Die Eishexe

Camilla Läckberg: Die Eishexe, Aus dem Schwedischen von Katrin Frey, List Verlag, Berlin 2018, Seiten, 745 Seiten, €22,00, 978-3-471-35107-9

„Sie war dreizehn Jahre alt, und ihr Leben war vorbei, bevor es angefangen hatte. Es war alles eine Lüge. Manchmal sehnte sie sich nach der Wahrheit, aber sie wusste, dass ihr diese niemals über die Lippen kommen würde. Dafür war sie zu überwältigend. Sie hatte alles zerstört.“

Alles beginnt mit einem schrecklichen Mord in dem kleinen Ort Fjällbacka. Die vierjährige Nea, eigentlich Linnea Berg, wird nach einen überwältigenden Suchaktion am Waldsee gefunden. Bereits vor dreißig Jahren wurde hier die vierjährige Stella von dem gleichen Mann tot entdeckt, der nun auch Nea aufspürte. Damals gestanden die dreizehnjährige Marie und ihre Freundin Helen den Mord an Stella, widerriefen aber die grausige Tat nach gut einer Woche. Da nicht schuldfähig, steckte das Jugendamt Marie in eine Pflegefamilien und Helen durfte nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Familie zurück. Mit achtzehn Jahren heiratet sie einen Freund der Familie, James, einen Blauhelmsoldaten, der vom Alter her ihr Vater sein könnte und sie zieht sogar in ihren Heimatort zurück. Marie wird Schauspielerin in Hollywood und dreht genau jetzt in Fjällbacka einen Film über Ingrid Bergmann. Marie ist ungewollt schwanger geworden und ihre Tochter Jessie, jetzt dreizehn Jahre alt, freundet sich ausgerechnet mit Helens Sohn Sam an. Sanna, die Schwester der kleinen Stella, hat ebenfalls eine Tochter, Vendela. Diese mobbt mit ihren Freunden Basse und Nils Sam in der Schule.
In der Nähe des Ortes wurde eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet. Karim, er hatte als Journalist in Syrien gearbeitet, wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Häuschen. Zwar leben die Flüchtlinge in Sicherheit, ihren inneren Frieden jedoch finden sie nicht, denn sie spüren die Ablehnung und den Hass der schwedischen Bevölkerung.

Erica Falck, die bekannte Schriftstellerin und ihr Mann, der Polizist Patrik Hedström, stehen in Folge 10 dieser Reihe nicht wie sonst im Mittelpunkt der Handlung. Zwar arbeitet Erica an einem Buch, noch einer von zu vielen Zufällen in der Handlungsführung in diesem Roman, über den Mord an Stelle im Jahre 1985, aber sie ist nicht so in den Fall involviert wie sonst. Sie muss sich um ihre Zwillinge und Maja kümmern und bemerkt doch immer wieder, dass sie nicht die gute Mutter ist, die sie eigentlich sein möchte. Patrik ermittelt und muss wie schon oft die Fehler seines Vorgesetzten Mellberg ausbügeln. Die Handlung dieses Romans spaltet sich in viele verschiedene Konflikte auf, zum einen sind dort die beiden Kindsmorde. Der an Stella bleibt aktuell, weil der damalige Ermittler Leif Hermansson an der Schuld von Marie und Helen zweifelte, allerdings bereits aus dem Leben durch Selbstmord schied. Erica wird herausfinden, dass Leif ermordet wurde.
Zum anderen geraten die Flüchtlinge durch den Zorn der Rassisten und eine dumpfe Falle ins Visier der Polizei. Das Haus von Kamir wird angezündet und seine Frau kommt in den Flammen zu Tode.
Noch eine Mordermittlung. Dann beobachtet der Leser mit zunehmendem Unbehagen die hinterhältigen, fiesen Attacken der Jugendlichen über Snapchat, die auf Sam und Jessie zielen. Die Rache der beiden Außenseiter Sam und Jessie dagegen wird grausam sein. Und zu all diesen Handlungssträngen baut die schwedische Autorin dann noch einen Blick zurück in die Jahre 1671 und 1672, in denen durch einen Schwesternzwist zwischen Britta und Elin, die ebenfalls eine vierjährige Tochter hat, ein Hexenprozess in Gang gerät.

Die wohl erfolgreichste schwedische Autorin, nach Aussagen des Verlages, versucht viele angedeutete Konflikte psychologisch zu untermauern, z.B. die Sehnsucht von Sam, der sich aus Protest schminkt und einfach nur gut schießen kann, von seinem Vater anerkannt zu werden, die Einsamkeit von Jessie, deren egozentrische Mutter nur ihre Schauspielerinnenkarriere im Kopf hat oder den seelischen Zustand von Helen, die abgemagert in ihren täglichen Läufen den Erinnerung davonrennt. Camilla Läckberg versucht zu viele Themen in diesem zugegeben voluminösen Band unterzubringen, den historischen Hexenprozess, die Flüchtlingskrise, den Missbrauch der sozialen Medien, Kindsmorde und Massenmord durch Amoklauf und dazu noch viele persönliche Konflikte der allzu bekannten Figuren der Krimireihe.

Leider wirken die Szenen, die sich mit der Lage der Flüchtlinge auseinandersetzen zu eindimensional und voller Klischees und nicht nur diese. Mag Karim in seiner Heimat unter Folter andere Menschen verraten haben, bleibt er doch mit der Familie in Schweden das Opfer eines Mobs, der gegen die sogenannten „Gutmenschen“ agiert. Zu viele handelnde Figuren, denen zu viele Zufälle passieren und die in zu viele extreme Konflikte verwickelt sind, bevölkern auf gut 750 Seiten die Handlung, die am Ende auf eine Katastrophe zurast.
Wer Fan dieser Reihe um Erica und Patrik ist, wird sicher bis zum Ende aushalten, zumal auch Ericas Schwester Anna wieder einen Cliffhanger liefert und auch Martin, ein Kollege von Patrik eine neue Liebe kennenlernt.