The Child

Fiona Barton: The Child, Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld, Wunderlich beim Rowohlt Verlag, Reibek 2017, 473 Seiten, €14,99, 978-3-8052-5098-6

„Als Kate den Zweizeiler über die Babyleiche ausgerissen hatte, hatte sie auf eine bewegende Geschichte über ein vergessenes Kind und die Tragödie hinter seinem Tod gehofft. Eine schöne Samstagsreportage, hatte sie gedacht. Eine Abwechslung von der ermüdenden Tretmühle der Online–News. Doch das Kratzen an der Oberfläche hatte einen regelrechten Vulkanausbruch tief vergrabener Geheimnisse ausgelöst.“

Alles beginnt mit der kurzen Nachricht, dass das Skelett eines Babys in einem Abrissgebiet von London gefunden wurde. Kate arbeitet als Journalistin bei der „Daily Post“ und vermisst die gute alte journalistische Arbeit, der Recherchen vorausgehen. Sie hat die Nase voll von Promigeschichten oder anderem kurzweiligen Schwachsinn, mit dem die Zeitungen auch im Internet um Aufmerksamkeit buhlen. Sie fängt an Kontakt zur Polizei aufzunehmen, sie möchte wissen, welche Geschichte hinter diesem traurigen Leichenfund steckt und sie wird sie herausfinden, allerdings völlig anders als erwartet.
Aus mehreren Perspektiven setzt Fiona Barton, die selbst als Gerichtsreporterin gearbeitet hat, die Handlung ihres Romanes zusammen. Zum einen ist da Kate, die Joe, der frisch von der Journalistenschule kommt, einen Anfänger im Schlepptau, mit sich zieht. Nach und nach erklärt sie ihm, der nur froh ist, wenn er vor seinem Computer sitzen kann, ihren Beruf, der im Gegensatz zu anderen Krimis die Presse mal gut wegkommen lässt. Kate ist gefühlvoll, emphatisch und vor allem taktvoll. Mit fast erwachsenen Kindern hat sie so ihre Lebenserfahrungen, aber sie ist nicht zynisch, wie so viele in der Branche, sondern eher realistisch, hartnäckig, unverfroren und professionell. Dass sie der Polizei manchmal ins Handwerk fuscht, liegt einfach an ihrem Ehrgeiz als erste mit der Story herauszukommen. Immerhin wird gerade im Medienbereich, nicht nur bei Zeitungen mehr als nur gespart. Dann lernt der Leser Angela kennen, sie glaubt, dass das gefundene Baby ihr Kind ist, dass vor gut 44 Jahren aus der Geburtsklinik verschwunden ist. Sie war nur kurz duschen und plötzlich war Alice fort. Vorwürfe, Zusammenbrüche, tragische Momente kennt Angela und ihre Familie zur Genüge. Diese Nachricht jedoch reißt sie wieder aus dem Alltag und nach der DNA – Analyse ist klar, es ist Alice, die gefunden wurde. Erleichterung und Gewissheit.
Aber dann erzählt Fiona Barton noch aus der Sicht von Emma, einer irgendwie belasteten Frau, die zwar glücklich mit Paul verheiratet ist und als Lektorin gut zu tun hat, aber doch unter Stimmungsschwankungen leidet. Erst seit kurzem hat sie wieder Kontakt zu ihrer Mutter geknüpft, die sie einst als Vierzehnjährige zu den Großeltern abgeschoben und somit vor die Tür gesetzt hatte. Emma glaubt, dass das gefundene Baby ihr Kind ist. Sie hatte einst in der Howard Street gewohnt.

Aber dann stellt sich heraus, dass die Babyleiche nicht in den 1970er Jahren dort vergraben wurde, sondern gut zehn Jahre später. Angela durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Kate beginnt erneut zu recherchieren und knüpft über einen Kneipenwirt aus der Gegend Kontakte. Emma ruft Kate unter falschem Namen an und versucht herauszufinden, was Kate weiß.
Auch Jude, Emmas alleinerziehende Mutter, kommt zu Wort. Aus ihrer Sicht wird von Emma als Teenager erzählt und von ihrer Beziehung zu dem Mann, den Jude so sehr geliebt hatte. Emma als aufmüpfiger Teenager, so Judes Meinung, hat ihr diese Beziehung zerstört.
Auf verschiedenen Ebenen dreht sich dieser vielschichtige Krimi um die Beziehungen zwischen Müttern und anwesenden wie verschwundenen Kindern, es geht um emotionale Abhängigkeiten, Verantwortung, Gewalt, aber auch Traumata, die Leben unwiederbringlich zerstören.

Fiona Barton versteht es gekonnt, den Leser durch die Sichtweisen ihrer ambivalent gezeichneten Figuren zu fesseln. Temporeich und mit nicht allzu viel Personal und Details legt sie den Finger auf die Wunden der Zeit, ob es nun um den gegenwärtigen oberflächlichen Journalismus geht oder die Nähe zwischen Eltern und Kinder.