Idaho

Emily Ruskovich: Idaho, Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2018, 380 Seiten, €24,00, 978-3-446-25853-2

„Sie empfand, was er empfunden haben musste, als er ihr Gesicht gegen den Fernseher gedrückt hatte: Enttäuschung und einen tiefen, hoffnungslosen und seit langer Zeit nagenden Schmerz, der nichts mit ihm zu tun hatte, für den sie ihn jedoch voll und ganz verantwortlich machte.“

Als die Handlung im Jahr 2004 einsetzt, liegt das tragische Ereignis in Idaho, Ponderosa, an das sich Wade Mitchell bald nicht mehr erinnern wird, neun Jahre zurück. Jenny, seine damalige Frau, die sechsjährige May und die neunjährige June und er sind in die Berge gefahren, um Holz aufzuladen. Ein lähmender Geruch begleitet ihre Fahrt in den Wald. Ein Unfall geschieht, nein kein Unfall. Jenny tötet ihre Tochter May mit einem Beil auf dem Rücksitz des Pick-up und June verschwindet für immer. Es gibt keine Erklärung für diese unglaubliche Tat und Jenny ist sofort bereit ihre Schuld vor Ort, denn zuerst wurde Wade von der Polizei verhaftet, und später vor Gericht eilfertig zu gestehen. Wade wird Jenny im Frauengefängnis nicht besuchen und sich scheiden lassen. Er heiratet Ann, die aus England stammt und aus deren Sicht Teile der Geschichte erzählt werden. Beide kannten sich vor den Geschehnissen im Wald, denn Wade hat bei Ann Klavierunterricht genommen. Sein Vater und sein Großvater erkrankten früh an Demenz und Wade fühlt die Angst vor der Zukunft.

Emily Ruskovich springt in den Zeiten hin und her, erinnert einmal an die Anfänge der Beziehung zwischen Wade und Jenny und schaut dann weit in die Zukunft. Sie lässt weiße Leerstellen, die der Leser mit seinen eigenen Ideen oder Vorstellungen füllen muss.

Nach seinem fünfzigsten Lebensjahr beginnt Wades friedfertiges Verhalten in Aggression umzuschlagen, ein brutaler Aussetzer nach dem anderen ereignet sich. Ann lebt mit ihrem Mann auf einer einsamen Anhöhe und erträgt den Gedächtnisverlust und die Gewalttätigkeit ihres Mannes aus Liebe. Er gesteht ihr, dass er sie vom ersten Moment an geliebt hat. Ein wichtiger Satz in dieser dunklen Geschichte, die sich zeitversetzt auch Jenny und ihrem Leben im Gefängnis, der Jugend von Wade und Jenny, den ersten Ehejahren und der Beziehung der Schwestern May und June zuwendet und weiteren Nebenhandlungsschauplätzen, die um den Ort und die Leute in Idaho kreisen.

Ann fühlt sich Jenny gegenüber schuldig und so schickt sie an die Bibliothek des Frauengefängnisses, z.B. ein Sachbuch übers Zeichnen, dass Wade nicht weggeworfen hatte. Sie ruft sogar an, um herauszufinden, ob Jenny das Buch in der Bibliothek gefunden hat.
Ab und zu setzt sich Ann in den Pick-up und lässt ihren Gedanken freien Lauf, in dem sie darüber nachgrübelt, wo June sein könnte, was wirklich geschehen ist.

Emily Ruskovich verweigert ein eindeutiges Ende nicht zuletzt, weil sie darauf besteht, ihre Protagonisten nicht viel besser zu kennen als wir, auch wenn sie ihre Geschöpfe sind. In einer bedrückenden, wie bildhaften Sprache erzählt die amerikanische Autorin in ihrem Debüt von eigentlich ganz unspektakulären Personen, die völlig unberechenbar handeln und in denen etwas zerbrochen sein muss, was jedoch nie ans Tageslicht gelangt. Ob es nun Jennys Griff zum Beil war oder Wades gewaltsame Unberechenbarkeit. Ann scheint in einer seltsamen Beziehung zu beiden zu stehen. Diese Rätselhaftigkeit der Figuren nimmt auch den Leser gefangen und die Frage, was eigentlich geschehen ist in einer Natur, die weit und unberührt scheint.