Lost in Fuseta

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta, Spur der Schatten, Ein Portugal-Krimi, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 389 Seiten, €14,99, 978-3-462-05124-7



„Lost plante immer alles haarklein im Voraus. Unvorhergesehenes brachte ihn mitunter aus dem Takt. Dass er aber augenscheinlich nach und nach alle Werke des portugiesischen Nationalheiligen Fernando Pessoa las, rechnete Carlos ihm hoch an.“

Sie sind im portugiesischen Fuseta, dort wo sich nicht allzu viele Touristen hin verirren, ein gutes Gespann: Leander Lost, der deutsche Austauschpolizist mit Asperger und die beiden Sub-Inspektoren der Polícia Judiciáraia, Graciana Rosado, die wie Holly Hunter aussieht und Carlos Esteves, der ständig irgendetwas futtern muss. Alle haben sich an Leander Losts Stärken wie Schwächen gewöhnt, z.B. nicht lügen zu können und sie schätzen seinen analytischen Geist. Ihn hingegen stört nicht, wenn Graciana wie eine Verrückte Auto fährt. Nach dem ersten gemeinsamen Fall ist nun die Stelle des Vorgesetzten frei und niemand hofft, dass der allseits verhasste spanische Kollege, Miguel Duarte, den Posten bekommt. Aber die Leitung wird zum Glück einer Frau, allerdings auch mit spanischen Wurzeln, übertragen. Cristina Sobral ist couragiert und Frau genug, um Miguel Duartes Charmeoffensiven zu widerstehen.

Parallel zu den Ereignissen in der Polizeibehörde wird der Leser Zeuge von einer Geiselnahme durch drei Männer mit gestohlenen Identitäten. Wie das Verschwinden der Polizistin, Teresa Fiadeiro, die zuletzt mit Lost in Kontakt stand, dazu passt, bleibt lang im Ungewissen.
Als die Suche im Parkhaus, wo ihr Wagen steht, endet, ahnen viele bald, dass Teresa ermordet wurde. Der Täter hat sich genau den Platz ausgesucht, wo zwar ein Schatten von der Kamera erfasst wird, aber nicht die Person. Verzwickt ist dieser Fall, der nur durch Losts Kombinationsfähigkeit langsam in Fahrt kommt und der nebenbei auch noch ganz rational seine Fortpflanzung mit Teresas Tochter Eva, ebenfalls eine Autistin, plant.

Cristina Sobral beauftragt als erste Amtshandlung Miguel Duarte mit der Bewachung der Journalistin Flores Yola aus Angola, die in Fuseta das Grab ihres Vaters besuchen wollte. Ihr Weg führt sie eigentlich nach Lissabon, wo sie im Außenministerium einen wichtigen Vortrag halten soll, in dem es um Korruption, die Geschichte und das Erbe des Kolonialismus geht. Und hier kommt die Spur der Schatten ins Spiel, die As Sombras. Sie sind ein Überbleibsel der Geheimpolizei, deren Ziel die Vertretung portugiesischer Interessen ist. Wer diese Leute sind und wie sie illegal operieren, davon erzählt der Roman. Letztendlich soll ein Anschlag im unbedeutenden Fuseta auf Flores Yola über die Bühne gehen. Niemand rechnet jedoch mit dem kreativen Polizistentrio, dass relativ schnell hinter den Identitätendiebstahl der Kriminellen gelangt und den Zusammenhang zum Mord an der Polizistin, die kurz vor ihrem Tod Albert Camus Roman „Die Pest“ in einem Buchladen abholt, telefonisch bestellt von einer Männerstimme, der zu den Kriminellen gehört.

Vielschichtig, absolut spannend und sprachlich anspruchsvoll ist dieser Krimi, gute intelligente Unterhaltung!