damals siebenjährigen Margaret zu tun haben könnten. Big George ist 1985 siebenundzwanzig Jahre alt. In seinem Leben in Glasgow ist vieles schief gelaufen, zumal er aus einer gewalttätigen Familie stammt. Zu gern möchte er mit Kathleen, seiner Jugendliebe und ihrem gemeinsamen Kind Moll zusammen sein. Allerdings hat Kathleen sich gegen ihn entschieden und einen anderen Mann, einen Bekannten ihres Vaters geheiratet. Keine Frage, Big George, der große, gutaussehende Mann, ist Margarets Vater. Ihm wird schnell klar, als er Kathleen von Weitem beobachtet, dass er keine Chance hat, in ihrem Leben eine Rolle zu spielen. Aber er nähert sich seiner Tochter und ohne die wirkliche Absicht entführt er das aufgeweckte Kind. Für den selbstverliebten und gehemmten Angus Campbell, der seine Frau schlägt, um sie „zu erziehen“, ist die Entführung des Kindes ein veritables Thema, um sich als provinzieller Schreiberling einen Namen zu machen. Er findet heraus, dass Margaret nicht die Tochter von John ist und bringt die Polizei dazu, nach dem biologischen Vater zu suchen. Als diese der Spur nicht nachgeht, macht er sich auf die Reise Richtung England. Big George hat Geld veruntreut und glaubt nun, mit seinem Kind ein neues Leben anfangen zu können. Aber Moll wehrt sich gegen den Fremden, sie fasst kein Vertrauen zu ihm und sie bringt ihn dazu, seine größte Schwäche zugeben zu müssen. Er kann nicht lesen.

Nach dem Unfall spürt Margaret, die viel zu schnell wieder arbeiten geht, dass sie diesen Mann, der ihr das Leben gerettet hat, finden muss. Sie recherchiert in den Aufzeichnungen ihrer bereits verstorbenen Mutter nach Hinweisen auf ihre Kindheit. Sie weiß, dass etwas geschehen ist, aber sie kann sich nicht erinnern. Ein Schweigen erschien den Eltern damals eine Linderung für die möglicherweise erlittenen Übergriffe, über die Margaret nicht reden konnte. Als das Kind zu den Eltern zurückkehrte, verweigerte sie jegliches Gespräch und schwieg selbst ein halbes Jahr.
Nach und nach kehrt die Erinnerung zu Margaret zurück, sie findet den im Koma liegenden Maxwell Brown, dem sie danken möchte.

Psychologisch nachvollziehbar erzählt die Autorin von völlig gegensätzlichen Menschen, die über eine gewisse Zeit sich annähern, einander beeinflussen und wieder verlieren. Das Kind Moll beginnt ihrem Vater auf der Flucht das Lesen beizubringen. Unbewusst wird dieses auch traumatische Kindheitserlebnis ihre weiteres Leben beeinflussen. Aber auch Big George zieht aus dieser kopf- wie gedankenlosen Odyssee mit seiner Tochter durch England, die dramatisch enden wird, Positives. Wie diese beiden Menschen sich wiederfinden und erneut verlieren, liest sich spannend, berührend und vor allem sehr unterhaltsam.

Bretonisches Leuchten – Kommissar Dupins sechster Fall

Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Leuchten – Kommissar Dupins sechster Fall, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2017, 312 Seiten, €14,99, 978-3-462-05056-1

„ Er hatte einfach Pech gehabt. Und Dupin Ferien.“

Georges Dupin und seine Freundin Claire, die nun mittlerweile auch in der Bretagne heimisch wird und als Kardiologin am Krankenhaus unentbehrlich scheint, verbringen gemeinsame Ferien, ebenfalls in der Bretagne, in Trégastel, bekannt für seine rosa Felsen. Vierzehn lange wunderbare Tage am Meer, lang schlafen und ausspannen, für Dupin, den Frühaufsteher, ein Tortur. Das Highlight des Tages sind die exzellenten Gerichte der Hotelküche. Empfohlen wurde das Hotel natürlich von Dupins Assistentin Nolwenn, die der Chef nun vor Langerweile ständig anruft. Allerdings geschehen auch in verträumten Urlaubsorten so einige dubiose Dinge bis hin zum Mord. Dupin jedoch kann sich nicht einmischen, denn diese Gegend gehört nun mal nicht zu seinem Kommissariat. Aber er kann einfach gar nicht anders, zumal der Ermittler vor Ort angeblich unfähig ist. Nach und nach werden ihm zum einen vom Hoteleigner, aber auch der Besitzerin des Kiosks, in dem Dupin seine Zeitungen kauft, Informationen zugetragen. Da wurde im Eifel-Haus eingebrochen, ( Immer wieder streut der Autor interessante Infos einem Reiseführer gleich über den „schönsten Ort Frankreichs“ und die Bretagne allgemein ein und erzählt von Dupin, der sich am liebsten die Selbsttestfragen in der Rubrik „Bist du ein Bretone?“ durchliest. Als aus Paris zugereister arbeitet er wirklich hart an seiner Bretonisierung. ) und eine Skulptur wird aus einer Kirche entwendet. Möglicherweise harmlose Fälle. Auf eine Abgeordnete wird nach einem Aufstand der Bauern ein Anschlag verübt. Ein Mordanschlag oder doch nur eine Drohung, schon interessanter. Ein Gast aus dem Hotel verschwindet nach einem erneuten Streit mit dem um Jahre älteren Gatten, viel interessanter. Und dann plötzlich – eine Tote. Dupin kann einfach nicht den ganzen Tag auf einem Handtuch sitzen und den Fall seinem unfähigen Kollegen überlassen. Hinzu kommt, dass die Zuträger wichtigster Informationen im Ort über beste Kontakte zur hiesigen Polizei verfügen. So ist der Frisör der Onkel von Inés, der Gendarmin. Hotelbesitzer, Kioskbetreiberin und Frisör sind ebenfalls eine eingeschworene Gemeinschaft, alle gingen einst in dieselbe Klasse. Konspirativ füttern sie nun den Ermittler, der ja offiziell im Urlaub ist, mit Fakten, die er eigentlich gar nicht wissen darf.
Und so rücken nach und nach Personen in den Mittelpunkt der immer ausufernden Handlung, die möglicherweise mit den Morden, es folgen noch mehr, zu tun haben könnten. Dupin macht sich so seine Notizen, wird natürlich von seinem polizeilichen Gegenspieler enttarnt und bedroht und muss auch noch entdecken, dass auch seine Freundin Claire sich auf ihrem Handtuch am Meer nicht nur ausruht. Aber Dupin bleibt der gewiefte Taktiker, lässt sich nichts anmerken und streckt seine Fühler sogar nach Paris aus.
Am Abend finden sich die harmlosen Urlauber zu gutem Wein und wunderbarem Essen. Dupin ist längst nicht mehr so mürrisch und Claire freundet sich mit den kleinen Fluchten ihres Lebenspartners an.

Und so klärt der fremde Commissaire im Urlaubsort nicht nur einen raffiniert eingefädelten Mord und gleich noch einen Mord dazu auf, sondern auch eine Urkundenfälschung, einen Betrug, eine Erpressung und einen harmlosen Diebstahl. Stolze Leistung, für die er nicht mal die Lorbeeren einheimst.
Erstaunlich leicht lesen sich die Fälle des Georges Dupin, vielleicht auch weil es gerade in diesem Roman so menschelt. Da nimmt die Gendarmin ein Telefonat am frühen Nachmittag entgegen, weil bei einer hochbetagten Frau wiedermal eingebrochen wurde. Aber sie weiß, dass das nicht der Fall ist. Sie besucht die einsame Frau, verbringt Zeit mit ihr und isst auch noch zu Abend. Und wie berührend – nicht nur sie, auch der angeblich so unfähige Kollege geht auf dieses Spiel der alten Dame ein. Besonders komisch sind die Passagen, in denen Dupin mit wichtigen Details vertraut gemacht wird und jeder rund um das Hotel immer weiß, wie der Tagesplan des Ermittlers, der ja nun wirklich Ferien macht, aussieht. Hinzu kommen die Schilderungen von Land, Leuten und Geschichte des Landstriches, in dem Dupin sich erholt und gleichzeitig arbeitet.

Gelüftet wurde nun, auch wenn es nie richtig bestätigt wurde, wer wirklich hinter dem Autor Jean-Luc Bannalec steckt. Gemunkelt wurde schon immer, es sei jemand aus der Verlagsbranche. Es ist Jörg Bong, der Programmgeschäftsführer des S. Fischer Verlags in Frankfurt am Main.

Der nächste Krimi mit Georges Dupin lässt hoffentlich nicht so lang auf sich warten. Als Strand- oder Ferienlektüre ist dieser 6. Band für Krimifans ein Muss!

Der letzte Befehl – Ein Jack-Reacher-Roman

Lee Child: Der letzte Befehl – Ein Jack-Reacher-Roman, Aus dem Englischen von Wulf Berner, Blanvalet Verlag, München 2017, 448 Seiten, €16,99, 978-3-7645-0506-6

„Ich ging mit strubbeligem Haar und kratzigem Bart früh ins Bett. Die Uhr in meinem Kopf weckte mich um fünf, zwei Stunden vor Tagesanbruch, am Freitag, dem 7. März 1997. Dem ersten Tag meines restlichen Lebens.“

Mit seinen Thrillern über die Abenteuer des knallharten ehemaligen Militärpolizisten Jack Reacher ist Lee Child bekannt geworden. Unter diesem Pseudonym schreibt der in Coventry geborene Jim Grant seit beinahe 20 Jahren an seiner Serie. Seit 1997 setzt sich Lee Child jedes Jahr am 1. September an den Schreibtisch und beginnt mit einem neuen Jack-Reacher-Roman.
Der nun vorliegende Band ist ein sogenanntes Prequel, sozusagen wie alles begann. Seiner Position nicht sonderlich sicher, bewegt sich der erfahrene Jack Reacher, Mitte Dreißig, im Pentagon. Undercover soll er 1997 in den Süden des Landes in die Stadt Carter Crossing, Mississippi als Zivilist reisen und recherchieren. Zeitgleich wird ein Armeeangehöriger in den Stützpunkt Fort Kelham vor Ort gesendet. Beide agieren unabhängig, um den Tod der siebenundzwanzigjährigen Janice May Chapman aufzudecken. Es besteht der Verdacht, dass ein Armeeangehöriger die junge Frau auf bestialische Weise getötet haben könnte. Reacher soll die Cops in der Stadt überwachen und den Täter, der hoffentlich ein Zivilist ist, stellen.

Doch Jack Reachers Tarnung fliegt ziemlich schnell auf, denn Sheriff Elizabeth Deveraux, der Reacher letztendlich nicht widerstehen kann, erkennt, wen sie vor sich hat.
Vor Ort wird klar, dass nicht nur eine Frau wie ein Tier ausgeweidet wurde, sondern drei. Allen hat der Mörder die Kehle fachmännisch durchtrennt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie bildschön waren, nur Chapman war weiß. Reacher schaut sich die Leiche von Chapman an, er sieht den angeblichen Tatort und erkennt, dass die Polizei entweder nicht arbeiten wollte oder konnte. Immer seinen Befehlsgeber im Nacken, stellen sich viele Fragen. Warum wurde gerade Chapman ermordet, wer war sie überhaupt? Was hat die Armee zu vertuschen? Als Reacher hinter die wahre Identität der jungen Frau gelangt, ergibt sich auch ein Motiv für den Mord und der Grund, warum die Regierung und die Armee keine öffentliche Klärung des Falls anstrebt. Reacher wird für Gerechtigkeit auf seine Weise sorgen und sich somit selbst aus dem Armeedienst entlassen.

In gewohnter gut durchdachter Reacher-Manier blättert Lee Child den Fall auf und offenbart die korrupten Machtstrukturen, die sich tief verfestigt haben. Wie immer muss sich Reacher mit den ortsüblichen, tätowierten Idioten auseinandersetzen, aber das ist dann schon eher ein Running Gag.
Lee Child hat mit seiner Hauptfigur Jack Reacher (Verfilmung mit Tom Cruise) eine Heldenfigur geschaffen, die in den folgenden Bänden fast ohne Identität und technischen Hilfsmitteln für Gerechtigkeit sorgen wird.
Wer wissen will, woher Jack Reacher kommt und was ihn aus der beruflichen Bahn geworfen hat, sollte diesen Roman lesen, der mit den wunderbaren Worten endet:

„Ich wählte die nächste Ausfallstraße, stellte den Fuß auf den Randstein und einen auf die Fahrbahn und reckte die Daumen hoch.“

Zeithain

Michael Roes: Zeithain, Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2017, 803 Seiten, €28,00, 978-3-89561-177-3

„Vielleicht muss ich mir Hans Katte eher als eine Art Punk vorstellen, als einen Rebellen aus einem privilegierten Elternhaus, der seine adlige Herkunft verachtet, ihr am Ende aber nicht entkommt. Einer, der sich mit Musikern, Malern, Schaustellern herumtreibt, am liebsten selbst einer von ihnen wäre, ein Freigeist, ein Ketzer, Künstler.“

Jeder, der sich irgendwann mit Preußen und Friedrich dem Großen beschäftigt, stößt auf die Namen von Katte und von Keith. Überliefert ist, dass Katte dem Kronprinzen bei der Flucht vor seinem prügelnden Vater helfen wollte und dafür mit nur 26 Jahren im Jahr 1730 in Küstrin geköpft wurde. Von Keith konnte sich nach England absetzen.

Doch wer war dieser Hans Hermann von Katte? Wie hat er gelebt und wie wurde er zum Vertrauten des verzweifelten Kronprinzen?
Michael Roes verfasst keine Biografie, sondern nähert sich seiner historischen Figur auf zwei Ebenen. Zum einen lässt er Katte selbst erzählen und gewährt dem Leser somit einen genauen Blick ins 18. Jahrhundert, zum anderen verfolgt in unserer Zeit Philip Stanhope, ein entfernter Vorfahre vom Grafen von Chesterfield, Kattes Lebensweg. Er findet angeblich sieben Briefe, die Lieutnant von Katte an seine Tante Ehrengard Melusine von der Schulenburg, die Mätresse von Georg II., König von England, geschrieben haben soll. Auf seiner Kavaliersreise hatte von Katte sie in London besucht, ein kurzzeitiger Lebensabschnitt, in dem er sich frei fühlen durfte.

Wenn der Leser sich durch alle möglichen verwandtschaftlichen Zuordnungen gelesen hat und diese ausführlichen Beschreibungen hoffentlich überstanden hat, landet er mitten in Kattes Reflexionen. Geboren wurde Hans Hermann von Katte 1704 in Wust, einem kleinen märkischen Dorf. Seine Mutter stirbt, da ist der Junge drei Jahre alt. Eine Großteil seiner Kindheit verbringt Katte bei seinem geliebten, ziemlich toleranten Großvater Alexander Herman Graf von Wartensleben in Berlin, im Herzen der Stadt Unter den Linden. Der nüchterne und vor allem strenge Vater ist als Kriegsarbeiter und Offizier im Dienst der preußischen Herrschaft viel unterwegs. Zurück in Wust erinnert sich Katte an seine Kindertage hier, an die Dorfjungs, die Spiele, seine Privatlehrer und seine Leidenschaft für die Flötenmusik. Skeptisch betrachtet der Vater die Interessen des Sohnes, dessen klarer Weg ohne Ausflüchte zum Militär führen wird.

Verweilt man noch an Kattes Seite, beschreibt Philip Stanhope parallel dazu das heutige Berlin, Wust, später dann Halle und alle Stationen, die Katte durchlaufen hat.
Fährt man durch Halle sieht man in großen Lettern den Hinweis auf die Franckeschen Stiftungen.
Ein Zögling des Pastors Francke, der weder die Musik noch das Theater für gut hieß und für eine rigide Disziplinierung der Schüler und drakonische Strafen eintrat, war der 13-jährige Katte. Eigenes Denken war im Pädagogischen Regium nicht erwünscht, Lehrsätze sollten ohne Kenntnisse des Inhalts einfach nur auswendig gelernt werden, heuchlerische Frömmigkeit und ein pietistisches Regiment herrschen. Nach einer sehr harten Zeit, jeder Schüler unterliegt einer Hackordnung und Katte wehrt sich durch Prügelattacken gegen jede Demütigung, findet er langsam Anschluss an die Jungen und Freunde, die er sogar an seinem letzten Tag sehen wird.

Hier in Glauchau wird Katte Friedrich zum ersten Mal sehen, einen acht bis neunjährigen Jungen in eine Uniform gezwängt.
Was beide, Katte und Friedrich, verbinden wird, ist die Liebe zur Musik und der Hass auf die emotionslosen, kontrollsüchtigen Väter, denen der militärische Dienst über allem steht. Katte durchläuft ab seinem siebzehnten Lebensjahr ein langweiliges Studium der Rechte in Königsberg, wo auch Kattes Vater als Stadtkommandant stationiert ist. Philip wird Kaliningrad besuchen. Von Blattern gezeichnet wird Katte auf der Grand Tour erleben, wie sein mitreisender Tutor bei einem Überfall ermordet wird. Mit schweren Verletzungen entgeht Katte dem Tod und reist weiter ins ungastliche London. Zurück in der Mark Brandenburg sehnt er sich nach der Freiheit, die für ihn nun in weiter Ferne liegt. Als Leibgardist des Königs und Cornett bei den Gens d’armes fühlt er sich wie eingesperrt. Doch dann wird Katte den jungen Friedrich in Mathematik unterrichten, ihn kennenlernen und somit seinem Schicksal nicht mehr entgehen können. Die große Armeeshow in Zeithain mit August dem Starken und dem Soldatenkönig, beide rund und wohlgenährt, beginnt und Kronprinz Friedrich, dem alles Militärische verhasst ist, denkt an Flucht Richtung Frankreich, England.

Michael Roes ist ein betörender Schriftsteller, der szenisch genau beschreiben und atmosphärisch dicht erzählen kann. Als Leser schaut man Katte über die Schulter, man spürt die brutale Gewalt in der Frankeschen Erziehungsanstalt geradezu körperlich, die Kälte und Distanz des Vaters von Hans, die Einöde und Ruhe in Wust, das verdreckte Paris oder die kindlich homoerotische Zuneigung des jungen Friedrich. Der Exkurs in die Vergangenheit, das mag Geschmackssache sein, ist um Längen interessanter als die Besuche von Philip im gegenwärtigen Europa. Möglicherweise ist Kaliningrad noch eine Entdeckung, aber letztendlich hat die Stadt all ihren auch intellektuellen Glanz verloren.
Exzellente Recherche paart sich in diesem Roman mit unbändiger Erzähllust, die manchmal auch nur andeutet und nie alles bis ins letzte interpretiert, in einer der Zeit angepassten Sprache.

Dann schlaf auch du

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du, Aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, Seiten, €15,99, 978-3-630-87554-5



„Paul und Myriam verbannen sie hinter Türen, die sie am liebsten einschlagen würde. Sie hat nur einen Wunsch: Teil ihres Lebens zu sein, ihren Platz zu finden, sich dort einzunisten, ein Nische zu graben, einen Bau, ein warmes Eckchen. Manchmal fühlt sie sich bereit, ihr Stück Land einzufordern, dann wieder verlässt sie die Energie, Kummer erfasst sie, und sie schämt sich, auch nur irgendetwas geglaubt zu haben.“

Ausgezeichnet wurde die französisch-marokkanische Autorin von “Chanson douce” mit dem
Prix Goncourt 2016. Leïla Slimani beginnt ihren Roman mit einem Satz, der bereits das Blut erstarren lässt: „Das Baby war tot.“ Von Anfang an weiß der Leser, dass sich eine schreckliche Tragödie zutragen wird. Leïla Slimani begleitet ihn auf dem Weg zur Katastrophe und verbirgt doch so vieles zwischen den Zeilen.

Myriam und Paul, sie hat gerade ihr Jurastudium abgeschlossen, er beginnt eine hoffnungsfrohe Karriere in der Musikbranche, haben zwei Kinder, Mila und Adam. Fühlte sich Myriam mit Mila allein zu Hause noch ganz wohl, so stürzt das zweite Baby sie eher in einen existentielle Krise. Die Familie Massé lebt in einer guten Pariser Gegend in einer kleinen Wohnung. Per Zufall trifft die ziemlich von den Kindern genervte und geschlauchte Myriam einen alten Kommilitonen, der ihr Arbeit in seiner Kanzlei anbietet. Wenn Myriam Paul überreden kann, dann suchen sie sich ein Kindermädchen und Myriam wäre wieder frei für den Arbeitsmarkt. Groß ist Myriams Sehnsucht fern der Alltagsschwierigkeiten, wieder als sie selbst auftreten zu können. Mila ist ein anstrengendes, mürrisches Kind, Paul hält sich aus allem raus und die Schwiegermutter sieht nur die negativen Seiten.
Über eine Empfehlung finden die Massés Louise, eine schmale aber kräftige Frau in den Anfang vierziger Jahren. Sie ist die perfekte „Mary Poppins“, die sich unentbehrlich macht. Bei Louise schläft Adam durch, Mila lässt sich von Louises Geschichten gefangen nehmen, sie spielt mit den Kindern mit Ausdauer und Freude. Auch wenn die Massés manchmal ein schlechtes Gewissen haben, Louise ist alles gleichzeitig Kinderfrau, Putzfrau, Köchin und Vertraute, zumindest für Myriam. Doch wie wollen Paul und Myriam eigentlich wissen, mit wem sie da unter einem Dach wohnen? Louise beginnt auch bei der Familie ab und zu zu übernachten, wenn die Eltern aus sind oder lang arbeiten. Langsam baut sich die Kinderfrau ein kleines Nest mitten in der Familie, denn Louise ist ein einsamer, schüchterner Mensch, der sich nach Zuneigung und Liebe sehnt. Seit dem Tod ihres vulgären Mannes, der ihr nur Schulden hinterlassen hat, wohnt sie möbliert und weit fort von der Wohnung der Massés. Ihre Tochter ist einfach als Teenager verschwunden. Ob sie noch lebt oder wirklich in Südfrankreich glücklich geworden ist? Wer weiß?
Myriams Schwiegermutter findet nur beißenden Spott für die Kinderfrau und in den Gesprächen mit den Freunden schleicht sich immer wieder auch ein latenter Rassismus ein.

Louise übernimmt nach und nach den Haushalt der Familie, sie richtet liebevoll und ideenreich die Geburtstage der Kinder aus, sie bekocht die Familie, sogar die Freunde der Familie und sie genießt diese Rolle der Unentbehrlichen und Unsichtbaren, die sogar die getragenen Kleider von Myriam erbt. Scheint Myriam sie mit einer gewissen Herablassung zu betrachten, so vertraut sie ihr doch über einen langen Zeitraum das Wertvollste in ihrem Leben an.

Ab und zu jedoch schimmert auch Louises Hilflosigkeit und Ängstlichkeit durch. Paul entwickelt langsam eine Abneigung gegen ihre altmodischen Erziehungsmethoden, ihre Unsicherheit und ihr „Ohrfeigengesicht“. Diese wird noch verstärkt als ein Brief vom Finanzamt bei den Massés ankommt, der bestätigt wie schlecht Louises finanzielle Situation ist. Myriam bietet ihr zwar ihre Hilfe an, gibt aber auch auf als Louise ihr nicht entgegenkommt. Dem Leser wird nach und nach klar, das Louise keine eigenes Leben hat, sie konzentriert sich auf die Kinder, die sie so vergöttert, und hängst doch auch völlig unrealistischen Träumen nach.
Als die Familie sie zu einem Urlaub auf eine griechische Insel mitnimmt, denkt sie im Nachhinein, hier könnte sie sie selbst sein, hier könnte sie leben und sich um niemanden kümmern.

Louises offenbare Schwierigkeiten führen auch zu einem distanzieren Verhältnis zu Myriam, der die Kinderfrau ganz direkt Verschwendung und Unachtsamkeit vorwirft. Dabei hat Myriam Louise, der sie immer mehr aus dem Weg geht, befohlen, den Kindern keine abgelaufenen Lebensmittel zu geben. Langsam macht sich in der engen Wohnung ein Gefühl der Unbehaglichkeit breit und die Massés beschließen, wenn Adam in den Kindergarten geht, Louise nach den Ferien zu kündigen. Louise jedoch verkennt die Lage und glaubt, wenn Myriam ein drittes Kind bekäme, könnte man auf sie nicht mehr verzichten.

Mit dem Wegfall der Großfamilien entsteht für qualifizierte Frauen ein Konflikt, mit dem sie klarkommen müssen, Arbeit oder Kinder, und mit Kindern der qualvolle Spagat zwischen Erziehung und Berufstätigkeit. Ist der Mann, so wie Paul, eher außen vor und nur auf sich und seine Karriere orientiert, dann bleibt alles an Myriam hängen. Gesellschaftlich ein Problem in Frankreich wie in Deutschland. Wem kann man seine Kinder anvertrauen? Wie nah kommt dieser Mensch der Familie, welche Aufgaben übernimmt er und vor allem, wie genau sollte man ihn kennen?
Und hätten Myriam und Paul erkennen können, was wirklich in Louises Kopf vor sich geht?
Wäre diese Katastrophe vermeidbar gewesen?

Leïla Slimani berichtet neben den Alltagsgeschichten der Familie und Louises Schicksal sehr sparsam von den Menschen, mit denen Louise Kontakt hatte. Der Prozess wird erwähnt, aber nur peripher. Der Leser betrachtet aus seiner Perspektive Louises Gedankenströme, erfährt etwas aus Myriams Sicht und setzt sich so sein Bild von den genau gezeichneten Figuren und ihrem Verhältnis zusammen. Angelehnt ist die Geschichte an ein wahres Verbrechen in New York, wo 2012 Yoselyn Ortega, die 50-jährige Kinderfrau, die ihr anvertrauten Kinder in ihrer Badewanne erstochen hat.

Berührend und bedrückend zugleich ist die Handlung dieses Buches, das man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite nicht aus den Händen legen kann.

Wir Strebermigranten

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten, Carl Hanser Berlin, Berlin 2017, 221 Seiten, €16,99, 978-3-446-25683-5

„Selbstverständlich gehörten sie nicht zu den ‘vielen Ausländern’. Sie waren ja Turbodeutsche. Den deutschen Pass, den eingedeutschten Namen hatte sie auf dem Silbertablett serviert bekommen. Das Polnische hatten sie abgestreift.“

Emilia Smechowski verlässt 1988 mit ihren Eltern, beide sich ausgebildete Ärzte, ihren grauen Heimatort in der Nähe von Gdansk. Ihr vorgeblich geplanter Urlaub in Rimini endet in einem Aufnahmelager in Berlin. Emilka, dann Emilia ist fünf Jahre alt und wird durch den unbedingten Anpassungswahn ihrer Eltern die Muttersprache langsam verlernen. Als ihre eigene Tochter geboren wird, besucht sie einen Kurs, um ihre Polnischkenntnisse aufzufrischen.

Ihre autobiographische Erzählung jedoch beginnt die Autorin mit einem Paukenschlag. Als 16-Jährige verlässt sie ihre Eltern und das verhasste Haus, das nun als Statussymbol zeigen soll, was man als Bürger polnischer Herkunft, als eigentlicher Wirtschaftsflüchtling, schaffen kann. Dabei sind Emilia und ihre Eltern auf dem Papier gar keine Polen, sondern wurden als Aussiedler anerkannt. Einst hatte der Uropa sich auf der Liste der Nazis zu seiner „deutschen Volkszugehörigkeit“ bekannt und dafür in der Wehrmacht gekämpft. Diese historische Tatsache ist nun der Freibrief für die umbenannten Smechowskis, im bunten Kapitalismus ein besseres Leben zu führen. Doch um welchen Preis? Abducken, unsichtbar sein, nicht polnisch sprechen, schnell Deutsch lernen, schnell aus der Sozialsiedlung in ein eigenes Haus, schnell assimilieren und bloß nicht auffallen. Die Kinder mussten die besten sein, besser als die Deutschen. Wenn die Mädchen, mittlerweile sind es drei, nicht funktionieren, droht der Vater mit erniedrigenden Konsequenzen, das heißt ein harter Griff um die Handfesseln und Schläge auf den Hintern, auch bei Emilia als Teenager. Die Eltern schämen sich für die polnische Herkunft, die allerdings in einer noch so perfekt antrainierten deutschen Sprache hindurchklingen muss. Nach und nach verändern sich die Eltern, sie werden zu hart arbeitenden Menschen, die ihren unbedingten Leistungswillen auf die Kinder übertragen, die nur geliebt werden, wenn sie den hohen Erwartungen entsprechen.

Interessant sind die aktuellen Bezüge, die die Autorin einfließen lässt. So sind die Polen die zweitgrößte Migrantengruppe neben den Türken, allerdings ohne wirklich klare Sichtbarkeit.
Im Vergleich zu den Syrern oder Irakern sind die Polen die „Premiumsflüchtlinge“. Die deutsche Staatsbürgerschaft mussten sie nicht durch Aufnahmeprüfungen oder diverse Nachweise hart erkämpfen, sie bekamen sie einfach.

„Die ersten Polen, die ich in der deutschen Öffentlichkeit wahrnahm, im Fernsehen, in Zeitungen, waren Miro und Poldi. Da lebte ich schon mehr als zwanzig Jahre in Deutschland.“

Mit einem Augenzwinkern und diversen, zugegeben komischen Polenwitzen beleuchtet die Autorin auch die Vorurteile und das arrogante Verhalten, gerade der Ostdeutschen nach dem Mauerfall, gegenüber den Polen. Wobei die polnischen Einwanderer, die nicht die Nähe ihrer Landsleute suchte, damit klarkommen mussten, dass sie nun trotz deutschem Pass Ausländer unter Ausländern, wie den Türken, Asiaten oder Arabern, waren.
Immer wieder kehrt die Autorin zu ihrer Familie zurück und erzählt, bereichert auch durch die Erinnerungen ihrer Eltern, die längst geschieden sind, wie das Leben in Westberlin und der späteren Hauptstadt Deutschlands war. Auch wenn die Familie ehrgeizig ihr Deutschsein pflegte, so waren die Weihnachtsfestlichkeiten doch die Ausnahme. Kein Kartoffelsalat mit Würstchen landete auf dem Familientisch, sondern ein stattliches Zehn-Gänge-Menü.

Der schnelle materielle Reichtum sorgte bei den Smechowskis nicht für familiären inneren Frieden, vom Ehrgeiz zerfressen, gewähren die Eltern ihren Kindern keinen individuellen Freiraum und kappen jegliche Träume. Dagegen wehrt sich die Autorin vehement und erarbeitet und erkämpft sich willensstark auch als Lebenskünstlerin ihren Weg zuerst zur Opernsängerin, dann zur Journalistin. Und Emilia Smechowski sucht nach ihren polnischen Wurzeln.

„Manchmal steht, wer glaubt, sich entscheiden zu müssen, am Ende verloren da. Assimilation ist kein Ankommen, es ist ein Versteckspiel. Ich stand kurz vor meinem 27. Geburtstag und ich hatte das Verstecken satt.“

In einer Mischung aus Ernsthaftigkeit, aber auch Humor erzählt Emilia Smechowski eloquent, ehrlich und unterhaltsam ihre persönliche Familiengeschichte. Sie zeigt dem deutschen Leser die Sichtweisen, in diesem Fall der polnischen Einwanderer, die heute anders als vor gut dreißig Jahren
ihren kulturellen Hintergrund verleugnen wollten und vielleicht auch mussten, um anzukommen.
Parallel denkt man natürlich auch an die syrischen Asylsuchenden und ihre Chancen im Vergleich zu den polnischen Migranten. Und es stellt sich zwischen den Zeilen die Frage: Wie kann ein gutes Miteinander in Zeiten funktionieren, in denen sich Staaten, allen voran Polen, abschotten, auf Nationalismus setzen und weigern muslimische Flüchtlinge aufzunehmen? Das Gefühl der inneren Zerrissenheit der Autorin bleibt bis zum Ende spürbar, die Entdeckung der polnischen Kultur und Sprache jedoch wird als Gewinn verbucht und darum kann man sie nur beneiden.

Die Taufe

Ann Patchett: Die Taufe, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Thiesmeyer, Berlin Verlag, München 2017, 391 Seiten, €22,00, 978-3-8270-1344-6

„Wie schwerwiegend und falsch es gewesen war, weiterzugeben, was nicht ihr gehörte. Klar gewesen war ihr das im Grunde von Anfang an, aber sie hatte nichts darauf gegeben.“

Zu Beginn ist der Einstieg in diese Romanhandlung, die zeitlich immer wieder versetzt erzählt wird, nicht ganz einfach, denn es dauert eine Weile, ehe man die zahlreichen Figuren einander zuordnen kann. Zum einen ist da die Familie Keating, das sind Fix und die attraktive Beverley mit ihren Mädchen Caroline und Franny, zum anderen die Familie Cousins, das sind Bert und Teresa und ihre vier Kinder: Cal, Holly, Jeanette und Albie. Auf der Taufe von Franny in Kalifornien werden sich Bert und Beverly begegnen und ineinander verlieben. Sie lassen sich scheiden und beginnen ein neues Leben in Virginia.

Nach einem hart umkämpften Prozess, den Bert als Jurist mit guten Kontakten gewinnt, verbringen seine Kinder, die bei der Mutter geblieben sind, den gesamten Sommer in Virginia. Das Problem ist nur, dass Bert, auch bereits in der Zeit mit Teresa, sich nie um seine Kinder gekümmert hat. Sie waren ihm zu laut, zu chaotisch, einfach zu anstrengend. Wenn die vier Kinder mit dem Flugzeug anreisen, ab 1971 dürfen sie ohne Begleitung fliegen, deckt er sich dermaßen mit Arbeit ein, dass alles an der widerwilligen Beverley hängen bleibt. Wenn ihre eigenen Töchter dann verheult und aggressiv gestimmt von ihrem Vater Fix, der sich extra immer Urlaub für seine Mädchen nimmt, zurückkehren, ist das Haus voll. Alle sechs Kinder jedoch sind sich selbst überlassen. Niemand mag Beverley, die sich immer wieder zurückzieht, weder ihre eigenen Töchter noch die vier Stiefkinder. Nur Franny versucht ausgleichend zu wirken. Das große Sorgenkind ist der Kleinste, Albie. Er ist hyperaktiv, singt pausenlos, buhlt um Aufmerksamkeit und ist enorm nervig. Werden die Kinder in Berts Gegenwart frech, dann verteilt er Ohrfeigen.

„Statt das Abendessen in Schalen und Schüsseln auf den Tisch zu stellen, wie es das ganze Jahr üblich war, bestand die Mutter darauf, dass sich die Kinder nach Alter geordnet in der Küche aufstellten und mit ihrem Teller an den Herd kamen, um sich ihr Essen abzuholen. Es war, als würden sie im Sommer aus der zivilisierten Welt in die Waisenhausszenen aus Oliver Twist versetzt.“

In diesen unbehüteten Sommern passieren viele gute Sachen, in denen die Kinder zusammenhalten. Aber es geschieht auch ein Unglück, dass die Kinder bis ins Erwachsenenleben verfolgen wird und worüber nie ehrlich gesprochen wird. Cal kommt ums Leben, was zum einen mit seiner Bienenallergie zu tun hat, aber auch mit Albie. Als Franny Jahre später nach ihrem abgebrochenen Jurastudium in einer Bar jobbt, lernt sie einen Schriftsteller kennen. Auch wenn dieser ihr Großvater sein könnte, beginnt sie mit ihm eine langjährige Beziehung. Sie erzählt ihm die turbulenten Familiengeschichten der Keatings und Cousins und er schreibt das Buch im Buch, den erfolgreichen Bestseller „Die Taufe“. Niemals soll diese Geschichte verfilmt werden, was später dann doch geschehen wird.

Als Albie, der sich lange Zeit herumgetrieben hat, bei seiner Schwester Jeanette in Brooklyn untertaucht, entdeckt er das zerfledderte Taschenbuch und ein Geheimnis, dass seine Geschwister gehütet haben. Er reist zu Franny nach New York und stellt sie zur Rede.

Zeitlich springt Ann Patchett innerhalb der Handlung hin und her. Aus Kindern werden Erwachsene und auch hier erzählt die Autorin ausführlich von den unterschiedlichen Schicksalen der einzelnen Figuren. Bert wird Beverly verlassen, aber Cals Tod ist nicht unbedingt die Ursache. Beverly wird wieder heiraten und noch einen Schwung Stiefsöhne bekommen. Teresa, die ihr Leben lang beruflich tätig war, genießt ihren Ruhestand und wird am Ende am innigsten von Albie, der als Jugendlicher sogar eine Schule abgefackelt hatte, umsorgt.

Lebensnah, komisch wie ernst berichtet Ann Patchett von diesen zwei Familien. Immer wieder taucht Taufkind Franny auf, das in gewisser Weise durch ihre Indiskretion die Fäden zieht. Hätte sie nicht geplaudert, wären die Stiefgeschwister vielleicht gar nicht mehr zusammengekommen. Rührend ist die Nähe der Töchter zu ihrem krebskranken Vater Fix, distanziert, aber nicht kontaktlos ist die Beziehung der anderen vier zu Beverly und Bert.
Was wäre wenn, …. wenn die Vergangenheit anders verlaufen wäre, wenn Beverly nicht so schön gewesen wäre, wenn Bert keinen Gin zur Taufe mitgenommen hätte, wenn er seine Kinder mehr geliebt hätte…..

Wer Familiengeschichten ohne Pathos und mit nachvollziehbaren, realistischen Konflikten mag, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Into the Water

Paula Hawkins, Into the Water. Traue keinem. Auch nicht dir selbst., Aus dem Englischen von Christoph Göhler, Blanvalet Verlag, München 2017,480 Seiten, €14,99, 978-3-7645-0523-3

„Das war die Nacht, in der Katie ins Wasser gegangen ist. Ohne es zu wollen, hat Mum ihr den entscheidenden Stoß versetzt. Und damit hat Katie wiederum Mum den entscheidenden Stoß versetzt.“

Aus verschiedenen Perspektiven von wirklich sehr vielen Personen beginnt diese Geschichte voller Geheimnisse, die sich der Leser nach und nach zusammenreimen muss, wenn er nicht bereits nach fünfzig Seiten ausgestiegen ist. Jules erzählt von ihrer verhassten Schwester Nel, die immer noch am Ort ihrer Kindheit lebt, in Nordengland. Berichtet wird von Katie, sie ist fünfzehn Jahre alt und die beste Freundin von Lena, Nels Tochter. Niemand weiß, warum sich dieses begabte, junge Mädchen im Drowning Pool, einer besonders tiefen Stelle am Fluss, das Leben genommen hat. Nel als Fotografin war geradezu besessen von den “unbequeme Frauen”: Hexen, Ehebrecherinnen, aufsässige Teenager, die ertrunken sind. Katies Bruder Josh ahnt es, Lena weiß es – aber alle schweigen. Louise, die Mutter von Katie, sucht verzweifelt nach einem Grund für diesen sinnlosen Tod. Doch dann ist auch Nel im Fluss von Beckford, Newcastle, ums Leben gekommen und Jules sieht zum ersten Mal ihre wütende, ständig fluchende Nichte Lena und erinnert sich an die Kindertage mit ihrer um vier Jahre älteren boshaften Schwester Nel. Jules hatte den Kontakt seit fünfzehn Jahren abgebrochen und nun kann nichts mehr geklärt werden. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf und auch hier erzählen Erin und Sean als Polizisten von den Geschehnissen. Außerdem kommt Mark, ein Lehrer der Mädchen zu Wort und weitere Personen aus Beckford.
Mehrere Themen drängen sich in den Vordergrund. Warum musste Katie sterben? War Nels Tod, die doch eine ausgezeichnete Schwimmerin war, ein Unfall oder gar Mord? Wie kommt Jules mit Lena, für die sie nun die Verantwortung übernehmen muss, klar?

Jules liest die Aufzeichnungen über die Frauen, die es zum Wasser gezogen hat, von Nel. Sie fragt sich, warum ihre Schwester sind in den letzten Tagen vor dem Tod ständig angerufen hat und sie nicht antworten konnte. Sie ahnt, wer Lenas Vater sein könnte und hasst doch die Vorstellung, diesen Mann, der sie als Dreizehnjährige vergewaltigt hat, wiederzusehen. Wusste Nel, was dieser Freund ihr angetan hatte?

Kein Who-done-it-Krimi, aber auch kein psychologisch interessanter Plot ist Paula Hawkins nach ihrem erfolgreichen Debüt „Girl on an Train“ gelungen. Keine der Figuren ist wirklich gelungen, keine ist tiefgründig oder widersprüchlich gezeichnet, vielleicht vom Teenager Lena abgesehen.

Alle Figuren, insgesamt elf, umkreisen nur die unheimliche Geschichte von Schuld, Gewissensbissen, Geheimnissen, Abhängigkeiten und Gewalt. Jede Erkenntnis, jede Schlussfolgerung der Figuren wird ausführlich erklärt, nichts bleibt zwischen den Zeilen oder nur der Deutung des Lesers überlassen und so verliert dieser schnell den Überblick, und sehr verständlich, auch das Interesse.

Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 208 Seiten, €19,95, 978-3-498-04531-9

„Ich war keine schlechte Mutter, glaubt mir, aber vielleicht habe ich meinem einzigen Kind ein paar schmerzhafte Dinge zugemutet, weil ich es schützen musste. Weil ich musste. Weil Hautfarbe eben nicht gleich Hautfarbe ist. Erst konnte ich unter all dem Schwarz nicht erkennen, wer sie eigentlich war, und konnte sie nicht einfach liebhaben. Aber ich liebe sie. Ich glaube, sie versteht das jetzt. Glaube ich jedenfalls.“

Luna Ann Bridewells Mutter Sweetness, deren Haut zwar dunkel ist aber nicht zu dunkel, hofft, dass ihr pechschwarzes Kind, als es in den 1990er Jahren geboren wird, nicht gedemütigt wird. Sweetness erzieht ihre Tochter hartherzig streng. Sie selbst stammt aus einer Dienstbotenfamilie, deren Angehörige den Weißen in der Badewanne durchaus den Rücken schrubben mussten, aber dieselbe Bibel zu berühren wie ihre farbigen Diener, das kam für die Dienstherren nicht in Frage. Sweetness hat in ihrer Kindheit und Jugend gelernt, mit Diskriminierung und Rassismus umzugehen. Erstaunlich ist, dass die Mutter sich für ihr Kind schämt und auch der Vater das Kind nicht annehmen kann. Das Kind ist Sweetness peinlich, sie berührt es nicht gern, sie straft das brave Mädchen mit Lieblosigkeit und Distanz. Zwar schickt der Vater, der die Familie verlassen hat, Geld, aber das Leben der beiden Frauen ist nicht einfach. Lula Ann wird sich später Bride nennen, sie arbeitet als erfolgreiche kreative Geschäftsfrau in der Kosmetikindustrie und sie wird sich strahlend Weiß kleiden, wie eine Braut. Niemand schaut sie mit Abscheu an, so wie sie es angeblich als Kind erfahren musste. Jetzt ist sie ein Hingucker, eine reiche, attraktive Frau, deren Freund Booker, ebenfalls geprägt durch ein traumatisches Erlebnis, sie von heute auf morgen mit einem demütigenden Satz verlassen hat.

„Du bist nicht die Frau, die ich will.“

Ihn wird sie suchen. Seitdem Booker sie verlassen hat, verliert sie nicht nur an Gewicht. Ihre Periode bleibt aus, ihre Brüste verschwinden. Aus Bride wird wieder Lula Ann, aus der stolzen jungen Frau das verletzliche kleine Mädchen. Aber außer ihr scheint das niemand zu bemerken. Drastisch liefert sich die junge Frau einer Kindheitserinnerung aus, die voller Gewalt durch ihre ehemalige Erzieherin Sofia in ihr Leben zurückkehrt.

Erneut thematisiert die über 80-jährige Nobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem Roman Ausgrenzung, Rassismus und Frauenschicksale und sie lässt ihre weiblichen Figuren, Sweetness, Bride, ihre Freundin Brooklyn, das Mädchen Rain und das Monster Sofia, aus ihren ganz persönlichen Perspektiven erzählen. Entstanden ist eine kraftvolle, dynamische wie verrätselte Erzählung, die in ihrer Verknappung dem Leser so einiges aufbürdet und die man langsam lesen muss, um sie wirklich zu verstehen.