Flavia de Luce – Mord ist nicht das letzte Wort

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord ist nicht das letzte Wort, Aus dem Englischen von Gerald Jung und Katharina Orgaß, Penhaligon Verlag, München 2017, 347 Seiten, €19,99, 9783-7645-3113-3

„Erstaunlich, was für ein Hochgefühl so ein Leichenfund auslösen kann! Ich leckte meinen geistigen Bleistiftstil an und machte mir ein paar Notizen.“

Die 12-jährige Flavia de Luce ist aus Kanada zurückgekehrt, aber kein Empfangskomitee mit Blumen und Freudentränen erwartet das wissbegierige Mädchen, dessen Steckenpferde die Chemie und Mordfälle sind, in ihrem englischen Zuhause in Bishop’s Lacey. Ihre garstigen Schwestern sind bereits ins Bett gegangen und ihr Vater liegt mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. So führt Flavias erster Gang zu ihrer Freundin, der Pfarrersfrau Cynthia. Diese bittet sie, einen Brief bei Robert Sambridge, einem alten Mann und Tischler, abzugeben. Er wohnt einsam in Stowe Pontefract. Und wie kann es anders sein, als Flavia ins Haus geht, findet sie mitten in der Vorweihnachtszeit eine Leiche. Allerdings ist der gut 70-Jährige nicht in seinem Bett gestorben, sondern an der Schlafzimmertür verkehrt herum gekreuzigt worden. Kein schöner Anblick, aber damit hat Flavia kein Problem, ganz im Gegenteil. Bevor sie die Polizei und ihren alten Bekannten, Inspektor Hewitt informiert, durchsucht Flavia die Leiche und die Räumlichkeiten. Seltsam ist, dass Sambridge, ein offenbar einfacher Mann und Schnitzer, Erstausgaben in seinem Bücherschrank zu stehen hat, u.a. Bücher von dem so bekannten Autor Oliver Inchbald, u.a. „Mein Steckenpferd“ eine Ausgabe, die jedes Kind und jeder Erwachsener in England kennt. Legendär sind Inchbalds Verse und sein angeblich inniges Verhältnis zu seinem Sohn Hilary. Allerdings ist der berühmte Dichter bereits tot, tragisch auf der Insel Steep Holm umgekommen, angeblich zerfleischt von Seemöwen. Flavias Neugier ist geweckt und da sie ihren Vater im Krankenhaus nicht besuchen darf und sich sowieso niemand um sie kümmert, hat sie Zeit für eigene Recherchen. Nur Dogger, der treue Diener ihres Vaters, beobachtet ihr Treiben.

Erzählt aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur folgt der Leser nun Flavias Gedanken und Besuchen, u.a. in London. Aber dieser Fall ist nicht so einfach, bis sich endlich eine Spur ergibt. Sambrigde ist bekannt für seine Menschenscheu und seine Trinkfreudigkeit. Abends saß er im Pup, redete mit niemandem und schrieb in ein Heft. Flavia wird zugetragen, sie kann nicht fassen, dass sie das nicht selbst herausgefunden hat, dass Sambridge eigentlich Oliver Inchbald ist. Inzwischen hatte Flavia über dessen Sohn so einiges erfahren und als sie ihn bei der Nachbarin, Lillian Trench, von Robert Sambridge trifft, entsteht auch langsam ein Bild von diesem nicht besonders innigen Vater – Sohn – Verhältnis. Immerhin findet Flavia heraus, dass Oliver Inchbald seinen Sohn als Kind geschlagen hatte und dieser nun zurückgezogen vom Ruhm des Vaters lebt. Allerdings wirft die Nachbarin von Robert Sambridge, Lillian Trench, die aufdringliche Flavia aus dem Haus. Auch ein Novum. Lillian Trench soll eine Hexe sein und sie hat Flavia schnell durchschaut.
Doch wer hat nun ein Interesse daran, den beliebten Oliver Inchbald, der ja offiziell schon tot ist, zu beseitigen? Und warum diese aufwendige Todesinstallation der Kreuzigung? Und wer war der angeblich von Möwen auf der Insel getötete Mann? Oder ist alles doch ganz anders?

Der fast 80-jährige Kanadier Alan Bradley besticht auch in diesem Flavia de Luce- Roman mit seinem trockenen Humor und der Darstellung seiner jungen ehrgeizigen wie scharfsinnigen Miss Marple, die auch bei diesem Fall gegen Widerstände kämpfen muss. Hilfreich wie immer sind ihre Pfadfinder- und Chemiekenntnisse, sowie die Lektüre des alten Edgar Wallace. Wunderbar altmodisch ist natürlich die Zeit, Mitte des 20. Jahrhunderts, in der es natürlich keine Handys gab, Telefonate etwas Besonderes waren und Leute ihre Filme noch entwickeln mussten und ab und zu Fotos einfach nichts wurden. Ein herber Verlust und Flavias Begeisterung für alle möglichen Säuren wird sie auf den richtigen Weg führen.

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten, Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs, Luchterhand Verlag, München 2017, 382 Seiten, €18,00, 978-3-630-87524-8

„Sie liebte Olof nicht, weil er sie wie den letzten Dreck behandelte, sondern weil es wunderschön war, wenn er das nicht tat. Es war der Kontrast, der explosiv wirkte. Aber es konnte auch so schlimm stehen, dass Olof sie wie den letzten Dreck behandelte, weil sie ihn liebte.“

Die schwedische Autorin Lena Andersson hatte mit “Widerrechtliche Inbesitznahme” einen Roman über die Liebe geschrieben. Auch hier drehte sich alles um die Hauptfigur Ester Nilsson, Dichterin und Essayistin, die sich in den weithin bewunderten bildenden Künstler Hugo Rask verliebt hatte. Sie verfällt ihm regelrecht. Unterwirft sich ihm vollends und er nutzt die Macht, die er über sie hat, gnadenlos aus. Nun, sieben Jahre später, trifft sich Ester mit dem Schauspieler Olof Sten. Sie bemerkt, wie gern sie mit ihm redet, ihn um sich hat, sich mit ihm verbunden fühlt. Er ist mit der Ärztin Ebba verheiratet und führt mit ihr eine Wochenendehe. Ester ist flexibel, sie hat Zeit zum Schreiben, aber auch Reisen. Sie trifft sich immer wieder mit Olof, sie verliebt sich in ihn und sagt es ihm auch unverhohlen.

Sie will ihr Leben mit Olof teilen. Aber Olof sagt ihr eigentlich von Anfang an, dass er ihre Liebe nicht will. Er redet gern mit ihr, er fühlt sich offenbar auch zu ihr hingezogen, aber er will keine intime Beziehung. Es ist ein Hin und Her, nie hält Ester längere Pausen aus, sie schreibt eine SMS nach der anderen, sie ruft ihn an und sie sehen sich. Sie erhofft, sich nach jedem Beisammensein, dass er seine Frau verlässt und sich ihr zuwendet. Aber er sagt nie, dass er sich von Ebba trennen wird, er bittet Ester sogar an Weihnachten oder in Hotels, wenn Kollegen anwesend sein könnten, sich zurückzuhalten. Inzwischen haben beide dann doch eine sexuelle Beziehung, denn immerhin reist Ester hunderte Kilometer, um Olof auf seiner Theatertour zu besuchen.
Nach jedem Treffen deutet Ester seine Worte, sie wägt sie ab und glaubt, etwas zu hören, was nicht gesagt wird. Ihre Freundinnen werden langsam sauer über Esters Toleranz ihrem Liebhaber gegenüber. Wo bleibt ihre Selbstachtung? Warum lässt sie sich von Olof so klein machen?

Lena Andersson erzählt diese Liebesgeschichte, die sich über dreieinhalb Jahre hinziehen wird, aus Esters Sicht. Olof taktiert, indem er Ester hinhält, ihr sagt, sie solle abwarten. Ester glaubt, je länger sie ausharrt, um so größer sind die Chancen, den Mann für sich zu gewinnen.
Aber der Leser geht längst auf Distanz, denn Olofs physisches und psychisches Spiel des Anziehens und Wegstoßens wird zur Masche. Im Sommer ist klar, dass er mit Ebba keine Zeit verbringt. Ester hat bereits die Koffer gepackt als ihr mitgeteilt wird, dass Ebba anreisen wird und sie nicht erwünscht sei. Esters Gemütszustand wechselt von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Sie kauft sich sogar ein Auto, um Olof zu kutschieren. Immer wieder bleibt er bei seinem Statement, er sucht eine Freundin. Ester jedoch sucht einen Mann. Sie schreibt auf seine Bitte hin ein Theaterstück.
Beide trennen sich und finden sich doch wieder, denn wenn sie sich entfernt, nähert er sich an und wenn sie zu nah kommt, sucht er das Weite. Er schwankt in seiner Entschlossenheit, ein Zeichen für sie, dass er sich nun bald von seiner Frau trennen wird. Ester kann nicht mehr auf ihn und das Gefühl, im Rausch zu sein, verzichten. Diese Sehnsucht nach einer SMS, einem Anruf, einem Treffen im Hotel, bei ihr oder am Ende sogar bei ihm. Mal fühlt sie sich gedemütigt, mal ignoriert sie einfach seine Nebenbemerkungen, die sich auf seine Frau beziehen. Aber Ester weiß, dass sie nie alles mit Olof teilt, dass es da immer eine Schranke geben wird.

„Ester war so an ihre falschen Erwartungen gewöhnt, dass sie ihr vorkamen wie ein alter Pullover, den man zum Putzen anzieht. Die Resignation ließ sie kühler und langsamer, gleichsam abgewandt erscheinen, und jedes Mal machte dieser Wechsel Olof aufmerksamer. Er wurde interessiert, wenn sie resignierte.“

Dieses Psychospiel kann Ester nur bis zu einem gewissen Punkt aushalten. Als sie nicht mehr in der Lage ist, Ebbas unsichtbare Gegenwart zu ertragen, schreibt sie ihr eine Mail.

Lena Andersson erzählt in bestechenden Dialogen und glänzenden analytischen Passagen wieder von einer unerfüllten Liebe, die zwischen Olof und Ester in diesem Fall kein gutes Ende nehmen kann.

Die Spur des Lichts, Commissario Montalbano stellt sich der Vergangenheit

Andrea Camilleri: Die Spur des Lichts, Commissario Montalbano stellt sich der Vergangenheit, Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler, Bastei Lübbe Verlag, Köln 2017, 268 Seiten, €20,00, 978-3-7857-2586-3

„ Er zog sein Buch aus der Tasche und fing im Licht der Straßenlaterne an zu lesen. Der Autor hieß Bolano und gefiel ihm gut. Ab und zu sah er auf und prüfte die Lage.“

Weil Andrea Camilleri den spanischen Schriftsteller Vásquez Montàlban als einen seiner Lehrmeister betrachtet, gab er seinem bärbeißigen Polizisten dessen Namen, in italienischer Abwandlung. Commissario Montalbano aus dem fiktiven Vigàta auf Sizilien ist ein Mann, der gern Filme im Fernsehen sieht, anspruchsvolle Bücher liest, gut, ja sogar sehr gut isst und vor allem in Kunstausstellungen geht. Hier trifft er die überaus attraktive Galeristin Marian und kaum ein Tag vergeht und die beiden sind ein Paar. Allerdings muss sie geschäftlich nach Mailand und immer wenn er mit ihr telefoniert, ruft auch parallel seine langzeitige Lebensgefährtin Livia an, von der er nun getrennt lebt. Als Montalbano zu Beginn des Romans fast wirklichkeitsnah träumt, ist er erleichtert als er aufwacht. Dass dieser Traum ihn zum Ende einholen wird, aber schlimmer als befürchtet, wird auch sein Leben verändern.

Zwei seltsame Fälle beschäftigen den italienischen Ermittler. Fast klassisch steht ein älterer Herr vor ihm und erzählt vom Überfall seiner um dreißig Jahre jüngeren Frau. Der wohlbetuchte di Marta berichtet, dass seiner Frau Loredana hinterhältig sechzehntausend Euro abgenommen wurden und der Angreifer ihr in den Mund gebissen habe. Auch die Freundin von Loredana Valeria bestätigt, dass diese erst sehr spät die Wohnung nach ihrem Besuch verlassen habe. Vertraulich habe ihr Loredana aber noch mehr erzählt, was angeblich im Auto geschehen sein soll. Montalbano glaubt den beiden Frauen kein Wort. Er vermutet, dass hier eine falsche Fährte gelegt werden soll. Als dann der ehemalige Geliebte von Loredana, ein Kleinkrimineller namens Savastano in seinem Auto gefesselt verbrannt ist, distanziert sich die Mafia sofort von diesem Verbrechen. Montalbano hat so seine Quellen, um sich zu informieren, auch wenn sich ziemlich geheimnisvoll nur gegenseitig irgendwelche Tierfabeln erzählt werden.

Bei einem anderen Fall geht es um Waffenhandel und Tunesier, die als anerkannte Flüchtlinge in Italien leben. Bei ihnen jedoch ist eine Person, an die sich Montalbano nicht so gern erinnert. Immer wieder ruft Livia mit einem schlechten, ja depressiven Gefühl bei Montalbano an und dieser wundert sich, warum sie, die so bodenständig und pragmatisch ist, diesen Stimmungsschwankungen unterliegt. Am Ende wird der Leser es wissen. Ach ja, und ganz nebenbei geht es noch um Kunstdiebstahl.

Chronologisch klassisch folgen der produktive, immerhin bereits 91-jährige Andrea Camilleri und sein altgedienter Commissario verwertbaren Spuren. Mosaiksteinchen nach Mosaiksteinchen wird zusammengetragen bis dieser völlig unglaubwürdige Unfall sich in Luft auflöst und hinter ihm eine ganz andere kriminelle Geschichte sich aufbaut. Es wird viel telefoniert, geflirtet, geliebt, gemutmaßt, geärgert und gegessen. Etwas einsam redet der Commissario von Zeit zu Zeit mit den Krebsen am Strand und wird den Fall letztendlich lösen.

Die unbekannte Schwester

Theresa Prammer: Die unbekannte Schwester, List Verlag, Berlin 2017, 380 Seiten, €14,99, 978-3-471-35139-0

„Ob Anton Jäger sich wirklich freiwillig das Leben genommen hatte, wusste ich nicht. Aber Konrad hatte recht gehabt. Seine Nachbarin hatte sich die Begegnung mit der großen Frau nicht eingebildet.“

Es ist nicht einfach, eine Idee für einen Kriminalroman über drei Bücher zu strecken. Der Leser, der diesen Roman in Händen hält, braucht eine Weile, um zu verstehen, in welchen Beziehungen die einzelnen Figuren zueinanderstehen. Am 6.Todestag der immer noch berühmten Operndiva Maria Fiore erscheint im Wiener Tagblatt ein diffamierender Text über die Künstlerin. Kurze Zeit später finden die Ermittler Lotta Fiore und ihr Partner Konrad Fürst den Journalisten Anton Jäger, der sich angeblich selbst getötet hat. Lotta Fiore ist die Tochter von Maria Fiore. Die einst im Rampenlicht stehende Sängerin hatte Lotta, da hieß sie noch Julia, mit vier Jahren von einem Rummelplatz entführt. Ihre eigene Tochter Henriette erschien ihr nicht Wert genug zu sein. Aber auch Lotta war nicht die Lichtgestalt, die sie sein sollte. An diesen Erwartungen der Mutter nicht zu zerbrechen, führte zu vielen problematischen Konflikten bis hin zum Selbstmordversuch. Konrad Fürst ist der Vater von Julia. Er hatte seinen Polizeidienst aufgegeben, um sein Kind über 26 Jahre zu suchen. In den ersten beiden Romanen standen diese Themen im Vordergrund. Nun haben sich Vater und Tochter gefunden und arbeiten sogar zusammen. Lotta ist als sogenannte, nicht umstrittene Quereinsteigerin bei der Polizei gelandet. Ihr Freund Hannes ist ebenfalls bei der Polizei, beide haben ein Baby. Um dieses Baby kümmert sich Henriette, eine psychisch instabile Person. Und hier beginnen auch schon die Fragen des Lesers, der die vorangegangenen Bände nicht kennt. Warum übergibt eine Frau ihr Baby, Schwester hin oder her, einem Menschen, der selbst enorme Probleme hat? Als Lotta herausfindet, dass ihr Freund versucht, ihren aktiven Polizeidienst zu verhindern, klafft ein zweiter Konflikt weit auf.

Lotta und Konrad sind der Meinung, und finden dafür auch Beweise, dass Anton Jäger ermordet wurde. Beim Journalisten findet Lotta sogar einen Zettel mit ihrem Namen und dem bewussten Datum, 1. Mai, dem Tag an dem sie entführt wurde. Hatte er über die Entführung der Operndiva recherchiert? Wollte er diese unerhörte Tat öffentlich machen und somit Schmutz über eine berühmte Tote auskippen? Nur Lotta und Konrad kennen die Wahrheit. Und dann taucht auch noch ein Fernsehjournalist auf und versucht mit einen Film über den Polizeichef Krump an Lotta heranzukommen.
Thematisiert werden in diesem Krimi allzu viele Konflikte, es geht um falsche Erwartungen, Alkoholsucht, öffentliche Reputation, üble Nachreden und verschmähte Liebe und Leidenschaft.

Theresa Prammer tischt dem Leser einen ziemlich überkonstruierten in sich unglaubwürdigen Krimiplot auf. Vielleicht kann man sich auf die Auflösung all der Ungereimtheiten einlassen, wenn man die beiden Vorgängerromane kennt.

Ein geschenkter Anfang

Lorraine Fouchet: Ein geschenkter Anfang, Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Atlantik bei Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 368 Seiten, €20,00, 978-3-455-60056-8

„Man hat nur ein Leben, Lou. Er schafft es nicht zu wählen. Ich kann nicht für ihn entscheiden. Ich kann nicht für Sarah entscheiden. Was willst du? Dass ich Patrice wiederfinde? Dass ich Albane ausschalte? Gib mir einen Hinweis!”

Doch Lou, Jos geliebte Ehefrau und äußerst schlechte Köchin, kann ihm nicht mehr helfen, denn sie ist viel zu früh verstorben. Eine seltsame Krankheit hat sie am Lebensende zu einer völlig anderen Person gemacht. Dabei hatte Jo sich endlich nach seiner erfolgreichen Karriere als Kardiologe in Paris auf seine Insel Groix zurückgezogen, den Ort, den beide so liebten. Hier sind seine Kinder Cyrian und Sarah groß geworden und hier wollte er mit Lou und seinen Freunden alt werden.

Doch alles ist völlig anders gekommen. Cyrian und seine Frau Albane besuchen die Insel mit ihrer dicklich arroganten Tochter Charlotte nur, wenn sie wirklich keine Ausreden mehr haben. Dabei hat der Sohn eher die Mutter besucht als seinen verhassten Vater, den er immer beeindrucken wollte. Drei -, viermal besucht Cyrian auf Groix auch seine zweite Tochter Pomme, die mit ihrer Mutter bei Jo lebt. Pomme leidet unter dem abwesenden Vater und auch unter seiner emotional distanzierten Haltung ihr gegenüber. Zur attraktiven Sarah, die als Filmproduzentin arbeitet, hat Jo ein sehr enges Verhältnis. Dass sie eine unheilbare Krankheit hat, die sie auch zeitweilig an den Rollstuhl fesselt, ist der Kummer seines Lebens.
Aus allen Perspektiven, auch zeitlich versetzt, erzählt Lorraine Fouchet von einer disfunktionalen Familie, die Lou mit ihrem Vermächtnis wieder in eine harmonisch miteinander lebende Familie verwandeln will. Sie fordert von ihrem Mann, der sich bei der Beziehungsarbeit zu seinen Kindern eher zurückgehalten hat, das ist notariell festgelegt, dass er dafür sorgt, dass seine Kinder Sarah und Cyrian endlich glücklich werden. Doch wie schafft man das bei erwachsenen Kindern, die zum einen weit weg wohnen und zum anderen wenig von ihrem Vater halten.
Ertränkt Jo seinen Kummer anfänglich in Alkohol, so schafft er es nach und nach doch, mehr über Cyrian und Sarah herauszufinden.

Als Sarah und Patrice heiraten wollten, wurde Sarahs Krankheit diagnostiziert. Er hat sich in Windeseile von dannen gemacht. Jo sorgt nach zehn Jahren für eine Aussprache auf Augenhöhe. Cyrian geht fremd, denn er hat Albane nur geheiratet, weil sie schwanger war. Cyrians Geliebte ist eine eiskalte Geschäftsfrau, die sich ihren Stand hart erarbeitet hat. Albane, die hochnäsige Hausfrau, wiederum sorgt mit ihrer überängstlichen Art dafür, dass sich ihre Tochter Charlotte wie in einem Käfig fühlt. Sie darf keine Freunde haben, geht mit ihren neun Jahren nicht einen Schritt allein und ist äußerst boshaft zu Pomme. Diese wünscht sich eine richtige Schwester und nicht eine, die ihr immer wieder vor Augen führt, dass sie eigentlich gar nicht erwünscht ist und vielleicht sogar auch gar nicht die Tochter von Cyrian.
Aber Albane und auch die anderen Figuren sind nicht nur borniert, sie zeigen im Laufe der Geschichte auch ganz andere Seiten.
Doch wann ist jemand wirklich glücklich?
Am Ende sitzen alle friedlich an einem Tisch und können sich in die Augen schauen.
Mission geglückt!

Dass die Geschichte dieser Familie auf ein gutes Ende hin steuert, ahnt der Leser sicher schnell. Lorraine Fouchet schafft es, unterhaltsam und glaubhaft ihre Figuren, die zum Glück nie eindimensional gezeichnet sind, durch ein Labyrinth von Begegnungen und Entscheidungen zu führen. Am wichtigsten sind die Einblicke, die jede Figur aus ihrer Sicht offenbart und so Motivationen und Gründe des Handelns nachvollziehbar macht. Jo, die Hauptfigur, ist da keine Ausnahme, denn er steht am Ende dank seiner Frau nicht vor einem Trümmerhaufen, sondern vor einer neuen Familie.

Bis an die Grenze

Dave Eggers: Bis an die Grenze, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 479 Seiten, €23,00, 978-3-462-04946-6

„Josie war sicher, dass es eine fürchterliche Idee war, über das alles zu reden – über entsetzliche Dinge zu reden, hatte ihr noch nie geholfen, sie fuhr besser damit, zu vergessen, ….

Irgendwie hat das Leben es mit Josie nicht gut gemeint. Die vierzigjährige Zahnärztin verliert ihre Praxis in Ohio durch einen angeblichen Patientenfehler. Sie wird auf zwei Millionen Dollar verklagt und wirft hin. Josie hatte sich auf Carl eingelassen, der irgendwie unzuverlässig ist, nicht unsympathisch, immerhin jemand mit einem Millionenerbe in Aussicht und doch völlig konturlos.

„Sie hatte eine Beziehung mit einem Zwölfjährigen.“

Der einzige Lichtblick in Josies Leben sind ihre Kinder: der mütterliche Paul ist acht und die chaotische Ana fünf Jahre alt. Die Kinder lieben sich und passen aufeinander auf. Und nun ist Josie auf der Flucht, denn Carl, die beiden haben sich getrennt, sitzt ihr im Nacken. Sie hat sich ein altes Wohnmobil geliehen und fährt durch Alaska. Erste Station ist ihre Stiefschwester Sam.

In einem Gedankenstrom rekapituliert Josie die Geschehnisse der Vergangenheit, ihr Leben mit Carl, die berufliche Pleite, die eigene Familie und die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes. Josie kann sich aus ihren Verpflichtungen nicht lösen, doch fühlt sie sich hilflos, ausgepowert und einsam. Auf der Suche nach einem Lebensinhalt, einem Ziel tritt sie diese Reise an, die auch noch einen anderen Grund hat. Carl hat eine neue Freundin und will, dass sie seine Kinder kennenlernt. Die nervöse, überforderte Josie bekommt es mit der Angst, denn sie fürchtet seinen negativen Einfluss. Mit ihren Kindern, Ana ist ein äußerst schwieriges Kind, dass Dinge zerstört und irgendwie auffällig ist, und einer gehörigen Portion Wut im Bauch, durchstreift sie Alaska. Wenn die Kinder schlafen, muss sie einfach Alkohol trinken, um alles zu ertragen. Im Hintergrund der Handlung lauern Naturkatastrophen, wie Waldbrände, aber auch irdische Konflikte, wie launische Wohnwagenfahrer oder Unfälle.

Immer mehr rücken die Kinder in den Blickwinkel des Lesers, sie scheinen für Dave Eggers die einzige Kraft zu sein, die noch zählt. Die Idylle jedoch, auch im Familienleben, will sich einfach nicht einstellen. Es gibt sie einfach nicht, obwohl Josie sich weit entfernt hält, von allem, was unser Miteinander zu zerstören scheint, kein Internet, keine Social Media Kontakte, nur pure Natur.
Wie fast nebenher entwirft Dave Eggers aber auch ein Bild von den USA, den abgehängten Menschen am Rande des Landes, die mit ihren Nöten nicht mehr klarkommen. Aber Josie schafft es, sich aus ihrem Tal zu befreien, und das hat sie letztendlich ihren Kindern zu verdanken.
Dave Eggers ist ein tiefgründiger Erzähler, ein Beobachter und Moralist.

Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, 349 Seiten, €11,90, 978-3-423-14551-0

„Dabei ist es gar nicht lang her, dass man dachte alles liegt noch vor einem, eine Unendlichkeit an Möglichkeiten und Zeit, als warte die Welt nur darauf, dass man ihr den eigenen Stempel aufdrückt. Dass bald schon alles dem Ende entgegengehen könnte, erschien ihm bis vor kurzem noch als abstrakter Gedanke, mit dem zu beschäftigen sich nicht lohnte.“

Da stehen nun alle vier erwachsenen Kinder um den toten Vater herum und wissen, dass alles irgendwie ziemlich schief gelaufen ist. Linda hatte in den letzten Jahren, bevor der Vater sie aus dem Haus geworfen hatte, noch versucht, ihn für unmündig zu erklären. Sie konnte nicht fassen, dass er, nach dem Tod der Mutter, seinen Lebensabend umgeben von Pornopostern verbringt. Seiner Pflegekraft, Linda nennt sie die „ungarischen Hure“, hat er schon mal zu Lebzeiten das Wochenendhaus in Arona vermacht. Als der unberechenbare Vater, zu dem auch Sohn Jakob keinen Zugang findet, Joschi, der ewige Revoluzzer sowieso nicht und Uli, das Weichei, erst recht nicht, seine Kinder nun vor vollendete Tatsachen stellt, ist klar, die Erbschaftsfrage muss vor dem Totenschein geklärt werden. Alle mutmaßen, dass ihnen, die den Geldsegen gut gebrauchen könnten, nicht mal ein Plichterbe zusteht. Und so warten sie nun auf den verhassten Anwalt und das Testament.

In den Gesprächen, inneren Monologen und Reflexionen stellt Karl-Heinz Ott wortgewaltig und sarkastisch die Generation der Achtundsechziger vor. Linda hat die Kunstbegeisterung der Mutter mit nicht gerade viel Erfolg zu ihrem Beruf gemacht, Joschi musste schon mal abtauchen, da er Geld veruntreut hatte und sowieso von den Eltern bereits ein Erbteil ausgezahlt bekommen hatte, woran Linda ihn regelmäßig erinnert. Jakob hat seinen beruflichen Zenit als Journalist für Film und Rundfunk weidlich überschritten und hält sich trotz leerem Bankkonto für den besseren Intellektuellen und Uli ist der ewige Hippie geblieben, der als Lehrer an seiner Waldorfschule sich in sein Schicksal gefügt hat. Zwischen typischen Geschwisterstreitereien mit viel Rotwein mischen sich philosophische Diskurse, herrliche Wutausbrüche und viel Wehmut im Elternhaus nahe Ulm. Alle vier hatten eine behütete Kindheit, in der der milde und geradezu gleichgültige Vater als Chefarzt des Unfallkrankenhauses wenig zu Hause war und wenn dann, wollte er seine Ruhe. Ein wahrer Kontakt, auch nach dem Tod der Mutter, hat sich zu den Kindern aus vielerlei Gründen nicht hergestellt. Nichts was den Vater, der seinen Kindern auch bei der Berufswahl freie Hand ließ, interessierte, ob nun Sternenbilder oder die Arbeit, wurde Gesprächsthema mit den Söhnen oder der Tochter. Mit dem Wissen um die Fremdheit zwischen den Generationen, der mürrische Vater pocht nun auf seine Freiheit, in der er machen könne, was er wolle, sitzen die vier Hinterbliebenen, Linda noch mit Mann und Uli mit Ehefrau, und pochen auf ihr Recht am Hab und Gut der Eltern. In Erinnerungen, die 1960er und 1970er Jahre im Blick, liest sich vieles im Rückblick ziemlich komisch, aber schaut man sich die Personen an, die die Zeit noch einmal Revue passieren lassen, auch tragisch.

Als Leser baut man eine Distanz auf und schwankt zwischen Vater und Kindern hin und her. Haben Sie es nicht anders verdient, könnte der Leser denken. Und fragt sich, wann nun endlich der Anwalt vor dem Haus steht und endlich Klarheit bringt. Was natürlich nicht geschehen wird, bedenkt man den Titel des Buches.
Wunderbar geistreicher Familienroman und zugleich Kammerspiel voller Tiefe und Intelligenz!

Das wissen wir schon

Noemi Schneider: Das wissen wir schon, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, Berlin 2017, 199 Seiten, €18,00, 978-3-446-25507-4

„Wir haben Lebensfreude-Duschgel, Alpträume, Happy-End-Toilettenpapier, Stressfrei – Lotion, kaputte Fernseher, Heimweh nach der Zukunft, keinen Grund, uns zu beschweren, und nichts zu verlieren außer unserer Angst. Kein Wunder, wir waren überall und kommen nirgends an.“

So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die in München lebt und mit ihren Nachbarn Fini und Amadeus die Abende verbringt. Sie hat Film studiert und auch einiges probiert, aber nie mit Erfolg. Sie ist wütend, desillusioniert, verfasst Projektbeschreibungen am Vormittag an ihrem Arbeitsplatz, der Kasse eines verpackungsfreien Supermarktes. Sie möchte weder in der Produktionsfirma von ihrer Patentante Monika, die den „Bergdoktor“ verzapft, arbeiten, noch irgendwo anders Kabel tragen. Jegliches Gespräch mit Redakteuren endet ohne Ergebnis und ihre Wohnung hat sie auch noch an eine Unternehmensberaterin vermietet. Eigentlich möchte sie sich bei ihrer Mutter auf dem Land im Gartenhaus verkriechen, aber hier sitzt bereits Mustafa, der Patensohn der Mutter und verteidigt sein kürzlich gegründetes Kalifat.

Die Erzählerin und ihre Mutter, die ohne Handy oder Computer lebt, sprechen nicht viel miteinander, denn die Mutter rettet Zeit ihres Lebens die Welt. Sie hat sich wenig um die Tochter gekümmert, dafür wohnen jetzt dankbare Flüchtlinge in ihrem Haus und sie hat Mustafa aufgenommen, obwohl dieser eigentlich als Dschihadist in die Türkei abgeschoben werden sollte. Offenbar hat die Mutter irgendein Ding mit dem Innenminister, genannt Toni, zu laufen, dass Mustafa trotz Hungerstreik in Ruhe gelassen wird. Die Müttergeneration jedenfalls kennt keine Angst, sie sind die starken Frauen, die sich scheiden lassen und immer wieder von vorne anfangen können und die Erzählerin auslachen, die von einer Auszeit redet. Die Erzählerin betrauert eher ihren toten Vater, der sie großgezogen hat und sie sucht nach einer Aufgabe, die sie ausfüllen könnte. Betrachtet sie ihre Freundinnen, die in Ehen und mit Kindern leben, fühlt sie sich nicht sonderlich wohl.

Ein bisschen Geldsorgen, lange Gespräche mit den Menschen, die man mag, Traumata einstiger schief gelaufener Aktionen mit zweitausend Nerzen, die freigelassen auf der Autobahn totgefahren wurden – alles klingt ein bisschen nach der Selfi-Generation, die einfach nicht weiß, was sie will oder wirklich keine Chancen mehr bekommt? Möglicherweise stehen sich Mutter und Tochter symbolhaft gegenüber, hier diejenigen, die einst demonstrierten und hier diejenigen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln.

Ziemlich tempo- und dialogreich erzählt Noemi Schneider ihre Geschichte, die stellenweise mit ihrem trockenen Humor genau auf den Punkt geschrieben wurde. Ab der zweiten Hälfte jedoch, kippt dann die Geschichte, denn Mustafa redet auch mit Ungläubigen und Unverschleierten, versöhnt sich vor Fernsehpublikum mit seiner Mutter, verliebt sich in eine Fernsehfrau und macht seine eigene Karriere auf Youtube mit einem Nerz, der eigentlich der Erzählerin geschenkt wurde.
Die Mutter der Erzählerin sucht sich ein neues Hilfsprojekt und die Patentante taucht ab und macht den Weg für die neue Generation frei, da die radikale Vergangenheit sie wieder einholt. So weit, so gut – das liest sich unterhaltsam, aber auch nicht mehr.

Bestechung

John Grisham; Bestechung, Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Inke Walsh-Araya, Heyne Verlag, München 2017, 448 Seiten, €22,99, 978-3-453-27033-6

„Die jahrelangen Schmiergelder als Gegenleistung für entsprechende richterliche Entscheidungen, der unverhohlene Diebstahl von Tappacola, der Mord an Hugo Hatch, die Privatjets, die Riesensummen Bargeld und die Immobilien auf der ganzen Welt, das Fehlurteil gegen Junior Mace. Nein, in diesem Moment hielt sie es für unmöglich, dass diese attraktive Frau, eine gewählte Richterin aus einer Kleinstadt, in derart hässliche und weitreichende Verbrechen verwickelt sein könnte.“

Wenn in einem Land die moralischen Werte hochgehalten und vor allem die Worte Freiheit und Menschenrechte ganz groß geschrieben werden, dann wundert es schon, dass ein Präsident gewählt wird, der in seinen Sonntagsreden zu 70% die Unwahrheit sagt. Lacy Stoltz und Hugo Hatch von der BJC, Board on Judicial Conduct, die Berufsaufsicht von Richtern, aus Florida sehen das vielleicht auch kritisch. Doch zu Beginn der Geschichte machen sie einfach nur ihre Arbeit. Lacy ist ein attraktiver Single Mitte 30 und Hugo ein geplagter, glücklicher Familienvater mit vier kleinen Kindern und einer liebenswerten aber auch gestressten Frau. Die beiden sind Anwälte, aber keine Polizisten, sie tragen keine Waffen, sondern kümmern sich als Kontrollinstanz um korrupte oder unfähige Richter. Als Greg Myers, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt und als Anwalt selbst eine Haftstrafe absitzen musste, eine Anzeige gegen Richterin Claudia McDover auf den Weg bringt, ist klar, das ist ein außergewöhnlicher Fall. Als Richterin deckt diese Frau jahrelang ein organisiertes Verbrechersyndikat. Auf dem Gebiet eines indianischen Stammes wurde ein Kasino gegen den Widerstand von Leuten gebaut, die ermordet wurden oder in der Todeszelle sitzen. Der Stamm profitiert von den Gewinnen des Kasinos, die Richterin und derjenige, der im Stillen und völlig unerkannten die Fäden in den Händen hält, ein gewisser Vonn Dubose.

John Grisham wechselt im Laufer der Geschichte über Korruption, Manipulation und Vertuschung die Perspektiven. Der Leser begleitet Lacy und Hugo bei ihrer Arbeit, aber er lernt auch die Gedankenwelt von Claudia McDover kennen. Sie hat über Offshore-Firmen und gewiefte Transaktionen mit ihrer Lebensgefährtin, ebenfalls eine Anwältin, Bargeld, Schmuck, Kunstgegenstände und vieles andere mehr gehortet und über geschickte Geldwäsche legalisiert. Sie hat dafür gesorgt, das Junior Mace als Gegner des Kasinos nun auf seine Hinrichtung wartet. Angeblich hat er ebenfalls einen Gegner des Kasinos und seinen Freund gemeinsam mit seiner Frau inflagranti erwischt und erschossen. Zwei eingeschleuste Kriminelle haben dann später vor Gericht ausgesagt, das Mace sich mit der Ermordung seines Nebenbuhlers gebrüstet habe. Diese beiden Männer sind nach dem Prozess spurlos verschwunden.
Immer wenn sich irgendjemand Vonn Dubose in den Weg stellt, wird gedroht und eingeschüchtert. Myers kennt diese Methode. Er hat einen Maulwurf in der Nähe der Richterin und einen Mitwisser, der sich ebenfalls mit den Leuten von der BJC trifft.

Als Claudia McDover von den Ermittlungen gegen sich erfährt, steht sofort ein hart gesottener Anwalt an ihrer Seite. Sie informiert Vonn Dubose und die Maschinerie krimineller Energie beginnt, um Lacy und Hugo zu stoppen.
Nach einem bewusst inszenierten Unfall, den Hugo nicht überleben wird und Lacy ins Krankenhaus bringt, bleiben die Behördenarbeiter auch ohne Revolver an dem Fall dran.
Bei John Grisham mag die Gerechtigkeit, in dieser zum Glück nicht überkomplizierten schnörkellos erzählten Geschichte, letztendlich siegen und das muss sie auch nach über 400 spannenden Seiten, in der wahren Welt und nach dem aktuellen Präsidenten glaubt das jedoch kein Leser mit Verstand mehr.

Die Liebe zum Regen

Claire Hoffmann: Die Liebe zum Regen, Diana Verlag, München 2017, 300 Seiten, €14,99, 978-3-453-29192-8



„Sie hatte keine Lust mehr durchzuhalten. Sie fand Stolperfallen in der Küche oder Wärmesalbe auf dem Toilettensitz überhaupt nicht komisch. Vera lehnte sich an den Türrahmen. Sie kam einfach nicht an sie heran. An keine von ihnen.“

Vera Klapproth ist siebenundfünfzig Jahre alt, verheiratet mit dem etwas steifen Gernot, den sie glaubt zu lieben. Sie hat die Musikalienhandlung von ihren Eltern übernommen und alles scheint wunderbar.
Was treibt sie da außer Landes und auch noch als Au-pair für wildfremde Kinder?

Schaut man genau hin, dann ist Veras Leben doch etwas aus den Fugen. Sie denkt, sie sei wirklich krank, wagt keine gründliche Untersuchung und ihr Mann verschwindet einfach mal so nach Afrika, angeblich in ein Sabbatical. Eine Meute Journalisten steht vor der Tür und offenbar hat der gute Gernot Dreck am Stecken. Vera hält nun auch nichts mehr. Ein Flyer fällt ihr in die Hände und schon ist sie auf dem Weg nach London als Kindermädchen. Kaum angekommen, ihre Englischkenntnisse sind nicht besonders und ausgeraubt wird sie auch gleich, steht sie drei Mädchen im Alter von vierzehn bis fünf Jahren gegenüber: Amanda, Ruby und Zoe. Der Vater der Kinder, Mr. Hastings, ist bereits auf dem Abflug. Die einzige, die Vera wirklich braucht, ist die fünfjährige Zoe und ihr Schmuse-Faultier Herr Schultz. Die Mutter der Kinder, von ihr haben sie auch ein bisschen Deutsch gelernt, ist angeblich entschwunden, das glaubt zumindest Zoe. Alle andere kennen die Wahrheit, hinter die Vera auch bald gelangen wird. Vera ist leider nicht die begnadete Köchin und von Kindern, die sie nie hatte, hat sie auch keine Ahnung.

Aber Vera ist kampfbereit, und das muss sie auch sein, denn die hochnäsige Amanda spielt ihr einen Streich nach dem anderen. Es ist kein Witz, wenn man in seinem Haarwaschmittel einen Brühwürfel findet oder in dem Glauben gelassen wird, man habe Katzenfutter gegessen. Auch Ruby ist ein schwieriges Kind, denn sie scheint, nie etwas zu essen. Aber Vera beißt sich auch ohne Referenzen durch. Sie versucht ständig den abwesenden Vater in die Pflicht zu nehmen, doch dieser scheint den Anblick der Mädchen nicht zu ertragen. Nach und nach wird klar, was eigentlich passiert ist. Vera absolviert brav ihren Englischkurs, der ihr als Au-pair zusteht und kümmert sich aufopfernd um die anhängliche Zoe. Mit Amanda gibt es auch bald Friedensverhandlungen, nachdem diese sich verknallt hat. Und auch Vera scheint auf ihre alten Tage noch die Liebe kennenzulernen. Aber auch hier muss sie sich auf ein Fiasko einstellen. Und dann taucht Gernot auf und bemerkt, dass die gute Vera seinen harschen Ton nicht mehr akzeptiert und sich doch sehr verändert hat.

Bald sind die drei Monate in London um und Vera könnte ihren Aufenthalt noch verlängern. Zuerst jedoch muss sie sich um ihre Untersuchung kümmern, das war ein Deal, den sie eingegangen ist und sie muss herausfinden, ob sie mit dem distanzierten Mr. Hasting endlich eine gemeinsame Sprache findet.

Witzig, unterhaltsame Geschichte über die Abenteuer einer nicht mehr ganz jungen Frau in einem völlig neuen Metier voller Stolpersteine und Alltagsabenteuer.
Absolut lesenswert!