Wachtraum

Susanne Scholl: Wachtraum, Residenz Verlag, Wien 2017, 219 Seiten, €22,00, 978-3-7017-1681-4

„Wie man jede nur erdenkliche Ausrede gefunden hatte, um die Juden zu Halsabschneidern und insgesamt verlogenen, widerlichen Figuren zu degradieren. Natürlich sagte sie sich als erwachsene Historikerin, dass man das nicht mit dem Heute vergleichen dürfe. Aber es fiel ihr neuerdings immer schwerer, die Vorfälle des Jetzt von denen des Damals zu trennen.“

Als Kind führt Lea ein unbeschwertes Leben in Wien. Je älter sie wird, um so mehr verkehrt sich dieses Lebensgefühl in Hass, Hass auf die Menschen und auch auf die eigene Hilflosigkeit, mit der sie vor den Trümmern ihrer Familie steht. Aus verschiedenen Perspektiven blättert die Autorin Susanne Scholl die Geschichte der jüdischen Familie von Lea auf. Betrachtet werden die Erlebnisse von Fritzi, Leas Mutter, von Lea, von Simon, Mimi und Harry, die Kinder von Lea und Albert, von Hanna, Malvine, Fritzis Freundinnen und von Leas Träumen.

Fritzi, eigentlich Friederike, bestimmt mal mehr mal weniger Leas Entwicklung. Sie scheint eine fröhliche, manchmal exzentrische und dann wieder völlig verängstigte, depressive Frau zu sein. Sie erzählt ihrer Tochter die „Gruselgeschichten“, die alle einen wahren Hintergrund haben. Als Jugendliche konnten Fritzi und ihre Schwester Lollo nach England reisen, zum einen um der Hitlerdiktatur zu entfliehen, zum anderen um dort als billige Arbeitskräfte tätig zu werden. Die Schwestern ahnen nicht, dass sie ihre Eltern nie wieder sehen werden. Mit Theo kehrt Fritzi nach Wien zurück, bekommt Lea und muss nun mit dieser Vergangenheit, all den Erinnerungen und Verlusten, die so gern totgeschwiegen werden, klarkommen. Lea hört den Frauen, auch Erna, die eine eintätowierte Nummer auf ihrem Unterarm trägt, zu und beschließt Geschichte zu studieren.
Geschichten um Geschichten werden über Menschen berichtet, die unsägliches Leid durch die Judenverfolgung erlebt haben. Die Folgen dieser brutalen Eingriffe in Familien, Freundschaften und Liebesbeziehungen sind oftmals Depressionen, Vereinsamung oder auch Suizid.

Lea und Albert finden sich und gründen eine Familie. Fritzi lamentiert, Mutter und Tochter streiten sich heftig, um dann schnell wieder per Telefon den Familienfrieden herzustellen, als Lea drei Kinder bekommt. Simon, Mimi und Harry entwickeln sich in völlig unterschiedliche Richtungen, werden Manager, Ärztin und Lehrer oder später Fotograf. Sie spüren die Ängste der Mutter und Großmutter und mischen sich, außer Simon, der zum Außenseiter in der Familie wird, in die tagesaktuelle Flüchtlingskrise ein. Lea arbeitet indes an ihrer Dissertation über die Frauen beim Aufstand im Warschauer Ghetto.
Mimi verliebt sich in den Afghanen Farid, den Lea in ihr Herz schließt und den der oftmals wortkarge Albert mit Skepsis betrachtet. Farid wird nach sieben Jahren, sein Aufenthaltsstatus ist ungeklärt, abgeschoben. Auch wenn Mimi alles versucht, um Farid zu heiraten, scheitert dies in Europa und in Afghanistan.
Simon, der nun eine große Familie in Deutschland hat, leider mag niemand seine Frau Gerlinde, will in die USA gehen. Mimi wird im Sudan arbeiten und Harry, der so innig geliebte Sohn von Lea, lebt als Fotograf in Paris. Ihn kann die Mutter, hier wird sie Fritzi immer ähnlicher, einfach nicht loslassen, zum Ärger von Albert, der so hoffte, dass Harry nach seinem Mathematikstudium als Lehrer arbeiten wird. Als Harry von einem Musikkonzert im Bataclan berichtet, ahnt der Leser, was geschehen wird.

Die Handlungen wandeln zeitlich zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei überfrachtet Susanne Scholl ihre bedrückende Familiengeschichte, die sich über ein Jahrhundert hinzieht, mit allzu vielen tragischen Frauen- wie Männerschicksalen, ob nun in Europa oder Asien. Dem „Zeitgeist“ folgend werden Juden in der Nazizeit wie Vieh hingeschlachtet, Flüchtlinge heute diffamiert und zu Kriminellen abgestempelt. Durch die individuellen Personen, wie Hanna, Malvina, Farid oder Harry und deren tragische Lebensgeschichten, die die österreichische Autorin schildert, berührt sie den Leser, differenziert gängige Ansichten und wühlt ihn auf, wenn er sich darauf einlässt. Stellenweise kann man einfach nicht mehr weiterlesen, da die geballte Fülle an Tragik nicht auszuhalten ist.
Am Ende wird Lea, der alles viel zu nah gekommen ist, ohne Rückhalt dastehen und nicht mehr wissen, wohin sie eigentlich gehört.