Was ist, kann nicht verschwinden

Amalia Rosenblum, Was ist, kann nicht verschwinden, Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2018, 374 Seiten, €16,95, 978-3-407-75430-1



„Das war schön, das war logisch. Das unterschied mich von all den unlogischen Leuten um mich herum.“

Lilly lebt mit ihren Eltern in Tel Aviv, sie ist eine hochbegabte Schülerin und in ihren Ferien löst sie eine schwierige Matheaufgabe nach der anderen. Der Roman von Amalia Rosenblum beginnt mit einem Paukenschlag. Lillys Eltern werden sich trennen. Kaum verkündet, zieht der Vater, der als Bäcker arbeitet, auch schon aus. Lilly, die aus der Ich-Perspektive erzählt, flippt nicht aus, tobt nicht wie eine typisch Pubertierende. Sie sieht den Kummer ihrer Mutter und während die beiden das Sederfest in einer Pension feiern wollen, läuft so einiges schief. Die Mutter schluckt zu viele Tabletten, die sie müde machen, und Lilly entdeckt ein Schaf, das zu alt nun zum Schlachter soll. Kurzerhand nimmt Lilly das Schaf einfach im großen Wagen der Mutter mit in die Stadt.
Sie versteckt es zuerst in ihrem Zimmer und dann bei der vor einem halben Jahr verstorbenen Großmutter im Haus. Seltsam ist, dass Lilly mit dem Schaf sprechen kann, wackelt es mit dem rechten Ohr, dann sagt es ja, wackelt es mit dem linken Ohr, dann heißt die Antwort nein. Lillys Freundinnen sind alle in den Ferien unterwegs. Natürlich möchte das Mädchen, dass ihre Eltern wieder zueinanderfinden, aber der Graben zwischen den beiden, scheint sehr tief zu sein.

Dann trifft Lilly auf Sohar, der die Schule geschmissen hat und nun bei einem Tätowierer arbeitet.
Seine Schwester kümmert sich ab und zu um das Schaf und sorgt als Verkäuferin in einem Bio-Markt für Futter. Immer mehr Geheimnisse offenbaren sich Lilly, auch wenn sie mit ihren Eltern zur Familientherapeutin geht. Nach und nach wird es immer schwieriger ein Schaf vor allen geheim zu halten, aber Lilly möchte einfach nicht, dass es geschlachtet wird. Sie isst kein Fleisch mehr und Milch mag sie auch nicht.

Trotz Facebook und allen möglichen anderen sozialen Medien hat sich Lilly ein Schaf als Gesprächspartner gesucht, dass einfach gut zuhören kann und nicht widerspricht. Sicher bemühen sich die Eltern von Lilly um die Tochter, sie wissen, dass die Trennung ein schwerer Einschnitt ist und doch scheinen Vater wie Mutter, schon eigene Wege zu planen.
Lilly spürt, dass sie Sohar doch mehr mag als gedacht und sie will ihm helfen, doch noch einen Schulabschluss zu machen. Lillys Leben steht auf dem Kopf, sie hat ein Schaf am Hals, sie belügt ihre Eltern und sie setzt sich mit ihren Gefühlen auseinander, ob es sich nun um Sohar handelt oder die neue Familienkonstellation.

Amalia Rosenblum erzählt von einer Protagonistin, dass sich in einer schwierigen Lage befindet. Mit ihrem Verstand und ihrer mathematischen Hochbegabung kann sie die seelischen Probleme nicht lösen und ihre Eltern wieder vereinen schon gar nicht. Ihr emotionaler Ausbruch lässt nicht lang auf sich warten, aber auch die Eltern müssen ihre Konflikte miteinander austragen.
Im Hintergrund spielt die moderne israelische Gesellschaft eine Rolle, was der junge Leser kaum bemerken würde, gäbe es nicht andere Feiertage und ein Gespräch über eine Schutzraum und den Iran.