Ein Mord zu Weihnachten

Francis Duncan: Ein Mord zu Weihnachten, Aus dem Englischen von Barbara Först, Dumont Verlag, Köln 2017, 335 Seiten, €15,00, 978-3-83219864-0

„Doch als er wieder allein war, ertappte sich Mordecai Tremaine dabei, erneut darüber nachzudenken, was sich unter der Oberfläche von Benedict Grames Fröhlichkeit verbarg. Und er kam zu dem Ergebnis, dass der äußere Anschein trog.“

Der ehemalige Tabakhändler und jetzige Hobbykriminologe Mordecai Tremaine wurde überraschend auf Einladung des Vertrauen und Privatsekretärs von Benedict Grame Nicolas Blaise zum Weihnachtsfest auf Sherboome House eingeladen. Blaise macht sich Sorgen um den Hausherrn Benedict Grame und vermutet, dass etwas geschehen könnte. Mordecai Tremaine lebt ohne eigene Familie und ist ziemlich neugierig, denn Grames Weihnachtsfeste sind berühmt.
Zu gern spielt Grame selbst den Weihnachtsmann und beschenkt seine illustren Gäste großzügig. Außerdem freut sich Mordecai Tremaine auf die Besichtigung des geschichtsträchtigen Gemäuers. Kaum angekommen spürt Francis Duncans Hauptfigur, aus deren Sicht auch erzählt wird, dass wirklich eine seltsame Atmosphäre herrscht. Als guter Beobachter mischt sich Mordecai Tremaine unter die Gäste und erfährt so einiges. Da sind Denys Arden und Roger Wynton, ein verliebtes, sympathisches Paar, dass jedoch Probleme hat, denn der Vormund von Denys Arden, Jeremy Rainer, kann ihren Freund nicht ausstehen. Allerdings kam es zu diesem Sinneswandel ohne wirkliche Gründe.
Eigentlich wollte Rainer mit dem Schiff in die USA reisen, aber Grame hat ihn zum Fest gebeten. Ein bekannter Politiker reist an, ein Professor, der so gar kein Vergnügen am Weihnachtsfest entwickeln kann, auch die unverheiratete Charlotte Grame, die Schwester von Benedict ist anwesend und die attraktive Lucia Tristam. Wunderbar eingeschneit ist das Anwesen und alle versammeln sich am Heiligabend um einen Tisch und doch kommt keine besinnliche Stimmung auf. Der Geist der Weihnacht scheint niemanden, außer den Hausherrn zu beseelen.

Francis Duncan schrieb seinen Roman im Jahr 1949 und somit arbeitet die Polizei zwar mit Fingerabdrücken, Befragungen und Hintergrundinformationen, aber gerade an den Feiertagen unter erschwerten Bedingungen. Denn eins ist ja klar, ein Mord wird geschehen. Das Opfer ist Jeremy Rainer, der im Weihnachtskostüm tot vor dem Weihnachtsbaum liegt. Er wurde erschossen und seltsamerweise sind alle Geschenke, die am Baum hingen, ebenfalls fort. Inspector Cannock nimmt die Ermittlungen auf und bittet Mordecai Tremaine als inoffiziellen Beobachter vor Ort um seine Hilfe.
Viele Fragen stellen sich der Polizei und dem Amateurdetektiv. Warum hat Charlotte Grame so entsetzlich geschrien, als sie die Leiche gefunden hat? Und warum war sie mitten in der Nacht komplett angezogen, wenn sie angeblich aus ihrem Zimmer kam? Wieso taucht plötzlich der Freund von Denys auf, wo er doch eigentlich nicht eingeladen war? Wer hat die Geschenke vom Baum genommen? Die Pistole wurde im Zimmer des Toten mit seinen Fingerabdrücken gefunden. Allerdings konnte er sich ja nicht erschießen und danach die Waffe unter sein Kopfkissen legen.
Komisch ist auch, dass plötzlich drei Weihnachtsmannkostüme entdeckt werden und von den 14 Sternensängern nur 13 wirklich das Anwesen verließen. Und dann ist auch noch ein Diamantenkollier verschwunden. Hatte doch der Hausherr behauptet, er sei auf seinem Zimmer gewesen, wo auch das Kollier deponiert war.

Alles sehr dubios. Aber Mordecai Tremaine wird sich nach und nach ein Bild von den Geschehnissen in der Nacht und den einzelnen Gästen und das Personal machen. Letztendlich entlarvt er den cleveren Täter und kann alles auch stichhaltig beweisen.
Ein wunderbar altmodischer Who-dun-it-Krimi mit typisch englischem Flair und auch etwas Weihnachtsatmosphäre erwartet den Leser, der auf jeden Fall sehr gut unterhalten wird.

Wir hier draußen

Andrea Hejlskov: Wir hier draußen, Eine Familie zieht in den Wald, Übersetzung von Roberta Schneider, Mairisch Verlag, Hamburg 2017, 292 Seiten, €20,00, 978-3-938539-47-7



„Wir waren in den Wald gegangen, weil wir die Pseudoprobleme und die schlechten Angewohnheiten abstreifen wollten, wir wollten niedrigere Ausgaben haben, anstatt wie kopflose Hühner höheren Gehältern hinterherzulaufen. Wir wollten beweisen, dass wir keine Idioten waren. Wir wollten unsere Entscheidungen bewusst treffen.“

Ein Projekt für ein Jahr sollte es werden, ein Versuch, ein anderes Leben zu führen. Andrea und ihre Familie ist schon oft umgezogen, zuletzt auf eine dänische Insel. Aber glücklich sind sie nicht geworden. Ob es ihnen mitten im Wald gelingen sollte? Dieses Buch und vorher ein Blog erzählen schon lang vom Leben der Hejslkovs. Das sind Andrea, Ich-Erzählerin, Kinderpsychologin und in zweiter Ehe mit dem Musiker Jeppe verheiratet, und ihren Kindern, dem siebzehnjährigen Sebastian, der fünfzehnjährigen Victoria, dem zehnjährigen Silas und dem neun Monate alten Sigurd. Alle wohnen nun in einem Tipi und einer extrem kleinen Holzhütte mitten im Wald. An ihrer Seite steht als helfende Hand der Kapitän, ein Mann, der beides kennt, das Leben im Wald und unter Menschen. Viele Faktoren sprachen für die Familie dafür, etwas Neues auszuprobieren. Im Vordergrund stand, dass die Eltern das Gefühl hatten, sie haben den Kontakt zu ihren Kindern, die nach der Schule in ihren Zimmern verschwanden und nur noch auf den Geräten daddelten, verloren. Andrea fühlte sich permanent krank, Kopf- und Rückenschmerzen plagten sie. Ein Punkt mochte auch die Fremdbestimmung sein, die in fast allen Jobs Menschen unglücklich macht.
Die Alternative und Befreiung: ein Leben ohne Schule, aber mit Hausunterricht, mit wenig Geld, ohne Wasseranschluss oder Elektrizität weit ab von der Gesellschaft.
Andrea wirft alles Zeug ohne Bedeutung, das sie umgibt, einfach weg. Sie entledigt sich aller persönlicher Unterlagen und verabschiedet sich von der Idee, irgendetwas beruflich erreichen zu wollen.

Die Kinder nehmen zu Beginn die Veränderungen erstaunlich gelassen hin. Hier hätte der Leser sicher mehr Widerstand erwartet. Victoria geht gern im Wald spazieren, Sebastian, der gern ein Gewehr haben wollte, entdeckt die körperliche Arbeit und Silas baut sich eine Baumhaus. Jeppe setzt sich in den Kopf, gemeinsam mit dem Kapitän eine Blockhütte für den Winter zu bauen. Das Holz dürfen sie mit der Erlaubnis des schwedischen Waldbesitzers fällen. Nach und nach, und hier ist die Erzählerin sehr ehrlich, zeigen sich erste Konflikte. Andrea ist gefrustet, da sie die schwere Hausarbeit erledigen muss, d.h. Wasser holen, kochen über einem Feuer, den Holzofen betätigen, Wäsche im Fluss waschen. Jeppe dagegen kann immer vorzeigen, was er geleistet und gebaut hat. Andreas Arbeit dagegen ist nicht sichtbar und wiederholt sich Tag für Tag. Hier spiegelt sich wieder der uralte endlose Konflikt zwischen Mann und Frau, die es nicht mehr gewohnt ist, alles hinzunehmen.
Auch wenn vieles besprochen wird, der Kapitän versucht, wie ein kleiner Diktator seine Ideen durchzudrücken. Klar ist aber auch, wenn die Leute im Wald sich nicht gegenseitig helfen, bleiben sie auf der Strecke. Genießt die Familie den warmen Sommer und die Natur, die reich und üppig ist, so ändert sich das Bild im Herbst. Die Sachen sind klamm und feucht, die Familie wohnt auf 16 m². Silas will vorzeitig eine Entscheidung herbeiführen, ob sie im Wald bleiben. Er möchte als „Computerjunge“ und nicht als „Wildnisjunge“ leben. Zu diesem Zeitpunkt ist die Beziehung von Andrea und Jeppe auf einem Tiefpunkt. Jeppe schreit nur noch herum, da nichts klappt und Andrea spürt, dass ihr Körper die Strapazen nicht mehr lang mitmacht. Alles geht plötzlich kaputt, der Computer, das Auto, der Generator. Und die Familie hat kein Geld, um Reparaturen vornehmen zu können. Im vermeintlichen Paradies sind alle von Zeitnot und ungewohnter Nähe gestresst. Immer wieder kommen auch Menschen, die den Blog gelesen haben, zu Besuch, auch Andreas Schwester. Als der Kapitän und die Schwester beschließen für sie ebenfalls eine Hütte zu bauen, eskalieren die Konflikte und die Ressourcen der Familie reichen nicht aus, alles zu stemmen. Die einschneidenden äußeren Lebensumstände haben letztendlich auch die Familienmitglieder geprägt und verändert.

Eins ist klar, alle Brücken hinter sich abzubrechen und ein Abenteuer zu wagen, dessen Ausgang völlig unberechenbar ist, bedarf schon eines enormen Leidensdruckes. Und auch wenn man über die neue Lebensweise und Entscheidung der Hejlskovs den Kopf schüttelt, denn immerhin haben wir ja viele Strapazen, die sie auf sich nehmen, in der modernen Zivilisation überwunden ( z.B. die geniale Erfindung der Waschmaschine), kommt man als Leser doch ins Grübeln und fragt sich unwillkürlich, ob man selbst ein bewusstes oder doch in vielen Teilen fremdbestimmtes Leben führt. Und man stößt auf diese Sätze, die nachdenklich stimmen:

„Jemand hat mal gesagt, dass Freiheit immer möglich sei und es nur darauf ankäme, worauf man zu verzichten bereit sei. Er hatte recht.“

Andrea Hejlskov erzählt ihre wahre Geschichte, die ja nun bereits sechs Jahre andauert, einerseits unterhaltsam und nachvollziehbar, zum anderen so ehrlich und analytisch, dass man sich dem Sog gar nicht entziehen mag.
Wenn man sich dann noch den Blog anschaut, will man sicher nicht sofort in den Wald ziehen, aber man versucht, zumindest gedanklich, das eigene Hamsterrad zu verlassen, um von außen aufs eigene Leben zu schauen.

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 264 Seiten, €14,99, 978-3-551-55665-3



„Verdammt! Reingefallen! Verdoppeldammt!“

Wie wunderbar, Rico und Oskar sind wieder da und das auch noch zur Weihnachtszeit. Da hatte Andreas Steinhöfel doch hoch und heilig geschworen, es werden nur drei Bände und dann erschienen doch zwei Comics und jetzt wieder ein dicker Kinderroman. Klasse!!!

Wer den Rico und Oskar – Kosmos mag und vielleicht die Filme nicht gesehen hat, der hat sicher so seine ganz eigenen Vorstellungen von den beiden Jungen. Der kleine Oskar ist hochbegabt und ziemlich ängstlich, der große, ziemlich verfressene Rico geht in die Förderschule, denn er ist tiefbegabt und sehr neugierig. Rico wird heiß und innig von seiner Mama geliebt, aber sie ist seit neuestem mit dem Bühl verheiratet und bekommt auch noch ein Kind. Da fühlt sich Rico manchmal doch ein bisschen einsam, obwohl er bei den Weihnachtsgeschenken an sein neues Geschwisterkind denkt. Oskar geht es viel besser, seit sein Vater ihm endlich mehr Aufmerksamkeit schenkt und nicht immer gleich an die Decke geht, wenn er Probleme hat. Beide wohnen nun auch in der Diefe 93 in Berlin-Kreuzberg.
Rico, sein Hund Porsche, seine Mama und der Bühl, den er ab und zu auch Simon nennt, leben jetzt in der vierten und fünften Etage. Dank Durchbruch hat sich der Wohnraum für die neue Familie erweitert. Natürlich wohnt Frau Dahling immer noch im dritten Stock und die schrecklichen Kesslers mit ihren lauten Zwillingskindern toben ebenfalls durchs Haus.

Alles beginnt am Heiligabend. Rico und Oskar laufen zum Hermannplatz, um noch letzte Einkäufe zum Fest hinter sich zu bringen. Allerdings beobachtet Rico, dass Oskar weiße Damenunterwäsche kauft. Für wen diese sein könnte, beschäftigten seine Bingokugeln im Kopf allerdings ziemlich lang. Ricos Art die Welt zu sehen, ist pragmatisch und trocken wie immer. Er notiert unbekannte Worte, um sich diese dann mit eigenen Interpretationen zu erklären.

„Aufplustern: Wenn man vor dem Einatmen erstmal tief Luft holt. Man muss sie aber auch wieder rauslassen, wenn man nicht ersticken, platzen oder abheben will. Sehr beliebt bei Angebern, Wichtigtuern und Unrechthabern und anderen komischen Vögeln.“

Einen aufgeplusterten Angeber hat Rico im Sommer kennengelernt, den Checker. Oskar war mit seinem Papa in Dänemark und da musste sich Rico allein die Zeit vertreiben. Der Checker, Soo Min, Samira und Sarah wohnen bei Rico im Kiez und treffen sich in einem geheimen Hinterhof. Per Zufall stößt Rico dazu und setzt sich auf seine Art mit den Kindern auseinander. Als Oskar aus dem Urlaub zurück ist, lernt auch er die Kinder kennen und hat so seine Anpassungsschwierigkeiten. Als er sein Souvenir aus Kopenhagen vorzeigt, mögen die einen es und die anderen lehnen es ab. Es ist die kleine Meerjungfrau in einer Schneekugel. Doch kaum hat Oskar seine Meerjungfrau wieder eingepackt, ist sie gestohlen. Immer klar in seinen Ansagen will der Junge sein Souvenir sofort zurück. Aber die Kinder behaupten, sie hätten nichts gestohlen. Als dann am Heiligabend Checker und Soo Min vor der Tür stehen, ahnt Rico, was die beiden wollen.

„Mann!Mann!Mann!“

Natürlich kann der heilige Abend nicht ohne Chaos über die Bühne gehen. Der Bühl erschlägt sich fast mit der großen Tanne, die er ohne Rico, der darüber ziemlich sauer ist, gekauft hat. Bei Ricos Mama gehen die Wehen los, draußen tobt ein richtiger Wintersturm und Oskar hat, da er die Wohnung vom Massoud hütet, einfach eine obdachlose Frau, die „Fundfrau“, mitgenommen. Weltfremd wie der Jungen ist, hat er zwar gespürt, dass sie in großer Not ist, aber dass sie schwanger ist, hat er nicht gesehen. Wie die Kinder und Erwachsenen in der Diefe 93 nun zwei Geburten managen, liest sich wie immer komisch und ernst zugleich.
Andreas Steinhöfel ist einfach ein großer Menschenfreund und erzählt auf wunderbare Weise mit vielen neuen Wortschöpfungen von Weihnachten, den festlichen Tagen, an denen alle milde gestimmt sind, einander helfen und über vieles hinwegsehen können.

Empfehlenswert, wie immer, das Hörbuch „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“, gelesen von Andreas Steinhöfel, der nicht nur gut schreiben, sondern fantastisch vorlesen kann.

Kleine große Schritte

Jodi Picoult: Kleine große Schritte, Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel, C.Bertelsmann Verlag, München 2017, 592 Seiten, €20,00, 978-3-570-10237-4

„Aber ich weinte nicht wegen Davis Bauer, auch nicht wegen meiner eigenen Unehrlichkeit. Ich weinte, weil Kennedy die ganze Zeit über recht gehabt hatte – es kam wirklich nicht darauf an, ob die Krankenschwester, die sich um Davis Bauer kümmerte, schwarz, weiß oder violett war. Es kam nicht darauf an, ob ich versucht habe, dieses Baby wiederzubeleben oder nicht. Nichts davon hätte etwas geändert.“

Davis Bauer, ein drei Tage altes Baby, stirbt und alle sind betroffen. Die Eltern suchen nach einem Schuldigen und schnell ist dieser auch ausgemacht: die einzige schwarze Hebamme und Säuglingskrankenschwester am Mercy-West-Haven Hospital, Ruth Jefferson. Noch einen Tag zuvor hatten die Eltern von Davis, Anhänger der White Power – Bewegung, die Vorgesetzte von Ruth darauf hingewiesen, dass sie nicht möchten, dass eine Farbige ihren Sohn berührt. Ein Zettel auf Davis Akte untersagt Afroamerikanern, sich dem Kind zu nähern. Als es zu Komplikationen kommt und nur Ruth sich in der Nähe von Davis aufhält, greift sie entgegen der Anordnung ihrer Vorgesetzten ein. Später wird sie aus Angst behaupten, sie hätte erst geholfen, als sie die Anweisung bekam.

Aus drei verschiedenen Perspektiven blickt Jodi Picoult auf diesen Gerichtsfall. Zum einen erzählt die vierundvierzigjährige Ruth aus ihrer Sicht, was im Laufe der Zeit passiert ist. Sie erinnert sich, wie sie immer versucht hat, durch Bildung und Engagement den sogenannten Weißen gleich zu sein und alle Demütigungen hatte sie hingenommen, die Menschen ohne nachzudenken äußern, ohne latent rassistisch zu sein. Sie wollte gern, dass ihr 17-jähriger Sohn in einer weißen Umgebung aufwächst, alle Chancen hat. Aus dem Blickwinkel von Kennedy McQuarrie wird ebenfalls berichtet. Sie ist die Anwältin, die Ruth vor der Grand Jury vertreten wird, denn der Vater von Davis erhebt Anklage wegen versuchten Mordes. Auch er kommt zu Wort.

Angereichert mit Familiengeschichten, diversen Hintergrundinformationen und Schilderungen aus dem Leben aller drei Hauptfiguren steuert die Handlung auf einen klassischen Prozess zu. Für Ruth bricht ihr gesamtes Lebensmodell zusammen. Sie hat sich zwanzig Jahre im Beruf nichts zu schulden kommen lassen, aber die Krankenhausleitung wiegelt alles ab und schiebt die angebliche Verfehlung der Mitarbeiterin zu. Kennedy übernimmt die Verteidigung und versucht Ruth zu erklären, dass sie auf keinen Fall die Rassismuskarte spielen dürften. Fakten müssen für Ruths Verhalten sprechen und zum Glück ein Beweis, der seltsamerweise aus den Akten verschwunden ist und doch belegt, dass Davis eine Krankheit hatte, an der er, ein Verschulden des Krankenhauses, des Labors, der Ärzte, sterben musste. Aber Ruth kann einfach nicht begreifen, dass die anderen nicht sehen, warum gerade sie auf der Anklagebank sitzen muss. Sie will endlich sprechen und sich verteidigen dürfen. Nach und nach kann sie Kennedy die Augen öffnen und ihr verdeutlichen, wie anders die Lebenserwartungen der Weißen und Schwarzen in einem Land voller Vorurteile, Rassismus und Privilegien sind. Als Ruth Kennedy zu einem Einkauf einlädt, versteht diese nicht, warum sie mitkommen soll. Am Ende weiß sie warum, alle Leute können das Geschäft verlassen, nur Ruth wird als einzige kontrolliert, weil sie schwarz ist.
Empörend ist das Unrechtsbewusstsein der Polizei, die Ruth, die sich nicht mal anziehen darf, mit brutalster Gewalt im Nachthemd und in Ketten auf die Wache schleifen.

Viele dieser Szenen aus dieser Geschichte bleiben dem Leser im Gedächtnis haften, denn Jodi Picoult kann anschaulich und atmosphärisch dicht erzählen. Immer wieder thematisiert sie den schmalen Grad, auf dem Menschen glauben, sich politisch korrekt zu verhalten. Zum einen versucht Ruth durch ihr Wohlverhalten im Gegensatz zu ihrer Schwester, sich einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu erobern. Gleichzeitig spürt sie aber oder man lässt sie spüren, dass sie nie dazugehören wird. Zum anderen gaukelt sich die Menge vor, niemals rassistisch zu denken oder zu handeln und doch tut sie es ununterbrochen. Mag das Ende, vor allem der Blick in die zurückliegende Biografie von Davis’ Mutter und der Sinneswandel des Kindesvaters, zu konstruiert erscheinen, verdeutlicht diese bewegende Geschichte Ruths, wie passiver und aktiver Rassismus instrumentalisiert wird und funktioniert.
Angesichts der Ereignisse in den USA, in denen ein Präsident sich bei rassistischen Übergriffen eher auf die Seite der weißen Bevölkerung schlägt und in Europa ein beunruhigender Nationalismus gegen Minderheiten um sich greift, ein wichtiges Buch.

Palast der Finsternis

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis, Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 397 Seiten, €18,00, 978-3-257-30055-0



„Es ist irgendwie morbide, wenn man darüber nachdenkt, dass wir hier unten im Palast unserer Psycho-Entführer ein Lager aufschlagen. Es ist wie eine Zombie-Mörder-Übernachtungsparty.“

Die spindeldürre und ziemlich unfreundliche Anouk aus den USA hat sich neben anderen Jugendlichen für eine geheime Expedition beworben, die in der Nähe von Paris stattfinden soll. Dabei sind ebenfalls Jules, William, Lilly und Hayden. Erwartet werden alle von Prof. Dr. Thibault Dorf, um archäologische Forschungen in einem unterirdischen Palast, der in 30 Metern Tiefe liegt, zu betreiben, so die allgemeine Information. Das Projekt Papillon soll ein großes Abenteuer werden. Anouk hat sich heimlich aus dem Haus geschlichen und Unterschriften gefälscht. Sie ist verbittert, wenn sie an ihre Eltern denk, und wenn sie den Mund öffnet entschlüpft eine sarkastische Bemerkung nach der anderen. Sie glaubt, ihre Mutter hofft, dass sie bald tot ist.

Parallel zum Gegenwartsgeschehen, das von Anouk aus der Ich-Perspektive erzählt wird, berichtet Aurélie du Bessancourt im Jahre 1789 von ihrem Schicksal in den Wirren der Französischen Revolution. Ihr Vater hat diesen unterirdischen Palast errichtet und die Familie flieht in die tiefen Gemächer. Nur die Mutter scheut davor zurück, sie fürchtet sich und wird von der marodierenden Meute getötet. Aurélie kann mit ihren drei Schwestern entkommen. Seltsamerweise jedoch trennt der Vater sie von den Geschwistern und hält sie in Einzelhaft, was sie verunsichert und bedrückt. Nur ein Diener namens Jacques kümmert sich um das Mädchen.

Als die vier Jugendlichen beim Palais du Papillon ankommen und der besondere Tag bevorsteht, versuchen die Verantwortlichen, sie zu überreden Tabletten zu schlucken. Anouk ist skeptisch und spuckt sie wieder aus, wird aber trotzdem ohnmächtig. Im Moment des Aufwachsens bemerken die Jugendlichen, dass sie in höchster Gefahr schweben und glauben auch zu sehen, dass die Häscher von Prof. Dorf Hayden ermordet haben. Sie fliehen durch den unterirdischen Palast und können nicht begreifen, was mit ihnen geschieht. Überall sind Fallen aufgebaut und Dorf versucht sie, über eine zentrale Ansage in den Spiegelsaal zu locken. Auf ihrer Flucht vor den Verfolgern kommen die Jugendlichen sich nahe und erzählen von sich, nur Anouk verweigert sich. Sie fragen sich ganz ernsthaft, warum man sie für dieses Todesspiel ausgesucht hat. Oder ist es ein Experiment, um ihr Verhalten zu studieren? Als sie einem seltsamen wie verwirrten altmodisch gekleideten Mann, den sie Perdu nennen, begegnen, beginnt der Leser langsam zu ahnen, worum es gehen könnte. Perdu erzählt, er sei 1772 geboren. Wie in einem Horrorfilm, es gibt viele Bezüge, die Stefan Bachmann in seine Handlung einfließen lässt, entwickelt sich die grausame Jagd der Jugendlichen durch den reich ausgestatteten Palast, in dem eine ominöse Figur ihr gruseliges Unwesen treibt, der Schmetterlingsmann. Als ein Bildnis im Palast auftaucht, dass ein Porträt von Anouk zu sein scheint, lässt auch sie alle unterdrückten Gefühle erstmalig zu und beginnt sich langsam zu öffnen.

Absolut aufregend liest sich dieser fein konstruierte, sprachlich durchaus anspruchsvolle Roman, der mit vielen unterschiedlichen Erzählelementen spielt. Aber im Mittelpunkt steht ein ganz wichtiges Thema: Freundschaft. Anouk ist eine Außenseiterin, die nur nach und nach ihre unsichtbar aufgestellten Stacheln einziehen wird und endlich lernt, was es heißt, zu vertrauen.
Wer Spannung und vor allem gute Unterhaltung liebt, der sollte zu dieser Geschichte greifen und seiner Fantasie beim Lesen freien Raum lassen.

Crimson Lake

Candice Fox: Crimson Lake, Aus dem australischen Englisch von Andrea O’Brien, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 380 Seiten, €15,95, 978-3-518-46810-4

„ Sie funktionierte. Funktionelle Dysfunktion, wie die Psychologen es nennen. Wer konnte sich anmaßen, Amandas Geisteszustand anzuzweifeln, so lange sie sich anzog, die Zähne putzte, einkaufte und regelmäßig ihrer Arbeit nachging? Niemand konnte behaupten, sie stelle eine potenzielle Bedrohung dar. Ihre Strafe hatte sie abgesessen.“

Und doch, mit Amanda Pharrell stimmt etwas nicht. Die bunt tätowierte Frau, die nur Fahrrad fährt und gern dichtet, geht direkt auf die Leute zu, undiplomatisch fragt sie einfach ohne Distanz drauflos, ohne jegliche Einleitung. Sie scheint ein bisschen verrückt zu sein und darum wahrscheinlich auch die einzige, die dem freigesprochenen, aber nie entlasteten Edward Conkaffew, der sich Ted nennt, einen Job anbietet. Sie, die gute sechs Jahre im Knast wegen des Mordes an der jungen Lauren gesessen hat und er, der als „Kinderficker“ den Polizeidienst quittieren musste, bilden nun eine Team und arbeiten als Privatdetektive.

Immer skurriler werden die Ermittler in der Flut der Krimis, die den Markt überschwemmen. Doch diese beiden sind kaum zu schlagen, denn sie sitzen im australischen Queensland in Crimson Lake fest und kämpfen gegen den Widerstand der hiesigen Polizei um ihre Existenz. Zwei Polizisten, Lou Damford und Steven Hench, haben es besonders brutal auf Ted abgesehen. Sie durchwühlen sein Haus, verprügeln ihn und alles angeblich im Einklang mit dem Gesetz.
In Gedankenschüben erfährt der Leser, was dem vierzigjährigen, gut aussehenden Ted widerfahren ist. Seine Frau lässt sich scheiden, sein Kind darf er nicht sehen, seine berufliche Karriere ist beendet. Er hat die dünne dreizehnjährige Claire an der Bushaltestelle nur kurz etwas gefragt. Sie verschwindet danach. Als sie gefunden wird, hängt ihr Leben an einem dünnen Faden. Sie wurde vergewaltigt und gewürgt. Niemand glaubt Ted, dass er es nicht war, weder seine Kollegen, noch seine Familie. Im Prozess wird klar, dass man ihm den versuchten Mord nicht anhängen kann, obwohl viele Indizien gegen ihn sprechen. Sein Leben ist zerstört, denn auch in Crimson Lake finden die Cops heraus, wer er ist. Die Reporter verfolgen ihn, er ist Freiwild für die sogenannte Bürgerwehr.

Um vom Alkohol wegzukommen, folgt Ted dem Rat seines Anwalts und arbeitet für Amanda, die einen erfolgreichen Jugendbuchautor finden soll, Jake Skully. Nach und nach stellt sich heraus, dass dieser Autor ein Doppelleben gelebt hat, hier der seriöse Familienmensch, dort der schwule Mann, der sich in einschlägigen Kneipen herumtreibt. Sein Ring und sein Hüftknochen werden im Leib eines Krokodils gefunden. Was ist geschehen? War es Selbstmord, denn Jake litt an Depressionen und trank viel oder war es jemand aus der Szene, der sauer war, oder ein verärgerter Fan? Oder war es jemand, dem Jakes Buchthemen, immer eine Mischung aus Action und religiösen Bibelgeschichten, nicht passten?
Und Ted, als Polizist kann er einfach nicht anders, beginnt Amandas Mordgeschichte neu aufzurollen, vieles erscheint einfach nicht glaubwürdig. Die Aggressivität der beiden Polizisten gilt zwar Ted, aber irgendwie haben sie, das ahnt Ted, auch mit Amanda zu tun.

Dynamisch, temporeiche, zum Teil witzig und wiederum auch ernst, zieht diese Geschichte im weit entfernten Australien, nicht nur wegen der Krokodile und seltsamen Todesarten, den Leser sofort in seinen Bann. Zum einen ist sie gut geschrieben, zum anderen stimmen die Figuren, die nie eindimensional gezeichnet sind. Teds Schicksal berührt, Amandas Geschichte jedoch ist schwer nachzuvollziehen, klärt sich aber im Laufe der Handlung.

Keine Frage, von diesen beiden selbst ernannten Privatdetektiven will man unbedingt mehr lesen.

Die Hauptstadt

Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 459 Seiten, €24,00, 978-3-518-42758-3

Der Deutsche Buchpreis 2017 geht an Robert Menasse. Sein Roman “Die Hauptstadt”, für den der Autor aus Österreich Brüssel und die EU in den Mittelpunkt stellte, mache “unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können”, so die Jury.

„Sie war in Zypern geboren, als Griechin, und sie war in Griechenland Griechin, geboren in Zypern. Es war verrückt, dass ihr nun abverlangt wurde, die Identität als eine doppelte zu sehen, die ihr eine Entscheidung abverlangte: Du bist schizophren, entscheide dich, wer du bist! Natürlich würde sie die Chance ergreifen und den Pass wechseln. Sie brauchte zwei Stunden, um es sich einzugestehen. Sie war Pragmatikerin.“

Es sind die Absurditäten, die sich hin und wieder in den Vordergrund dieses Europaromans über Intriganten, Karrieristen, Egomanen und stur arbeitende Beamte drängen. Die Griechin namens Fenia Xenopoulou, die eine steile Karriere in Brüssel anvisiert, allerdings nicht im Ressort „Kultur und Bildung“, kann nur nach oben fallen, wenn sie ihren Pass, das stellt sich zum Ende heraus, umschreiben lässt. Und das in einer Institution, in der es um die Überwindung der Nationalitäten geht. Fenia Xenopoulou bringt auch in Erfahrung, dass das Lieblingsbuch des Kommissionspräsidenten angeblich “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil ist und beginnt es mit großen Zweifeln und einer einsetzen Verzweiflung zu lesen.

“Die Kultur war ein bedeutungsloses Ressort, ohne Budget, ohne Gewicht in der Kommission, ohne Einfluss und Macht. Kollegen nannten die Kultur ein Alibi-Ressort – wenn es das wenigstens wäre! Ein Alibi ist wichtig, jede Tat braucht ein Alibi! Aber die Kultur war nicht einmal Augenwischerei, weil es kein Auge gab, das hinschaute, was die Kultur machte. Wenn der Kommissar für Handel oder für Energie, ja sogar wenn die Kommissarin für Fischfang während einer Sitzung der Kommission auf die Toilette musste, wurde die Diskussion unterbrochen und gewartet, bis er oder sie zurückkam. Aber wenn die Kultur-Kommissarin rausmusste, wurde unbeeindruckt weiterverhandelt, ja es fiel gar nicht auf, ob sie am Verhandlungstisch oder auf der Toilette saß. Fenia Xenopoulou war in einen Aufzug gestiegen, der zwar hochgefahren, aber dann unbemerkt zwischen zwei Stockwerken stecken geblieben war.”

Ein Schwein, dass angeblich durch die belgische Hauptstadt rast, beschäftigt die Gemüter. Ist es ein Phantom, ein Sinnbild oder gar doch ein gefährliches Tier? Mit dieser Szene beginnt dieser fantastisch geschriebene Roman, in dem Mordfälle zu den Akten gelegt werden und Beamte sich warme deutsche Unterwäsche besorgen, damit sie bei einem Besuch in Auschwitz nicht frieren. Da spielt China als größter Schweinefleischabnehmer die europäischen Staaten gegeneinander aus, weil die EU es nicht schafft, ein vernünftiges Abkommen auszuhandeln.
Kein Wunder, dass die Leute in Europa das Vertrauen in die EU verloren haben, und diese mit ihrem schlechten Image zu kämpfen hat. Da kann nur eins helfen, die Idee einer Jubiläumsfeier, die das Ansehen der EU wieder aufpoliert. Als Fenia Xenopoulou die Organisation dieses Ereignisses in zwei Jahren gleich mal an sich reißt, kann der Österreicher Dr. Martin Susman nur mit den Augen rollen, denn er soll in vierzehn Tagen ein Konzept für die Feier zum 50. Jahrestag der EU vorlegen. Sarkastisch stellt er fest, dass nicht die Jahre in Brüssel zählen, sondern die Kilo, die er im Laufe der Zeit zugenommen hat.

Um über die EU zu schreiben, bedarf es vieler Protagonisten, denn nicht umsonst ist Brüssel eine glanzvolle Stadt mit vielen hohen schillernden Gebäuden und wenig Moral. Verwoben in die temporeiche Handlung sind neben den Beamten aber auch ein Auftragskiller, ein Kommissar, der sich mit der Endlichkeit des Lebens befasst, ein Europa-Utopist, ein KZ-Überlebender und diverse Lobbyisten. Den großen innereuropäischen Flüchtlingstreck 2015 sowie den Brexit 2017 lässt sich der Autor nicht entgehen. In einem Interview sagte Robert Menasse, der selbst einige Jahre in Brüssel gelebt hat:

„Weil man das, was geschieht in Brüssel und in den europäischen Institutionen nicht anhand einer Figur erzählen kann, denn das Charakteristische und Wesentliche ist ja das Babylonische in Brüssel: also die vielen Sprachen, die vielen Mentalitäten, die vielen Arbeitsebenen, die Widersprüche, hinter denen konkrete Menschen immer stehen. Das ist ja nicht nur ein institutioneller Widerspruch. Der wird durch Menschen vertreten und verschärft und betrieben.“

In verschiedenen Erzählsträngen wird nun das Scheitern der Figuren und einer Idee mit Ironie und Sprachwitz thematisiert. Auch der Gedanke an Auschwitz als der heimlichen Hauptstadt, von der aus eine Feier zelebriert werden soll, um den europäischen Friedensgedanken in Erinnerung zu rufen, zerschlägt sich in allen möglichen Gremien und Instanzen.

Keine optimistisch stimmende Lektüre, was unsere Zukunft angeht, aber vielleicht eine genau beobachtete, anregende und manchmal auch eine, die den Leser zum Schmunzeln bringt.

Romantherapie für Kinder

Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder, Aus dem Englischen von Katja Bendels und Kirsten Riesselmann, Insel Verlag, Berlin 2017, 369 Seiten, €16,99, 978-3-458-17704-3

„Auch als Bücherwurm kann ein Kind umgeben sein von Seelenverwandten. Und eines Tages schlüpft es mit neuen Flügeln aus seinem Konkon – bereichert mit einem großen Wissen übers Geschichtenerzählen, über Psychologie und die Welt.“

Jahr für Jahr erscheinen im Frühjahr und im Herbst allein in Deutschland hunderte neue Bilderbücher, Kinderbücher, Pappbilderbücher, Sachbücher und Jugendbücher. Da ist es nicht leicht, das wirklich gute Buch zu finden, zumal die regionalen und überregionalen Zeitschriften ihre aktuellen Rezensionen über lesenswerte Kinder- oder gar Jugendbücher stark eingeschränkt haben und Websites, die sich mit neuer Lektüre beschäftigten oftmals nur den Waschzetteln vom Verlag und einen Amazon-Link veröffentlichen. Nun gibt es auch Bestenlisten, u.a. „Die Besten 7“ vom Deutschlandfunk, wo Fachexperten monatlich aus den aktuellen Titeln die interessantesten sieben Bücher auswählen. Aber so schnell wie die Bücher erscheinen und wenig Zeit haben, auf sich aufmerksam zu machen, verschwinden sie auch wieder aus den Läden.

Orientierungen auf dem Buchmarkt sind für alle wichtig, die nach Literatur für Kinder oder Enkelkinder suchen und nicht nur auf die gängigen Bestseller oder Klassiker für alle Altersgruppen zurückgreifen wollen. Sicher gibt es auch Versuche von sogenannten Kinderbuch-Experten Literaturkanons für Kinder und Jugendliche zu veröffentlichen, aber die einzige, wirklich ernstzunehmende Expertin ist und bleibt Monika Osberghaus mit ihren Veröffentlichungen „Was soll ich lesen? 50 beste Kinderbücher“ (Deutscher Taschenbuch Verlag) oder „Schau mal! 50 beste Bilderbücher“. Und hier liegt auch die Schwierigkeit, was ist denn das wirklich „beste“ Buch für Kleinkinder, Kinder, Jugendliche?

Die „Romantherapie“ soll helfen! Die Autorinnen Ella Berthoud, Susan Elderkin und Traudl Bünger stellen 233 Bücher, vom Pappbilderbuch bis zum Jugendbuch, vor, die Kinder glücklich, gesund und schlau machen sollen. Wenn Kinder und Jugendliche an Schmerzen, welcher Art auch immer leiden, Bücher sollen anstelle von Pillen, Umschlägen, langen Reden oder sinnlosen Behandlungen helfen. Und zu allen möglichen Themen, von Abenteuerlust bis Zwilling sein, warten die Autorinnen mit ebenfalls den zehn besten Büchern auf, ob es nun um Dystopien, Schulwechsel, Abenteuerbüchern oder Bücher für Pubertierende geht. Ganz nah an den Lesenden bleiben die Autorinnen mit ihren gut lesbaren Rezensionen und empfehlen zum größten Teil aktuelle Bücher der letzten Jahre aus dem englischen- und deutschsprachigen Raum. Natürlich sind die Skandinavier auch dabei. Wichtig sind die „Hilfe für Erwachsene“. In diesen Texten wenden sich die Autorinnen mit ihren Empfehlungen an erwachsene Leser, die auf manche Lektüren vielleicht doch anders schauen sollten als ihre Kinder.

Mit Freude blättert der Fachmann oder die Fachfrau durch dieses Buch, in dem zum Glück nicht allzu viele Klassiker auftauchen, und freut sich, wenn Jugendbücher, die in den letzten Jahren erschienen sind, endlich mal eine ordentliche Besprechung und Einordnung erfahren, z.B. „Vierzehn“ von Tamara Bach, „abends um zehn“ von Kate de Goldi oder “Eleanor & Park“ von Rainbow Rowell. Sicher sollte man mit der Formulierung, das sind die „besten“ zehn Bücher, vorsichtig sein, denn sie sind es garantiert nicht. Viele gute Titel fehlen, z.B. bei „Die zehn besten Bücher für unter Zwölfjährige, um den zweiten Weltkrieg zu verstehen“ vermisst man einen Titel von Klaus Kordon oder von Peter Härtling „Krücke“ oder „Oma“.

Bei „Die zehn besten dystopischen Lektüren“ fehlt von Susan Beth Pfeffer „Das Leben, das uns bleibt“ und vor allem Ursula Posnanszkis Mehrteiler „Die Verratenen – Eleria Trilogie“.
Aber trotzdem, Hut ab vor diesem Band, der sich wirklich der aktuellen Literatur widmet und nicht den üblichen Verdächtigen. Wie die Zusammenarbeit und der Austausch unter den Autorinnen verlief wird leider nicht mitgeteilt.

So sagte Susan Elderkin in einem Interview: „Unser Buch ist für alle gedacht, die Kinder beim Aufwachsen begleiten: Eltern, Großeltern, Paten, Lehrer.“
Und für sie ist „Die Romantherapie für Kinder“ eine wahre Fundgrube.

Bei aller Liebe

Petra Reski: Bei aller Liebe, Serena Vitales dritter Fall, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, 317 Seiten, €20,00, 978-3-455-00157-0

„Natürlich hatte er mitgekriegt, dass sie sich in diese Geschichte mit den Kindern im Container und den Flüchtlingsheimen verbissen hatte, genau das war seine Hoffnung gewesen: dass sie damit ausgelastet wäre – und ihm nicht auf die Nerven fallen würde mit Borcone und dem deutschen Staatsanwalt, an den sich kein Mensch mehr erinnerte außer Serena Vitale, dieser Fanatikerin, die noch alle mit sich in den Sumpf ziehen würde.“

Serena Vitales, zierlich, blond, hartnäckig, Anfang 40, befasst sich als Ermittlerin in Palermo mit den Schlepperbanden, die kaum in Italien gefasst, an ihre Länder ausgeliefert werden und munter weitermachen. Wäre es nicht so traurig, könnte man bei diesem Krimi pausenlos schmunzeln, über die ausgeleierten Klischees von faulen italienischen Beamten, deutscher Tüchtigkeit, korrupter Politiker, dem scheinheiligen Klerus in Deutschland und Italien und deutscher Blindheit im Angesicht der Mafia, die sich im Süden des Landes bereits ausbreitet. Allerdings bleibt einem ein mögliches Lachen angesichts der schwachen wenig effektiven rechtlichen Instrumentarien eher im Halse stecken, denn in dem Morast von Mafia, Korruption, Drogenhandel, Mord und Missbrauch sind unschuldige Menschen verwickelt, in diesem Fall die Flüchtlinge. Die Mafia, die sich nun klammheimlich nach Köln und Stuttgart zurückgezogen hat, bezeichnet die Flüchtlinge als „Gottesgeschenk“. Über Schrottimmobilien, die man noch gewinnbringend als Unterkünfte an die Städte und Gemeinden vermieten kann, wäscht die Mafia ihr Geld. Handlanger sind einflussreiche Leute, die im öffentlichen Leben stehen, bis hin zu Politikern, die eben eine Schwäche haben, die die Kriminellen gnadenlos ausnutzen. Etwas Platz ist da im Heimatland für eine neue Gruppierung, die nigerianische Mafia, die devot die Rituale übernimmt.

Einen Mord an einem deutschen Oberstaatsanwalt aus Köln aus dem Abteilung organisierte Kriminalität würde der schmierige Kollege von Serena Vitales am liebsten unter den Tisch fallen lassen. Klappt nicht so ganz, denn Serena kann einfach nicht die Füße still halten. Sie muss herausfinden, was passiert ist. Der Gedanke, dass Gregor Kampmann mal so auf den Transenstrich geht und dort, selber schuld, auch noch umkommt, ist zu einfach. Was hatte ihn nach Palermo geführt? Mit wem wollte er sich treffen?

Petra Reski gewährt dem Leser Einblicke in ganz unterschiedliche Bereiche. Er schaut der Polizeiarbeit zu, er sitzt mit dem Mafiabossen im Gefängnis und in einem schönen Schloss in Deutschland, sie versetzt ihn in die Lage eines Journalisten, der als Freiberufler kaum über die Runden kommt und sie führt ihn in Flüchtlingsheime, in denen die armenische Mafia den Sicherheitsdienst stellt.
Jeder redet über jeden, der Ton ist rau, sarkastisch, abgebrüht und offen.
Da verstecken sich die Deutschen hinter Paragraphen, klammern sich an Vorschriften und tun so, als wüssten sie nicht was gespielt wird. Die Italiener verschleppen vieles, hören zwar schneller ab, sind dann aber nicht in der Lage konsequent zu verfolgen.
Wäre da nicht der Lichtblick Serena, ihre Erfahrungen und ihr Instinkt helfen bei der Lösung der kriminellen Machenschaften, zumindest zum Teil.

Intelligent, gnadenlos und vor allem bitterböse öffnet die Autorin, die jetzt in Venedig lebt, dem Leser in ihrem fiktiven Krimi die Augen für Tatsachen, die ab und zu auch in der Presse, die man noch lesen sollte, kritisch reflektiert werden.
Ein Lesevergnügen mit bitterem Nachgeschmack!

Halali

Ingrid Noll: Halali, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 320 Seiten, €22,00

„Da wurde wiederum der Grizzly hellhörig, und Karin klärte ihn prompt über German Sokolow alias Hermann Falkenstein auf und über das belastende Material, das wir gefunden hatten. Sie geriet regelrecht in Fahrt, was wiederum mir nicht recht war.“

Enkelin Laura und Großmama Holda treffen sich, da sie nicht weit auseinander wohnen, zum Essen und Plauschen. Und die zweiundachtzigjährige Oma hat so einiges von ihren ersten Berufsjahren im aufstrebenden Bonn zu erzählen, was Enkelin Laura ab und zu ihr Sushi vergessen lässt. Da geht es nicht um Büroarbeit und Tratsch, oh nein, es wird Tote geben und vor allem von Geheimdiensten und seinen Machenschaften handeln. Holda, auch genannt Frau Holle oder einfach nur Holle, und ihre Freundin Karin entfliehen ihren kleinbürgerlichen Elternhäusern, leben zur Untermiete und arbeiten als Sekretärinnen in Bonn. Beide sind jung, Holle sexuell noch ziemlich naiv, Karin schon ambitionierter und nicht nur aufs Küssen aus. Karin wohnt bei ihrer gräflichen Tante in einer Villa, deren vier möblierte Zimmer im Erdgeschoss vermietet werden. Holle führt den Hund ihrer Wirtin aus, so kann sie einmal in der Woche umsonst ein warmes Bad nehmen.

Einfach waren die Verhältnisse nach dem Krieg und belastet von Erinnerungen, die sich nicht als Gesprächsthemen beim Tee eigneten. Karin hat wohl so einiges auf der Flucht erlebt, was erst in ihren Fieberträumen angedeutet wird. Aber das Leben muss weitergehen, es wird nach vorn geschaut und nicht zurück. Träumen die jungen Sekretärinnen ohne Abitur von ganz anderen Berufen, Holle wäre gern Grundschullehrerin, Karin würde gern Sprachen im Ausland studieren, so geht es im Büro eher um Tratsch und Mode. Politik ist das letzte, was sie beide beschäftigt und ihre Chefs in grauen Anzügen schon gar nicht. Sicher wissen die beiden Frauen, dass ihre Berufung nicht die Arbeit in einem Büro ist, sondern die Heirat. Allerdings schwebt Karin da schon eher ein Diplomat vor und kein kleiner Handwerker. Am langweiligsten ist einer ihrer Vorgesetzten, der Regierungsrat Burkhard Jäger. Allerdings ändert sich so einiges als die beiden Frauen in einem Starenkasten in einem braunen Umschlag eine seltsame Nachricht mit Datum und Uhrzeit finden.

Als Holle zu diesem Datum und gleicher Uhrzeit Regierungsrat Jäger mit einem dubiosen kleinen Mann beobachtet, die Papiere austauschen, denkt sie noch, es sei Zufall. Als der kleine Mann dann allerdings als Leiche per Zufall im Rhein schwimmt und von Holles damaligem Freund herausgefischt wird, keimt ein Verdacht auf. Dann zieht der mufflige Regierungsrat auch noch als Untermieter zur Tante in die Villa. Als Unterwäsche verschwindet durchsuchen die beiden Frauen und ein weiterer Untermieter, die Frauen nennen ihn Grizzly, der sich in Karin verliebt hat, Jägers Zimmer. Sie finden eine Menge Bargeld. Der Tote aus dem Rhein ist ein gewisser German Sokolow, offenbar ein Russe, der die Seiten wechseln wollte. Doch warum hat er sich mit Jäger getroffen? Was läuft da ab in Bonn? Als Karins Tante ins Krankenhaus muss, tanzen die Mäuse auf dem Tisch und Karin und Holle feiern mit Grizzly wilde Feste. Als der biedere Herr Jäger den dreien droht, alles der Tante zu stecken, kommt es zum Eklat, in dessen Verlauf so einiges zur Sprache kommt, auch ein seltsamer Brief. Am Ende ist Jäger tot. Er hat Karin mit einem Messer bedroht, Holle hat ihn mit einem Degen aus dem Stock der Tante verletzt und Karin hat ihn dann endgültig wie auf der Jagd zur Strecke gebracht. Mit Grizzlys Hilfe verfrachten sie den Toten ins Auto und verbrennen Jäger auf einer Lichtung. Die Todesursache ist vertuscht, aber der Mord scheint nur Grizzly so richtig an die Nieren zu gehen.
Alle drei ahnen nicht, dass sie beobachtet wurden.

Wie immer dreht sich alles bei Ingrid Noll um Mord, Erpressung und seltsame Geschehnisse. Leichthändig verfasst, konventionell und historisch interessant erzählt die ebenfalls zweiundachtzigjährige Autorin von der Nachkriegszeit, vom Lebensgefühl junger Frauen und ihrer Alternativen. Dass die beiden „Tippsen“ die NATO-Unterlagen für ein Handgeld und einen Geheimdienst mal kurzerhand umgeschrieben haben, ist eine witzige Idee. Dass die Stasi in Bonn sogenannte Romeos eingeschleust hat, um Sekretärinnen um Liebesdienste und Landesverrat zu bitten, ist jedoch mittlerweile kein Geheimnis mehr. Und dass Holle und Karin ihre Freundin Ulla von so einem Romeo befreit haben, liest sich eher komisch als tragisch. Noch ein Toter, aber auch dieser wird nicht der letzte sein. Halali!