Drei Grazien

Petros Makaris: Drei Grazien, Ein Fall für Kostas Charitos, Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 359 Seiten, €24,00, 978-3-257-07041-5



„Die Täter sind keine Terroristen, sondern Nostalgiker, die sich die Vergangenheit zurückwünschen.“

Fast normal wirkt das Leben der Familie Charitos. Kostas und Adriani verleben wie immer im September ihren Urlaub, dieses Mal in der Gegend, wo Adriani aufgewachsen ist. Kontaktfreudig wie sie ist lernt Adriani drei Frauen in ihrem Alter, die schon lang in Pension sind, kennen. Sie verbringen unbeschwerte Tage zusammen, in denen Kostas den Chauffeur für die Frauen spielen darf. Da sich alle vier Frauen wirklich gut verstanden haben und viel zu sagen hatten, versprechen sich die Frauen nach dem Urlaub, sich auch in Athen wiederzusehen. Es wird zu regelmäßigen Treffen in Restaurants oder zu Hause kommen, die Kostas jedoch bald verdächtig vorkommen.

Als Kostas aus dem Urlaub wieder im Kommissariat auftaucht, teilt ihm sein Vorgesetzter und Kriminaldirektor Gikas mit, dass er frühzeitig in Pension gehen wird. Eine Überraschung, zumal Kostas und Gikas nicht gerade die besten Freunde waren, sich aber respektierten. Kostas übernimmt vorübergehend die Leitung und darf sich beim ersten Todesfall gleich mal mit dem Vizepolizeipräsidenten beim Minister einfinden. Der erste Tote, ein amtierender Minister namens Klearchos Rapsanis, ist mit einem Pflanzenschutzmittel ins Jenseits befördert worden. Nichts soll an die Öffentlichkeit gelangen, so die Verabredung. Auch Kostas will diesmal die Füße stillhalten, denn eine Beförderung wäre auch für die Haushaltskasse nicht zu verachten. Aber da wird schon ein Bekennerschreiben im Fernsehen veröffentlicht und alle Taktik ist dahin. Gierig und fettsüchtig war Rapsanis und hätte er die Torte, die eine junge Frau mit Motorrad für ihn abgegeben hat, testen lassen, wäre nichts geschehen. Aber der oder die Mörderin wusste von seiner Fettleibigkeit und seiner unbändigen Esslust. Deutlich wird mit dem Tod des Ministers, dass man es genau auf ihn abgesehen hat, weil er seine Hochschulkarriere und somit auch seine Studenten für das politische Amt im Stich gelassen hat. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern lässt Rapsanis seine Arbeit an der Universität nur ruhen, andere müssen seine Lehrtätigkeit übernehmen und wenn er nicht mehr gewählt wird, kehrt er bequem auf seinen Posten zurück. Andere Dozenten und Professoren, so die Verfasser des Bekennerschreibens, hätte niemals für einen kurzen Ausflug in die Politik ihre Arbeit aufgegeben, um dann wieder im warmen Nest auf Kosten anderer zu landen. Angeklagt wird das griechische Universitätswesen, in dem nur noch Bürokraten verwalten, aber leidenschaftliche, fachlich profunde Lehre im Angesicht leerer Kassen nicht mehr stattfindet. Und so wird das nächste Opfer auch ein Staatssekretär sein, der ebenfalls seine Hochschule verlassen hat und das dritte Opfer ein Hochschullehrer, der ebenfalls politisch aktiv war, und nun auf seinen Posten zurückgekehrt ist.

Kostas und seine zwei neuen Kollegen stehen mächtig unter Druck, denn sie fischen im Trüben.
Kein Anhaltspunkt lässt sich festmachen, weder im Privatleben der Opfer, noch in ihrem beruflichen Umfeld.
Zwischendurch kauft sich Kostas wie immer seinen Mokka, telefoniert mit seiner Tochter und ist überglücklich, denn er wird demnächst Großvater.
Unsicher, ob es sich nicht doch um einen terroristischen Anschlag handelt oder nur eine kriminelle Vereinigung hinter all dem steckt, ermittelt Kostas in alle Richtungen. Mit Akribie haben die Täter die Eigenheiten ihrer Opfer studiert und sie in dem Moment erwischt, in dem niemand damit rechnen konnte.
Die kurzzeitigen Ausflüge der Professoren in die politischen Ämter, die man sich allerdings auch mit entsprechenden Freunden sichern muss, werden nun in Athen zur Gefahr, sollte Kostas nicht endlich die zündende Idee haben.

Petros Markaris gibt erst gar nicht vor, dass er eine raffinierte Handlung konstruiert. Er fängt das Alltagsleben der Menschen mit allen möglichen kritischen Seitenhieben in Richtung Moral, Arbeitsethos und Verantwortung ein und fährt und spaziert mit Kostas und seinen Lesern durch die griechische Hauptstadt.
Verfolgt man jedoch die tagesaktuellen Schlagzeilen, dann wird klar, wie vieles doch wirklich im Argen liegt. Das normale griechische Volk wird weiterhin von der Mangelwirtschaft gebeutelt, die Lebensbedingungen verbessern sich nicht und wer seine Wohnung in Athen halten kann, ist ein Glückspilz.