Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018, 180 Seiten, €12,95, 978-3-8369-5625-3

„Aber ich muss zugeben, es war nichts gangstamäßig Verbotenes. Nichts, womit man dicke Goldketten oder dicke Autos ergaunert. Wobei uns dicke Autos auch nichts nützen würden. Und Otto würde seine goldene Kette sowieso am selben Tag verlieren.“

Otto und Matti, beide sind zehn Jahre alt, kennen sich seit Krabbelgruppenzeiten, sozusagen ihr ganzes Leben, und so lang sind sie auch befreundet. Zuhause sind die beiden in Berlin-Mitte, da wo es eine ganze Reihe vegane Cafés gibt. Beide Jungen stellen fest, nachdem die Musiklehrerin ihnen ein Rapper-Video von gefährlichen Typen aus Neukölln gezeigt hat, dass ihr Leben ziemlich uncool ist. Was machen sie schon Unerlaubtes? Ja gut, sie schaffen sich heimliche Verstecke für Süßigkeiten, spielen Computer länger als erlaubt oder fahren ohne Fahrradhelm.Otto ist ziemlich schusselig, geht zum Yoga, ( Welches Kind geht schon zum Yoga, außer in Mitte oder im Prenzlauer Berg? ) hasst Vollkorn, hat drei Geschwister und eine Mutter, die ihren peinlichen MamaMitte – Blog mit heißen Infos und unangenehmen Geschichten über ihre Kinder füllt. Otto lebt in der panischen Angst, dass irgendwer an der Schule herausfindet, dass seine Mutter die Verfasserin dieser Texte ist. Aber nun ist aus Werbezwecken doch ein Bild von Otto in der Yogastellung des Hundes auf dem Blog abgebildet. Mattis Vater ist irgendwann abgehauen und nun lebt der Junge mit seiner Mutter, die oft lang arbeiten muss, allein. Matti ist ein sogenanntes Schlüssselkind, er lacht gern und manchmal auch in den unmöglichsten Situationen. Mattis und Ottos Musiklehrerin erteilt nun der Klasse die Aufgabe, selbst einen Rap zu dichten und vorzutragen. Da Matti gut singen kann, Otto allerdings nur brummt, aber gern nachdenkt, beschließen die beiden gemeinsam einen Song zu schreiben. Die Frage ist nur, über wen?
Der einzig schreckliche Mensch in ihrer Umgebung ist Hotte, Horst Zimmermann, der typische laut meckernde und Kette rauchende Berliner mit Kiosk und Spätkauf. Aber bei Hotte ist das Eis billig und zum Glück gibt es bei ihm völlig normale Sorten.
Auf jeden Fall beginnen die beiden Jungen, um an ihrem bösem Image zu basteln, ihre Kurse zu schwänzen, Otto geht nicht zum Yoga und Matti nicht zum Klavierunterricht und sie feilen an ihrem Rap über Hotte. Doch Herr Zimmermann hat irgendwie Probleme. Als die Jungen mitbekommen, dass Hotte, der gar nicht so schrecklich ist, von zwei Schlägertypen bedrängt wird, die ihn im Namen ihres Auftraggebers, eines dänischen Immobilienhais, zur Kündigung zwingen wollen, beschließen sie etwas zu tun.
Sie wollen sich mit Mahmoud, dem arabischen Rapper aus dem Videoclip bei Youtube, und seinen Cousins, die sicher auch Messer dabei haben, in Neukölln treffen und sie um Hilfe bitten. Keine gute Idee, denn die Neuköllner sind überhaupt nicht davon begeistert, dass sie für Kriminelle gehalten werden.

Silke Lambeck erzählt aus der Sicht von Matti eine komische Alltagsgeschichte, die voller Klischees und aktuellen Trends nicht nur junge Leser amüsiert. Mit leichtem Augenzwinkern nimmt sie die Lehrerschaft auf die Schippe, die keine Ahnung von neuer Technik hat und sie widmet sich den wahnsinnig korrekten Müttern aus Mitte und Prenzlauer Berg, die gern möchten, dass ihre Kinder ohne Zucker, gewalttätige Computerspiele und unmäßigem Fernsehkonsum, sozusagen gesund und brav aufwachsen. Dabei sind die Eltern von Matti und Otto eigentlich ganz in Ordnung. Wunderbar ist, dass die Berliner Autorin mit ihren Alltagsbeobachtungen nie maßlos übertreibt, um einen Lacher einzuheimsen. Ihre Figuren bleiben glaubwürdig und der Multikulti-Aspekt im Rahmen des vorstellbaren. Die Jungen hecken zusammen etwas aus, sie streiten sich und sind am nächsten Tag wieder versöhnt. Und sie gehen einfach mal ihre eigenen Wege, ohne große Dramen.
Ein Plädoyer für mehr Freiraum, den Kinder in der Stadt einfach benötigen!