Krokodilwächter

Katrine Engberg: Krokodilwächter, Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 512 Seiten, €18,99, 978-3-257-60863-2

„Ein Tatort erinnerte in vieler Hinsicht an ein Theaterstück. Eine Vielzahl von Aussagen, die zusammen ein Art Ganzes ergeben. Stichworte und Einsätze. Jeppe gab es ungern zu, aber er mochte diese Dynamik, diesen Rhythmus, der an Tatorten zu spüren war.“

Grausamer Schauplatz der Geschichte ist Kopenhagen. Jeppe Kørner und Anette Werner sind die leitenden Kriminalkommissare und ein relativ gutes Team. Er holt den Kaffee und sie fährt den Wagen, das funktioniert wie ein stilles Abkommen. In anderen Momenten geraten die beiden auch mal aneinander, wenn Anette wiedermal nicht feinfühlig ist und taktlos die Hinterbliebenen mit direkten Fragen bedrängt oder Jeppe seine Aggressionen nicht in den Begriff bekommt. Sein Scheidungsverfahren läuft und wenn ihn etwas wirklich zu Boden geworfen hat, dann der Verlust seiner Frau. Aber nun steht ein neuer Fall an. Die einundzwanzigjährige Julie Stender wohnt kaum ein halbes Jahr in Kopenhagen und wollte Literatur studieren. Jetzt liegt sie tot in ihrer Wohnung. Der Mörder hat sein Opfer mit Messerstichen malträtiert und qualvoll ermordet. Entdeckt hat sie ein altersschwacher Nachbar, der nun im Krankenhaus liegt. Eingefügt in die Handlung ist ein Manuskript aus dem Internet, dass von einem Mord an einer jungen Frau erzählt.

„Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert.“

Dieser Text stammt von der Pensionärin Esther de Laurenti, der Besitzerin von Julies Wohnung, die sehr ihrem Rotwein zuspricht und ihre beiden Möpse liebt. Als Esther ihre Geschichte schrieb, sie gehört zu einem Schreibgruppe an, spürte sie, dass auch Julie trotz fröhlicher Ausstrahlung einen tiefen Schmerz in sich fühlt. Beide Frauen verbindet ein trauriges Erlebnis in ihrer Jugend. Als Esthers es einmal in einer Runde von Freunden bereits stark alkoholisiert preisgibt, bereut sie es sofort. Sie kann nicht ahnen, dass sie durch ihre Erzählung einen Reigen von Morden auslösen wird. Ein Opfer wird der junge, introvertierte Kristoffer sein, der Gesangslehrer von Esther.
Zu Esthers Schreibgruppe gehört auch ein angesehener dänischer Schriftsteller, Erik Kingo, und eine wohlhabende Ehefrau, Anna Harlov. Kingo ist ein unangenehmer Weltbürger, der durch seine Äußerungen, gerade über Frauen, sich wenig Freunde gemacht hat. Julies Vater, der sich als Mäzen von Galerien einen Namen gemacht hat, ist ein Bekannter von Kingo und sein Vertrauter.

Beide wissen, dass Julie mit fünfzehn Jahren ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hatte und schwanger wurde. Eine Katastrophe. All diese Fakten kennen auch die Ermittler, die in polizeilicher Kleinarbeit nun jedem Nachweis nachgehen und trotzdem im Dunkeln tappen. Da taucht ein Foto der entstellten Toten bei Instagram auf, das Manuskript von Esther wird plötzlich weitergeschrieben und seltsame Geschichten werden den Ermittlern erzählt, die einfach nicht stimmen können. Alles kreist letztendlich um das Thema Kind. Joffes Ehe ging in die Brüche, weil er keine Kinder zeugen konnte, Julies Lehrer nimmt sich das Leben, weil er von seiner Vaterschaft erfahren hatte oder war es doch ein Mord? Junge Frauen werden schwanger und finden keine Unterstützung in der Familie.

Was die dänische Autorin Katrine Engberg dem Leser als Debüt präsentiert, ist ein klassischer Howdunit-Krimi mit psychologischer Unterfütterung, den man in einem Zug lesen muss.
Im Zentrum stehen aber nicht nur Kinder, sondern auch Manipulationsmechanismen, die in dem wunderbaren Bild vom Krokodilwächter versinnbildlicht werden.
Der Krokodilwächter ist ein kleiner Vogel, der von den Essensresten im Maul eines Krokodils lebt. Es ist eine Win-win-Situation. Der kleine Vogel bekommt sein Essen und säubert zugleich dem Krokodil die Zähne. Ein guter Grund den Kleinen nicht zu fressen. Wer benutzt wen für seine grausigen Pläne und warum werden so viele Menschen um Umkreis von Julie an den Rand des Todes geführt?

Keine Frage dieser Krimi im Krimi, in dem die Ermittler an ihre physisch und psychisch an ihre Grenzen stoßen, ist letztendlich ein perfides Spiel mit Macht und Einflussnahmen.
Absolut spannend!