All die Jahre

J. Courtney Sullivan: All die Jahre, Aus dem Englischen von Henriette Heise, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, München 2018, 464 Seiten, €22,00, 978-3-552-06366-2

„ Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren Sohn war?“

Ende der 1950er Jahre reisen die beiden Schwestern, Nora ist einundzwanzig und Theresa siebzehn von Irland in die USA. Früh haben sie ihre Mutter verloren und so kümmerte sich Nora immer um die lebensfrohe, ja fast wilde Theresa, die einen hellen Verstand hat. Sie hofft, in Amerika eine gute Ausbildung zu bekommen. Für Nora jedoch bedeutet die Ausreise die Heirat mit Charlie, ihrem ehemaligen Nachbarn. Beide Mädchen arbeiten sofort nach ihrer Ankunft in Boston in einer Strickfabrik, Theresa macht Abendkurse und geht mit Begeisterung tanzen. Nora bereut ihr Vorhaben, den albernen Charlie, den sie nicht liebt, zu heiraten. Aber dann wird Theresa schwanger, bekommt ihr Kind bei den Nonnen und Nora muss wieder Verantwortung übernehmen. Sie heiratet, täuscht mit ihrer Kleidung eine Schwangerschaft vor und nimmt Theresas Kind zu sich.
Patrick ist ein Schreibaby und fordert alle Aufmerksamkeit ein. Theresa weiß längst, dass der Kindesvater verheiratet ist und selbst ein Baby hat. Im Streit mit Nora verlässt Theresa ihren Sohn und hofft auf eine mögliche Eigenständigkeit in der Zukunft, um ihr Kind letztendlich doch zu sich zu nehmen.

In der Rahmenhandlung des Romans, der zum Teil im Jahr 2009 spielt, erzählt J. Courtney Sullivan von Patrick, der mit fünfzig Jahren alkoholisiert mit dem Auto gegen eine Mauer fährt. Immer hat sich Nora um Patrick, ihren Lieblingssohn, am meisten gegrämt. Ihre eigenen Kinder, John, Britney und Brian, haben nie verstanden, warum die so strenge Mutter den so aus der Art geschlagenen Patrick so sehr umsorgt hat. Immer wurde bei den Raffertys alles unter den Teppich gekehrt. Nie gab es gute Gespräche, immer ging es nur ums Sparen, was die Leute sagen und die Angst der sorgenvollen Mutter.
Als Nora ihre Schwester, die nun fast fünfzig Jahre im Kloster in Vermont lebt, anruft, um ihr zu mitzuteilen, dass ihr Sohn tot ist, weiß niemand in der Familie von diesem Geheimnis. Mag Patrick etwas gemerkt haben, so wird nicht klar, was er wirklich wusste.
Bedrückend ist das Schweigen in der Familie. Nie hat sich John mit seinem älteren Bruder verstanden, nie ist zu Nora durchgedrungen, dass ihre Tochter Bridget lesbisch ist und was in ihrem jüngsten Sohn Brian, der eine tragische Sportlerkarriere hinter sich hat und nun wieder bei der Mutter lebt, vorgeht, bleibt ihr verschlossen.
Zwischen den Schwestern wird es kein klärendes Gespräch geben. Im Ausklang des Romans deutet es sich an, aber man weiß es nicht. Für Nora, die alle Bürden auf sich genommen hat, hat sich Theresa eigennützig aus dem Staub gemacht und in den tröstenden Schoß der Kirche begeben. Sie hat sie mit all ihren Problemen allein gelassen. Auch wenn die Iren in den Familien zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, so bleibt Nora, die sich um alle noch so fernen Verwandten sorgt und kümmert und niemanden an sich heranlässt, völlig allein.

J. Courtney Sullivans Thema ist immer die Familie und ihre Verwerfungen. Der Reiz der Lektüre besteht zum einen in der unterhaltsamen wie lebensnahen Darstellung der einzelnen Familienmitglieder und ihrer Geschichten. Es geht ums Auswandern, aber auch enge gesellschaftlich-moralische Zwänge in der irischen Community in den 1960er Jahren. Zum anderen blickt der Leser in den gegenwärtigen Alltag der Kinder von Nora, die ehrlich befreit ihr aktives Leben führen können und doch immer wieder auf Widerstand in der eigenen Familie stoßen. So hat John mit seiner Frau Julia ein chinesisches Kind adoptiert. Nora ist der festen Meinung, man müsse Maeve nie sagen, woher sie eigentlich stamme. Bridget möchte mit ihrer bildschönen Freundin Natalie ein Baby per Samenspende austragen, wagt es aber nicht, der Mutter davon zu erzählen. Dass Patrick zeitweilig der beste Kunde in seiner eigenen Bar war, ist kein Geheimnis. Er ist in dieser Familiengeschichte, die schillerndste Figur, der als widersprüchlicher Charakter kaum zu fassen ist.
Wie immer schreibt J. Coutney Sullivan berührend ohne je sentimental zu werden und wählt die unterschiedlichsten Erzählperspektiven, um ihren Figuren und deren Lebenswegen nah zu sein.