Neujahr

Juli Zeh: Neujahr, Luchterhand Literaturverlag, München 2018, 191 Seiten, €20,00, 978-3-630-87572-9



„Nur dass es partout keinen Sinn ergibt, warum die Symptome ausgerechnet ihn befallen. Das sagt sich Henning immer wieder: Ihm geht es doch gut! Besser als den meisten Menschen auf der Welt. Er hat kein Recht auf eine Belastungsstörung. Er führt eine gute Ehe, hat zwei gesunden Kinder, eine schöne Wohnung mit Home Office, keine ernsthaften finanziellen Sorgen. Er mag sogar seinen Job.“

Henning und Theresa leben den Alltag vieler Familien mit zwei Kindern. Bibbi ist zwei Jahre alt und Jonas vier. Ihre Eltern teilen sich die Betreuung der Kinder, d.h. beide arbeiten halbtags, Henning als Lektor eines Sachbuchverlages und Theresa als Steuerberaterin. Da Theresa mehr verdient, scheint Henning auch mehr im Haushalt helfen zu müssen. Sein Verleger macht ihm Druck und so nimmt Henning auch Manuskripte mit nach Hause.

Die Erzählung beginnt als Henning endlich mal etwas wieder nur für sich tun will. Er fährt mit dem geliehenen Fahrrad zum Aufstieg durch die Rubicón-Ebene. Dabei erinnert sich Henning an viele Szenen aus seiner Ehe, Kindheit, Arbeit und er umkreist den Dämon in sich, der ihn nicht mehr loslässt. Panikattacken, nicht organisch verursacht, beeinflussen seit einiger Zeit sein stressiges Leben. Zu einem Psychologen will er nicht gehen. Er leidet still.

Aber bei dieser Tour quälen die Schmerzen ihn unsäglich, da er auch nichts zu trinken oder zu essen mitgenommen hat. Immer wieder glaubt Henning, dass eine Katastrophe bevorsteht. Wird er von den hohen Erwartungen, die Theresa und er an ihr Leben stellen, erdrückt? Natürlich sind die Kinder so anstrengend, weil sie über eine hohe Intelligenz verfügen, glauben Theresa und Henning. Einen anderen Gedanken lassen sie einfach nicht zu. Henning spürt Theresas Lebenslust, bewundert ihre Energie und leidet an ihrer Überlegenheit, denn obwohl sie beide die Kinder betreuen, laufen die Kinder bei Problemen immer zur Mutter. Sie kann aus allem das Beste machen und er ist irgendwie in der Defensive, kommuniziert nicht mit anderen und zieht sich zurück. Spiegelt sich hier das Drama des Mannes, der einfach nicht genug Geld verdient und auch noch Angstzustände hat? Theresa tanzt am Silvesterabend ganz ungeniert mit einem Franzosen, der sie mit den Augen geradezu auszieht. Henning beobachtet das Spiel und fühlt nichts.
Und dann liest Henning eine SMS von Theresa, in der sie mit wenigen Worten die Beziehung beendet. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er bereits körperlich am Ende, völlig dehydriert und unterzuckert. Lisa, eine Deutsche, hilft ihm auf die Beine und in ihrem Haus scheint sich bei Henning, ein Schalter im Kopf umzulegen. Er sieht sich mit seinen Eltern und seiner zweijährigen Schwester Luna, für die er sich bis heute verantwortlich fühlt, bei einem Urlaub in Lanzarote am gleichen Ort.

Geschickt verbindet Juli Zeh vermeintliche Erinnerungen an einen Urlaub, den Henning als Kind mit seiner noch vollständigen Familie in Lanzarote verlebte, mit den seelischen Schmerzen, die ihn als Erwachsenen nun heimsuchen. Das permanente Schweigen der Mutter, die nicht sehen wollte, wie traumatisiert ihr Kind war, verschärft den Konflikt des Erwachsenen.
So wie Lisa hatte auch die Mutter während des Urlaubs schwarze Steine bemalt, es gab die Wasserauffanganlage, die wie ein tiefes schwarzes todbringendes Loch aussah und Fantasiebilder in den Kindern freisetzte.

Schmerzlich liest sich diese Geschichte, die von Erwachsenen handelt, die sich in keinster Weise verantwortlich verhalten. Auch die Eltern von Theresa interessieren sich kaum für Bibbi und Jonas
und Hennings Mutter beklagt sich immer bei den eigenen Kindern, wie viel Kraft diese gekostet hätten als sie sie allein großziehen musste. Ein Grund für Henning, so schnell wie möglich sein Zuhause zu verlassen, immer die Schwester Luna im Schlepptau, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt.

Juli Zeh zieht den Leser sofort in diese unterhaltsam erzählte Geschichte hinein, doch sie nimmt ihren Leser an die Hand und überlässt nichts seiner eigenen Deutung. Sie bleibt konsequent bei Hennings Sicht auf die tragischen Geschehnisse und engt so die Blickwinkel ein.