Kranichland

Anja Baumheier: Kranichland, Wunderlich Verlag bei Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, 432 Seiten, €19,95, 978-3-8052-0021-9

„Marlene und Wieland beobachteten den majestätischen Flug der Tiere, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren.“

Für das verliebte Paar, Marlene und Wieland, fliegen die Vögel ins Kranichland, in ein Land der Sehnsucht und Freiheit. Marlene eckt überall an, dabei ist ihr Vater Johannes Groen ein hoch angesehenes Parteimitglied in der DDR und auch noch bei der Staatssicherheit. Wieland kommt aus einer Pfarrersfamilie und weiß, dass er in seinem Heimatland nie Architektur studieren kann, geschweige denn Abitur machen und auf die Universität gehen. Als die beiden, Marlene ist bereits schwanger, beschließen, über Prag die Flucht aus der DDR vorzubereiten, werden ihre Pläne schnell unterbunden. Marlene sieht kurz vor ihrer Inhaftierung noch von weitem ihren Vater.

Immer wieder in Zeitsprüngen, die Familiengeschichte der Groens beginnt 1936 und endet in der Gegenwart, verfolgt der Leser die Schicksale der einzelnen Figuren, deren Lebenswege sich durch die geschichtlichen Ereignisse kreuzen werden. Als Johannes, seine Mutter hatte sich das Leben genommen, am Ende des Krieges Elisabeth kennenlernt, ist beiden schnell klar, das sie zusammen gehören. Von Kolja, den Johannes als Vaterfigur ansieht, stark beeinflusst, arbeitet Johannes mit entsprechenden Privilegien für den Sicherheitsapparat der DDR. Sie ziehen von Rostock nach Berlin und leben dort ein bequemes Leben. Johannes und Elisabeth haben drei Mädchen, Charlotte, Marlene und Theresa.

Zu Beginn der Geschichte erhält Theresa die Zuschrift eines Anwalts, der ihr eröffnet, dass sie die Erbin des einstigen Familienhauses in Rostock zusammen mit einem Tom Halász sei. Eine gewisse Marlene Groen habe es beiden vererbt. Doch Marlene ist laut Familiengeschichte angeblich mit siebzehn Jahren bei einem Segelausflug ums Leben gekommen und nach der Wende wurde doch das Rostocker Haus verkauft. Johannes kann keine Auskunft mehr geben, denn er ist bereits seinem Krebsleiden erlegen, Elisabeths Demenz ist zu weit fortgeschritten, um von ihr eine verlässliche Auskunft zu bekommen.
Nach und nach erfährt der Leser, wie die einzelnen Personen zueinander stehen. Johannes hat Elisabeth sehr viel allein gelassen. Bei ihrer Arbeit im Krankenhaus lernt sie den aufmerksamen Dr. Anton Michalski kennen. Beide verlieben sich ineinander und Marlene wird geboren. Allerdings kann sich Elisabeth nie ganz von Johannes lösen und so nutzt Anton kurz vor dem Mauerbau die Gelegenheit, um bei einer Dienstreise nach München nicht mehr in die DDR zurückzukehren.

Im Westen wird er dann auch seine Tochter Marlene wiedersehen, denn diese wurde nach einer qualvollen Haftzeit, an deren Folgen sie ihr ganzes Leben lang leiden wird, abgeschoben. Die in der Haft geborene Tochter Pauline, ebenfalls unter enormen Schmerzen, hat angeblich nicht überlebt.
Johannes jedoch erfährt von Kolja, dass, eine perfide Regelung, die Babys von Republikflüchtigen zur Adoption freigegeben werden. Er nimmt Pauline zu sich und zieht sie als Theresa als sein Kind groß. Marlene, die mit einem Zeichentalent wie Theresa begabt ist, wird noch ein Kind gebären. Tom jedoch leidet unter der bipolaren Störung der Mutter.
Nach und nach lüftet das Testament von Marlene alle Geheimnisse der Familie Groen, die für die einst linientreue Charlotte, ganz die Tochter ihres Vaters, unfassbar sind. Die Mutter ist fremdgegangen, der Vater hat es natürlich gewusst und nie etwas gesagt, genauso wenig wie über den Verlust der Schwester Marlene je gesprochen wurde. Billigend haben die Eltern, obwohl Johannes zum Ende der DDR schon arge Zweifel hatte, die Trennung zwischen Mutter und Kind hingenommen.

Mit einem zahlreichen Personal und gut recherchiert erzählt Anja Baumheier von den persönlichen aber auch geschichtlichen Ereignissen um eine Familie zwischen Ost und West. Das liest sich zu Beginn extrem spannend, ufert aber im Laufe der Handlung durch konstruierte Zufälle und Aneinanderreihungen von Ereignissen, die immer durch neue Katastrophen getoppt werden müssen, aus. Da die Figuren doch als Stereotype charakterisiert werden, fehlt die Tiefe und die innere Entwicklung über die Jahre hinweg. In gewisser Weise erinnert die Struktur der Handlung und Konstellation der Figuren teilweise an die erfolgreiche Fernsehserie „Weißensee“.

Und doch „Kranichland“ liest sich unterhaltsam und lässt den Leser am Leben der Familie Groen teilhaben, an den Eckpfeilern der geschichtlichen Ereignisse, wie die Aufstände 1953, den Mauerbau wie Mauerfall.