Girl unknown

Karen Perry: Girl unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?, Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, FISCHER Scherz, Frankfurt a.M. 2018, 393 Seiten, €14,99, 978-3-651-02551-6



„Die Durchtriebenheit, die Unerbittlichkeit, mit der sie vorging, die zerstörende Leidenschaft, die sie für einen Menschen empfand und die sie dazu brachte, jeden zu isolieren und zu beseitigen, der sich zwischen sie und ihre Beute stellen könnte.“

Eines Tages steht eine sehr schmale, fast schüchterne Studentin der Geschichte mit blondweißem, wallendem langen Haar vor Dr. David Conolly und behauptet, sie sei seine Tochter. Ein Schock, und doch könnte es stimmen, den vor gut neunzehn Jahren hatte er sich von Linda, seiner großen Liebe, getrennt. Zuvor war er mit Caroline zusammen, doch ihre Beziehung ging auseinander, bis sie sich drei Jahre später, nach der Trennung von Linda, wieder trafen und erneut verliebten.

Erzählt wird die Geschichte vom Autorenduo Karen Gillece und Paul Perry mal aus der Sicht von David und dann wieder aus der Perspektive von Caroline.

Das Paar heiratet, bekommt zwei Kinder, zieht in ein Haus und baut sich in Dublin eine berufliche Existenz auf. David arbeitet als Dozent an der Universität und Caroline hat nach der Geburt der Kinder ihren Job in der Werbeagentur gekündigt, um nun, da Robby fünfzehn und Holly elf Jahre alt sind, beschlossen wieder mit der Arbeit zu beginnen. Allerdings hatte sich Caroline vor einiger Zeit in Aidan, den Vater eines Freundes von Robby, verliebt. Die Affäre flog auf und die Ehekrise von David und Caroline dauerte gut eine Jahr an. Carolines Mut zum Seitensprung wurde durch einen belauschten Satz ausgelöst, den David, zwar angetrunken, zu seinem besten Freund sagte. Er behauptete, dass Linda die große Liebe seines Lebens gewesen wäre. Carolines Selbstwertgefühl, auch durch die lange Zeit zu Hause, hatte doch gelitten, zumal die Leidenschaft im Ehebett sich auch gelegt hatte. Sie ist die pragmatische und vernünftige Wahl ihres Mannes, eine ernüchternde Erkenntnis.

Mitten hinein in dieses doch gefährdete Beziehungsgeflecht, in dem das Vertrauen zwischen den Eheleuten längst nicht wiederhergestellt ist, platzt nun Zoë, deren Gegenwart als Tochter von Linda für Caroline ein rotes Tuch ist. David lässt hinter Zoës Rücken einen Vaterschaftstest machen, der jedoch nicht eindeutig ausfällt.

Wirkt Zoë auf David etwas unausgeglichen, sprunghaft und fantasievoll, so sieht Caroline einen unehrlichen, unaufrichtigen und verschlagenen Menschen in ihr. Wie ein Racheengel scheint sich Zoë langsam in die Familie und den Freundeskreis hineinzufressen. Sie verübt einen Suizidversuch und bringt David dazu, dass sie bei der Familie ins Haus einzieht. Ist Robby von der jungen Frau fasziniert, so leidet Holly unter ihrer Anwesenheit. Und Caroline soll recht behalten, denn nach einem Gespräch mit dem Stiefvater von Zoë, Linda ist vor einem Jahr an Krebs verstorben, stellt sich heraus, dass Zoë nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen ist. Als Linda die Schwangerschaft bemerkte, entschied sie sich für eine Adoption. Die nächste Lüge dreht sich ums Geld. David möchte gern Zoës Studienkosten ohne Carolines Einverständnis zahlen, erfährt aber nun, dass Linda ihrer Tochter Geld hinterlassen hat. Caroline trifft die Adoptiveltern von Zoë, über die die jungen Frau sich sehr negativ bis hin zu Missbrauchsvorwürfen äußerte. Auch hier erfährt Caroline nichts Positives.

Caroline und David sprechen nicht richtig miteinander, keiner traut dem anderen und es kommt zu ständigen Streitereien, die an die Substanz gehen.
Der Leser ahnt durch die Reflexionen der beiden, dass etwas Schreckliches geschehen wird. Bevor sich David und Caroline zum ersten Mal getrennt hatten, war Caroline schwanger und hat das Baby abgetrieben. Diese Tatsache schwelt in allen Konflikten mit und zermürbt Caroline. Sie ahnt, dass David ihr erstes gemeinsames Kind nicht wollte, aber er hätte Linda zu keiner Abtreibung genötigt. David hingegen spielt immer wieder durch, was wohl gewesen wäre, wenn er mit Linda ein gemeinsame Zukunft gehabt hätte. Ihn beschäftigt auch, warum sie nie mit ihm gesprochen hatte.

Zoë hingegen genießt sichtlich ihren Rachefeldzug. Tut sie in Gegenwart der Familie lieb und freundlich, so spielt sie zum einen mit Davids Schuldgefühlen und zum anderen spielt sie allein mit Caroline oder Holly eiskalt ihre Macht aus. Und sie weiß um ihre Ausstrahlung auf Männer und so schreckt sie nicht davor zurück, sich auf Chris den Freund von David einzulassen. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, die eng mit Caroline befreundet ist.
Zoë vermag es, immer mehr Salz in die Ehewunde von David und Caroline zu streuen. Sie lässt ein wichtiges Einschreiben verschwinden und unterzeichnet mit Carolines Namen. Dadurch entgeht David seine größte berufliche Chance, eine Professur an der Universität. Caroline ist beruflich stark überfordert, der Stress zu Hause und die Panik davor, was sich Zoë erneut ausdenkt, um sie zu demütigen oder Robby zu manipulieren, führt dazu, dass sie ihren Job verliert.
Die Familie ist an einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Als ein guter Freund ihnen ein Haus in Südfrankreich anbietet, entscheiden sich Caroline und David für einen langen Urlaub mit den Kindern. Doch dann stehen Chris und Zoë vor der Tür und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Dieses absolut spannende Buch kann man nur in einem Rutsch durchlesen, denn der psychologisch fein austarierte intelligente Plot macht einfach süchtig. Schnell kann sich der Leser in die einzelnen ambivalenten Figuren hineindenken, ihre Ängste, Hoffnungen, aber auch Abgründe. Die Frage, was wäre wenn, spielt eine genauso wichtige Rolle, wie die Tatsache, dass auch Tote plötzlich wiederkehren können, um in Davids Fall alles Gute zerstören.