Muttertag

Nele Neuhaus: Muttertag, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 556 Seiten, €22,00, 978-3-550-08103-3

„Ihr Aussehen spielt für mich nie eine Rolle. Nur ihre Taten. Diese hier hat ihrem Kind immer wieder versprochen, es zu sich zu holen, und es nie getan. Genau wie meine Mutter es mit mir gemacht hat.“

Immer am Muttertag ließ sie sich feiern, Rita Reifenrath, die Frau, die so viele Pflegekinder in ihr großzügig geschnittenes Haus mit Garten und Pool aufgenommen und sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte. Wie es jedoch hinter der Fassade aussah, das wussten nur die Pflegekinder, die in den 20 Jahren bei ihr und ihrem Mann Theo lebten. Die Ehe der beiden beruhte auf einem unbändigen Hass, sie unterdrückte und verachtete ihn und er manipulierte die Jungen und erzählte ihnen, er sei ihr Vater, aber das ist ein Geheimnis. Als die Tochter der beiden an einer Überdosis Heroin verstarb, nahmen sie ihren Enkelsohn Fritjof zu sich. Mit drastischen wie brutalen Mitteln und Psychoterror „zähmte“ die Pflegemutter ihre „Kinder“, die verhaltensauffällig waren und niemand adoptieren wollte. Bis zu zehn Kindern lebten in ihrem Haushalt im Taunus und zwischen ihnen herrschte ebenfalls eine gnadenlose Hackordnung, die durch Fritjofs Sonderstellung und die seines engen Freundes, Joachim Vogt, noch befeuert wurde. Wenn ein Kind dann mal wagte, außerhalb des Hauses etwas zu sagen, dann glaubte niemand seinen Worten.
Diese Geldquelle für die Pflegekinder funktionierte für die Reifenraths bis Rita sich angeblich nach einem Eklat mit erwachsenen Pflegekindern am Muttertag depressiv das Leben nahm. Besonders verhaltensauffällig als Jugendlicher war Claas Reker. Rita verabscheute ihn, wohingegen Theo ihn für sich einnahm. Reker entwickelte sich als Erwachsener zu einem eifersüchtigen Psychopathen, der seine Frau täuschte, manipulierte, belog, bedrohte, stalkte und nun wieder auf freiem Fuß ist.

Als Pia Sander und Oliver von Bodenstein von der K11 Hofheim zum Haus des nun 84-jährigen Theo Reifenrath gerufen werden, ist dieser bereits seit zehn Tagen tot. Einer seiner letzten Besucher war Reker. War es ein Verbrechen? Immerhin ist das Auto verschwunden, die Wohnung wurde durchsucht und Geld verschwindet vom Konto. Es stellt sich heraus, dass Theo offenbar eines natürlichen Todes gestorben ist, doch auf seinem Grundstück findet die Polizei drei verscharrte Frauenleichen und letztendlich die Leiche von Rita Reifenrarth.

Neben den in kursiver Schrift gehaltenen Gedanken des Täters wird auch die Geschichte der zweiundzwanzigjährigen Fiona Fischer erzählt. Sie erfährt nach dem Krebstod der Mutter, die sie zwei Jahre lang gepflegt hatte, dass sie nicht ihr leibliche Mutter war. Auch der angebliche Vater ist ein Fake. Fiona beginnt nach ihrer wahren Mutter zu forschen und begibt sich, ohne es zu ahnen, in gefährliche Gefilde.
Immer mehr Frauenleichen tauchen auf, die nach dem gleichen Prinzip langsam zu Tode kamen. Sie wurden in Folie eingewickelt, ertränkt und in eine Kühltruhe verfrachtet. Dann landeten sie entweder bei Theo im Garten oder wurden einfach irgendwo abgelegt. Der Täter behält nach jedem Mord eine Trophäe, einen Autoschlüssel, Haarsträhnen oder Ketten.

Für die Kommissare, die sich einen amerikanischen Profiler als Hilfe holen, steht fest, eines der Pflegekinder muss der Täter sein, denn diese perfide Lust am Quälen hatte dieser von der eigenen Pflegemutter gelernt und ahmt sie nun nach. Auffällig ist auch, dass jeder Mord am oder kurz nach dem Muttertag geschehen ist.
Unendlich viel Ermittlungsarbeit summiert sich bei letztendlich elf Morden und Pia Sander kann nicht ahnen, dass sogar ihre Schwester Kim auf der Liste des Psychopathen steht.

Dass Kinder, die weder Zuneigung noch Fürsorge erlebt haben, vom Jugendamt in die Hände von frustrierten und sadistischen Menschen gegeben werden, ist keine Erfindung der Autorin, sondern traurige Wirklichkeit. Wie sich diese ständige Angst, dieses auf der Hut sein, diese Panik vor Ärger entweder von der Pflegemutter oder den eigenen „Geschwistern“ auf die Psyche ausgewirkt hat, können sich die Polizisten kaum vorstellen.

Der Mörder, der sich selbst zum Vollstrecker von Frauen erkoren hat, die ihre Kinder einfach so fortgegeben haben, ist hochintelligent, ein völlig emotionsloser Perfektionist und ein unauffälliger Zeitgenosse, der in Arbeit und Brot steht.
Nele Neuhaus geht sehr in die Details, sie beschreibt die Milieus, aus denen die Frauen kommen, sie begibt sich mit ihren Kommissaren auf kleinteilige Spurensuche und karikiert sogar die Krimi schreibende Zunft. Leider geraten die Figuren bei Nele Neuhaus immer leicht holzschnittartig, das mag dem Genre geschuldet sein, und doch verliert sie nie den spannenden Handlungsfaden aus den Augen, fesselt den Leser durch das Leid der missbrauchten und lebenslang geschädigten Kinder. Sie hält alle Bälle in der Luft und lässt sie erst am Ende fallen, wenn der Leser beruhigt das Backstein dicke Buch schließt.

Das Haus der Malerin

Judith Lennox: Das Haus der Malerin, Aus dem Englischen von Mechthild Ciletti, Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2018, 477 Seiten, €20,00, 978-3-86612-405-9



„Rose fühlte sich tief angerührt bei der Betrachtung der Gemälde. Sie hatte das Gefühl, zum ersten Mal die wahre Sadie Lawless zu sehen.“

Erst nach dem Tod der Mutter Edith erfährt Rose von der Existenz ihrer Großtante Sadie Lawless, die einst ihrer Mutter ein Haus mit dem Namen „The Egg“ vererbt hatte. Rose weiß nicht, dass Edith, die zehn Jahre ältere Schwester immer auf Sadie, die jüngere, begabtere, eloquentere eifersüchtig war. Ediths Eltern, besonders der Vater hat Sadie mehr geliebt als sie und nach dem Unfalltod der Eltern vermacht er auch seiner Lieblingstochter seine zwei von ihm als Architekten gebauten Häuser, das große Haus „Gull’s Wing“ und das kleinere „The Egg“ in Sussex.

Judith Lennox erzählt nun auf zwei Zeitebenen, den 1930er Jahren und den 1970er Jahren, die Geschichten der beiden Frauen Rose und Sadie.

Jetzt erbt Rose das Haus „The Egg“ und beginnt langsam mit den Recherchen über ihre Tante, die als Malerin eine Karriere begonnen hatte. Als Rose ihre einstige Galerie entdeckt und sogar zwei Bilder von ihr, erfährt sie, dass Sadie zu ihren zweiten großen Ausstellungseröffnung nicht erschienen ist. Rose hofft, dass sie im geerbten Haus, dass durch die klaren wie modernen Linien auffällt, mit ihrer Familie, sie ist mit Robert verheiratet und hat zwei kleine Mädchen, die Sommer verbringen kann. Zwar langweilt sie sich als Hausfrau mit Physikstudium, aber die gut situierte Familie von Robert erwartet schon, dass sie ganz traditionell ihrem Mann den Rücken freihält. Als dieser jedoch zugeben muss, dass er ein Verhältnis zu einer Edelprostituierten hat, die die Namen ihrer Freier an die Presse verkauft hat, zerbricht die Ehe.
Rose entschließt sich, immerhin hatte Robert sein Luftfahrtunternehmen auf ihren Namen eingetragen, die Firma zu übernehmen. An welche Grenzen sie als Frau stoßen wird, wenn sie die Chefin wird, ist ihr zu Beginn noch nicht ganz klar.

Auch Sadie strebt als alleinstehende Frau, nach einer gewissen Form der Unabhängigkeit. Allerdings hat sie ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit verlassen und nach einem Nervenzusammenbruch zieht sie nach Sussex. Inzwischen hatte sie das größere Haus, auch aus finanziellen Erwägungen, verkaufen müssen. Edith ist darüber extrem verärgert. Im Haus „Gull’s Wing“ lebt nun das Londoner Künstlerpaar Diana und Tom Chiverton. Er ist der gefeierte Poet und sie die Muse, die ihn über alles liebt.
Als Rose zum ersten Mal das kleine Haus aufsucht, erfährt sie, dass im großen Haus Diana Chiverton noch lebt, aber verbittert alle Besuche ablehnt.
Sadie wird nun als Künstlerin in den erlauchten Kreis der gehobenen Gesellschaft geladen und schnell wieder von der Gästeliste gestrichen, als Diana klar wird, dass ihr lieber Tom ein Verhältnis mit der schönen und aufregenden Nachbarin begonnen hat. Dabei ist Sadie ziemlich schnell von Toms Liebesbekundungen genervt, zumal er sich als Schürzenjäger und Blender enttarnt.
Wie der Kreis sich am Ende schließen wird, wenn Rose endlich die Gelegenheit hat mit Diana zu reden, ist nicht schwer zu erraten.

In epischer Breite und sehr konventionell erzählt Judith Lennox von den Emanzipationsbestrebungen zweier Frauen in unterschiedlichen Zeiten. Kann Sadie weder ihren Frieden mit ihrer Schwester noch ihrer Umwelt finden, die ihre Anwesenheit als Bedrohung und nicht als Bereicherung ansehen, so setzt sich Rose mit Hilfe ihres Vaters und ihres Mitarbeiters Dan, in den sie sich auch noch verliebt, durch.
Leider kann man bei diesem Roman nicht von Unterhaltungsliteratur im besten Sinne sprechen, denn zu vorhersehbar sind die Handlungsstränge, zu überlastet mit Klischees die fiktiven Frauen- wie Männerfiguren. Alle sind von Anfang an rudimentäre Sprachpuppen, die von einem einzigen Gefühl beseelt sind, mal ist es nur Groll, dann wieder nur Liebe. Und so sind die handelnden Personen eher oberflächlich im Umriss erkennbar und nicht in der Charaktertiefe. Die sicher ausschließlich weiblichen Konsumenten dieses Buches, allein das Cover sagt alles, werden sich möglicherweise von der Atmosphäre gefangen nehmen lassen, von den Naturbeschreibungen und den englischen Häusern, in denen ein Großteil der Geschichte spielt.

Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin, Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze, Limes Verlag, München 2018, 507 Seiten, €, 978-3-8090-2693-8

„ Er kam von seiner Seefahrt zurück, für die er sie alle – außer Danglard – angeheuert hatte, kam zurück als geschlagener Kapitän auf einem Schiff mit gebrochenen Masten, zerschellt an den Klippen der unabweisbaren Fakten.“

Jede Geschichte der anerkannten französischen Krimiautorin und Archäologin Fred Vargas ( eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau ) ist außergewöhnlich. Auch bei diesem Fall, dem einige weniger bedeutende vorangehen, müssen Jean-Baptiste Adamsberg und sein Team enorm viel Geduld und Kombinationsfähigkeit aufbringen, um endlich zu verstehen, was eigentlich wirklich wann und wie vorgefallen sein muss. Adamsbergs Misstrauen wird geweckt als in kürzeren Abständen zwei über achtzig Jahre alte Männer durch die Bisse der Einsiedlerspinne auch Violinen-Spinne genannt sterben. Louis Veyrenc aus Adamsbergs Team, bekannt durch seine Vorliebe für Tiere aller Art, ist auf diesen Fall gestoßen. Kurz zuvor zog sich Veyrenc den Unmut seiner Kollegen zu, da er einen extrem stinkenden Muränenkopf unter seinem Schreibtisch deponiert hatte. Da Adamsberg den Theorien im Netz über die schnelle Mutation des Spinnengiftes nicht glaubt, konsultiert er einen ziemlich arroganten Arachnologen und trifft dort auf Iréne, eine alte Frau, die ein Exemplar dieser Spinne dem Wissenschaftler zur Verfügung stellen wollte. Als Adamsberg seinem Team von seinen Vermutungen berichtet, er denkt, dass die Männer getötet wurden, stößt er zuerst auf Unwillen, besonders vom hochgebildeten Danglard.

Doch nach und nach setzt sich ein Bild zusammen, denn die beiden toten Männer aus Nimes und diese Info kommt von Iréne, kannten sich seit Kindertagen. Nach einigen Recherchen und dem Besuch eines Kinderpsychologen, dessen Vater ein Waisenhaus leitete, stellt sich heraus, dass die beiden getöteten Männer dort groß geworden sind und mit weiteren Jungen die sogenannte Einsiedlerspinnen-Bande bildeten. In einem Dossier aus den Jahren 1944 bis 1947 wurden alle ihre gefährlichen Missetaten festgehalten. Mit Hilfe der Spinnen, es gab noch kein Penicillin, hat die Bande andere Kinder schwer verletzt. Beine und Füße mussten amputiert werden, Gesichter wurden mit Narben zerstört. Zwar wurden die Jungen bestraft, aber sie konnte nichts halten. Als Jugendliche begannen sie dann Mädchen zu vergewaltigen und offenbar auch später als Erwachsene hielten sie Kontakt und schändeten gemeinsam junge Frauen. Adamsberg entdeckt, dass Mitglieder der Bande durch Unfälle ums Leben gekommen sind. Dann ergibt sich eine Pause von vierzehn Jahren und die Spinnengift-Morde beginnen. Schnell fokussiert sich der Kommissar auf die Opfer der Spinnen-Attacken, in dem Glauben, dass sie sich bitter rächen wollten, was nahe liegt.

Eine weiterer Toter, der durch einen Spinnenbiss verstorben ist, lässt Adamsberg zweifeln, bis er erkennt, dass auch dieser Mann mit der Bande in Kontakt gekommen ist. Und dann wird erneut ein alter Mann von einer Spinne gebissen und ins Krankenhaus eingeliefert, er kennt die Toten und ahnt, dass er nun noch zwei Tage zu leben hat. Zum ersten Mal kann Adamsberg mit einem Bandenmitglied, doch diesmal einem reuigen, sprechen. Doch weder er noch seine Lebensgefährtin haben die geringste Ahnung, wie ihm das tödliche Gift, dass die zwanzigfache Dosis einer Spinne enthält, injiziert wurde.
Adamsberg ist am Verzweifeln, zumal er bei dem Wort Einsiedlerin eine ungeahntes Unbehagen überfällt. Sein Bruder wird ihn aufklären, denn Adamsberg hat in seiner Kindheit durch seine Neugierde eine schreckliche Begegnung gehabt und verdrängt. Er hat eine sogenannte Einsiedlerin, eine Inkluse oder Rekluse, wahrhaftig gesehen. Die Mutter hatte ihr etwas gebracht und der Anblick der verwahrlosten eingeschlossenen Frau versetzte den Jungen in Panikzustände.
Doch die Freisetzung dieser schrecklichen Erinnerung öffnet für Adamsberg auch einen neuen Ermittlungsansatz. Bei der Suche nach den Mördern oder dem Mörder waren offenbar die einstigen Kinder, die durch die Spinne entstellt wurden, nicht die Täter, sondern es musste eine Frau oder Frauen sein, die sich aus der Welt zurückgezogen haben, da sie einst von Männern geschändet wurden.

Tief in den Niederungen der menschlichen Seele gräbt die Autorin, die sich wieder auf Geschehnisse im Mittelalter bezieht, die bis in unsere Gegenwart fortwirken. Erstaunlich ist die Feinfühligkeit des Kommissars und nicht nur er nimmt auf Gefühle Rücksicht. Allerdings eskaliert dieses Mal der Konflikt mit Adrien Danglard, der Adamsbergs Ermittlungen boykottiert, ihn versucht zu denunzieren und am Ende seine Sachen packen muss. Doch Adamsberg kann ihn nicht gehen lassen, lieber setzt er mal seine Fäuste ein, um für reine Luft zu sorgen.
Temporeich erzählt die Autorin ihre Geschichte, die jedoch eine ganze Weile um eine Idee kreist, die sich als falsch erweist. Auf der richtigen Spur dann würde der Kommissar jedoch am liebsten umkehren.

Mitgehangen, mitgefangen!

Kai Pannen: Mitgehangen, mitgefangen!, Tulipan Verlag, München 2018, 99 Seiten, €15,00, 978-3-86429-405-1 ( Hörbuch – 978-3-963-46006-7 – bei Headroom mit Jens Wawrczeck, Felix von Manteuffel, Mechthild Großmann )

„Bisy warf sich erschrocken auf den Boden als ihn ein Bonbon fast am Kopf traf und sich in seinen Haaren verklebte. ‘Oh, nein, und ich war doch gerade erst beim Friseur.’
‘Es tut mir sehr leid, es wäscht sich aber wieder raus.’ Das Summen über der Hecke wurde immer nervöser und huschte von einer Ecke zur anderen.“

Die Wespenattacke hat es in sich, diese Halunken kennen kein Erbarmen und rauben alle aus. Fressen und gefressen werden – das ist das Überlebensprinzip in der Insektenwelt, oder doch nicht?

Karl-Heinz, die fette, ängstliche und ziemlich bequeme Kreuzspinne mit den bunten Socken und witzigen Pantoffeln hat aus Freundschaft zu seinem Freund Bisy, der aktiven und lebensfrohen Fliege, sein neues Quartier in der Buchenhecke aufgeschlagen. Außerdem ist er zum Vegetarier mit großen Nöten mutiert.
Wie ein altes Ehepaar sitzen die beiden nun auf dem Sofa und gehen sich auf den Wecker.

Immer wieder versucht die böse Tante Kassandra, ihren Neffen Karl-Heinz zum Essen einzuladen. Es gibt leckeren Braten, dem die Kreuzspinne eigentlich nicht widerstehen kann.
Doch Kassandra ist plötzlich verschwunden und vor Ort treffen Karl-Heinz und Bisy, die Fliege hat sich gleich miteingeladen, auf ein Fresspaket, in dem der eitle Nachtfalter Constanze steckt. Doch wo ist Tante Kassandra? Ist sie von der fresssüchtigen Gottesanbeterin verspeist worden oder gar in den Fängen eines anderen grausigen Insekts? Gelbrandkäfer, Ameisen, Läuse, Küchenschaben und Wanzen tummeln sich in dieser turbulenten Geschichte und dann greifen auch noch die fiesen Wespen an. Mit diesen Räubern ist allerdings nicht zu spaßen. Kurzerhand buchten sie ihre Feinde ein und machen auch vor der ewig meckernden Tante Kassandra nicht halt. Als Bisy und Karl-Heinz von der Raubwanze erfahren, dass die Tante in der Wespenburg festgehalten wird, bleibt nur eins, die beiden Freunde müssen das gruselige Nest der Räuber aufsuchen und Kassandra, sei sie wie sie sei, befreien.

Komisch und farbenfroh sind die Zeichnungen des Malers und Autors Kai Pannen. Wer jedoch Lust hat, die Geschichte von den Insekten mit vielen atmosphärischen Geräuschen und passender Musik zu hören, sollte auf jeden Fall das Hörspiel von Headroom erwerben.
Nachdem man Bisy und Karl-Heinz kennengelernt hat, überlegt man sich sicher, ob man die Spinnen und Fliegen im Haus einfach mal so beseitigt.

Wenn Weihnachten vor der Tür steht, sollte man auf jeden Fall noch „Du spinnst wohl!“ von Kai Pannen lesen oder hören. Hier lernen die beiden ungleichen Freunde sich kennen. Bisy soll als Weihnachtsbraten für Karl-Heinz dienen. Wie die flotte Fliege und ihr Peiniger zu dicken Freunden werden, ist nicht nur witzig, sondern auch als Hörbuch fantastisch mit Jens Wawrczeck, Felix von Manteuffel und Mechthild Großmann produziert.

Weit weg von Verona

Jane Gardam: Weit weg von Verona, Aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Berlin Verlag, Berlin 2018, 240 Seiten, €22,00, 978-3-446-26040-5

„Ich hatte das Gefühl, da ich ja ohne jeden Zweifel ein echte Schriftstellerin war, sollte ich mir wohl mal die Arbeit anderer Schriftsteller ansehen, und dass ich vermutlich nie wieder eine so gute Gelegenheit haben würde.“

Jessica Vye hat ein gesundes Selbstbewusstsein und wenn eine verhasste Lehrerin den Versuch unternimmt, ihren Aufsatz schlecht zu machen, bezeichnet sie sie als „blöde Schnepfe“ und kämpft wie eine Löwin um ihr geistiges Eigentum, um hinterher bitterlich zu weinen. Jessica, die behauptet nicht normal zu sein, ist nicht umringt von Freundinnen, ganz im Gegenteil, nur Florence kann sie ertragen. Die eigensinnige, beherzte Dreizehnjährige ist die Ich-Erzählerin dieses einstigen Debüts aus dem Jahr 1971 der heute 90-Jährigen Autorin. Die Geschichte, die sicher auch autobiografische Züge trägt, spielt zu Beginn des II. Weltkrieges in einem englischen Ort an der Küste. Jessica erzählt von ihrer Begegnung mit einem Autor, der ihr ungeheuren Mut zum Schreiben macht und fortan wird sie auf jedem Stück Papier das herumliegt, ihre Gedanken und Beobachtungen festhalten. Jessica leidet unter ihren Mitschülerinnen, die sich nie etwas trauen und nicht mal zur Abschlussfeier einen „Tea“ zusammen trinken gehen. Wäre nicht die leicht schrullige Dame, die als einziger Gast am Nebentisch den Mädchen Mut macht. Mit Jessicas Vorsatz, immer die Wahrheit zu sagen, handelt sie sich nur Ärger ein. Gern spricht dieses Mädchen in Blankversen, aber Shakespeare ist weit weg. Sie ist es dann auch, die es als einzige schafft, an einem Tag drei Tadel in der Schule zu erhalten. Sie soll sich nach dem Gespräch mit der fast unsichtbaren Direktorin von Stunde an „geziemend“ verhalten. Aber Jessica ist dazu nicht in der Lage, denn sie redet ohne Punkt und Komma, über alles was ihr gerade in den Kopf kommt und sie kann, auch wenn Erwachsene sie ernst ansehen, einfach nicht ihren Mund halten, wenn ihr etwas auf der Seele brennt.
Will man sich ein Bild von ihr machen, so denkt man unwillkürlich, an das Kind in der Verfilmung „Abbitte“ von Ian McEwan, überheblich, kreativ, selbstverliebt.
Im Hintergrund der Geschichte jedoch wütet der Krieg, erste Luftangriffe und die Angst der Menschen vor der Zukunft. Jessicas liberale Familie lässt das Kind wie es ist. Auch ihr Vater redet gern, und lässt sich zu einem Geistlichen ausbilden. Jessica lernt einen wilden kommunistisch angehauchten jungen Mann kennen und sie hat den Mut, ein Gedicht zu schreiben. Nicht für den ersten Preis, sondern für den Buchgutschein, denn Geld ist in der Zeit sehr knapp. Jessica liest, was sie in die Finger bekommen kann und als ihre Schule zerstört wird, nimmt sie die Gelegenheit wahr und verschwindet in der Bibliothek des Ortes.

“Wenn Sie ein englischer Klassiker werden möchten, empfiehlt es sich, im vorderen Teil des Alphabets zu stehen. Es gibt jede Menge A und B und D, das geht weiter bis ungefähr H. Dann kommt kaum noch was, bis man zu Leuten wie Richardson, Scott oder Thackeray kommt. Es ist ein bisschen deprimierend, man hat das Gefühl, man kommt gar nicht voran, wenn man nach einem Monat erst bei den Brontes ist und sieht, wie viel Dickens da auf einen zukommt.”

Jane Gardams Debüt wurde zuerst als Jugendbuch vermarktet, ist aber kein Buch für jugendliche Leser trotz Heldin in der Vorpubertät.
Mit Witz erzählt die englische Autorin Jane Gardam, die 1928 geboren wurde, von einem Mädchen, dass aus ihrer Zeit fällt, sich behauptet, am Ende sogar selbstkritisch denkt und sich doch nie unterbuttern lässt.

Tödliche Sonate

Natasha Korsakova: Tödliche Sonate – Ein Fall für Commissario Di Bernardo, Heyne Verlag, München 2018, Seiten, €9,99, 978-3-453-42267-4

„Di Bernardo hatte keine Ahnung, was die Musikstücke anbelangte, geschweige denn, was die Abkürzung BWV heißen mochte. Als er sie zusammen mit der Zahl 60 in den Computer eingab, landete er bei einer Kantate. Derselbe Komponist, ein anderes Stück.“

Als erfahrene Violinsolistin lässt Natasha Korsakova ihren ersten Krimi im Musikmilieu spielen. Die knallharte und angesehene Musikagentin, Cornelia Giordano, die nun in dritter Generation ihr Business in Rom betreibt, wird hinterrücks und zeitlich wohl durchdacht mit präzisem Messerschnitt ins Jenseits befördert. Sie konnte kurz vor ihrem Tod den Mörder noch sehen und im Gesicht der Toten steht noch deren Überraschung geschrieben. Kein leichter Fall für Commissario Dionosio Di Bernardo, der kürzlich aus Kalabrien in Italiens Hauptstadt gezogen ist. Zum einen interessiert er sich nicht sonderlich für klassische Musik und kennt kaum die Gepflogenheiten der Branche, zum anderen kämpft er mit seinen Pfunden und braucht doch seine tägliche Ration Zucker, um mit diesem komplizierten Fall und dem Druck der Staatsanwaltschaft klarzukommen. Ein Trost ist sein Sohn Alberto, der zu gern beim geschiedenen Papa unterkommt und sich beruflich einfach nicht entscheiden kann, allerdings hat er mit seinen siebzehn Jahren noch Zeit.

Parallel zum aktuellen Fall erzählt die Autorin die Geschichte einer Violine, die vom wohl berühmtesten Geigenbauer aus Cremona, Antonio Stradivari, gebaut wurde.
Beim Befragen des Umfeldes der Musikagentin wird klar, diese Frau hat nur für ihre Arbeit gelebt und ihre Familie, die sie in allem unterstützt hat. Ihr ältester Sohn arbeitet ebenfalls als Musikagent, der jüngste Sohn Boris ist allerdings das schwarze Schaf in der Familie und saß wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis. Besonders protegiert wurde die Nichte von Cornelia Giordano, Arabella. Allerdings wird diese kurz nach dem Tod der Tante von einer unbekannten Person überfallen und geschlagen. Durch die Kopfverletzung setzt ihr Erinnerungsvermögen aus. Dass sie offensichtlich in Gefahr ist, verstehen Di Bernardo und sein Kollege Ispettore Del Pino, die sie jedoch zum Kreis der Verdächtigen zählen. Wie schnell man in der Musikwelt ein Chance bekommen kann und eiskalt fallen gelassen wird, erfahren die beiden Polizisten bei ihren Recherchen. Wie wacklig die Musikwelt aufgestellt ist, insbesondere durch die neuen Medien, ist ein Aspekt den die Autorin nicht vergisst auszuführen.
Auch aus der Sicht des Mörders gewinnt der Leser einen Einblick in den Blutrausch, in den der Täter sich langsam hineinsteigert. Ein zweiter Mord an einer Prostituierten geschieht und sogar die Polizeipsychologin gerät in Gefahr.

Im Zentrum der Geschichte steht jedoch die Violine als kostbares Instrument, die aus dem Hause Stradivari schon mal 30 Millionen Euro kosten kann. Da Arabella eine schlechte Kritik verkraften musste, wollte sie unbedingt ein anderes Instrument für ihre Konzertabende. Als sie im Streit das Haus der Tante verließ, konnte sie nicht ahnen, dass der Mörder bereits lauerte.
Ausführlich wird berichtet, wie Instrumentenbauer ihre Kreationen „verbessern“ können. Allerdings war Arabella mit allen Ergebnissen nie zufrieden.

„Inspiriert wurde ich beim Schreiben auch von meinem geliebten Geigenmodell: eine herrliche J. B. Vuillaume aus dem Jahr 1870, eine präzise Kopie der „Messias“, die zur Privatkollektion meines Lebensgefährten Manrico Padovani und mir gehört
“, erzählt die Autorin, die in Deutschland lebt.

Der Leser gewinnt nun Einblicke in die Musikwelt, die Werkstatt von Geigenbauern und die ermüdende Polizeiarbeit, die in diesem Fall nicht so recht vorankommen will. Der sympathische Commissario kämpft gegen den Verkehr in Rom, seine Lust am Essen und die nervigen Vorgesetzten. Und er lässt sich von der arroganten Art der „Künstler“ gegenüber der Polizei nicht kleinmachen, dabei gewinnt er der Musik der Violine doch einiges ab.

„Es schien, als würde die Geige singen und sprechen und dabei – wenn auch nur für wenige Minuten – das Geheimnis ihres einzigartigen Klanges vor den Zuhörern entfalten. Plötzlich schien es Di Bernardo, als spräche die Seele selbst durch die Musik: Er hörte Leid und Freude, Träume und Verzweiflung, die sich im endlosen Klangfluss miteinander vermischten.“

Immer mehr konzentriert sich Di Bernardi bei seinen Ermittlungen auf den Geigenbauer Maninfior, der offenbar hinter ein Geheimnis gelangt war. Er versuchte an die Geige Arabellas zu gelangen, doch dann liegt er getötet in einer Glasvitrine.

Leider zerfällt die Geschichte in zu viele Einzelteile, die Geschichte um die fiktive Zwillingsgeige aus dem Hause Stradivari, die Kopien und Geschichten der anderen berühmten Geigen, die Blutgier des Mörders, das Privatleben des Commissarios, die vor Geschichte nur so strotzende Stadt Rom und die verübten Morden. Sicher bleibt der interessierte Leser an der Geschichte dran, denn bis fast zum Schluss ist nicht klar, wer der Mörder sein könnte. Aber wie immer spielen Gier, Eifersucht und zugleich auch Liebe die entscheidende Rolle in diesem musikalischen Drama.

Paradies

Amelie Fried: Paradies, Heyne Verlag, München 2018, 432 Seiten, €17,00, 978-3-453-27047-3

„Manchmal dachte sie, dass Amazon an der Beziehungsmisere ihrer Generation schuld war. Die Leute waren es mittlerweile gewohnt, dass man alles, was man wollte, einfach bestellen und bei Nichtgefallen zurückgeben konnte. Warum sollten sie es mit ihren Beziehungen nicht genauso machen? Passt nicht mehr? Dann hau weg den Scheiß und was Neues her. Genauso achtlos, wie sie mit Sachen umgingen, gingen sie auch mit Menschen um.“

Eine Woche Entspannung, Wellness und vor allem einfach mal weg sein vom Alltagsstress, darauf freuen sich nicht nur Familienmensch und Lehrerin Petra, sondern auch die attraktive Anka, die sich ständig kümmern müssende Suse und die lebenshungrige Jenny. Alle vier Frauen reflektieren über die Leerstellen in ihrem Leben, ihre Hoffnungen und Wünsche. Im spanischen Hotel Paraíso wollen sie es sich gutgehen lassen und bei Yoga, Massagen und Achtsamkeitstraining mit psychologisch unterstützenden Gesprächen erwarten sie Erholung und Erkenntnisse.

Aber alles läuft in die völlig falsche Richtung. Suse provoziert als „Gutmensch“ eine Razzia der Polizei im Hotel und von achtzehn Angestellten können nur vier bleiben. Der Direktor macht sich auch aus dem Staub und nun sieht es so aus, als würde aus dem hochwertigen Wellnesswochenende ein Campingurlaub. Ein Sturm zieht auf, die Sickergrube läuft über und alle möglichen Konflikte, die sich bereits angedeutet haben, brechen ziemlich eklig und stinkend aus.
Petra erkennt, dass ihre Ehe, die nun fünfundzwanzig Jahre mehr oder weniger glücklich läuft, auf Sand gebaut ist. Anka ist die Geliebte ihres Mannes und auch noch schwanger.
Seltsamerweise durchschauen sich auch die Figuren selbst, analysieren ihre Schwächen und lassen dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken. Suse, die sich ständig um andere sorgen muss, hat die Mutter früh verloren und musste viel zu schnell erwachsen werden. Ihr Drang anderen zu helfen, führt zu ihrem eigenen schnellen Untergang. Jenny als Frau mit Ende fünfzig, die ihr Päckchen zu tragen hat, da einst Prostituierte mit schwulem Sohn, der sie verachtet, geriert zur edlen Mutter Theresa und findet ihr Glück. Ronnie, natürlich ein Sachse, wiederholt die üblichen beschränkten rechten Sprüche gegen Geflüchtete und Verschwörungstheorien, die sich natürlich auf Israel beziehen und Günther, ein uriger Berliner, kontert mit Lebensmut und Verstand. Natürlich fehlt auch nicht die durchgeknallte Frutarierin, die alle mit ihren Engelsfantasien nervt.

Die Autorin Amelie Fried kann sich irgendwie nicht entscheiden, ob sie nun einen Unterhaltungsroman für Frauen mit einem kritischen Blick auf das Hier und Heute schreiben wollte oder einen gesellschaftskritischen Roman, der unterschiedliche Themen anspricht. Die äußeren Umstände der Geschichte sind altbekannt und abgegriffen, Menschen treffen sich in einem geschlossenen Raum und Lebensentwürfe werden auf den Prüfstand gestellt. Da Amelie Frieds fiktive biedere Figuren aber alle aus dem Katalog der Stereotype stammen, spult sich die Geschichte ohne Zwischentöne von einem Klischee zum nächsten hangelnd voraussehbar und belanglos ab. Die müden wie geschmacklosen Sexszenen, die die Autorin einfließen lässt, stoßen eher ab, als dass sie sinnlich oder einfühlsam die Handlung bereichern.
Alle Lebensweisheiten kommen platt daher, z.B. diese, dass betrogene Ehefrauen doch bei ihren Ehemännern bleiben, da sie als geschiedene Frau in der Gesellschaft auf dem Abstellgleis landen und eher geächtet als akzeptiert werden. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Jegliche Bezüge zur Gegenwart sind einfach nur oberflächlich. Absolut enttäuschend!

Deutsches Haus

Annette Hess: Deutsches Haus, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 366 Seiten, €20,00, 978-3-550-05024-4

„Das Lager begann, ihr auf eine unerhörte Weise vertraut zu werden: die Blöcke, die Abteilungen, die Abläufe. Zu Hause hatte sie niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte. Ihre Eltern und Annegret wollten vom Prozess nichts hören. Selbst die Artikel, die fast jeden Tag in der Zeitung darüber erscheinen, überblätterten sie.“

Das Leben geht weiter, Gänsebraten mit Rotkohl wird serviert. Man soll die Vergangenheit doch ruhen lassen, Schlagermusik von Peter Alexander hören und froh sein mit dem, was man hat. Der deutsche Mann ist der Ernährer der Familie und sorgt und entscheidet für seine Frau, die natürlich nicht arbeiten gehen muss. Die guten 1960er Jahre haben begonnen und bestimmte Querulanten in der Staatsanwaltschaft, versuchen angesehene Bürger des Landes in den Dreck zu ziehen. Es werden nur Lügen verbreitet und die sogenannten Zeugen, die sowieso nicht glaubwürdig sind, wollen nur Geld abzocken und Entschädigungen erpressen. So die gängige, eindimensionale Meinung vieler Deutscher, die dem Auschwitz-Prozess skeptisch gegenüber standen. Die Kollektivschuld schloss alle mit ein, egal was sie sich wirklich an Verbrechen zu schulden haben kommen lassen.
Doch die Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1965 veränderten diese Sicht und stellten einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime dar.

Hier setzt Annette Hess’ fiktiver Roman mit dem Handlungsort Frankfurt am Main ein, der keine historisch verbürgten Personen namentlich erwähnt. Im Nachwort allerdings verweist die Autorin auf ihre Quellen, Archivmaterial und Hilfe von den Mitarbeitern des „Fritz Bauer Instituts“.

Die junge Eva Bruhns arbeitet für eine Agentur als Dolmetscherin für Polnisch. Sie hofft auf eine Ehe und vielleicht auch einen gesellschaftlichen Aufstieg mit Jürgen Schoormann, den Inhaber eines gutgehenden Versandhauses, der eigentlich Priester werden wollte. Da der Vater jedoch an Demenz erkrankt ist, muss er nun das Geschäft übernehmen. Evas Familie führt das Gasthaus „Deutsches Haus“, der Vater ist der Koch, die Mutter bedient. Evas ältere Schwester Annegret arbeitet als Säuglingsschwester und ihr Bruder Stefan spielt noch mit seinen Soldaten. Als Eva die Zeugenaussagen im anstehenden Prozess im Bürgerhaus übersetzen soll, raten ihr alle von dieser Tätigkeit ab. Angeblich habe sie ein zu schwaches Nervenkostüm. Aber Eva ist nicht so zart wie alle behaupten, sie kann sich durchsetzen und sie kann, auch wenn sie mal ihr Wörterbuch benutzen muss, die wirklich grausigen Erzählungen der Menschen aus Polen verkraften. Über ein Jahr zieht sich die Handlung des Romans, der zu Beginn eine junge Frau zeigt, die sich in ihrer Familie und ihrer Haut sehr wohl fühlt. Am Ende wird diese Familie zerbrochen sein und Eva wird sich von ihr distanzieren, denn jeder, außer der kleine Bruder, hat Schuld auf sich geladen. So wie die Angeklagten, die nur feixend oder empört auf die Zeugen reagieren, müssen sich die Eltern von Eva vor den eigenen Kindern rechtfertigen. Auch sie behaupten, wie „die Bestie“ oder die anderen Naziverbrecher, dass sie nichts gewusst hätten oder sich an nichts erinnern könnten. Eine klägliche Aussage, die Eva einfach nicht hinnehmen kann.

Keine Frage Annette Hess kann unterhaltsam erzählen, lebendige Szenen erfinden, die dem Leser die handelnden Figuren klar vor Augen führen. Dabei stehen die Menschen im Roman exemplarisch für bestimmte stereotype Charaktere, die in ihrer Zeit so agierten und wie viele sicher gedacht und gelebt haben.Annette Hess hat mit „Deutsches Haus“ ihren Debütroman vorgelegt, ist allerdings als Autorin bekannt durch die populären Fernsehserien „Weißensee“ und „Ku’damm 56“. Auch hier hatte sich Annette Hess ein bestimmtes Kapitel der deutschen Geschichte vorgenommen und es trotz historischem Hintergrund und Ernst unterhaltsam und mit lebendigen wie widersprüchlichen Figuren auf die Leinwand gebannt. In Interviews sagte Annette Hess, dass sie ihr neues Thema, die Auschwitz-Prozesse, nicht für das Fernsehen schreiben wollte. Es sollte in ihrer Regie, ohne die Einmischung von Redakteuren, vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen. Das ist ihr auf jeden Fall gelungen.

Nachtflug

Sofie Cramer, Kati Naumann: Nachtflug, TB, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 284 Seiten, €9,90, 978-3-499-27411-4

„Milan hatte bewusst gelogen. Und ich hatte mich wie ein dummes Äffchen mit einer Banane aus dem Urwald locken lassen.“

Zwei völlig unterschiedliche Menschen treffen auf engstem Raum, allerdings ist die Business class noch etwas komfortabler als die Economy class, aufeinander. Zum einen ist da Ingrid Meier, eine 56-jährige, völlig weltfremde, kompakte Frau, die als Garderobiere in einem Opernhaus arbeitet und zum ersten Mal überhaupt ins Ausland fliegt. Und da ist Jakob von Wieding, der weltgewandte Anwalt und Vielflieger zwischen Berlin und New York, der sich für den Flug genug Arbeit vorgenommen hat.
Aus beider Sicht jeweils wird nun erzählt und alles beginnt damit, dass Ingrid den Abflug des Flugzeuges nach New York durch ein dubioses Gepäckstück aufhält.
Der höfliche Jakob kann sich der etwas naiven und mächtig nach Parfüm riechenden Frau, die sofort alle Fotos von ihrem Sohn vom Baby bis zum erwachsenen Mann präsentiert, nicht entziehen und so kommen die beiden ins Gespräch, denn Ingrid wartet mit einer wirklich verwirrenden Geschichte auf. Sie ist angeblich mit zwei Männern verheiratet. Nun gut, von dem einen ist sie hoffentlich bald geschieden, aber mit dem anderen verbindet sie alles, ihre Hoffnungen für die Zukunft und die absurde Idee, sie könne dreißig Jahre einfach mal so zurückholen. Ingrid ist in erster Ehe mit dem Stardirigenten der MET, Milan Bering, verheiratet. Allerdings ist der 71-Jährige an Krebs erkrankt und nun hat er sie zu sich eingeladen und ihr dieses teure Flugticket spendiert.
Der zwanzig Jahre ältere Milan hat Ingrid zu DDR-Zeiten als Studentin der Musikwissenschaften kennengelernt und sie geheiratet. Als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte, war er sichtlich gerührt und noch glücklicher, da er nun familiär gebunden in den Westen reisen durfte und dort blieb. Nie mehr hat Ingrid von ihrem Ehemann gehört, auch nicht nach der Wende. Er hat sich weder um ihr Schicksal, sie wurde exmatrikuliert und sozusagen mit einem anderen Mann auf Geheiß ihrer Familie und der Stasi, einem brutalen Handwerker, verheiratet. Ihr Sohn Christian hat die Musikalität des Vaters geerbt, auch nach ihm hat Milan nie gefragt. Jakob sagt Ingrid sofort auf den Kopf zu, was er von diesem Musikgenie hält. Für ihn ist er, Talent und Politik hin oder her, ein egoistischer Mensch und wenn Ingrid ein bisschen realistischer die Sache betrachten würde, käme sie zu dem gleichen Schluss.

Aber Ingrid musste sich fügen, auch dem Diktat ihrer harten Mutter, um die sie sich heute kümmern muss. Der einzige Mensch, der es gut mit ihr meint, ist ihr Schwager Bernd. Aber was kann dieser schon gegen einen berühmten Prominenten ausrichten, der der einstigen Ehefrau nun nach dreißig Jahren sein Vermögen zu Füßen legt? Im Gespräch mit Ingrid, die nicht umsonst so viele Ratgeber gelesen hat, enthüllen sich langsam auch Jakobs familiäre Probleme. Jakobs Frau hütet die beiden Kinder und verbringt kaum Zeit mit ihrem Ehemann, zumal dieser sich auch noch auf eine Affäre mit seiner energischen Chefin eingelassen hat. Aber Jakob weiß, dass er mit seiner Arbeit in New York alles finanzieren muss, das große Haus, die Ansprüche und Erwartungen seiner Frau. Als dann das Flugzeug auch noch in ein Unwetter fliegt und Ingrid und Jakob, die sich mal streiten, dann wieder um Harmonie besorgt sind und sich letztendlich sogar das Du anbieten, kann Jakob nicht mehr an sich halten und muss Ingrid unbedingt erzählen, was er über ihren heiligen Milan zu wissen glaubt.

Amüsant und in hohem Tempo spielen sich die beiden gegensätzlichen Akteure dieser unterhaltsamen Geschichte die Bälle zu. Sicher muss man dieses Buch nicht in einem Flugzeug lesen, aber die Lektüre verkürzt die Flugzeit ungemein. Der altersmäßige Abstand zwischen den Gesprächspartnern mit unterschiedlichen Herkünften und Lebenserfahrungen sorgt auch für Komik, zumal die Stewardess glaubt, Ingrid sei die Mutter von Jakob. Der smarte Anzugträger ist der hausbackenen Träumerin zum Glück nicht überlegen und am Ende finden beide sogar ein Arrangement, bei dem beide vielleicht richtig glücklich werden.

In Staub und Asche

Anne Holt: In Staub und Asche, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Piper Verlag, München 2018, 414 Seiten, €22,00, 978-3-492-05697-7

„Hannes Augen funkelten vor Eifer, und sie sprach leiser als sonst. So mochte Henrik sie am liebsten: Wenn er etwas von ihr lernen konnte, sie aber nicht belehrend war, wenn sie ihn in ein Problem mit einbezog, statt ihn abrupt auszusperren, was sie sonst noch immer allzu oft tat.“

Eigentlich sind die leicht mürrische Hanne Wilhemsen, die im Rollstuhl sitzt und von Zuhause aus arbeitet und ihr junger Assistent, Henrik Holme, nur für Verbrechen zuständig, die ihnen von der Polizeipräsidentin zugeteilt werden und meistens Jahre zurückliegen. Aber dieses Mal beschäftigen die beiden ein wirklich zurückliegender und ein aktueller Fall, zwischen denen, ohne, dass die Polizisten es ahnen konnten, eine Verbindung besteht.

Zum einen ist da Kjell Bonsaksen, ein Polizist kurz vor der Pensionierung, der sich einfach nicht aus der Arbeit verabschieden kann, ohne nochmals Henrik Holme darauf hinzuweisen, dass er nach wie vor trotz vieler Beweise glaubt, dass Jonas Abrahamsen seine Frau Anna nicht ermordet hat. Jonas und Anna haben vor zwölf Jahren ihre Tochter Dina durch einen schrecklichen Unfall verloren. Nun wurde Jonas Abrahamsen nach acht Jahren Haft entlassen. Zeitgleich findet ein Prozess gegen rechtsradikale Täter statt und die enttarnte gegen Ausländer hetzende Bloggerin und Geschäftsfrau, Iselin Havørn, nimmt sich das Leben. Doch Hanne Wilhelmsen kann nicht glauben, dass Iselin ein Mensch ist, der sich durch die öffentliche Bloßstellung so einschüchtern lässt. War sie wirklich so extrem depressiv? Iselins Lebenspartnerin ist Maria Kvam, eine Frau die ebenfalls geschäftlich gut dasteht und die Schwester der getöteten Anna Abrahamsen ist.

Der Leser verfolgt nun die ersten Recherchen, die Hanne und Helge trotz nicht erteiltem Auftrag vornehmen. Schnell stellt sich heraus, dass die Polizei im Fall Inselin nicht gründlich ermittelt hat, denn ein Abschiedsbrief ist nicht unbedingt ein Beweis für einen Selbstmord. Und ist Anna wirklich ermordet worden oder zeigen viele Indizien nicht darauf hin, dass sie Selbstmord begangen haben könnte?
Auch Jonas Abrahamsens Leben wird beleuchtet. Er hatte zwar nach dem Tod seiner Tochter Dina dem Fahrer des Unfallwagens keine Schuld gegeben und doch beobachtet er dessen Tochter Christel und ihren Werdegang seit vierzehn Jahren. In Freiheit schmiedet er einen völlig abstrusen Plan.

Geschickt und routiniert erzählt Anne Holt eine gut konstruierte und völlig überzeugende Kriminalgeschichte, die durch die lebendigen Ermittler, deren Privatleben und Konflikte einfach lebensnah wirkt. Die fordernde Hanne erwartet von Helge vieles, was dieser erst ablehnt, aber dann doch leistet. Sie regt seine grauen Zellen an und führt ihn in diesem Fall nicht nur auf die Fährte des Alten Testaments und Hiobs Leidensgeschichte.