Leere Herzen

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, 350 Seiten, €20,00, 978-3-630-87523-1

„ Die Rettung von potenziellen Selbstmördern macht mit Abstand den größten Teil der Tätigkeit aus. Sofern Attentäter vermitteln werden, ist die Brücke auf einen strengen Kodex verpflichtet – begrenzte Opferzahlen, sorgfältige Vermeidung von Eskalation, keine Kollateralschäden. …. Als erster und bisher einziger Terrordienstleister der Republik hat die Brücke die Branche befriedet und stabilisiert. Sie sorgt für das rechte Maß an Bedrohungsgefühl, das jede Gesellschaft braucht.“

Britta und Babak sind die Köpfe der Brücke, vordergründig jedoch führen sie eine Heilpraxis für Selbstmordprävention. Im Hinterzimmer vermitteln beide Menschen nach Ablauf eines Programms an Organisationen, die ihrem Suizid, dem Tod, noch einen Sinn geben wollen. Die einen sich hocheffizient und zynisch, die anderen von einer Idee beseelt und handlungswillig. Das ist eine lukrative Sache, Britta hält den Kontakt zu den Geschäftspartnern und Babak ist der IT-Experte.

Die extrem praktisch veranlagte Britta, mit Putzfimmel und Magenproblem, führt ein biederes Familienleben im großem Haus in Braunschweig und mit einem freundlichen Mann, der wenig verdient und einer kleinen Tochter, die alles haben kann. Das Gewissen oder eine bestimmte Überzeugung haben sich im Laufe der Jahre von Britta verabschiedet. Die gesellschaftliche Verantwortung liegt in den Händen der “Besorgte-Bürger-Bewegung” und ihren nach und nach verkündeten Effizienzpaketen, mit denen sie die Demokratie endgültig abbauen. Wir schreiben das Jahr 2025, noch gibt es Zeitungen und sein Auto muss jeder auch noch selbst fahren. Aber die digitale Welt hat sich entwickelt und so hat Babak ein Programm namens Lassie kreiert, dass immer mehr Menschen aus dem Netz fischt, die des Lebens überdrüssig sind und auf einen sinnvollen Abgang Wert legen. Kein Wunder, denn die BBB fordern von Ausländern Sonderabgaben, freuen sich, wenn viele Menschen alles einfach so laufen lassen und sich für das Bedingungslose Grundeinkommen entscheiden und bei Wahlen ist die Fünfprozenthürde gegen eine Hürde von fünfzehn Prozent ausgetauscht worden.
Aber Britta spürt seit längerem, dass sie beobachtet wird. Als ihr Mann Richard ihr freudestrahlend von einem Investor berichtet, der in sein Projekt einsteigen will, erkennt Britta den Stalker. Bei näherer Betrachtung ist er ein Wünschelrutengänger mit offenbar gutem Einkommen, der allerdings Britta nahelegt doch ein Sabbatjahr zu nehmen, was diese mehr als aufregt.
Parallel zu dieser Geschichte beunruhigen Britta und Babak ein Attentat am Leipziger Flughafen. Beide Täter kommen nicht aus ihrer Praxis, ein Konkurrenzunternehmen scheint sie vom Markt verdrängen zu wollen. Doch wer steckt dahinter? Und vor allem, was wollen diese Kräfte?

Juli Zeh entwirft eine gruselige Dystopie, angetrieben von der Wut über die Gleichgültigkeit der saturierten Mitbürger, die den Rechtspopulisten den Steigbügel halten. Es geht um die innere Leere und eine zukünftige Gesellschaft, in der es keine öffentlichen Diskurse mehr gibt und ein moralisches Gewissen und Engagement sowieso nicht. Die gleichgültig gewordenen Menschen streben nach ihrem ganz individuellen Glück und sorgen sich wenig um andere oder gar die Gesellschaft. So möchten die Freunde von Britta, Janina und Knut, ein Haus auf dem Land.Mit ihren eigenen Einkünften jedoch können sie es nicht zahlen. Britta springt ein und kauft sich ihre Freunde, würde ihre Mutter sagen. Bei einer Szene auf dem Spielplatz, fordert Britta sogar ihre Tochter auf, auf den nervenden Jungen, der sie attackiert, nicht nur verbal zu reagieren. Die empörte Mutter des Jungen muss sich Folgendes anhören:

„Was fänden Sie besser?“, fragt Britta zurück. „Soll ich sie so erziehen, dass sie später stillhält, wenn sie vergewaltigt wird?“

An dieser Stelle zeigt sich das ganze Debakel, nimmt Britta eine Haltung ein, dann tönt sie ziemlich drastisch nach dem Motto, das muss man doch mal sagen dürfen. Und doch muss man beim Lesen gerade an dieser Stelle schmunzeln, denn dieses aufgesetzte Gutmenschentum nervt momentan über alle Maßen und in Zukunft sicher auch. Und doch, das zynische Denken, der im Mittelpunkt stehenden Hauptfigur, und ihre Läuterung durchzieht den durchaus spannend geschriebenen Handlungsverlauf. Sprachlich holpert die Autorin zwischen kalten Gedankenspielen ihrer Hauptfigur und seltsam blumigen Naturbeschreibungen.
Mag das Ende ein Paukenschlag sein und eigentlich nicht verwundern, so fühlt sich der Leser vielleicht so in der Mitte der Geschichte doch leicht gegängelt. Bleibt immer die Frage, ob diesen Roman auch diejenigen erreichen, die in der verwirrenden, politischen Gemengelage der Gegenwart nach Orientierung suchen.

The Child

Fiona Barton: The Child, Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld, Wunderlich beim Rowohlt Verlag, Reibek 2017, 473 Seiten, €14,99, 978-3-8052-5098-6

„Als Kate den Zweizeiler über die Babyleiche ausgerissen hatte, hatte sie auf eine bewegende Geschichte über ein vergessenes Kind und die Tragödie hinter seinem Tod gehofft. Eine schöne Samstagsreportage, hatte sie gedacht. Eine Abwechslung von der ermüdenden Tretmühle der Online–News. Doch das Kratzen an der Oberfläche hatte einen regelrechten Vulkanausbruch tief vergrabener Geheimnisse ausgelöst.“

Alles beginnt mit der kurzen Nachricht, dass das Skelett eines Babys in einem Abrissgebiet von London gefunden wurde. Kate arbeitet als Journalistin bei der „Daily Post“ und vermisst die gute alte journalistische Arbeit, der Recherchen vorausgehen. Sie hat die Nase voll von Promigeschichten oder anderem kurzweiligen Schwachsinn, mit dem die Zeitungen auch im Internet um Aufmerksamkeit buhlen. Sie fängt an Kontakt zur Polizei aufzunehmen, sie möchte wissen, welche Geschichte hinter diesem traurigen Leichenfund steckt und sie wird sie herausfinden, allerdings völlig anders als erwartet.
Aus mehreren Perspektiven setzt Fiona Barton, die selbst als Gerichtsreporterin gearbeitet hat, die Handlung ihres Romanes zusammen. Zum einen ist da Kate, die Joe, der frisch von der Journalistenschule kommt, einen Anfänger im Schlepptau, mit sich zieht. Nach und nach erklärt sie ihm, der nur froh ist, wenn er vor seinem Computer sitzen kann, ihren Beruf, der im Gegensatz zu anderen Krimis die Presse mal gut wegkommen lässt. Kate ist gefühlvoll, emphatisch und vor allem taktvoll. Mit fast erwachsenen Kindern hat sie so ihre Lebenserfahrungen, aber sie ist nicht zynisch, wie so viele in der Branche, sondern eher realistisch, hartnäckig, unverfroren und professionell. Dass sie der Polizei manchmal ins Handwerk fuscht, liegt einfach an ihrem Ehrgeiz als erste mit der Story herauszukommen. Immerhin wird gerade im Medienbereich, nicht nur bei Zeitungen mehr als nur gespart. Dann lernt der Leser Angela kennen, sie glaubt, dass das gefundene Baby ihr Kind ist, dass vor gut 44 Jahren aus der Geburtsklinik verschwunden ist. Sie war nur kurz duschen und plötzlich war Alice fort. Vorwürfe, Zusammenbrüche, tragische Momente kennt Angela und ihre Familie zur Genüge. Diese Nachricht jedoch reißt sie wieder aus dem Alltag und nach der DNA – Analyse ist klar, es ist Alice, die gefunden wurde. Erleichterung und Gewissheit.
Aber dann erzählt Fiona Barton noch aus der Sicht von Emma, einer irgendwie belasteten Frau, die zwar glücklich mit Paul verheiratet ist und als Lektorin gut zu tun hat, aber doch unter Stimmungsschwankungen leidet. Erst seit kurzem hat sie wieder Kontakt zu ihrer Mutter geknüpft, die sie einst als Vierzehnjährige zu den Großeltern abgeschoben und somit vor die Tür gesetzt hatte. Emma glaubt, dass das gefundene Baby ihr Kind ist. Sie hatte einst in der Howard Street gewohnt.

Aber dann stellt sich heraus, dass die Babyleiche nicht in den 1970er Jahren dort vergraben wurde, sondern gut zehn Jahre später. Angela durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Kate beginnt erneut zu recherchieren und knüpft über einen Kneipenwirt aus der Gegend Kontakte. Emma ruft Kate unter falschem Namen an und versucht herauszufinden, was Kate weiß.
Auch Jude, Emmas alleinerziehende Mutter, kommt zu Wort. Aus ihrer Sicht wird von Emma als Teenager erzählt und von ihrer Beziehung zu dem Mann, den Jude so sehr geliebt hatte. Emma als aufmüpfiger Teenager, so Judes Meinung, hat ihr diese Beziehung zerstört.
Auf verschiedenen Ebenen dreht sich dieser vielschichtige Krimi um die Beziehungen zwischen Müttern und anwesenden wie verschwundenen Kindern, es geht um emotionale Abhängigkeiten, Verantwortung, Gewalt, aber auch Traumata, die Leben unwiederbringlich zerstören.

Fiona Barton versteht es gekonnt, den Leser durch die Sichtweisen ihrer ambivalent gezeichneten Figuren zu fesseln. Temporeich und mit nicht allzu viel Personal und Details legt sie den Finger auf die Wunden der Zeit, ob es nun um den gegenwärtigen oberflächlichen Journalismus geht oder die Nähe zwischen Eltern und Kinder.

Lockwood & Co. – Das grauenvolle Grab

Jonathan Stroud: Lockwood & Co. – Das grauenvolle Grab, Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung, cbj, München 2017, 505 Seiten, €19,99, 978-3-570-17462-3


„Wir wollten sie aus der Reserve locken, indem wir uns ein kleines bisschen verwundbar zeigten. Das war auf längere Sicht immer noch besser, als stundenlang irgendwo herumzuhocken und zu hoffen und zu bangen, dass der Geist vielleicht einfach vorbeispaziert kam.“

Im Band fünf der Reihe über die Agentur Lockwood & Co. dreht sich natürlich alles wieder um die Jugendlichen, die dank ihres Alters die Londoner Geister aufspüren und zur Strecke bringen können. Zum Glück hat die Geistersieche sie noch nicht erwischt, obwohl sie in dieser neuen Geschichte geradeso am Tod vorbeischrammen und letztendlich ihn vor Augen haben werden. Denn es muss erzählt werden, dass Lucy, das Mädchen mit dem besonderen Gehör und ihrem Begleiter dem 110 Jahre alten sarkastischen Geisterschädel, den nur sie hören kann, und Lockwood, der immer gut gekleidete Agenturinhaber auf der Anderen Seiten waren, bei den Toten. Aber dazu später mehr.

Zuerst einmal ist die Agentur mit einer höchst vertraulichen Aufgabe betraut, die übersinnlichen Ermittler sollen die Mitglieder einer Zirkusrevue von einer Geisterfrau befreien, die sich des Nachts die Männer gefügig macht. Leider ist einer bereits verstorben. La Belle Dame ist ein zorniger Geist, der seelisch angeschlagene Opfer sucht. Beinahe wäre auch Lockwood ihren Künsten erlegen gewesen, hätte ihn nicht Lucy gerettet. Aber nicht nur Lucy gehört zum Team, da ist auch George, der leicht schmuddelig der perfekte Rechercheur ist, das ist Holly, aber auch Flo Bones, eine ominöse Artefaktefägerin und Quill Kipps.
Alle zusammen gehen in einem weiteren Erzählstrang einer dubiosen Information nach, die Lucy von ihrem Geist im Glasbehälter vernommen hat. Angeblich liegt im Mausoleum nicht der Leichnam der legendären Marissa Fittes. Sie weilt noch auf Erden und nennt sich nun als Enkelin von Marissa Penelope. Alles wahr, muss das Lockwood Team mit Entsetzen feststellen. Doch wie kann es sein, dass ein Mensch über so lange Zeit überleben kann? Welches Elixier hat Marissa intus? Lucys Schädelgeist erkennt sofort Marissa an ihrem Geruch von der Anderen Seite. Hinzu kommt noch, dass die große Fittes Agentur damit beginnt, die kleinen Agenturen, also auch Lockwood & Co. beiseite zu drängen oder gar in ihr Imperium einzuverleiben. Wie brutal sie vorgehen, muss George am eigenen Leibe spüren. Der Handlanger und offizielle Vollstrecker von Marissa und seine Kumpane schlagen ihn zusammen und stehlen ihm ein wichtiges Buch, dass Marissa einst geschrieben und das George nun gefunden hatte.

Natürlich müssen die Agenten hinter Marissas Geheimnis gelangen und dabei klärt sich auch noch, das Lockwoods Eltern nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, sondern ermordet wurden.

Jonathan Stroud erzählt wieder eine wundersame Geistergeschichte mit viel Witz und neuen Erzählsträngen, die erst im kommenden Band wieder aufgenommen werden können. Komisch sind nach wie vor die Dialoge zwischen Lucy und ihrem hinterhältigen, nicht gerade vertrauenswürdigen Geist, der ständig seine Freiheit einfordert. Sich gegenüber stehen immer Erwachsene, die nicht mehr Herr der Lage sind und Jugendliche, die sie austricksen müssen. Für Stroud – Fans ist dieser Band sicher ein Muss, für alle die Geister lieben, eine unterhaltsame Lektüre mit erklärendem Glossar über alle Fachtermine der Geisterwelt.

Wovon wir nicht sprechen

Joanne Fedler: Wovon wir nicht sprechen, Aus dem Englischen von Susanne Dahmann, Droemer Verlag, München 2017, 448 Seiten, €19,99, 978-3-426-28181-9


„Ich frage mich, ob Christina Bryant oder Rania oder irgendeine unserer Klientinnen, die in ihren individuellen Krisen verhaftet sind, kommen wird, um sich Priscillas Geschichte, wie ihre Schwester abgeschlachtet wurde, anzuhören.“

Faith Ava Robert arbeitet als juristische Beraterin bei SISTAA, einer Organisation, die Frauen und Mädchen helfen soll, die jeglicher Form von Gewalt ausgesetzt waren. Etwas einsam, wissend um ihren Null-Karriere-Job leidet die Vierunddreißigjährige unter Asthma. Ihre Fingernägel sind heruntergekaut und sie hört Tag für Tag vom Elend der Frauen, die vergewaltigt wurden, geschlagen, gedemütigt oder einfach nur von ihren Männern ohne einen Cent aber mit einer Kinderschar zurückgelassen wurden.

Joanne Felder lässt Faith mit einer seltsamen Art von Humor von diesen Frauenschicksalen erzählen, sie erinnert sich aber auch an ihren Jugendfreund Josh, der viel zu früh verstorben ist und an ihre Familiengeschichte, an die Großmutter aus Italien. Immer öfter passiert es Faith, dass sie sich persönlich einbringt und doch weiß, dass sie gegen die Regeln der Organisation verstößt. Sie gibt den Frauen Geld, sie behält einen Hund bei sich und wehrt sich vehement gegen das Gespräch mit einer Therapeutin. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass Faith eine Klientin nicht schützen konnte.
Faith regt sich auf, wenn das Frauenhaus keine lesbischen Frauen aufnimmt und begleitet ihre Freundin und Kollegin Carol zum Bauchtanzkurs.

Stellenweise ist es hart, den Schilderungen der Ich-Erzählerin, deren Perspektive durchaus interessant ist, zu folgen, zumal viele Einzelheiten von gewalttätigen Übergriffen geschildert werden. Leidet Faith an einer sogenannten „Mitleidsermüdung“? Am Ende wird Faith ihre Arbeit bei SISTAA aufgeben und das wird viele verschiedene Gründe haben.

Im Winter

Karl Ove Knausgård: Im Winter, Mit Bildern von Lars Lerin, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, 309 Seiten, €22,00, 978-3-630-87515-6

„Der Herbst ist ein Übergang, eine Zeit des Entleerens, von Licht aus dem Himmel, Wärme aus der Luft, dem Blättern von den Bäumen und Pflanzen. Der folgende Winter ist der Zustand, es herrscht die Reglosigkeit. …
König Winter heißt er, … „

Wer nach sechs ausufernden Bänden über Kämpfe, Liebe, Spiel oder gar Tod immer noch Lust dazu hat, sich den ganz privaten Reflexionen und philosophischen Gedanken des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård hinzugeben, der ist beim mehrteiligen Jahreszeiten-Projekt genau richtig. „Im Winter“ heißt der passende Band für die Zeit von Dezember bis Februar.

Überschrieben sind die kurzweiligen Textsammlungen, die alle von stimmungsvollen, teils dunklen Aquarellen von Lars Lerin begleitet werden, mit dem Brief an die ungeborene Tochter als Erzählrahmen.
Natürlich drehen sich einige Texte um Weihnachten, den Weihnachtsmann und Geschenke. Gern umkreist Knausgård hier die Familie, zumal er am 6. Dezember selbst Geburtstag hat und von diesem Tag, den die Kinder mehr lieben als er, berichtet. Auffällig ist, dass bei allen Geschichten über die Töchter, bei Auseinandersetzungen über Erziehungsfragen, die Unordnung im Haus, eine Operation der Tochter, beim Geschenke kaufen und einpacken, Knausgårds Frau und Partnerin so gar keine Rolle spielt. Es wird von „sie“, „deine Mutter“ und dann auch mal von „Linda“ gesprochen. Und doch ist da ja das ungeborene Kind. Sitzt Knausgård im Auto und erzählt den gelangweilten Kindern euphorisch von den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen es kein Handy, kein iPad und vieles andere mehr nicht gab, ist er allein, niemand stärkt ihm den Rücken. Möglich, dass die Stille des Winters seine Zeit ist, auch wenn im Süden Schwedens, wo er lebt, kaum Schnee fällt. Neben dem Privaten spielen aber auch Alltagsthemen, wie Zucker, Stühle oder Rohre, mit ganz eigenem Blick eine Rolle. Von Text zu Text ist der Einstieg hier im Gegensatz zum privaten Blick fast unbeholfen belehrend. Und doch, Knausgårds gedankliche Ausflüge sind oft geistreich, denn sie nehmen den Leser in sein Seelenleben mit, sind aber nie ironisch unterfüttert. Alles wird mit größtem Ernst betrachtet. Ob der Leser mit diesen Episoden auch mehr über das eigene Leben erfährt, bleibt dahingestellt.
Wer Knausgård mag, folgt ihm gern in die unordentliche Wohnung für die er sich sichtlich schämt und am Ende dann sich selbst für die aufgeräumte und geputzte Küche lobt. Er sitzt mit ihm am Bett der Tochter, packt mit ihm Geschenke ein oder denkt über den Verlauf eines Kinderlebens nach.
Die Texte passen zu langen Winterabenden, in denen Kerzen am Fenster stehen.

Menschenfischer

Jan Seghers: Menschenfischer, Kindler Verlag, Hamburg 2017, 429 Seiten, €19,95, 978-3-463-40670-1

„Das war Terror, dachte Marthaler, während er die blaue Holztür von außen verschloss. Was man diesem Kind angetan hat, war genau geplant, und es war der nackte Terror.“

Hauptkommissar Robert Marthaler macht sich nicht gerade bei den Frankfurter Kollegen beliebt als er mitten in seinem Urlaub, eine Dienstreise nach Südfrankreich beantragt. Alle werden angeblich gebraucht, denn in Frankfurt, so scheint es, wurden etliche Menschen Opfer eines bewaffneten Terrorangriffs. Da das FBI ermittelt und Marthaler nicht den Handlanger spielen will, entschließt er sich nach einem Anruf vom pensionierten und ziemlich heruntergekommenen Rudi Ferres zur Reise in die Provence. Als im Jahr 1998 in einem Tunnel in Frankfurt eine verstümmelte Jungenleiche gefunden wurde, setzte die Polizei Himmel und Hölle in Bewegung, um des Täters habhaft zu werden. Alles umsonst. Rudi Ferres ist an dem Fall Tobias Brüning zerbrochen. Trotz aller Hilfen konnte er keine brauchbare Spur finden. Seine Ehe ist den Bach hinuntergegangen, seine Kinder sprechen nicht mehr mit ihm und er ist nun Alkoholiker und lebt in einem Wohnwagen. Auch beim Anruf mit Marthaler konnte er nur lallen und doch macht sich der Hauptkommissar auf den Weg. Vielleicht will er seiner ehemaligen Lebensgefährtin Tereza nicht begegnen, die nun schwanger und mit Heiratsabsichten nach Prag zurückkehrt.

Auch wenn der Fall des Tobias Brüning kalt ist, berührt Marthaler nach wie vor die Energie, die Ferres für diesen Jungen aufgebracht hatte.
Zur gleichen Zeit, in der Nähe der Lorelei, mitten im Wald greift eine Bäuerin zwei ziemlich hungrige Kinder auf, es sind zwei Roma Jungen auf der Flucht. Ihr Verhalten ist nicht nur seltsam, sie reden auch ständig von „Mama Sophie“. Beider Leichen wird die Bäuerin und ihr Nachbar nur kurze Zeit später in einer Röhre finden, beide Kinder sind wie der arme Tobias verstümmelt.
Bei den Ermittlungen schließen sich nun die Teams von Marthaler und der Stelle für Menschenhandel zusammen. Zum ersten Mal arbeitet Marthaler mit Kizzy Winterstein, einer Ermittlerin, die nicht nur Roma, sondern auch Jüdin ist. Jeder, der sie sieht, glaubt Amy Winehouse ist auferstanden. Langsam wird auch klar, dass der angebliche Terrorangriff nur drei Personen, einem Anwalt für Menschenrechte und zwei Frauen, deren Identität nicht ermittelt werden konnte, unter vielen Toten galt. Marthaler und Kizzy rücken etwas zu dicht zueinander und kommen aber mit ihren Recherchen der Lösung des Falles sehr nah, in dem sie erkennen, dass diejenigen, die Hilfe anbieten der größte Schurkenverein überhaupt ist.

Gebannt verfolgt der Leser an Marthalers Seite die ineinander verwobenen Handlungsstränge zwischen Vergangenheit und Gegenwart und die klar dialogische Sprache des Jan Seghers. Der Autor zeichnet alle Figuren sehr detailgenau und hält die Spannung gekonnt auf über 400 Seiten. Zugleich beschreibt er packend die kriminalistische Aufarbeitung eines nahezu perfekten Verbrechens, dass die Polizei und ihren Ermittler Ferres an den Rand des Wahnsinns bringen musste. Bitter dabei ist die Verbindung zwischen der machtvollen Justiz, Hilfsorganisationen und kriminellen Elementen.

Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger – Alle Toten fliegen hoch, Teil 4, Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2017, 416 Seiten, €24,00, 978-3-462-04944-2



„Mit Hanna konnte ich mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen, mit Franka war es einfacher in der Gegenwart. Bei ihr war ich unkompliziert und fühlte mich älter. Wir redeten nicht viel und mein Kopf schien auch nur ein Körperteil von vielen. Ob Hintern, ob Hirn, wir hatten Spaß.“

Auch im vierten Band ist es eine große Freude, den ausführlichen Erinnerungen und begnadeten Beschreibungen des Burghof-Schauspielers Joachim Meyerhoff zu folgen. Der Leser erfährt in den Gesprächen mit den neuen Freundinnen, in diesem Buch sind es drei, Hanna, Franka und Ilse, von Meyerhoffs Herkunft und Lebensweg. Zur Zeit ist er Debütant an Theaterhäusern, zuerst in Bielefeld, dann in Dortmund. Im Jahr 1967 geboren, erlebte Meyerhoff eine, wie er behauptet, behütete Kindheit. Als Arztsohn lebte er auf dem Klinikgelände einer psychiatrischen Klinik der norddeutschen Kleinstadt Schleswig. Wenn er beschreibt, wie er mit dem Geschrei der Patienten, ob nun Paranoiker, Schizophrene oder laute Borderliner aufwuchs, dann klingt das sehr nach Wahnsinn. Und der geht weiter, wenn Meyerhoff von seinen trinkfreudigen Großeltern, mit denen er wunderbar über alle möglichen Themen diskutieren konnte, erzählt. Doch mit Anfang Zwanzig ist der Vater, die Großeltern und auch der Bruder verstorben.

Allein und vielleicht auch etwas einsam trifft der Jungschauspieler nun auf die geheimnisvolle Hanna, die ihn gern im Ungewissen lässt und doch mit ihrer Liebe zur Literatur ansteckt. Stotternd kann er, wenn Hanna von Weltliteratur schwärmt, nur beitragen, dass all diese Bücher bei seinen Großeltern in den Regalen standen. Viel ist aufzuholen und vielleicht nicht nur in geistiger Hinsicht, denn auch körperlich tobt sich Meyerhoff aus, allerdings mit der Tänzerin Franka. Für das leibliche und auf verquere Weise auch mütterliche Wohl sorgt die Bäckerin Ilse, die in ihrer altmodischen Bäckerei wie eine Königin sitzt und die Käufer sozusagen empfängt.
Wenn sich Joachim Meyerhoff detailreich an die vergangenen Lehr- und Wanderjahre erinnert, dann immer mit einer witzigen Portion an Selbstironie. Und er kann wunderbar Situationen, ob nun witzig oder auch bedrückend, beschreiben. Vor dem inneren Auge des Lesers spielt sich die Handlung ab, wenn er z.B. genervt vom Dilettantismus der Bielefelder Theatermacher in seiner vierstündigen Pause zwischen den Auftritten sich auf den Weg ins hippe Berlin macht, um in Hannover dann doch die Reißleine zu ziehen. Brav steht er am Ende des Stückes wieder auf der Bühne und hadert mit sich und der Welt.
Nie ist der Autor einfach nur witzig, denn das Leben ist es ja auch nicht. Immer schwingt ein leiser Hauch Melancholie mit, ohne in Larmoyanz zu verfallen. Mit der Erinnerung an die Toten lebt Joachim Meyerhoff in diesem Band ein pralles, von der Liebe erfülltes Leben, frei und ohne Verantwortung, auch wenn seine drei Frauen ihm den letzten Nerv kosten.

Sicher fragt man sich als Leser zwischendurch auch, ist das wirklich alles wahr. Kann man sich so genau an alles erinnern oder spielt die dichterische Freiheit ebenfalls mit? Eigentlich egal, denn nach dieser Lektüre ist jeder gespannt auf die Fortsetzung Schauspielervita.

Glückskind

Flix: Glückskind – Der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, Carlsen Verlag 2017, 95 Seiten, €19,99, 978-3-551-78386-8

„Bütte, Papa, ich hab dich lieb!“
„Lass das, Josi.“

Wohnen weit fort von städtischem Lärm im „naturnahen Nirgendwo“ mag ja ganz schön sein, aber es bringt auch eine Reihe Probleme und Tiere ins Haus, z.B. einen dreibeinigen Waschbären, der absolut verknallt in Josi ist. Papa kann diese Liebe zwischen seiner Tochter und dem aufdringlichen Waschbären nur rational mit Warnungen unterbinden, die da lauten: Waschbären übertragen Krankheiten und überhaupt. Aber diese Argumente sind natürlich Schall und Rauch für die kleine Göre, die immer ihren Willen durchsetzt und meint:

„ In jedem Nein wohnt ein verstecktes Ja.“

Josi, Papa und der Waschbär – das ist das Szenario für viele verschiedene witzige Alltagsepisoden und Kämpfe zwischen Vater und Tochter, in denen der Papa mit der seltsamen Nase, vom kategorischen NEIN zum NAJA VIELLEICHT und letztendlich OKAY, immer wieder wechselt. Nicht das Josi die besseren Argumente hätte, sie ist einfach hartnäckig und ein bisschen ignorant oder auch schwerhörig. Josi wäre gern zu dritt und da ihre Mama nicht mehr da ist, würde ja nun der Waschbär die Lücke füllen. Dieser tauscht alle, na fast alle seine Gedanken mit Josi aus. Und wenn er mal wie vom Erdboden verschwunden ist, dann sitzt er garantiert im Kühlschrank. Da man in der Einöde nicht allein ist, taucht ab und zu Herr Nuding, der Nachbar, auf. Mit seiner linksradikalen Ehrlichkeit und harmlosen Nacktheit amüsiert und verblüfft er Josi und zerstört vielleicht auch ein paar Kinderträume. Am liebsten spielen Josi und ihr tierischer Freund auf der Müllkippe, „um mit der Welt in Kontakt zu kommen”. Problematisch für Papa, denn Josi will partout am Abend nicht baden.
Alle paar Seiten fängt Papa mit seinem neuen Roman an, eine Qual, die auch Josi und der Waschbär, der gerade ein Buch von Tolkien liest, trocken kommentieren.

„Warum schreibt er nicht einfach los?“
„Zu wenig Fantasie.“

Egal, wie es Papa anpackt, er ist der Verlierer auf ganzer Strecke, fast immer. Er kann lieb sein, brüllen oder Argumente darlegen, Josi setzt sich mit Glück und einem selbstverfassten Song nebst Gitarrenbegleitung durch. Und wenn Josi ihre Lieblingsserie „Prinzessin Glitzerpups“ sehen will, akzeptiert sie kein Nein. Harte Zeiten für den Autor in der Krise, der so Sehnsucht nach einer Frau hat. Aber wenn jemand Papa aufbaut, dann nur seine Tochter.

„Ich glaub an dich.“

Flix spielt in seinen pointiert witzigen Zeichnungen und den zum Teil absurd überhöhten Episoden, in denen temperamentvoll gestritten und philosophiert wird, mit den gängigen aktuellen Klischees zwischen Eltern und Kindern. Er erfindet ein renitentes Haustier, das niemand domestizieren kann und fertig ist der absolut komische Comic vom Autorenhaushalt mit frecher Josi und verfressenem Waschbären.

Zeit der Schwalben

Nicola Scott: Zeit der Schwalben, Aus dem Englischen von Nicole Seifert, Wunderlich Verlag, Reinbek 2017, 504 Seiten, €19,95, 978-3-8052-0037-0

„Und jetzt war da Phoebe Roberts und jagte alles in die Luft, alles, was ich immer für selbstverständlich gehalten hatte, was Teil von mir war, was mich ausmachte.“

Adele, die Erzählerin, arbeitet seit fünfzehn Jahren als Konditorin in einer Londoner Pâtisserie. Immer wieder hat ihre Mutter ihr das Gefühl vermittelt, nicht genug aus ihrem Leben gemacht zu haben. So arbeitet ihre Schwester Venetia als Architektin und ihr Bruder als bekannter Chirurg. Und sie, sie ist nur eine Bäckerin. Doch nun ist Adeles Mutter, Elizabeth, eine Literaturprofessorin, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Für Adeles Vater ist das ein schwerer Schlag, den er hat seine Frau über alles geliebt. Nach einem Jahr versammeln sich alle Familienmitglieder am Todestag der Mutter und plötzlich steht eine Frau, Phoebe Roberts, vor der Tür und behauptet, sie sei die Zwillingsschwester von Adele und Elizabeth sei ihre Mutter. Von einer Sekunde zur nächsten verändert sich Adeles Lebensgefühl, denn sie kann nicht glauben, dass ihre Mutter und ihr Vater sie angelogen haben. Alle Daten stimmen nicht mehr und klar wird, dass Elizabeth die beiden Mädchen vor ihrer Hochzeit mit George zur Welt gebracht hat. Folglich ist auch George nicht Adeles Vater und er war mit Elizabeth keine vierzig Jahre verheiratet. Als Adele, die sich kaum gegen ihre charismatische und leicht hysterische Schwester Venetia durchsetzen kann, im unberührten Zimmer der Mutter ihre Hermés – Tasche und ein fremdes Handy findet, entdeckt sie den Kontakt der Mutter zu einem Privatdetektiv. Klar wird, die Mutter hat längst nach Phoebe gesucht.

Parallel zu Adeles Geschichte erfährt der Leser aus dem Tagebuch von Elizabeth ab 1958 wie es ihr ergangen ist. Adele wird auch dieses Tagebuch später finden, aber zu diesem Zeitpunkt sind schon fast alle Geheimnisse gelüftet.

Im gedanklichen Mittelpunkt der Handlung stehen die 1950er und 1960er Jahre, in denen es kaum möglich war, als unverheiratete Frau Kinder allein großzuziehen. Elizabeth verliert ihre weltoffene Mutter als sie siebzehn Jahre alt ist, der konservative Vater hält das Mädchen wie eine Gefangene. Aber Elizabeth hatte bei ihrem Sommeraufenthalt einen Mann kennengelernt, den sie liebte und er sie offenbar auch. Allerdings hatte er vergessen ihr zu sagen, dass er verheiratet ist.
Eins kommt zum anderen und Elizabeth ist schwanger. Aus Angst vor der gesellschaftlichen Schande, bringt der Vater die Tochter in ein Heim für unverheiratete Mütter und behauptet als er sieht, dass es zwei Babys sind, dass ein Kind tot geboren wurde. Im Gespräch mit Phoebes Mutter offenbart sich jetzt auch, dass Elizabeth’ Vater eigentlich beide Kinder zur Adoption freigeben wollte. Aber Phoebes Mutter und auch ihr Vater fühlten sich nicht stark genug für Zwillinge.
Bevor Adele dies herausfinden konnte, glaubte sie, ihre Mutter hätte einfach nur auf ein Kind gezeigt und es weggegeben. Dabei hätte Phoebe der Mutter viel besser gefallen. Sie ist erfolgreich im Beruf und sogar Pilotin, sie hat aus ihrem Leben wirklich etwas gemacht.
Als Adele ihren Vater mit den Fakten konfrontiert, bekommt dieser in seinem noch andauernden Schmerz um die Mutter einen Herzinfarkt. Nach und nach klären sich alle über Jahre verheimlichten Tatsachen und Adele und Phoebe wollen endlich nach ihrem leiblichen Vater suchen.
Adele jedenfalls verliert nun mit ihren vierundvierzig Jahren all ihre Blockierungen, sie entwickelt eine neue Sicht auf ihre Vergangenheit, auch auf ihre doch nicht so starke Mutter.

So kitschig wie diese Handlung anmutet, die ein gesellschaftliches Zeitkapitel und die sozialpolitische Situation der Frauen in den Focus stellt, auf den ersten Blick klingt, ist sie eigentlich gar nicht, denn Nicola Scott vermag es, ihren weiblichen Figuren Kontur und psychologische Glaubwürdigkeit zu geben. Ihre Sprache ist anspruchsvoll und zugleich unterhaltsam. Dass Elizabeth nach der Geburt, nie mehr mit ihrem eigenen herzlosen Vater gesprochen und ihn innerhalb der Familie für tot erklärte hat, überzeugt dabei. Wie sie jedoch ihren Ehemann kennen und lieben lernte, ist doch sehr konstruiert. Und doch, gern folgt man Adele auf ihrem Weg in ihre Familiengeschichte und erfährt so einiges über die Adoptionspraktiken in Zeiten so gar nicht fern von uns.
Warum der Verlag den Romantitel „Zeit der Schwalben“ gewählt hat und nicht wie im englischen Original „My Mother’s Shadow“ bleibt etwas unklar.

Blutroter Sonntag

Nicci French: Blutroter Sonntag, Aus dem Englischen von Birgit Moosmüller, C.Bertelsmann in der Verlagsgruppe bei Random House, München 2017, 448 Seiten, €15,00, 978-3-570-10316-6

„Falls sie ihn überhaupt bemerkten, fanden sie ihn bestimmt nichtssagend. Wenn die wüssten! Das war Teil seiner Macht, in der Lage zu sein, das zu tun, was er getan hatte, und trotzdem nicht das Bedürfnis zu verspüren, es jemandem mitzuteilen. Er konnte ertragen, wie respektlos er in der Arbeit behandelt wurde. Nichts davon spielte für ihn eine Rolle. Er wusste, wer er war.“

Die Woche ist mit dem Sonntag um und doch schließt dieser Band nicht die Frieda Klein – Fälle ab. Ein achter Teil wird folgen und dann wird hoffentlich der Mann im Hintergrund, Dean Reeve, seiner gerechten Strafe zugeführt. Gleich zu Beginn hinterlässt er wieder seine Spuren und diese sind wir immer grausig. Im Londoner Haus der Psychotherapeutin wird unter den Bodendielen des Wohnzimmers eine Leiche gefunden. Josef, ein guter Freund von Frieda, hat den toten Mann, der vor ca. vier oder fünf Tagen ermordet wurde, gefunden. Es ist der ehemalige Polizist Bruce Springer, den Frieda auf Reeve angesetzt hatte. Der Leiche fehlen die Ohren. Für die Psychotherapeutin ist klar, dass Reeve der Mörder ist, der sich immer mal wieder für den Beschützer und Bewacher von Frieda hält. Beide verbindet eine symbiotische Beziehung, die dem neuen DCI Petra Burge unheimlich ist. Polizeipräsident Crawford muss nun endgültig gehen, denn er hatte den Fall Reeve bereits vor acht Jahren abgeschlossen und Frieda Klein nie geglaubt.

Allerdings ist Frieda schon ein seltsamer Mensch, stundenlang kann sie durch London laufen, um sich innerlich zu beruhigen und einst ist auch klar, großes Brimborium um ihre Person braucht sie nicht, andere schon. Bei der Befragung kurz nach der Entdeckung der Leiche in ihrem Haus wirkt sie derartig ruhig, dass DCI Burge sich nur wundern kann.
Altvertraut wirken die Menschen um Frieda Klein, wenn man die vorangegangenen Bände gelesen hat. Dass diesen Freunden und Bekannten nun nach und nach etwas angetan wird, ist tragisch, zumal Frieda hilflos zusehen muss.
Zuerst wird Chloé, ihre Nichte, zwei Tag lang entführt und unter Drogen gesetzt. Später werden der Presse Fotos zugesandt, die sie liegend auf einer Matratze zeigen. Sexuell missbraucht wurde sie nicht. Dann verschwindet Josefs siebenjähriger Sohn Alexei, der verstört aber gesund aufgefunden wird. In seiner Tasche befindet sich ein menschliches Ohr. Alexei hat eine Nachricht für Frieda auswendig gelernt und die kann nur von Reeves sein, der ihr mitteilen will, dass er mit Chloés Entführung nichts zu tun hat. Offenbar hat sich ein Trittbrettfahrer an den Fall angehängt, der Frieda quälen will. Nach und nach werden Freunde, Bekannte von Frieda attackiert und ein neuer Patient sogar ermordet. Frieda versucht nun über einen Privatdetektiv Informationen über die ihr nahestehenden Personen herauszufinden, die sie vielleicht zu Reeves oder diese andere Person führen. Das Foto, dass dem Journalisten Daniel Blackstock, der schon lang über Frieda Kleins Aktivitäten schreibt, zugespielt wurde, ist der Schlüssel. Blackstock zeigt es zuerst Frieda und geht damit nicht zur Polizei. Sie jedoch übergibt es DCI Burge. Im Gegenzug erhofft sich Blackstock von Frieda ein Interview und von Chloé. Frieda erkennt, dass in Blackstocks Fragen Täterwissen verborgen ist und sie ahnt, dass er hinter all den Angriffen stecken könnte. Die Polizei und vor allem DCI Petra Burge ist nicht begeistert, lernt aber Frieda jetzt erst richtig kennen.
Natürlich hat Blackstock für die Tatzeiten Alibis. Frieda läuft gegen Wände, aber diese haben sie ja eigentlich nie gestört, wenn sie ans Ziel kommen wollte.

Dieser siebte Band zieht die einst so spannend eröffnete Geschichte um Frieda Klein und Dean Reeve eigentlich noch einmal unnötig in die Länge, der Sonntag hätte zumal blutrot den gesamten Fall in all seiner Komplexität abschließen sollen. Die Fans von Frieda Klein bleiben sicher dran, die anderen, könnte ich mir vorstellen, steigen aus, denn zu schnell und psychologisch unmotiviert wurde der Täter gleich mal auf dem Serviertablett präsentiert.
Die Bitte, die Frieda am Ende äußert, reicht doch eigentlich schon: „Lassen Sie mich verschwinden.“

Der achte Band muss jetzt bald kommen, denn ansonsten verpufft die ganze Spannung.