Revanche

Martin Walker: Revanche, Der zehnte Fall für Bruno Chef de police, Aus dem Englischen von Michael Windgassen, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 403 Seiten, €20,99, 978-3-257-07025-5

„Zwei Männer der Gruppe sind identifiziert, von den anderen beiden haben wir Fotos. Ihr Anführer scheint ein wichtiger Kop im IS zu sein. Wir wissen, dass sie einen Mann in Sarlat überfallen und gefoltert haben, nicht aber in welcher Mission sie unterwegs sind. Möglich, dass sie einen Anschlag auf Lascaux planen.“

Bruno Courrèges, Chef de police der fiktiven französischen Kleinstadt Saint-Denis im Périgord liebt seinen Heimatort so sehr, dass er seiner Liebe, Isabell, nicht nach Paris folgen konnte. Wer kümmert sich dann um die Hühner, das Pferd oder den Hund? Sicher kann man auch in Paris gut kochen, aber könnte er dort fischen oder jagen?
Aber Paris kann ja auch ins Périgord kommen und das geschieht auch, denn für gute vierzehn Tage wird eine Gesandte des Justizministeriums, Amélie Plessis, dem guten Bruno auf die Finger sehen.
Sie bringt erst mal seinen Computer in Schwung und aktiviert die sozialen Medien, denn eine unbekannte Frau ist am Chateau Commarque in die Tiefe gestürzt. War es ein Kletterunfall? Doch was sollen die roten Buchstaben am Turm? War noch jemand bei der Toten?
Amélie jedenfalls bekommt heraus, wer die Frau ist. Sie kommt aus Israel und heißt Leah, hat allerdings zwei Identitäten, eine als Israelin, eine als Französin.

Aus diesem anfänglich angenommenen Unfall entsteht für den beschaulichen, historisch so wundervollen Landschaftsabschnitt ein riesiger Fall mit Spezialisten der Terrorismusabwehr und einer Unmenge Sicherheitskräften. Nach und nach erkunden Bruno und seine Leute, dass in Begleitung des Opfers, dem wohl die Sicherheitsseile durchgeschnitten wurden, ein bekannter IS-Kämpfer war und weitere gefährliche Leute. Im Zentrum der Geschichte, die sich um prähistorische Funde und die Geschichte der Tempelritter dreht, steht ein Dokument, angeblich ein verschollenes Testament, dass Jerusalem als wichtige Stätte der Muslime negiert. Allerdings soll es sich um eine Fälschung handeln.

Parallel dazu bereitet Bruno, neben vielen guten Speisen für Amélie, auch noch seine Rede für die Hochzeit seiner Freunde vor. Beide sind Archäologen und derzeit mit der Erkundung einer möglichen neuen Grabkammer beschäftigt.
Kurz vor ihrem Tod kontaktierte Leah einen Historiker namens Dumesnil. Als Bruno ihn befragen will, kann er ihm gerade so das Leben retten, denn die Leute vom IS wollten Informationen aus ihm herauspressen. Weiterhin spielt ein Missbrauchsfall innerhalb der kirchlichen Kinderbetreuung eine Rolle.

Zu viel prallt auf den Leser ein, der mit historischen Fakten und Stätten aus allen möglichen Jahrhunderten konfrontiert wird. Die gewaltsame Welt des Orient fällt in den beschaulichen Teil Mittelfrankreichs ein und schlägt um sich. Die aktuelle Attacke der arabischstämmigen Folterer gleicht dann eher doch mittelalterlichem Denken und Handeln. Menschen werden getötet, angeschossen und gefoltert. Bruno und Amélie, beide auf ihre Weise, tun ihr bestes, um dem ein Ende zu bereiten.

Für Walker – Fans sicher ein Muss, für neue Leser eine Entdeckung!

Verletzlich

Liza Marklund: Verletzlich, Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 345 Seiten, €14,99, 978-3-550-08062-3

„Die Reporterin umgab eine Verletzlichkeit, die sie wiedererkannte, sie rieb sich an der Realität wund, auch das hatten sie vermutlich gemein.“

Das sind die Gedanken von Nina Hoffmann, die als operative Analytikerin bei der Reichskriminalpolizei in Stockholm arbeitet und gemeinsam mit der Reporterin des Boulevardblattes „Abendblatt“ Annika Bengtzon vieles erlebt hat. Und so konzentriert sich dieser neue und letzte Annika Bengtzon – Roman auch auf die Vergangenheit in vielerlei Hinsicht. Immerhin erlaubt sich Liza Marklund viele Anspielungen auf die Vorgängerbände, ohne den Erstleser zu verprellen. Die journalistische stressige Arbeit und Annikas lang von sich weg geschobenen schrecklichen Erlebnisse kulminieren nun in Panikattacken, die sie zu einer Psychologin führen. Natürlich fragt diese nach Annikas Kindheit, ihrer Familie, aber auch nach Sven, den Mann, den Annika aus Notwehr getötet hat. Die Dämonen der Vergangenheit lassen die Reporterin, die im Laufe der Jahre immer mehr Felder bearbeiten muss, nicht los.

Auch der Fall der neunzehnjährigen Josefin Liljeberg gehört dazu. Sie wurde vor gut fünfzehn Jahren von ihrem Freund Joachim ermordet, da ist sich die Reporterin und nicht nur sie sicher, aber die Freunde von Joachim haben ihm ein Alibi gegeben. Auf ihrer Tour in die Vergangenheit dreht Annika viele Steine um. Sie denkt an ihren Ex-Mann Thomas, der immer noch in der Regierungskanzlei arbeitet und nun an einem Papier arbeitet, um etwas gegen die Hasstiraden und Beleidigungen im Internet zu unternehmen. Die Kommunikation mit ihm ist so schlecht wie eh und je, besonders seit Annika mit seinem Chef, dem Staatsekretär Jimmy Halenius, zusammen ist. Neben ihren Recherchen verfolgt Annika auch den Prozess gegen Ivar Berglund, der seine Opfer, einen Obdachlosen, aber auch einen Politiker, nicht nur gequält und gefoltert, sondern auch bestialisch ermordet hat. Nur ein Indiz kann man Berglund nachweisen und auch hier ist die Anklage nicht sicher. Der Gedanke, Berglund gehen zu lassen, belasten Annika und Nina Hoffmann. Die Polizistin entdeckt, dass der Zwillingsbruder von Ivar Berglund nicht in Spanien bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und offenbar weiterhin Verbrechen begeht.

Über fünf Tage zieht sich die Handlung, in der Liza Marklund wie immer auch die Entwicklung des Journalismus ins Visier nimmt. Wie banal die Themen geworden sind, weiß jeder, der sich in die Abgründe des Boulevards begibt. Der Chefredakteur des „Abendblattes“ Anders Schyman wird seiner Mannschaft am letzten Tag sagen müssen, dass die Zeitung eingestellt wird, d.h. viele Arbeitsplätze fallen weg und die Inhalte verlagern sich ins Internet. Den Ausputzer will Schyman nicht machen und verweigert sich der Geschäftsleitung.

Neben all diesen Baustellen wird sich Annika aber auch an die Orte ihrer Kindheit begeben, denn ihre Schwester Brigitta, die jetzt mit ihrer Familie in Malmö lebt und mit der sie über lange Jahre keinen Kontakt mehr hatte, ist verschwunden. Erneut überschüttet Annikas alkoholkranke Mutter sie mit Vorwürfen.

Mit dem aktuell erschienenen Krimi “Verletzlich” ist nun der elfte Band um Annika Bengtzon erschienen. Liza Marklund hatte bereits erklärt, dass dieser nun unwiderruflich den Abschluss der Reihe bilden werde. Man darf gespannt sein, ob das zutrifft und vor allem darf man auf die neuen Bücher der bekannten schwedischen Autorin hoffen, die es immer geschafft hat, überzeugende und authentische Figuren in einem spannungsreichen Umfeld zu erfinden.

Liccle Bit – Der Kleine aus Crongton

Alex Wheatle: Liccle Bit – Der Kleine aus Crongton, Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch, Antje Kunstmann Verlag, München 2018, 252 Seiten, €18,00, 978-3-95614-231-4



„Ich wollte die Pistole wegwerfen, aber Nightlife, Smolenko und Nicholas Dyson waren alle tot. Und wenn ich am nächsten Tag nicht um fünf Uhr am Supermarkt auftauchen würde, würde Manjaro mich vielleicht auch umbringen.“

Der 14-jährige Lemar, genannt Liccle Bit, wächst in einem Multikulti-Viertel auf, in dem sich die Revierkämpfe auf den Straßen abspielen. Zwei Gangs bekämpfen sich erbittert und Jugendliche, ja fast noch Kinder, werden erschossen. Lemars große Schwester Elaine war die Freundin von Manjaro, einen der Gangster. Er hat sie geschwängert, sie musste die Schule abbrechen und seit sie ihn mit einer anderen Frau erwischt hat, ist die Beziehung beendet. Über Lemar versucht Manjaro Kontakt zu seinem Sohn Jerome herzustellen. Er weiß, dass die Familie wenig Geld hat, denn die einzige, die verdient ist Lemars Mutter. Als Verkäuferin bringt sie ihre Kinder und ihre Mutter durch, seit ihr Mann eine neue Familie gegründet hat und sie nicht finanziell unterstützt. Innerhalb der Familie werden Konflikte lauthals ausgetragen, es wird viel geschrien und geschlagen. Wenn sich Lemar zurückzieht, dann zeichnet er am liebsten und scheint auch Talent zu haben. Sogar eine der beliebtesten Mitschülerinnen, Venetia King, möchte Lemar Porträt stehen. Natürlich bildet sich Lemar darauf etwas ein und glaubt, dass sie, auch wenn er viel kleiner ist als sie, sich für ihn interessiert. Ziemlich bitter wird es, als der Junge seine Gefühle gesteht und erst dann begreift, dass Venetia einen älteren Freund sogar mit Motorrad hat. Lemar ist völlig zerrissen zwischen seinen Gefühlen, seiner Unsicherheit und seiner Position zwischen lauter Frauen.
Lemar erfüllt kleine Aufträge für Manjara, denn auch er möchte einfach die angesagten Klamotten tragen. Der Junge ahnt, dass dieser Kontakt kein gutes Ende nehmen kann. Es herrscht ein rauer Ton in der Familie, auf der Straße, zwischen Elaine und Lemar.

Erzählt wird aus der Sicht Lemars, der sogar in den kursiven Texten seine eigenen Gedanken neben den Beschreibungen des Wohnviertels und der Geschehnisse festhält.
Auch wenn Lemar mit seinen Kumpels abhängt, irgendwie fehlt ihm der Vater. Alle Frauen in der Familie sagen ihm ständig, was er zu tun und zu lassen hat, sie meckern und fordern. Als Lemar jedoch andeutet, dass er zu seinem Vater vielleicht mal für eine Woche ziehen möchte, flippt seine Mutter völlig aus. Die angeheizte Situation wird für Lemar noch viel brenzliger, als er beschließt, nachdem Elaine ihn ziemlich verprügelt hat, zum Vater kurz nach Mitternacht zu gehen. Aber der Vater hat eine kranke Tochter und ist gerade auf dem Weg ins Krankenhaus. Er schickt den Jungen wieder nach Hause und Lemar wird von Manjaro aufgegriffen. Jetzt hat die Gang Lemar in ihren Fängen und der Junge beobachtet, wie Gangmitglieder behandelt werden, die den Boss hintergehen.
Auch Lemar soll wieder ein Päckchen bei sich verstecken und natürlich ahnt er, dass das die Pistole ist, mit der jemand erschossen wurde.
Die Handlung eskaliert als Lemar in einer kleinen Galerie ausstellen darf, aber zum gleichen Zeitpunkt einen Auftrag für Manjaro ausführen soll.

Der amerikanische Autor Alex Wheatle erzählt von zwei Monaten im Leben seiner Hauptfigur, die immer mehr in die Fänge des Gangsterbosses gerät und sich nicht herauswinden kann. Um sich keine Blöße zu geben und aus Schuldgefühlen heraus, bittet Lemar nicht um Hilfe, sondern versucht die Dinge allein zu klären und gerät in ein moralisches Dilemma.
Lebendig erzählt kann diese Geschichte auf jeden Fall auch jugendliche Leser anziehen.

Familiäre Verhältnisse

Sophie Bassignac: Familiäre Verhältnisse, Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Atlantik bei Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2018, 129 Seiten, €13,99, 978-3-455-00128-0



„Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: anziehen, Koffer packen, ins Auto steigen, das Grundstück verlassen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.Wie gelähmt von diesem Impuls stand er im mitten im Zimmer.“

Sie hat schon so einige Kandidaten in die Flucht geschlagen, die Familie von Isabelle. Und so wird auch Pierre, Nachrichtenjournalist aus guter Pariser Familie und Isabelles neuer Geliebter und eventuell künftiger Ehemann nicht drumherum kommen, er muss ihre abgefahrene Familie kennenlernen. Erst wenn er diese Prüfung hinter sich gebracht hat und für gut befunden wurde, besteht eine Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft.
Und so fahren Isabelle und Pierre aufs Land. Alle Mitglieder der Familie Pettigrew werden sich so nach und nach einfinden, denn im August wird der 83. Geburtstag von Isabelles Großmutter Henriette gefeiert. Schnell wird Pierre klar, was auf ihn zukommt, denn die affektierte Henriette ist die „Antithese zur lieben Oma“. Pierre landet auf jeden Fall in der „Höhle des Löwen“, denn alle in dieser Familie sind absolut schräg. Sie sind extrem laut, reden ungeheuer viel, sind gebildet und vermitteln Pierre das Gefühl ständiger Mittelmäßigkeit. Wären da nicht Isabelles sexuell überschäumende Zuwendungen und sein Gefühl, sie sei die richtige Frau in seinem Leben, er würde diesem Albtraum sofort entfliehen. Pierre kann sich so gar nicht vorstellen, wie seine rationalen und pragmatischen Eltern mit den bunt schillernden exzentrischen Pettigrews auskommen sollten. Dabei hat Isabelles Mutter ein gutgehendes Geschäft aufgebaut. Und doch, diese Familie aus lauter Lebenskünstlern, die viel trinken, schreien und ständig in Bewegung sind, ist eine Herausforderung für jeden.

Als Pierre mit der gesamten Familie zum Baden fährt, spielt es keine Rolle, dass er keine Badehose hat. Am Ende cremt er sich nicht ein und fühlt sich tagelang wie ein Hummer. Aber nicht nur das, im Haus wird kein Computer geduldet, kein Handy und er wird beinahe von einem Stier umgerannt. Isabelles Mutter rettet Pierre mit ihrer roten Bluse, die sie sich geistesgegenwärtig vom Leib reißt, das Leben. Am Ende dieser gemeinsamen Woche muss jedes Familienmitglied und auch die die es werden wollen, anlässlich des Geburtstags etwas vorführen oder vortragen. Angstschweiß bricht bei Pierre aus, wenn er nur daran denkt. Als er dann auch noch feststellt, was hinter dem schlammigen Geschmack im Essen steckt, ist seine Geduld am Ende.
Doch ist das schon das Ende seiner Liebe zu Isabelle, die wirklich zum Anbeißen ist, obwohl sogar die eigenen Onkel und Tanten behaupten, sie sei wahnsinnig?

Sprachlich voller Witz schildert Sophie Bassignac eine Familie, die durch Pierres Blickwinkel mehr als seltsam wirkt. Kreativ, begabt und voller Ideen sind es die Pettigrews, die Isabelle Halt geben und ihre weiblichen Finessen befördern.

Bestseller

Jörg Magenau: Bestseller, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2018, 512 Seiten, €22,00, 978-3-455-50379-1

„Es gibt sie nicht, die Bestseller-Formel. Gäbe es sie, hätten die Verleger sie längst entschlüsselt und müssten nicht mit jedem Buch erneut das Risiko unwägbarer Kalkulationen eingehen.“

Dabei haben doch 2016, laut Autor, das Autorenduo Jodie Archer und Matthew L.Jockers den Bestseller-Code nach einer Studie an 5000 Romanen aus 30 Jahren geknackt. Aber richtig fündig geworden sind sie auch nicht.

„Erfolgsprinzip Nummer eins also: Einfachheit und Übersichtlichkeit und Verzicht auf komplexe Strukturen.“

Aber auch diese Erkenntnis kann nicht stimmen, denn immerhin finden sich auf den Bestsellerliste so wunderbar anspruchsvolle Werke wie: 1958 – Franz Kafka „Das Schloss“, 1983 – Christa Wolf „Kassandra“, 2008 – Uwe Tellkamp „Der Turm“ oder 2014 – Jan Wagner „Regentonnenvariationen“.
Doch was ist nun wirklich ein Bestseller und wie entsteht er? Wie steht es um die Ware Buch? Ab welcher Zahl kann man von einem bestverkauften Buch reden und wie versuchen die Verlage, Bestseller zu kreieren? All diesen Fragen geht der bekannte Literaturkritiker und Autor nach und findet doch keine befriedigenden Antworten.
Zumal Verlage bereits in ihren Vorschauen im Frühjahr oder Herbst oftmals Bücher als Bestseller anpreisen, obwohl sie es in unseren Breiten noch gar nicht sind. Ein entsprechendes Marketingkonzept pusht die Werke dann ins Bewusstsein des Lesers und dieser kauft sie, weil sie ja gut sein müssen. Was bei vielen Beispielen überhaupt nicht der Fall ist, weder literarisch, noch inhaltlich.

Thematisch komprimiert, ob es sich nun um Literatur dreht, die sich Sachthemen, wie z.B. dem Wald zuwendet, dem Lesen an sich, der DDR als entschwundenes Land oder philosophischen Romanen, blickt Jörg Magenau in die Vergangenheit und erzählt ausführlich von den ersten sogenannten Bestsellern wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W. Ceram oder „Stalingrad“ von Theodor Plievier. Warum Bücher, die Verleger zum Teil gar nicht machen wollten, sich dann millionenfach verkaufen, bleibt ein Rätsel. Oder spiegeln die Titel doch den Zeitgeist auf die eine oder andere Weise wider?
Mit Jörg Magenau erinnert sich der Leser an alte Bekannte oder längst vergessene Autoren wie Johannes Marius Simmel und Bücher, die in ihrer Zeit öffentlich wirksam waren, aber nun in den Antiquariaten oder Bibliotheken eher verstauben. So analysiert der Autor 110 Titel von 1945 bis heute und wird nicht müde zu betonen, wie die Werke in den Bücherlisten unser Zeitgefühl spiegeln und antwortet in einem Interview auf die Frage, wie die Stimmung der Gesellschaft in den aktuellen Listen sichtbar ist:

„Wir sind entspannter, als wir in unserer doch eher hysterischen Gegenwart fürchten. Nehmen Sie die ersten zehn der Sachbuchliste: ‘Die Kunst des guten Lebens’, ‘Über den Anstand in schwierigen Zeiten’, ‘Nächste Ausfahrt Zukunft’, das sind alles Werke, in denen es um Wissen, Moral und das bessere Leben geht. Und mit ‘Feuer und Zorn’ von Michael Wolff widmen wir uns der Paranoia der Politik.“ ( Spiegel online, 28.02. 2018 )

Kleine Fehler haben sich leider ins Buch eingeschlichen, so heißen die oft bemühten russischen Puppen, die man ineinander stapeln kann, nicht Matruschka, sondern Matjroschkapuppen.
Auch der oberlehrerhafte Vergleich zwischen den Büchern von Jostein Gaarder und Richard David Precht hinkt. Jostein Gaarder hatte immer den Anspruch für Jugendliche zu schreiben und so erschien das Buch auch im Carl Hanser Verlag im Kinder- und Jugendbuchbereich. Dass „Sofies Welt“ so ein Erfolg wurde, war kaum vorauszusehen und hat den Verlag wohl eher überrascht. Wenn Erwachsene zum Gaarder Buch griffen, was nicht selten vorkam, dann muss ihnen auch bewusst gewese sein, hier hat ein Autor anschauliche Bilder und verständliche Vergleiche für junge Leser gefunden.

Schaut man genau auf die Liste der sogenannten „besten“ Bücher, dann setzt sich eher Qualität durch und das kann nur freuen und Lust auf neue Bestseller machen. Über die wirklich lesenswerten Werke kann der Leser immer noch selbst entscheiden.

Die Frau, die liebte

Janet Lewis: Die Frau, die liebte, Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 136 Seiten, €18,00, 978-3-423-28155-3



„Was, wenn Martin, der Fremde mit dem struppigen Bart, nicht der richtige Martin war, nicht derjenige, den sie damals um die Mittagszeit bei dem frisch gepflanzten Feld zum Abschied geküsst hatte? Ihre Sünde, wenn es sich tatsächlich so verhielt, wäre tiefschwarz, denn hatte sie nicht eine instinktive Ahnung gehabt?“

Als Kinder von Großbauern im Jahr 1539, beide sind erst elf Jahre alt, werden Bertrande und Martin verheiratet. So mehren die Familien in der Gascogne ihr Hab und Gut, so stiften sie ein friedliches Zusammenleben. Martin ist sich seiner Vormachtstellung gegenüber Bertrande bewusst und schlägt ihr unvermittelt ins Gesicht. Schnell wird klar, er hat die Grobschlächtigkeit des Vaters geerbt, er ist nicht gutaussehend, aber hat markante Züge und einen starken Willen. Mit vierzehn Jahren zieht Bertrande mit ihrer Mitgift endgültig ins Haus ihres Ehemannes ein. Sie wird in allem unterrichtet, was künftig in ihren Aufgabenbereich gehört. Sie lernt ihren Mann lieben und bekommt mit zwanzig Jahren den erwünschten Stammhalter. Erst wenn der Vater Martins verschieden ist, kann dieser die Hausmacht übernehmen. Martin will etwas verändern und handelt dem Vater zuwider. Er weiß, nur seine Abwesenheit kann den Zorn des Hausherrn mildern. Martin bezieht Bertrande in seinen Plan mit ein, aber aus der einen Woche oder dem einen Monat werden Jahre. Bertrande hat schon fast die Hoffnung auf eine Rückkehr verloren, immerhin ist ihr Stiefvater bei einem Sturz ums Leben gekommen, da steht Martin plötzlich wieder auf dem Hof.

Voller Glückseligkeit schließt die Familie ihn in die Arme, die Schwestern und Schwäger erkennen ihn ohne Zweifel. Nur Bertrande spürt einen kurzen Moment der Fremdheit, verwischt diesen jedoch wieder. Sie wird schwanger, ein Sohn wird geboren. Martin ist im Gegensatz zum alten gutartig, ruhig, ausdauernd und freundlich. Er beflügelt die Arbeit der Untergebenen, er wird von seinem Sohn Sanxi geliebt. Nur Bertrande bemerkt an sich nach und nach ein Unbehagen, das sie dem Priester gegenüber äußert. Auch der Onkel von Martin zweifelt an der wahren Identität des Neffen.

Bertrande kann nicht länger schweigen und beschwört so ein Unglück herauf. Sie ist in sich völlig zerrissen, glaubt aber, zu sündigen, da sie erneut schwanger die Kinder eines Fremden, so ihre Meinung, austrägt. Der Onkel steht ihr zur Seite, die anderen Familienmitglieder sind sich sicher, dass Martin Martin ist. Ein Prozess soll die wahre Identität mit Hilfe von Zeugen klären.
Wenn dieser Mann nicht Martin ist, wo ist dann der wirkliche Martin? Hat der Fremde, so die Vermutung Bertrandes, ihren Ehemann ausgehorcht und getötet? Wie kann es sein, dass so viele Details in seinen Reden mit der Wirklichkeit übereinstimmen?

Das Gericht jedenfalls arbeitet gründlich und es scheint nach der Aussage eines Soldaten so zu sein, dass Bertrande in den Armen eines Hochstaplers gelegen hat. Und so plädiert das Gericht nach diesem Indizienprozess für die Todesstrafe. Bertrande ist entsetzt. Die Familie erhebt Einspruch und ein neuer Termin in Toulouse wird folgen. Bertrande muss nun in sich gehen und überlegen, ob sie den Tod dieses Mannes, der ja wirklich Martin sein könnte, in Kauf nehmen will.

Janet Lewis schreibt atemberaubend und faszinierend, dank der Übersetzung von Susanne Höbel. Sie treibt die Handlung in der langen Geschichte voran und taucht in wunderbaren Szenen in die Zeit des Feudalwesens ein, öffnet die Türen zu den Häusern der Bauern, findet Bilder für die Natur und die harte Arbeit der Menschen.

Judith Hermann schreibt in ihrem Nachwort:
„Über alle strenge Form und Gefasstheit hinaus ist „Die Frau, die liebte“ ein wagemutiges, ein letztlich wildes Buch.“

Nächste Station

Helen Simpson: Nächste Station, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Verlag Kein & Aber, Zürich 2018, 206 Seiten, €20,00, 978-3-0369-5777-7

„Mit über achtzig lebt man in einem anderen Land, am Hof des Despoten. Man hofft, der Tag möge so fern wie möglich sein, weiß aber, dass man auf der Abschussliste steht.“

Von Station zu Station verfolgt die Erzählerin dieser Geschichten Menschen, die sich eher in der zweiten Hälfte des Lebens befinden. Es sind vor allem Frauen, die auf die gelebten Jahren zurücksehen, auf gute wie schlechte Zeiten, sie denken an die Kinder und an den Tod. Eine kleine Reisegruppe englischer Pensionäre reist nach Berlin, um sich den „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner anzusehen. Im Zentrum stehen Tracey und Adam, die doch etwas jünger sind als ihre Reisegefährten. Eigentlich wollte der verhasste Vater von Adam, ein Wagner-Liebhaber, und seiner Frau diese Fahrt antreten. Beide sind kurz nacheinander verstorben und nun sitzen Sohn und Schwiegertochter auf ihren Plätzen, immerhin war ja schon alles bezahlt. Adam grollt die ganze Zeit und Tracey schauert es vor dem Gedanken, mit diesem Mann bis ans Ende ihrer Tage zu leben, zumal Adam, das wird nicht genau erläutert, sich kurzzeitig auf Abwegen befand. In den vier Tagen in Berlin besucht die Gruppe Sehenswürdigkeiten, debattiert über die deutsche Geschichte und natürlich die Musik Wagners. Tracey wird in ihren Gedankenströmen während der Aufführungen, leider gibt es keine englischen Übertitel und so sammelt sie deutsche Wörter und übersetzt diese, immer tiefer in den Zauber der Komposition hineingezogen.

„ Es ist, wie wenn man verliebt ist: faszinierend. Etwas Kraftvolles liegt in der Luft; man kann es weder sehen noch greifen, doch es dominiert alles.“

Doch statt sich zu entfernen, wie zu Anfang vermutet, bringt diese Opernfahrt die beiden Eheleute wieder näher.

Helen Simpson ist in jeder Geschichte ihren Hauptfiguren sehr nah, ob sie nun in Panik sind, weil sie die Gleitsichtbrille im Zug vergessen haben oder einem russischen Handwerker zunehmen ungeduldig zusehen, wie er in aller Ruhe nach einem Fehler in der Gefriertruhe sucht. Im Dialog aller spiegeln sich gesellschaftliche Konflikte, aber auch Banalitäten.

Von Station zu Station, ob nun in London oder in Berlin streift die Autorin allgemeinmenschliche Themen, in dem sich Protagonisten begegnen, die ihre Interessen teilen, wie in der Geschichte über den Literaturzirkel oder weit entfernt, wie in der Geschichte im Krankenhaus, die von einem Gefangenen, der eine Krankheit simulieren möchte und einem wirklich Kranken handelt.
Mal ist es der gelassene Blick auf Vergangenes, dann wieder der ironische. Eins ist klar, der Leser und die Leserin fühlen sich auf einem literarisch hohen Niveau gut unterhalten.

Der rote Swimmingpool

Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2018, 284 Seiten, €19,00, 978-3-446-25909-6



„Überall ist er, mein Vater. Selbst unter Wasser. Es scheint keinen Ort zu geben, an dem ich nicht an ihn denken muss. Ich weiß nicht, wie mein Vater das macht. Wie er es hinkriegt, mich einfach aus seinem Leben zu kicken. Als existierte ich nicht. Als hätte ich nie existiert.“

In Adams Leben ist alles perfekt. Im Gegensatz zu seinen Freunden lieben sich seine Eltern, Wiktor und Eva, immer noch. Die Eltern von seinem Freund Tom leben auch zusammen, benötigen aber ständige Streitereien, um sich noch zu spüren. Wenn Adams attraktive Mutter in den eigens vom Vater für sie erbauten Swimmingpool mit den roten Kacheln springt, ist die Welt in Ordnung. Adams Mutter stammt aus Frankreich, sein Vater aus Polen. Geld ist genug da, denn Adams Vater arbeitet als erfolgreicher Unternehmensberater in München. Trotz vieler Dienstreisen des Vaters hält die Beziehung der Eltern stand und das bisher gut siebzehn Jahre. Erstaunlich ist, dass Adams Eltern und er im Gespräch sind, jeder respektiert den anderen. Es besteht eine gute Kommunikation, was nicht wirklich die Regel nach Pubertät und erstem Ausprobieren von Drogen, Alkohol oder Zigaretten ist.
Allerdings muss etwas Schlimmes geschehen sein, denn langsam wird klar, dass Adam als Altenpfleger Sozialstunden ableisten muss. Bei der kranken Frau Schedel lernt Adam ihre Urenkelin Tina und ihren schrecklich fetten Kater kennen. Wie magisch zieht Tina Adam an, wäre da nicht Tom, der sich immer in alles einmischen muss.

Aus Adams Sicht erfährt der Leser nun nach und nach, wie Adams Familie Stück für Stück zerbricht. Nie weiß der Leser mehr als Adam. Sehr nah an Natalie Bucholz’ Erzähler taucht er wie gebannt in die Geschichte ein.

Als Evas Schwester stirbt, reisen Adam und seine Mutter zum Onkel nach Paris. Seltsam ist, dass Adams Vater sich weder meldet, noch zur Beerdigung kommt. Adams Mutter behauptet, der Vater würde aus ihrem Leben von heute auf morgen verschwinden. Doch warum? Hat er eine andere Frau? Hat er die Familie angelogen und schämt sich? Adam spioniert dem Vater hinterher und weiß nun, dass Wiktor ein Verhältnis mit seiner Kollegin hat.
Immer wieder versucht Adam zum Vater einen Kontakt herzustellen, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch dieser wehrt den Sohn ab, bittet um Zeit, die er benötigt, um mit allem klarzukommen. Auch Adams perfekte Mutter lässt den Sohn im Ungewissen, spricht nicht mit ihm, ist der Meinung, dass er mit seinen fast achtzehn Jahren ja nun erwachsen sei.
Adam ist völlig von der Rolle, purzelt aus dem Nest ohne Vorwarnung und ist bei Weitem nicht der Erwachsene, den sich seine Eltern vorstellen. Er ist völlig berechtigt wütend und verunsichert, denn auch seine Mutter verschwindet aus seinem Leben. Sie geht ohne ihn zurück nach Frankreich. Sicher muss Adam sein Abitur noch machen und er hat Pläne, will Medizin studieren.

Als dann Adams Vater auch noch mit der neuen Frau und deren zwei Kleinkindern in das ehemalige Haus mit dem roten Swimmingpool einzieht, entlädt sich endlich Adams Wut und der Leser ist erleichtert. Adam ist inzwischen in der Nähe des Vaters in eine WG gezogen. Sein Mitmieter Sven ist ein ziemlich ekliger Typ, aber zum Glück sind sich Tina und Adam näher gekommen und Adam ist schwer verliebt.
Vor dem inneren Auge des Lesers spielt sich ein typisches Szenario ab. Adams Vater hat sich eine neue, kleine Familie zugelegt, denn er liebt seine Frau nicht mehr. Er hat sie belogen und betrogen.
Aber so ist es nicht, im Gegenteil. Als Adam dann auch noch sieht, dass der Vater, der ihm vehement einen Hund verweigert hat, seinen neuen Töchtern zwei Welpen schenkt, brennt bei Adam eine Sicherung durch und ein schrecklicher Gedanke bricht sich, ausgelöst durch einen unglücklichen Zufall, Bahn.

Lebensnah, in einer Sprache, die jung ist und doch nicht anbiedernd, entfaltet sich die Handlung um Adams Enttäuschung, bitteren Erkenntnisweg und seine blitzschnelle Entlassung aus dem Nest der Familie.

„Vielleicht sehen Eltern in Kindern immer nur das, was sie sehen möchten, denke ich. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis. Vielleicht findet man erst dann zu sich selbst, wenn man das, was die Eltern in einem sehen, von dem trennt, was man wirklich ist.“

Natalie Buchholz’ Roman ist sicher für jugendliche Leser eine interessante Lektüre, die viele Fragen aufwirft, direkt auch sexuelle Erfahrungen beschreibt und Diskussionen provoziert.
Absolut lesenswert!

Abifeier

Eric Nil: Abifeier, Verlag Galiani Berlin, Köln 2018, 160 Seiten, €17,00, 978-3-86971-165-2



„Ich versuchte nun, fast aus Trotz, mit Bea ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber die Themen trockneten im Nu aus, und es musste ständig neues her, das dann auch wieder nach ein paar Sätzen verdunstete. Glücklicherweise gab es ein Programm.“

Vor sechs Jahren hat sich der Erzähler von seiner Frau Bea getrennt und ist von Basel nach Hamburg gezogen. Es war aber nicht nur ein Ehebruch, sondern auch eine Trennung von den Kindern, die zu dieser Zeit im besten Teenageralter waren. Sohn Alex verweigert zunehmend den Kontakt zum Vater, Tochter Nora zieht sogar nach Hamburg als die Spannungen zwischen Mutter und Tochter unerträglich werden und die Aussicht auf ein besseres Abitur winkt.
Der Erzähler ist erneut liiert. Die Freundin heißt Johanna, ist ebenfalls geschieden und hat zwei Jungen, den kleinen Max, genannt Grübchen, und Tobias genau in Noras Alter.

Das Paar lebt nicht als Patchworkfamilie zusammen, doch man sieht sich regelmäßig auch mit den Kindern.
Und nun haben die Großen das Abitur geschafft und eine Feier steht an, bei der die Familien gemeinsam an 12er Tischen sitzen dürfen. Sehr schnell ahnt der Erzähler, dass die Tischordnung zum größten Problem werden könnte. Und es gibt einen Riesenwirrwarr, wer nun mit wem den Abend bis 22.00 Uhr, danach ist die Party für die Abiturienten, verbringen soll. Ständig wird umdisponiert und langsam wird deutlich, „es gibt keine Familien mehr, nur noch Konstellationen“. Bea und Alex reisen an und natürlich entstehen so die ersten Spannungen zwischen dem Erzähler und Johanna. Allerdings beginnen diese bereits bei der Zeugnisausgabe, bei der der Erzähler den Ex-Ehemann von Johanna kennenlernen soll. Auch wenn sich niemand das eingestehen möchte, tief im Innern vergleicht jeder jeden und fragt sich, warum hat es nicht geklappt, auch wenn man wie Johanna zum Beispiel achtzehn Jahre verheiratet war. Grübchen ist bei der Zeugnisausgabe voller Aufregung nur auf seinen Vater orientiert, dabei verbringt der Erzähler bedeutend mehr Zeit mit dem Jungen. Allerdings legen die Kinder viel Wert darauf, immer zu betonen, dass die Partner der jeweiligen Elternteile nicht die leiblichen Eltern sind. Als Beobachter, auch der anderen getrennten Paare auf dem Abiball, spart der Erzähler nicht mit Konfliktgeschichten der anderen Hamburger Familien. Als die Moderatoren des Abends sich sehnlichst wünschen, dass die einst angetrauten Eltern, mutmaßlich ist die Hälfte der Eltern im Saal geschieden, einen Walzer zusammen tanzen, wird es wieder melancholisch. Unsicherheit, Hilflosigkeit, Eifersucht und viel Bier spielen an diesem Abend, der ja den Kindern gehört, bei den Erwachsenen eine Rolle, aus der allerdings niemand fällt. Nur der Erzähler hat wenig Taktgefühl und sorgt einen Tag nach der Abifeier für einen Eklat.

Mit Augenzwinkern und leiser befangener Wehmut erzählt Eric Nil von Momenten der erneuten Begegnungen und des Abschieds. Allerdings geht er nie in die Tiefe, dringt nie zum wahren Schmerz vor, wenn zum Beispiel sein Sohn Alex und er sich nach fünf Jahren Funkstille begegnen. Er gestattet sich zwar einen Tagtraum und geht aber schnell zur Tagesordnung über. Nie wird erklärt, warum der Erzähler mit seiner Frau nicht mehr leben wollte, die nicht immer frisch gewaschenen Haare können nicht der Grund sein. Ja, die Story plätschert so dahin, spiegelt das wahre Leben in all seinen Absurditäten, ist ganz witzig erzählt und doch nur ein Draufblick ohne Erkenntnisse.

Pik-Bube

Joyce Carol Oates: Pik-Bube, Aus dem Amerikanischen von Frauke Cwikla, Verlagsgruppe Droemer Knaur, München 2018, 207 Seiten, €19,99, 978-3-426-28187-1

„Ein Feind in meinem friedlichen Leben. Von dem ich keine Ahnung hatte.“

In das Haus des erfolgreichen wie wohlhabenden Autors Andrew J. Rush aus Harbourton, der sogar mit Stephen King verglichen wird, flattert eine Klageschrift. Eine alte Frau namens C.W. Haider beschuldigt ihn des geistigen Diebstahls, des Plagiats. Er soll angeblich in ihr Haus eingedrungen sein, um ihre Manuskripte zu lesen und zu kopieren. Doch Andrew J. Rush ist sich keiner Schuld bewusst. All seine erfolgreichen Krimis, die sogar in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt wurden, entsprangen seiner eigenen Fantasie. Akribisch genau erarbeitet der Autor ein Konzept, wenn er einen neuen Roman beginnt. Wenn er jedoch unter seinem Pseudonym „Pik-Bube“ des Nachts schreibt, dann hetzt er nur so durch die Handlung, trinkt dabei und erlaubt sich gewalttätige, vulgäre, ja obszöne Exzesse. Niemand ahnt etwas von seiner Doppelexistenz, nicht mal seine Familie. Wie eine fremde Person verfolgt den Autor neuerdings sein zweite Schreibexistenz.

„Du bist jetzt in Sicherheit. Niemand wird der Hexe glauben, falls sie dich beschuldigt.“

Diese innere Stimme stachelt den Autor zu seltsamen Aktionen an. Nach und nach verliert er seine Bodenhaftung. Doch warum, so fragt sich der Leser, spürt der Autor diese Angst vor dieser offensichtlich völlig verwirrten Frau, die schon mehrmals Autoren verklagt hat. Sie behauptet auch, dass Stephen King oder John Updike sie bestohlen hätten.
Die Panik vor der schlechten Presse scheint Rush anzutreiben, aber auch ein schlechtes Gewissen.
Mit dem Reichtum wurde es einsam um Rush, der sich nicht wie seine Frau, mit Kollegen und Freunden zum Essen trifft. Völlig irrational begibt sich Rush zum Haus der verrückten Frau, er weiß sie ist nach der Anhörung, in der die Klage vom Richter abgewiesen wurde, zusammengebrochen.
Vom Hausmeister lässt sich Rush unter fadenscheinigen Vorwänden die Tür öffnen. Rush betritt nun ebenfalls das Haus einer einsamen, allerdings verarmten schreibenden Person. Nach der Durchsicht ihrer Manuskripte entdeckt Rush, dass sie wirklich bedeutend früher als die berühmten Autoren, deren Romanhandlungen entworfen hatte. Nur sind weder King, noch Updike noch er vorher je bei ihr eingestiegen. Bedeutend sind auch ihre Erstausgaben von bekannten Schriftstellern, die Rush auf Befehl seiner inneren Stimme einfach mitnimmt.
Rush entdeckt auch das Manuskript, das dem seines ziemlich gut verkauften Krimis gleicht.
Spielt sich all dies nun in der Fantasie des Autors ab, ist es ein Alkoholrausch, in den Rush verfällt oder ist es eine reale Geschichte? Oder sind dies auch die Albträume eines Autors, der, wenn er an einer Geschichte schreibt, immer in der Angst lebt, dass ein anderer diese bereits ausgedacht und zu Papier gebracht haben könnte?
Schuldig sein, dieses Motiv entwirrt sich erst am Ende der Geschichte, denn Rush ist einst schuldig geworden, doch niemand konnte es ihm beweisen. Nur er selbst kennt die Wahrheit.

Die bekannte amerikanische und sehr vielseitige Joyce Carol Oates hat mit ihren nun 80 Jahren einen doppeldeutigen, wie extrem spannenden Roman geschrieben, der unterschwellig die Empfindungen eines sensiblen Autors beleuchtet und diesen in die Katastrophe führt.