Zu Hause redet das Gras

Katherine Rundell: Zu Hause redet das Gras, Aus dem Englischen von Henning Ahrens, Carlsen Verlag, Hamburg 2012, 253 Seiten, €14,90, 978-3-551-58264-5

„ Ich werde mich nie geschlagen geben, dachte sie.“

Das Mädchen Will klettern am liebsten auf riesige Bäume, verkriecht sich im afrikanischen Busch, wenn sie Probleme hat, reitet auf ihrem Pferd ohne Sattel und verbringt viel Zeit mit ihrem farbigen Freund Simon. Wilhelmina Silver jedoch ist weiß, denn ihre Eltern stammen aus England. Im sonnendurchfluteten Simbabwe gibt es für Will keine Grenzen. Nie schneidet sie ihre verfilzten Haare, läuft immer barfuß und besucht auch keine Schule. Auf der Farm von Captain Brown nennen alle sie die Wildkatze.

Doch Wills Leben soll sich radikal ändern. Zuerst stirbt ihre Mutter, da sie ihre Malariatabletten vergessen hat, und dann Wills Vater. Captain Brown gerät unter den Einfluss der hinterhältigen Cynthia und verfügt, dass Will in England auf ein Internat gehen muss. Doch niemand bereitet das Kind auf diesen radikalen Wechsel vor.

Am Leewood College ist Will eine Aussätzige. Sie weiß nicht, wie sie sich zwischen all den sauberen, gesitteten und doch so boshaften Mädchen benehmen soll. Durch ihr ausgeprägtes Gehör versteht Will jede Demütigung. Um Afrika nicht zu vergessen, wäscht sie sich nicht, ahnt, dass sie den Lehrstoff nur mit Schwierigkeiten aufholen kann und verkriecht sich zum Essen in der Toilette. Als Will der Direktorin anbietet, dass sie gern auf einem Baum schlafen würde, kann diese nur den Kopf schütteln.

Will ist verloren in der Großstadt und sehnt sich zurück in den Busch. Die Mädchen im Internat ekeln sich vor Will, beschimpfen sie und quälen sie. Für Will sind sie die Hyänen, die das Mädchen bereits im Dschungel gehasst hat. Als Will es nicht mehr aushält, läuft sie davon und findet zum ersten Mal inneren Frieden und Wärme im Londoner Zoo bei den Pavianen. Das Leben auf den kalten Straßen und in den Parkanlagen fordert seinen Tribut, Will verletzt sich, friert bitterlich, sucht brauchbares Essen im Müll. Will hofft irgendwie zu Geld zu kommen, um wieder nach Afrika fliegen zu können.

Der Leser durchlebt den inneren Kampf des Mädchens, das die Welt nicht versteht. So naiv wie Wills Sicht auf die Dinge ist, so unverschuldet ist ihr seltsames Verhalten. Kein Erwachsener erkennt die Not des Kindes, keine Schülerin stellt sich auf ihre Seite.
Die Gegensätze zwischen den Menschen, den Kontinenten und Erwartungen könnten nicht größer sein.

Katherine Rundell zeigt in ihrem spannend geschriebenen Debüt wie nah ein Mensch der Natur sein kann und gleichzeitig wie fern, wenn er aus seinem gewohnten Umkreis gerissen wird. Will jedoch beißt sich durch, lässt sich nicht kleinkriegen und kämpft wie eine Wildkatze um ihre Würde.

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