Die Zeitungsfrau

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau, Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft, Piper Verlag, München 2016, 352 Seiten, €20,00, 978-3-492-05758-5

„Der gefährlichste Ort der Welt war die Familie. Spannungen wurden ungehemmt hineingetragen und eskalierten.“

Da wirft ein junger Mann einen Molotowcocktail auf die Questura und bittet förmlich darum, endlich festgenommen zu werden. Er will unbedingt dem Zugriff seiner besitzergreifenden Mutter entfliehen und seine Ruhe haben. Die spinnen die Italiener, könnte man denken und haben keine anderen Probleme, aber weit gefehlt. In Veit Heinichens neuem Laurenti – Krimi stehen Flüchtlinge in langen Schlangen an, um sich registrieren zu lassen, Korruption, Geldwäsche und Kriminalität blühen und der Commissario wird aus dem Urlaub zurückgeholt, denn eine Explosion im Sporthafen erinnert an die kriminelle Handschrift von Diego Colombo, der sich allerdings 1991 selbst bei einem Ablenkungsmanöver in die Luft gesprengt hat. Ein Lastkraftwagenfahrer und Familienvater war allerdings im Hafen zur falschen Zeit am falschen Ort und so muss Laurenti die Ermittlungen aufnehmen. Auch Diego Colombo hatte zu Lebzeiten einen Toten auf dem Gewissen, aber nie konnte Laurenti ihm etwas nachweisen, was ihn bis heute wurmt. Colombo war ein galanter Dieb, der eigentlich aus Argentinien stammte und zu Beginn des Falklandkrieges nach Italien zu Verwandten floh. Bestohlen hat er immer nur die Wohlhabenden, die über wertvolle Gemälde verfügten. Allerdings geriet er in die Fänge des korrupten Polizisten der Guardia di Finanza, Lino La Rosa, der ihn erpresste und letztendlich auch verriet. Als Colombo angeblich starb, war seine Frau, Teresa Fonda, schwanger. Seit gut 25 Jahren führt sie nun ihren kleinen Kiosk und ist die „Zeitungsfrau“, die mit ihrer Schönheit die männlichen Kunden bezirzt. Auch Laurenti ist nicht immun gegen ihre Reize. Allerdings bleibt er auch skeptisch, denn Teresa hat drei Kinder, die auffällig Diego Colombo ähneln und so bleibt die Vermutung, das er immer noch am Leben ist. Auch kann eine alleinstehende Mutter mit einem Kiosk finanziell nicht so gut dastehen. Sie muss über weitere Einnahmen verfügen und beste Kontakte zur Justiz. Als Colombo verstarb, entschied sich die hochschwangere Teresa seinen Widersacher zu töten. Allerdings hat sie La Rosa mit dem Auto nur schwer verletzt und für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Die minderjährige Tochter La Rosas, Daria Bono, muss sich nun um ihren biologischen Vater kümmern, der sich erst zu ihr bekannte, als er eine Pflegerin benötigte. Für Daria und ihr Schicksal hätte man Mitleid haben können, wäre sie nicht zu einer berechnenden wie bitterbösen Frau geworden. Lino La Rosa hatte in seinem beruflichen Leben, ohne entsprechende Konsequenzen, betrügen und erpressen können. Auch Darias Eltern gehörten zu den Leidtragenden, allerdings tötete Darias geliebter Vater ihre Mutter, als er von dem Verhältnis zu La Rosa erfuhr. Daria Bono ist nun Anfang 40 und führt als Verwalterin ein Altersheim. Wenn in ihrem Haus wohlhabende Pensionäre sterben, geht sie brav zur Beerdigung mit ihrem Malteser Hund Gulasch, währenddessen ihre kleinkriminellen Helfershelfer das Erbe der Toten beiseite schaffen.

Die Explosion im Triester Freihafen soll die Polizei nun auf die Spur von Daria Bono, La Rosa und beider Rechtsanwalt Carfi führen, die dort ihr Diebesgut verstecken. Proteo Laurenti zeigt, ehe er Gutachter beauftragt, seiner Frau, einer Kunstexpertin, die gefundenen Schätze, die Bilder alter Meister, die auf gar keinen Fall Fälschungen sind.

Bei dieser vertrackten Geschichten ist der Leser manchmal dem Commissario ein Stückchen voraus. Er weiß, dass Daria Bono glaubt, den wahren Diego Colombo gefunden zu haben. Dieser Raffaele Maran ist allerdings der Geliebte von Teresa, die immer wieder in ihren Zeitungsstapeln Kopien von Bildern findet, die einst Diego gestohlen hat. Nicht unbedingt ängstlich fühlt sie sich doch bedroht und vertraut sich Laurenti an. Dieser beginnt nun mit seiner routinierten Polizeiarbeit, d.h. mit Befragungen und Durchsuchungen und gerät an hartgesottene Gauner, die jegliches Gefühl, auch für die eigenen Familienmitglieder, längst verloren haben.
So sagt La Rosa spöttisch zu Laurenti:

„Was interessiert mich Kunst? Alte Bilder sind die einzige stabile Wertanlage, die im letzten Vierteljahrhundert nie verloren hat, während Immobilien, Wertpapiere, Rohstoffe und Beteiligungen riesige Einbußen verzeichneten.“

Laurenti jagt im 9. Band nun seinem Phantom hinterher, täuscht sich in Teresa Fonta und sorgt sich um seine eigenen Kinder. Livia hat sich in einen deutschen Anwalt und Besserwisser verliebt, Marco sucht sich keine Arbeit als Koch und Barbara zieht um die Häuser und überlässt ihre kleine Tochter seiner Schwiegermutter.
Wie immer spielt Triest als Dreh- und Angelpunkt zwischen Balkan und Westeuropa eine Hauptrolle in diesem spannenden Fall. Seit zwanzig Jahren lebt Veit Heinichen in der Hafenstadt und schaut bei seinem Plot hinter die Fassaden der noblen Gesellschaft.
Veit Heinichens Romane sind um Längen literarischer und vom Handlungsaufbau tiefgründiger und komplexer als die Venedig-Romane von Donna Leon. Doch wer Italien, das gute Essen und unterhaltsame Krimis liebt, kann je nach Lust und Laune mit beiden Autoren glücklich werden.

Rechts blinken, links abbiegen

Dorthe Nors: Rechts blinken, links abbiegen, Aus dem Dänischen von Frank Zuber, Verlag Kein & Aber, Zürich 2016, 192 Seiten, €20,00, 978-3-0369-5747-0

„Sie steht mitten im Leben, Sonja, eine erwachsene Frau, aber sie traut sich nicht, zu Jytte zu gehen. Irgendetwas verschließt sich so fest, dass sie glaubt, sie werde gespalten. Sie weiß, dass sie sich reif und erwachsen benehmen sollte, aber sie will um alles in der Welt nicht mit ihrem Verrat konfrontiert werden.“

Sonja Hansen ist aus ihrem Kindheitsort Jütland nach Kopenhagen gezogen und arbeitet hier freiberuflich als Übersetzerin. Sie steht in der Mitte ihres Lebens, ist 42 Jahre alt und lebt allein. Immerhin übersetzt sie die Krimis des ziemlich bekannten Autors Gösta Svensson und doch ist Sonjas Leben irgendwie aus der Spur geraten. Um endlich andere Wege einzuschlagen, nimmt Sonja Fahrstunden, aber diese dauern nun bereits ziemlich lang. Sonja ist einfach nicht in der Lage, die Gangschaltung zu betätigen. Ihre allzu beherzte Fahrlehrerin, Jytte, erzählt während der ziemlich teuren Fahrstunden von ihren privaten Problemen, legt für Sonja die Gänge ein und herrscht sie an, wenn sie einen Fehler macht. Hilflos wie ein Kind fühlt sich Sonja dieser Frau ausgeliefert. Sie findet auch keine Worte, um ihre Rechte als Fahrschülerin einzufordern. Alles geht in die falsche Richtung und darauf weist auch der Titel des Buches „Rechts blinken, links abbiegen“ hin. Um ihre Verspannungen endlich loszuwerden und ihren Frust auf Jytte, geht sie zu Ellen und lässt sich massieren. Immer wieder ruft Sonja ihre Schwester Kate an, die mit Mann und ihren zwei Söhnen ein intaktes Familienleben führt. Aber jedes Mal, wenn Sonja anruft, scheint Kate an einer imaginären Supermarktkasse zu stehen. Scheinbar haben sich beide Schwestern wenig zu sagen.

Dorthe Nors erzählt von einer durchaus sympathischen Figur, die ständig um sich selbst kreist und irgendwie neben dem beruflichen kein richtiges Leben zu führen scheint. Mittlerweile kann Sonja auch nicht mehr die brutalen Exzesse ihres Krimiautors ertragen, die sie in Worte fassen muss. Worte gehen Sonja verloren, wenn sie mit anderen Menschen zu tun hat. Sie drückt sich immer mehr vor neuen Begegnungen und scheint einfach nicht die richtige Schaltung für ihr Leben zu finden.

Stellenweise liest sich der Roman tragikomisch, stellenweise spürt man aber auch die Einsamkeit, innere Leere und Hilflosigkeit der Hauptfigur in einer pulsierenden europäischen Stadt. Sprachlich zieht die dänische Autorin den Leser schnell in Sonjas Geschichte hinein und fesselt ihn, wenn er sich auf diese Frau und ihr Großstadtleben einlassen möchte.

Das Haus der verlorenen Seelen

Britta Bolt: Das Haus der verlorenen Seelen, Aus dem Englischen von Heike Schlatterer, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016, 320 Seiten, €22,00, 978-3-455-40563-7

„Womöglich war sein Talent, Puzzleteile zusammenzusetzen, den richtigen Abschluss für eine Geschichte zu finden, hier gar nicht gefragt. Vielleicht hatten die beiden Morde überhaupt nichts miteinander zu tun.“

Britta Bolt, ist das Pseudonym des Autorenduos Britta Böhler aus Freiburg und Rodley Bolt aus Südafrika. Die beiden leben seit 1991 in Amsterdam und haben einen neuen Typ Ermittler erfunden: Pieter Posthumus, genannt PP, ist weder Detektiv, noch Polizist. Eigentlich ist er für anonyme, einsame Tote in Amsterdam zuständig. Aber er wird durch seine Freundin Anna in einen Ermittlungsfall hineingezogen, in dem es zwar um Menschen am Rand der Gesellschaft geht, aber ihm persönlich wohlbekannte.
In der Nähe vom Dolle Hund, dem Lokal von Anna, liegt das Gästehaus von Marloes Vermolen, einer Frau mit einem großen Herzen. Sie nimmt Gestrandete auf, die sich aus dem Rotlichtmilieu zurückziehen wollen, drogenabhängig sind oder einfach nur Zuwendung brauchen. Die sogenannten besseren Bürger der Gegend rümpfen die Nase über Marloes, finden sie verrückt. Auch Anna weiß, das Marloes immer etwas durcheinander ist, nicht zusammenhängend redet und doch mag sie sie.

Als Zig, einer der Bewohner des Gästehauses, ein osteuropäischer Stricher und ehemaliger Loverboy, der Mädchen in die die Prostitution gezwungen hat, in seinem Blut, offenbar erschlagen, gefunden wird, beginnt für Posthumus die Recherche. Eigentlich sollte er sich ja aus den Fällen der Amsterdamer Polizei zurückhalten, aber Anna wird ihn bitten, denn Marloes wurde als Hauptverdächtige festgenommen.

Alles steht auf der Kippe in der Wohngegend rum um den Dollen Hund. Die Stadt versucht Immobilien zurückzukaufen, um in diesem Areal schicke Wohnungen zu bauen. PP erinnert sich, dass der Moldawier Zig Kontakt zu Tony, einem ebenfalls Loverboy aus Osteuropa, aus Polen, hatte. Tony ist gewaltsam ums Leben gekommen und PP war für den Nachlass zuständig. Besteht zwischen den beiden Todesfällen nun ein Zusammenhang oder nicht? Außerdem entdeckt Posthumus, und hier schließt sich der Kreis, ein Gemälde von Zig, der die niederländischen Klassiker nachahmte. Allerdings sind die Motive nicht dem Original eins und zu eins ähnlich, sondern immer ein paar Sekunden danach als Bild festgehalten. Auch Tony hatte so ein Bild in seiner Wohnung.

Anna engagiert sich gegen den Widerstand der anderen Nachbarn für Marloes und registriert verzweifelt, dass die Anwältin nichts für ihre Mandantin unternimmt. Die Zeit sitzt Pieter Posthumus im Nacken, denn Marloes psychologisches Gutachten bestärkt ihre Schuldfähigkeit. Hinter den Kulissen jedoch versucht eine Kiezgröße, die Fäden zu ziehen. Henk de Kok engagiert das Muttersöhnchen Marty. Er wohnt mit seinen 32 Jahren immernoch bei der Mutter und arbeitet unter ihrer herrischen Aufsicht im Fleischerladen. Marty wittert die Chance sich aus den Fängen der Mutter zu lösen und ihr zu beweisen, was er kann. Marty soll nun für de Kok, die Anwältin von Marloes dazu bringen, dass sie ihr Haus verkauft.
Doch dann bricht ein Brand im Dollen Hund aus und Anna und ihr derzeitiger Freund und Musiker Paul, den Pieter nicht sonderlich schätzt, werden verletzt.
Anna bittet Pieter, sie hat sich bereits aus dem Krankenhaus entlassen, sich etwas um Paul zu kümmern, da sie für Marloes da sein muss. Als Pieter in Pauls Wohnung ein paar Sachen zusammensucht, fällt sein Blick auf ein Foto, das Foto seiner minderjährigen Tochter.
Wie immer spielt Amsterdam die Hauptrolle in diesem spannenden Fall, den Pieter, auch auf Bitte des Kommissars Flip de Boer, lösen wird.

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte, Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Dumont Buchverlag, Köln 2016, 348 Seiten, €23,00 , 978-3-8321-9830-5

„L. konnte besser als jede andere mein Stimmung, meine Sorgen erraten, sie schien eine Vorherkenntnis der Ereignisse zu haben, die mich betrafen. Sie hatte auf mich einen Einfluss, den keine meiner Freundinnen je gehabt hatte.“

Die Ich-Erzählerin dieses Romans scheint die Autorin selbst zu sein. Doch endet L., die Freundin, von der die Ich-Erzählerin akribisch genau in diesem Roman berichtet, ihre Manuskripte als Ghostwriterin für Politiker, Schlagersternchen oder Schauspielerinnen mit „ Ende* “, ein persönliches Zeichen der wahren Autorin. Auch dieser Roman endet mit „ Ende* “. Wer hat nun diesen Roman geschrieben, die ominöse L. oder Delphine de Vigan? Kann es sein, dass jemand sein Leben aus Episoden aus Romanen selbst erdichtet und diese dann präzise genau weitererzählt? Die Autorin hat L. jedes Wort geglaubt, weil sie es wollte und ihr vertraut hatte.

Alles beginnt mit dieser entscheidenden Begegnung nach der Buchmesse. Die Autorin hat einen sehr persönlichen Roman über ihre Mutter veröffentlicht. Er heißt „Das Lächeln meiner Mutter“ ( Rezension ebenfalls auf dieser Homepage ). L. und sie kommen ins Gespräch, sie sind sich sympathisch. Dabei fällt auf, dass die Autorin L. als äußerst perfekte Frau mit starken Ansichten wahrnimmt und sich selbst in den Schatten stellt. War sie doch als Kind recht schüchtern und ist auch heute nicht besonders erfreut, wenn sie vor Publikum reden soll. Alles an L. fasziniert die Autorin und nach jeder Begegnung, scheint sie ein bisschen zu schrumpfen. Sie verliert sich selbst in dieser immer intensiver werdenden Beziehung. Als die Sprache darauf kommt, was die Autorin demnächst als neues Buch beginnen wird, entbrennt eine heftige Auseinandersetzung. L. glaubt, gute Literatur kann nur diejenige sein, die aus dem wahren Leben schöpft. Allerdings erhält die Autorin von einem anonymen Schreiber hasserfüllte Briefe, die mit der Schreibmaschine geschrieben wurden. Er kritisiert sie, da sie persönliche Themen öffentlich gemacht hat. Er beleidigt sie und unterstellt ihr, sie sei mit einem berühmten Literaturkritiker nur zusammen, weil sie sich davon Vorteile verschaffe. Auch auf ihrer Facebook-Seite tummeln sich fiese Anschuldigungen.
In der Zeit als die Autorin L. kennenlernt, geschehen in ihrem Leben viele Umbrüche. Ihre Zwillinge machen Abitur und verlassen das Nest. Ihr Freund Francois ist ständig unterwegs und wird L. nie begegnen, zumal diese auch in Andeutungen schlecht über die Beziehung zwischen der Autorin und Francois spricht. L. scheint wie ein Seismograph auf alle Stimmungen der Autorin zu reagieren und vermag auch das zu sagen, was der andere hören will. Sie allein weiß um die Geheimnisse ihrer besten Freundin, nachdem sie alle anderen Freunde ausgebootet hat.

Sind es die inneren Zweifel, die die Autorin nicht aussprechen kann und einer anderen Person in den Mund legen muss? Ist es ein Spiel mit Identitäten, die man annehmen kann und wieder ablegen? Steckt hinter allem ein Gedankenspiel über den Prozess des Schreibens und seine Qualen? Mag sein, denn die Autorin kann nicht mehr schreiben. Wenn sie sich dem Computer nähert oder einen Stift in die Hand nimmt, fangen ihre Hände an zu zittern. Nur L. kennt dieses schreckliche Geheimnis der Autorin, dass sie vor allen kaschieren muss, vor der Familie und ihrer Lektorin.

Hier springt L. ein. Sie gewinnt die Oberhoheit über das Leben der Autorin. Schreibt Mails für sie, arbeitet an einem Vorwort in ihrem Namen und tritt sogar in einer Diskussion als sie auf. Sie nähert sich in ihrem Äußeren immer mehr der Autorin an. Verliert angeblich ihre Wohnung, zieht bei ihr ein. Die Leben der beiden Frauen überlagern sich, zumal L. auch noch behauptet, sie würden sich vom Lyzeum her kennen. L. macht sich für die Autorin unentbehrlich und letztendlich steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu, als die Autorin endlich ihr neues Thema gefunden hat – das wahre Leben von L..

Delphine de Vigan umkreist alle inneren Fragen, die sich eine Bestsellerautorin stellt, die aus dem eigenen Leben für ihr Schreiben schöpft. Wie weit darf man gehen? Was ist die Wahrheit beim Schreiben und wie viel offenbart man als Schreibender wirklich von sich? Faszinierend liest sich dieses Psycho-Spiel zwischen den Frauen, den Identitäten oder doch auch nicht. ‘Der Film„ Die üblichen Verdächtigen“ mit Kevin Spacey kommt nicht nur der Autorin in den Sinn, wenn man dieses Buch über Doppelgänger, Identitätenklau und öffentliche Zurschaustellung liest.

Der Pygmäe von Obergiesing

Max Bronski: Der Pygmäe von Obergiesing, Verlag Antje Kunstmann, München 2016, 164 Seiten, €15,00, 978-3-95614-124-9

„Manche überlegen viel und wägen ab, bevor sie etwas tun, ich konnte das noch nie. In meinem Schädel gibt es einen starken Mechanismus, der in solchen Situationen sofort auf Autopilot schaltet.“

Wenn der eigenwillige Wilhelm Gossec, der sich selbst als Trödelhändler bezeichnet, eine Ungerechtigkeit beobachtet, dann kann er einfach nicht still weitergehen. Er muss gegen Funktionsträger intervenieren, auch wenn er dann im Polizeigewahrsam landet. So geschehen als Polizisten Alois Womack kontrollieren und schikanieren. Dabei ist seine Mutter eine gute Katholikin, nur sein Vater stammt aus dem Kongo. Beide Männer lernen sich nun in der Zelle kennen und irgendwie auch mögen. Der kleine Alois ist als Pygmäe von Obergiesing unterwegs und das heißt er schlüpft als Kleindarsteller in alle möglichen Rollen, z.B. trommelt er in Fantasiegewändern für Regen und tanzt bei der 3.Welt-Initiative in Neuhausen. Solange niemand ihn ernst nimmt, spielt er dem deutschen Publikum alle Klischees vor, die in ihrem Kopf über Menschen mit dunkler Hautfarbe herumschwirren.

Alois kommt jedenfalls frei, aber Gossec wird zu Sozialstunden verurteilt. Allerdings verbringt er diese nicht im Schweiße seines Angesichts, sondern testet im Kloster Gnadenstätt im Süden von München gemeinsam mit Pater Willibald alle möglichen Biersorten.

In einem sarkastisch witzigen Ton erzählt Max Bronski aus der Sicht vom altmodischen Gossec, der immer noch ein Faxgerät hat, von einer Welt, in der so einiges in Schieflage geraten ist. So schlägt sich Gossec mit einem Typen herum, der ständig Geld von ihm für eine Lieferung haben möchte, die nie angekommen ist.
Und dann verschafft ihm sein neuer Freund Alois einen lukrativen Auftrag für eine Riesenparty bei MCB ImmoInvest, bei der er einen Auftritt hat. Gossec kratzt alle möglichen urbayerischen Sachen zusammen, die er so im Keller hat und liefert diese in einer ziemlich feinen Villa ab. Hier trifft er die attraktive, aber doch unglückliche Leila Backers, die hinter eine dubiose Sache bei der Immobilienfirma gelangt ist. Sie bittet Gossec darum, ihm ein paar Unterlagen schicken zu dürfen, die sie nicht mehr aus dem Haus schmuggeln kann. Nach der Party wird die ermordete Leila gefunden und in unmittelbarer Nähe der arme, völlig abgefüllte Alois im Wagen von Gossec, der irgendwo auf einer Bank seinen Rausch ausschläft. Natürlich hat die Polizei sofort ihren Mörder. Alois jedoch besteht auf einer sofortigen Blutuntersuchung, deren Ergebnis ihn freispricht. Jemand hatte ihm k.o.- Tropfen in die Getränke gemischt. Jetzt muss sogar der eifersüchtige Gossec Abbitte leisten, der Alois wirklich im Verdacht hatte.
Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf und Gossec erzählt von den Unterlagen, die eigentlich demnächst bei ihm ankommen müssten.
Zum Glück findet er sein Paket und sogar die nicht zugestellte Lieferung, einen Teppich bei seinem dementen Hausbesitzer, der immer alle Post annimmt und dann alles wieder vergisst.

Was mit bei MCB ImmoInves und ihrer Stiftung Soziales Wohnen nicht stimmt, darum drehen sich nun alle Ermittlungen, die Gossec und Alois im Alleingang aufnehmen.
Weltbewegend und sonderlich neu ist der Plot nicht, lesenswert allerdings ist die Weltsicht der Hauptfigur von Max Bronski, ihre Kommentare zum Alltag, zu neuen Biersorten und Fremdenfeindlichkeit.

Das Amerika der Seele

Karl Ove Knausgård: Das Amerika der Seele, Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg, Luchterhand Literaturverlag, München 2016, 496 Seiten, €24,00, 978-3-630-87455-5



“Das Wenige, was ich tun kann, ist, mich durch Schreiben zu re-lokalisieren, aber auch innezuhalten und nicht wegzuschauen, sondern zum Licht des Universums aufzuschauen, in das schwache Brausen der Wellen, und am Schluss das knirschende Geräusch von Schritten im Schnee wie einen kleinen Schock der Stille, ein Beben spüren. Dieses Beben ist die Antwort der Seele auf eine Frage, die sie sonst nie berührt. Wo bin ich jetzt? Hier bin ich.”

An Karl Ove Knausgård scheiden sich die Geister, da sein Thema als Schriftsteller nichts anderes ist als sein eigene Leben. Mögen die einen den stark subjektiven Blick des norwegischen Autors und fühlen sich wohl mit seinen thematischen Lebensbeschreibungen, die sich in seinem großen Werk, „Min Kamp“ um den alkoholkranken Vater, die Liebe, die Jugend oder das Träumen drehen, so lehnen die anderen sein Schreiben als wahre Literatur ab. Doch wer sich auf ihn einlässt, kann sich unter Umständen mit vielem identifizieren, was er zu sagen hat oder an ihm reiben, ihm gedanklich folgen und somit neue Erkenntnisse gewinnen.

So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man seinen Essayband in die Hände nimmt und in den 18 Texten, gesammelt wurden Vorträge, Katalogtexte und Zeitungsbeiträge, die in den Jahren 1996 bis 2013 entstanden sind, liest. Auch hier dreht sich der Blick des Autors wieder wertfrei und äußerst subjektiv, um so große Themen wie Kunst und Welt, Literatur und Leben und vor allem auch Weltgeschehen.

Knausgård richtet seinen Blick von außen auf Unfassbares, so z.B. in seinem Gedankengang über den Mörder Anders Breivik, der im Jahr 2011 in Oslo 69 Jugendliche erschossen hat. Eher analytisch und fast die Taten sezierend versucht sich Knausgård, auch über den Blick in die Biografie, dem Menschen Breivik zu nähern. Er scheut dabei nicht davor zurück, nach den Schwachstellen in der Gesellschaft zu suchen, die nicht in der Lage ist, so einen Menschen und seine verquere Ideologie abzuwehren. Am Psychogramm Breiviks entwickelt Knausgård die Typologie des “monofonen Menschen”, der nur mit sich allein und Kontakten im Internet lebt – und fragt sich, wie sich der Wahnsinn Breiviks in der Mitte unserer Gesellschaft unbemerkt entfalten konnte.

Kein Text liest sich so wunderbar wie die Hommage an den Lektor, der für erfolgreichen norwegischen Autor, der offenbar nicht oft allein in seinem Kämmerchen sitzt, um zu schreiben, unverzichtbar ist. Können die einen Kritik am Werk nicht ertragen, Knausgård erzählt von einer Erfahrung, die er als sehr junger Redakteur machen musste, so erleben die anderen den Lektor als Partner und denjenigen, der die richtigen Bücher empfiehlt.

Ob in den Essays über Knut Hamsun, den Tod des Vaters oder das Scheißen, Knausgård schafft es grandios, den Leser in seine Gedankenwelt einzulassen. Seine Texte sind poetisch, detailgenau und zur Abwechslung mal nicht autobiographisch.

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich, Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 683 Seiten, €26,00, 978-3-462-04877-3



„So viele Tage ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können? Und nun, da ihr erstes Baby bald zu einem Mann werden sollte und ihr drittes Baby Fragen zum Tod stellte, redeten sie in der Küche über vollkommen belanglose Dinge.“

Washington D.C.:Der Leser schaut in das Haus einer wohlsituierten bürgerlichen Familie. Sie heißen Jacob und Julia Bloch und sind sechzehn Jahre verheiratet. Er ist Schriftsteller, sie Architektin. Sie haben einen altersschwachen Hund und drei Kinder: Sam steht kurz vor seiner Bar Mizwa, hat Ärger in der Schule und ist fasziniert von Gewaltvideos. Benjy fragt pausenlos nach dem Tod und Max ist das typische Kind in der Mitte. Alle könnten zufrieden und glücklich sein oder sich nur ein bisschen mit dem Judentum herumschlagen, das Leben einfach genießen. Aber das wäre ja langweilig, kein Stoff für einen ambitionierten Autor wie Foer.

Nachdem sich der Vater mit seinen Söhnen diverse Redeschlachten geliefert hat, Sam, hat Ärger, denn im Grunde will er gar keine Bar Mizwa und hat angeblich einen Zettel mit Schimpfwörtern, u.a. das N-Wort verfasst, brechen die ersten Gräben auf. Die Eltern können sich nicht einigen, ob sie ihrem Sohn nun glauben oder nicht. Julia dramatisiert die Dinge und aus ihrer Sicht scheint es so zu sein als habe sie vier Kinder. Gut, der Familiensegen hängt schief, denn irgendwie sind sie so geworden wie alle anderen auch. Ein zweites Auto wird angeschafft, ein drittes Kind, Julia schläft neuerdings mit BH und die kleinen Freundlichkeiten im Alltag sind nach und nach entschwunden. Voneinander abgeschottet hat sich jeder in seine Welt zurückgezogen und lebt darin bis zu dem entscheidenden Moment im Badezimmer.
Da findet sich ein fremdes Handy mit seltsam vulgären Kurzeinträgen. Kein Eigentum der Söhne, sondern Jacobs Geheimnis. Er tauscht diese Obsessionen mit einer anderen Frau aus. Nichts ist angeblich zwischen ihnen geschehen und doch bricht nun alles auseinander.

Jacob arbeitet im Geheimen an einer Fernsehserie, Julia mag über ihre Arbeit kaum reden, da zu unbedeutend. Die Jungen leben in der virtuellen Welt, die der Vater in seiner ungeschickten Art der Anteilnahme auch noch teilweise gelöscht hat. Er könnte das mit sechs Monaten Spiel wiedergutmachen oder mit einer ziemlich hohen Geldsumme.
Jedenfalls reist die israelische Verwandtschaft an und mischt die Familie auf. Cousin Tamir nimmt als Selfmademan nie ein Blatt vor den Mund und Jacobs Vater sowieso nicht.

Was hat das alles mit dem Leben des Autors Foer eigentlich zu tun? Immerhin hat er sich von seiner Frau, der bekannten Autorin Nicole Krauss, getrennt, obwohl sie das Vorzeigepaar der New Yorker Gesellschaft waren. Er schlägt sich beruflich mit den gleichen Probleme herum wie sein Protagonist und fragt sich gleichzeitig, was ist das eigentlich, die Heimat.

„Heimat kann ein Beruf sein, eine Beziehung, die der Eltern zu ihren Kindern oder eine romantische Liebesgeschichte. Heimat kann eine Kultur sein oder eine Familie. Aber immer ist Heimat der Ort, von dem man sagen kann: Hier bin ich.”

“Hier bin ich” ist ein Zitat aus dem Alten Testament. Es ist die Antwort, die Abraham gegeben hat, als Gott ihm befahl, seinen Sohn Isaac zu opfern. Da steht er, unerschütterlich in seinem Glauben an Gott. In der Familie von Jacob und Julia fehlt dieser unerschütterliche Glaube: der Glaube an Gott, der Glaube an die Familie, der Glaube an die Liebe. Und dann geschieht noch ein Katastrophe, ein Erdbeben erschüttert Israel. Alle Juden sollen helfen und auch Jacob fragt sich, ob er vor Ort etwas tun könnte.

Auf fast 700 Seiten findet sich nun geballte Redelust und vor allem ziemlich ironische Kommentare und Dialoge zu den Fragen unserer Zeit, die nicht gerade einfach zu beantworten sind und manchmal nicht in die Tiefe gehen, sondern eher im luftleeren Raum stehen. Sicher braucht man einen langen Atem, um dieses Buch zu bewältigen, dessen Autor nach der amerikanischen Identität und Realität fragt und den Blick nach Israel erweitert und darüber hinaus.

The Chemist – Die Spezialistin

Stephenie Meyer: The Chemist – Die Spezialistin, Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer und Marieke Heimburger, Scherz Verlag bei S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, 624 Seiten, €22,99, 978-3-651-02550-9

„Wenn sie die nächste Woche überlebt und das Dezernat sie danach unverändert jagte, würde sie ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Es war nicht billig, alle drei Jahre ein neues Leben zu erfinden.“

Dr. Juliana Fortis ist eine kleine, drahtige, nicht sehr auffällige Frau um die 40 mit Kurzhaarschnitt. Wenn sie sich in einer Gruppe von Menschen aufhält, würde sie als harmlos, ja geradezu alltäglich erscheinen. Allerdings ist sie eine emotionslose Verhörspezialistin, die bei entsprechender Folter keine Spuren hinterlässt. Ihre Klienten jedoch reden, denn sie kann ihnen mit chemischen Mitteln enorme Schmerzen bereiten.

Doch nun ist sie in Ungnade gefallen und seit drei Jahren auf der Flucht vor einer Organisation, die eigentlich gar nicht existiert und verdeckt im Auftrag der Regierung Informationen sammelt. Der Kopf dieses Dezernats, Carston, hat nun Kontakt zu Juliana, die sich mal Alex oder Chris nennt, aufgenommen. Dabei tarnt sich die Spezialistin mit allen Tricks. Sie benutzt immer wieder neue Autos, Wohnorte und gibt über digitale Medien nichts von sich preis. Einerseits würde die Spezialistin gern wieder in den sicheren Schoß der Regierungsbehörde zurückkehren, andererseits weiß sie aber, immerhin wurde ein enger Mitarbeiter getötet und der Anschlag auf sie vereitelt, sie hat keine Chance. Trotz alle dem nimmt sie den Auftrag an und entführt den gut aussehenden Englischlehrer, Daniel Beach, der offenbar ein Doppelleben führt. In seinem angeblich verdeckten Leben arbeitet er für ein Drogenkartell, häuft Geld an und scheint in eine hochgefährliche Aktion von Terroristen verwickelt zu sein. Ein Virus soll in Umlauf gebracht werden, welches Millionen von Menschen töten wird. Die Spezialistin soll nun herausfinden, wo dieses Virus ist und wann es ausgesetzt werden soll.

Auch wenn der Spezialistin, die ihrem Opfer menschlich einfach zu nah gekommen ist, diese Arbeit nicht schmeckt, die Gefahr für tausende Leben ist zu groß. Allerdings muss sie während ihrer Arbeit, Daniel liefert nackt auf dem Seziertisch nicht eine Information, feststellen, dass sie einen Unschuldigen foltert. Als Daniels Zwillingsbruder Kevin auf der Bildfläche erscheint, er wurde eigentlich für tot erklärt, wendet sich das Blatt. Die Spezialistin erkennt, dass sie vom Dezernat erneut benutzt und in eine tödliche Falle gelockt wurde. CIA und Dezernat wollten Kevin und die Spezialistin aufeinander hetzen, damit beide den Tod finden. Daniel wäre nur ein Kollateralschaden.
Der skeptische Kevin, der bereits ziemlich entflammte Daniel und die vorsichtige Spezialistin werden nun Verbündete, wobei sich Daniel, der sich im Untergrund wirklich ziemlich tolpatschig verhält, und Juliana auch noch verlieben, was Kevin gar nicht gefällt.

Weder kompliziert, noch einfallsreich und somit leicht lesbar ist dieser Plot konstruiert. Nicht ganz sauber arbeitende Geheimdienste, eine Liebesgeschichte, unschuldiger Lehrer verliebt sich in eiskalte Chemikerin und Verhörspezialistin, und der Kampf gegen eine gefährliche Terrororganisation und ein tödliches Virus sind die Zutaten für diesen Actionthriller. Stephenie Meyer, bekannt geworden durch ihre Vampirschmonzetten, widmet sich nun einem neuen Genre und betritt eindeutig Neuland. Und doch geht es wieder um Leidenschaften und die vorbehaltlose Liebe. Im Zentrum steht eine einsame Frau, die hochintelligent und verletzlich ist und sich entgegen aller Vernunft verliebt. Gefühl steht Analyse gegenüber und wieder auf der Flucht wird der Leser in die rasante Achterbahn der Geschehnisse mitgenommen. Nicht sonderlich ausgefeilt ist die Figurenzeichnung, denn Daniel und auch Bruder Kevin werden eher holzschnittartig als ambivalent dargestellt und richtig romantisch oder irgendwie erotisch ist die Liebesgeschichte leider auch nicht. Mag dieser Roman ebenfalls ein finanzieller Erfolg werden, ein literarischer ist es jedenfalls nicht.

Lookwood & Co. – Das Flammende Phantom

Jonathan Stroud: Lookwood & Co. – Das Flammende Phantom, Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung, cbj, München 2016, 512 Seiten, €19,99, 978-3-57015964-4



„Vor uns stand das Flammende Phantom, die Gestalt aus Feuer und Rauch, die wir auf dem Friedhof beobachtet hatten. Und sie war kein Geisterwesen, sondern ein Mensch. Ein ganz gewöhnlicher, lebendiger Mensch in einem Eisenpanzer.“

Die Zeiten in England haben sich nicht geändert. Immer noch beherrschen die Geister die Menschenwelt und die freiberuflichen jugendlichen übersinnlichen Ermittler gehen des Nachts ihren Geschäften nach. Lucy Carlyle hat sich von der Agentur Lockwood & Co. verabschiedet und sich selbstständig gemacht. Ihr Auftragsbuch ist gut gefüllt und doch fühlt sie sich einsam. Ihr einziger Gefährte ist der Wispernde Schädel, der mit seinen fiesen Sprüchen die Handlung aufmischt. Leider verschwindet er in diesem Band für einen gewissen Zeitraum und fehlt nicht nur Lucy, die das nie zugeben würde, sondern auch dem Leser. ( In gewisser Weise erinnert der Wispernde Schädel vom Typ Drei mit seinen respektlosen Kommentaren an den 3000 Jahre jungen Dschinn Bartimäus, der wohl bekanntesten Figur von Jonathan Stroud. )

Lucy, die die Gabe des Hörens hat, nur sie vernimmt die frechen Worte des Schädels und die Geräusche der anderen Geister, riskiert ihr Leben für die Agentureigner, die alle Erwachsene sind und ihre übersinnlichen Fähigkeiten verloren haben. Ihren Widerspruchsgeist muss das Mädchen ziemlich zügeln und vor allem auch ihre Alleingänge, wenn Teamarbeit angesagt ist. Doch dann steht sie wieder ihrem alten Bekannten Lockwood gegenüber, in dessen kleiner Agentur sie sich am wohlsten gefühlt hatte. Allerdings glaubt Lucy, dass sie Lockwood schaden könnte. Alle anderen denken jedoch, sie wäre eifersüchtig auf Holly, die neu in die Agentur aufgenommen wurde. Lockwood, George, Holly und Lucy nehmen jedenfalls einen speziellen Auftrag der wohl angesehensten Agentur von Penelope Fittes an. Sie sollen den Menschenfresser-Geist von Solomom Guppy in Ealing, West-London vernichten.

Wenn es allzu spannend wird, dann trinken alle wie gute Engländer erstmal einen Tee. Dann holen sie ihre Eisenspäne oder Salze heraus und hoffen, dass der Geist sie nicht austrickst und sie in der Geistersiche umkommen. Sie führen ihren Auftrag aus und lassen den ausgelöschten Geist, und alles was von ihm noch übrig ist, vernichten.
Und hier wird es spannend, denn Artefaktejäger scheinen es u.a. auch auf den Wispernden Schädel abgesehen zu haben. Wenn der Geist nicht verschwindet, bleibt auch seine Quelle erhalten und damit könnte man ein riesiges Loch erschaffen.

Als Lockwood & Co. sich auf die Suche nach dem Schädel machen und gleichzeitig noch Geister in einem Dorf jagen, in dessen Nähe die unmittelbare Konkurrenz ihrer Auftraggeberin, das Rotwell-Institut, Experimente durchführt, wird klar, hier laufen seltsame Dinge ab. Lockwood kann es gar nicht erwarten, sich im Institut mal umzusehen. Allerdings stellt auch Lucy fest, dass ihr ehemaliger Chef keine Grenzen mehr kennt und akzeptiert. Er spielt mit seinem Leben und dem der anderen. Neben vielen seltsamen Geistern, die sich im Dorf herumtreiben, entdecken die Agenten das Flammende Phantom, dass beim Erscheinen Tote erwecken kann. Kurzzeitig findet Lucy ihren Schädel im Rotwell – Institut, muss ihn aber wieder zurücklassen, um ihr Leben zu retten. Hinter dem Flammenden Phantom verbirgt sich jedoch kein Geist, sondern ein Mensch, das Produkt einer bedrohlichen Entwicklung.

Welchem Geheimnis die Agentur Lookwood & Co. auf die Spur kommt, wird nicht ganz aufgeklärt. Am Ende jedoch wartet ein fantastischer Cliffhanger auf den lesenden Fan, der alles aus der Perspektive von Lucy erfährt.

Keine Frage, Jonathan Strouds Geistergeschichten haben Suchtpotential im besten Sinne des Wortes.

Rotkäppchen hat keine Lust

Sebastian Meschenmoser: Rotkäppchen hat keine Lust, Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2016, 32 Seiten, €12,99, 978-3-522-45827-6

„Einen kantigen Ziegelstein, eine stinkende Socke und einen ollen Kaugummi? Das sind doch keine Geschenke für eine alte Dame! Was bist du nur für eine Enkelin!“

Ein hungriger Wolf streift durch den Wald, denn seine Großmutter hat ihm erzählt, wenn man sich bitter fühlt, sollte man ein süßes Kind verschlingen. Natürlich muss man es vorher in ein unverfängliches Gespräch verwickeln.

„… eine Einladung zu einem Spaziergang tief in den Wald, noch auf einen Tee und Kekse in die dunkle Höhle…. und dann – Zack! – ab in den Kochtopf! Oder in die Bratpfanne, je nach Rezept.“

Ja, so einfach kann es gehen. Und wenn ein frisches kleines Mädchen mit roter Kappe den Weg des Wolfes streift, um so besser. Aber dieses Kind ist einfach nur garstig. Sie ist sauer, dass sie zur Oma gehen muss und dort langweilige Bilder ansehen soll. Der ganze schöne Sonntag ist dahin. Und so sind ihre Gaben für die Oma auch ziemlich lieblos. Der Wolf erinnert sich an den Geburtstag seiner Oma und backt erst mal einen Kuchen, sucht Blumen und kauft eine gute Flasche Wein. Das Kind wird immer griesgrämiger, da zu viel Zeit vergeht. Großmutters Sehfähigkeit hat ziemlich gelitten und so denkt sie, der nette Herr mit dem Kuchen hat einfach nur zu viele Haare. In ihrem chaotischen Haushalt zwischen Büchern, Wollknäuel und allem möglichen Krimskrams findet sie auch ihre geliebten Fotoalben. Und je besser sich Großmutter und Wolf amüsieren, um so grantiger wird das Mädchen, dass vor Wut ständig die Fäuste ballt.
Auf jeden Fall haben sich Großmutter und Wolf gefunden. Das Mädchen jedoch zieht in die Höhle des Wolfes und wird eine gefürchtete Räuberin.

Das Grimmsche Märchen vom braven Rotkäppchen wurde schon viele Male uminterpretiert. Sebastian Meschenmoser hat sich für eine moderne Variante entschieden, in der Rotkäppchen lieber Abenteuer erleben würde als mit Oma in der Vergangenheit schwelgen. Der Wolf hingegen ist kein begabter Verführer, auch wenn er Goethe zitiert. Seine Stärken liegen im Zuhören, auch wenn Oma mit ihrem Huhn auf dem Kopf ziemlich verrückt wirkt. Mit Oma jedenfalls frühstücken und Socken stricken gefällt ihm besser, als allein in der Höhle zu sitzen.
In seinen Zeichnungen konzentriert sich der in Berlin lebende Künstler sehr genau auf seine Figuren und deren Körpersprache. Fast filigran wirken seine mit Bleistift gezeichneten Bilder, die den humorvollen Text aufnehmen und weitererzählen.