Nächste Station

Helen Simpson: Nächste Station, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Verlag Kein & Aber, Zürich 2018, 206 Seiten, €20,00, 978-3-0369-5777-7

„Mit über achtzig lebt man in einem anderen Land, am Hof des Despoten. Man hofft, der Tag möge so fern wie möglich sein, weiß aber, dass man auf der Abschussliste steht.“

Von Station zu Station verfolgt die Erzählerin dieser Geschichten Menschen, die sich eher in der zweiten Hälfte des Lebens befinden. Es sind vor allem Frauen, die auf die gelebten Jahren zurücksehen, auf gute wie schlechte Zeiten, sie denken an die Kinder und an den Tod. Eine kleine Reisegruppe englischer Pensionäre reist nach Berlin, um sich den „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner anzusehen. Im Zentrum stehen Tracey und Adam, die doch etwas jünger sind als ihre Reisegefährten. Eigentlich wollte der verhasste Vater von Adam, ein Wagner-Liebhaber, und seiner Frau diese Fahrt antreten. Beide sind kurz nacheinander verstorben und nun sitzen Sohn und Schwiegertochter auf ihren Plätzen, immerhin war ja schon alles bezahlt. Adam grollt die ganze Zeit und Tracey schauert es vor dem Gedanken, mit diesem Mann bis ans Ende ihrer Tage zu leben, zumal Adam, das wird nicht genau erläutert, sich kurzzeitig auf Abwegen befand. In den vier Tagen in Berlin besucht die Gruppe Sehenswürdigkeiten, debattiert über die deutsche Geschichte und natürlich die Musik Wagners. Tracey wird in ihren Gedankenströmen während der Aufführungen, leider gibt es keine englischen Übertitel und so sammelt sie deutsche Wörter und übersetzt diese, immer tiefer in den Zauber der Komposition hineingezogen.

„ Es ist, wie wenn man verliebt ist: faszinierend. Etwas Kraftvolles liegt in der Luft; man kann es weder sehen noch greifen, doch es dominiert alles.“

Doch statt sich zu entfernen, wie zu Anfang vermutet, bringt diese Opernfahrt die beiden Eheleute wieder näher.

Helen Simpson ist in jeder Geschichte ihren Hauptfiguren sehr nah, ob sie nun in Panik sind, weil sie die Gleitsichtbrille im Zug vergessen haben oder einem russischen Handwerker zunehmen ungeduldig zusehen, wie er in aller Ruhe nach einem Fehler in der Gefriertruhe sucht. Im Dialog aller spiegeln sich gesellschaftliche Konflikte, aber auch Banalitäten.

Von Station zu Station, ob nun in London oder in Berlin streift die Autorin allgemeinmenschliche Themen, in dem sich Protagonisten begegnen, die ihre Interessen teilen, wie in der Geschichte über den Literaturzirkel oder weit entfernt, wie in der Geschichte im Krankenhaus, die von einem Gefangenen, der eine Krankheit simulieren möchte und einem wirklich Kranken handelt.
Mal ist es der gelassene Blick auf Vergangenes, dann wieder der ironische. Eins ist klar, der Leser und die Leserin fühlen sich auf einem literarisch hohen Niveau gut unterhalten.