Lied der Weite

Kent Haruf: Lied der Weite, Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 384 Seiten, €24,00, 978-3-257-07017-0

„Also, sagte Harold. Ich weiß, wie ich drüber denke. Was meinst du, was wir mit ihr machen sollen? Wir nehmen sie auf, sagte Raymond.“

Klar sind die Worte der Figuren in Kent Harufs Roman aus dem Jahr 1999, klar und unmissverständlich. Wenn die beiden alten, raubeinigen Junggesellen Harold und Raymond McPheron, die weit vom Ort entfernt auf ihrer Ranch leben, etwas sagen, dann ist das wie in Stein gemeißelt. Sie nehmen das siebzehnjährige schwangere Mädchen, das von ihrer hartherzigen Mutter vor die Tür gesetzt wurde, auf. Als die Lehrerin Maggie Jones mit ihrem Ansinnen bei den beiden Kuhbauern vor der Tür steht, erstarren diese zuerst zu Salzsäulen. Nicht der Gedanke, was mögen die anderen im Ort Holt, eine fiktive Stadt östlich der Rocky Mountains, denken, bewegt die beiden, sondern die Frage, können sie mit einer jungen Frau und ihrem Baby umgehen.

Viktoria spürt die Unsicherheit der alten Männer, sie leidet unter ihrer Schweigsamkeit und findet doch einen Weg, um mit ihnen klarzukommen. Als dann aber Dwayne, der attraktive Kindesvater, der sich vor vielen Monaten einfach so aus dem Staub gemacht hatte, auftaucht, folgt sie ihm ohne sich umzusehen. In der kleinen Wohnung in Denver jedoch fühlt sie sich nicht Zuhause. Sie ist einsam, wenn Dwayne in die Fabrik fährt. Sie verabscheut die Partys mit ihrem Drogen- und Alkoholkonsum, die Dwayne so liebt und sie empfindet nichts mehr für ihre große Liebe, die der Realität nicht standhält.

Parallel zu der Geschichte um die schwangere Victoria erzählt Kent Haruf unaufgeregt und mit Lakonie von weiteren Personen aus Holt. Da ist der Lehrer Tom Guthrie, der von seiner Frau Ella, die es fort zieht, schon lang allein gelassen wurde, und nun mit seinen kleinen Söhnen Ike und Bobby den Alltag bestehen muss. Drangsaliert wird Tom von den Eltern eines widerwärtigen Schülers, der einfach nur faul glaubt als guter Basketballspieler im Schulalltag durchzukommen. Tom muss sich beschimpfen lassen und er muss erfahren, wie sich der miese Schüler an seinen kleinen Söhnen rächt.

Drastisch offenbart Kent Haruf sexuelle Erfahrungen, die Kinder wie Jugendliche durchleben. Er berichtet von einsamen Menschen, von zerrütteten Ehen, von unverschämten, ungebildeten Farmern, die wenig Achtung vor anderen Menschen empfinden.
Richtig Sorgen jedoch machen sich die beiden McPherons, die glücklich sind als Victoria aus Denver zurückkehrt und sich auch nicht nach der Geburt von Dwayne überreden lässt, ihren Heimatort zu verlassen.

Der amerikanische Autor Kent Haruf ist immer ganz nah an seinen Figuren, er vermag es unterhaltsam und dialogreich, ohne zu psychologisieren und zugleich einfühlsam, vom einfachen Leben der Menschen auf dem Land zu berichten. Bodenständig und ohne moralische Scheuklappen helfen die einen, selbstgefällig und dümmlich versuchen die anderen, ihre Interessen durchzudrücken. Es ist der Minikosmos, der im Kleinen das große Ganze spiegelt und zum Nachdenken anregt. Wie würden wir uns verhalten, wo wären die Grenzen des Erträglichen erreicht? Antworten werden nicht geliefert, aber Fragen aufgeworfen.