Leere Herzen

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, 350 Seiten, €20,00, 978-3-630-87523-1

„ Die Rettung von potenziellen Selbstmördern macht mit Abstand den größten Teil der Tätigkeit aus. Sofern Attentäter vermitteln werden, ist die Brücke auf einen strengen Kodex verpflichtet – begrenzte Opferzahlen, sorgfältige Vermeidung von Eskalation, keine Kollateralschäden. …. Als erster und bisher einziger Terrordienstleister der Republik hat die Brücke die Branche befriedet und stabilisiert. Sie sorgt für das rechte Maß an Bedrohungsgefühl, das jede Gesellschaft braucht.“

Britta und Babak sind die Köpfe der Brücke, vordergründig jedoch führen sie eine Heilpraxis für Selbstmordprävention. Im Hinterzimmer vermitteln beide Menschen nach Ablauf eines Programms an Organisationen, die ihrem Suizid, dem Tod, noch einen Sinn geben wollen. Die einen sich hocheffizient und zynisch, die anderen von einer Idee beseelt und handlungswillig. Das ist eine lukrative Sache, Britta hält den Kontakt zu den Geschäftspartnern und Babak ist der IT-Experte.

Die extrem praktisch veranlagte Britta, mit Putzfimmel und Magenproblem, führt ein biederes Familienleben im großem Haus in Braunschweig und mit einem freundlichen Mann, der wenig verdient und einer kleinen Tochter, die alles haben kann. Das Gewissen oder eine bestimmte Überzeugung haben sich im Laufe der Jahre von Britta verabschiedet. Die gesellschaftliche Verantwortung liegt in den Händen der “Besorgte-Bürger-Bewegung” und ihren nach und nach verkündeten Effizienzpaketen, mit denen sie die Demokratie endgültig abbauen. Wir schreiben das Jahr 2025, noch gibt es Zeitungen und sein Auto muss jeder auch noch selbst fahren. Aber die digitale Welt hat sich entwickelt und so hat Babak ein Programm namens Lassie kreiert, dass immer mehr Menschen aus dem Netz fischt, die des Lebens überdrüssig sind und auf einen sinnvollen Abgang Wert legen. Kein Wunder, denn die BBB fordern von Ausländern Sonderabgaben, freuen sich, wenn viele Menschen alles einfach so laufen lassen und sich für das Bedingungslose Grundeinkommen entscheiden und bei Wahlen ist die Fünfprozenthürde gegen eine Hürde von fünfzehn Prozent ausgetauscht worden.
Aber Britta spürt seit längerem, dass sie beobachtet wird. Als ihr Mann Richard ihr freudestrahlend von einem Investor berichtet, der in sein Projekt einsteigen will, erkennt Britta den Stalker. Bei näherer Betrachtung ist er ein Wünschelrutengänger mit offenbar gutem Einkommen, der allerdings Britta nahelegt doch ein Sabbatjahr zu nehmen, was diese mehr als aufregt.
Parallel zu dieser Geschichte beunruhigen Britta und Babak ein Attentat am Leipziger Flughafen. Beide Täter kommen nicht aus ihrer Praxis, ein Konkurrenzunternehmen scheint sie vom Markt verdrängen zu wollen. Doch wer steckt dahinter? Und vor allem, was wollen diese Kräfte?

Juli Zeh entwirft eine gruselige Dystopie, angetrieben von der Wut über die Gleichgültigkeit der saturierten Mitbürger, die den Rechtspopulisten den Steigbügel halten. Es geht um die innere Leere und eine zukünftige Gesellschaft, in der es keine öffentlichen Diskurse mehr gibt und ein moralisches Gewissen und Engagement sowieso nicht. Die gleichgültig gewordenen Menschen streben nach ihrem ganz individuellen Glück und sorgen sich wenig um andere oder gar die Gesellschaft. So möchten die Freunde von Britta, Janina und Knut, ein Haus auf dem Land.Mit ihren eigenen Einkünften jedoch können sie es nicht zahlen. Britta springt ein und kauft sich ihre Freunde, würde ihre Mutter sagen. Bei einer Szene auf dem Spielplatz, fordert Britta sogar ihre Tochter auf, auf den nervenden Jungen, der sie attackiert, nicht nur verbal zu reagieren. Die empörte Mutter des Jungen muss sich Folgendes anhören:

„Was fänden Sie besser?“, fragt Britta zurück. „Soll ich sie so erziehen, dass sie später stillhält, wenn sie vergewaltigt wird?“

An dieser Stelle zeigt sich das ganze Debakel, nimmt Britta eine Haltung ein, dann tönt sie ziemlich drastisch nach dem Motto, das muss man doch mal sagen dürfen. Und doch muss man beim Lesen gerade an dieser Stelle schmunzeln, denn dieses aufgesetzte Gutmenschentum nervt momentan über alle Maßen und in Zukunft sicher auch. Und doch, das zynische Denken, der im Mittelpunkt stehenden Hauptfigur, und ihre Läuterung durchzieht den durchaus spannend geschriebenen Handlungsverlauf. Sprachlich holpert die Autorin zwischen kalten Gedankenspielen ihrer Hauptfigur und seltsam blumigen Naturbeschreibungen.
Mag das Ende ein Paukenschlag sein und eigentlich nicht verwundern, so fühlt sich der Leser vielleicht so in der Mitte der Geschichte doch leicht gegängelt. Bleibt immer die Frage, ob diesen Roman auch diejenigen erreichen, die in der verwirrenden, politischen Gemengelage der Gegenwart nach Orientierung suchen.