Im Winter

Karl Ove Knausgård: Im Winter, Mit Bildern von Lars Lerin, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, 309 Seiten, €22,00, 978-3-630-87515-6

„Der Herbst ist ein Übergang, eine Zeit des Entleerens, von Licht aus dem Himmel, Wärme aus der Luft, dem Blättern von den Bäumen und Pflanzen. Der folgende Winter ist der Zustand, es herrscht die Reglosigkeit. …
König Winter heißt er, … „

Wer nach sechs ausufernden Bänden über Kämpfe, Liebe, Spiel oder gar Tod immer noch Lust dazu hat, sich den ganz privaten Reflexionen und philosophischen Gedanken des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård hinzugeben, der ist beim mehrteiligen Jahreszeiten-Projekt genau richtig. „Im Winter“ heißt der passende Band für die Zeit von Dezember bis Februar.

Überschrieben sind die kurzweiligen Textsammlungen, die alle von stimmungsvollen, teils dunklen Aquarellen von Lars Lerin begleitet werden, mit dem Brief an die ungeborene Tochter als Erzählrahmen.
Natürlich drehen sich einige Texte um Weihnachten, den Weihnachtsmann und Geschenke. Gern umkreist Knausgård hier die Familie, zumal er am 6. Dezember selbst Geburtstag hat und von diesem Tag, den die Kinder mehr lieben als er, berichtet. Auffällig ist, dass bei allen Geschichten über die Töchter, bei Auseinandersetzungen über Erziehungsfragen, die Unordnung im Haus, eine Operation der Tochter, beim Geschenke kaufen und einpacken, Knausgårds Frau und Partnerin so gar keine Rolle spielt. Es wird von „sie“, „deine Mutter“ und dann auch mal von „Linda“ gesprochen. Und doch ist da ja das ungeborene Kind. Sitzt Knausgård im Auto und erzählt den gelangweilten Kindern euphorisch von den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen es kein Handy, kein iPad und vieles andere mehr nicht gab, ist er allein, niemand stärkt ihm den Rücken. Möglich, dass die Stille des Winters seine Zeit ist, auch wenn im Süden Schwedens, wo er lebt, kaum Schnee fällt. Neben dem Privaten spielen aber auch Alltagsthemen, wie Zucker, Stühle oder Rohre, mit ganz eigenem Blick eine Rolle. Von Text zu Text ist der Einstieg hier im Gegensatz zum privaten Blick fast unbeholfen belehrend. Und doch, Knausgårds gedankliche Ausflüge sind oft geistreich, denn sie nehmen den Leser in sein Seelenleben mit, sind aber nie ironisch unterfüttert. Alles wird mit größtem Ernst betrachtet. Ob der Leser mit diesen Episoden auch mehr über das eigene Leben erfährt, bleibt dahingestellt.
Wer Knausgård mag, folgt ihm gern in die unordentliche Wohnung für die er sich sichtlich schämt und am Ende dann sich selbst für die aufgeräumte und geputzte Küche lobt. Er sitzt mit ihm am Bett der Tochter, packt mit ihm Geschenke ein oder denkt über den Verlauf eines Kinderlebens nach.
Die Texte passen zu langen Winterabenden, in denen Kerzen am Fenster stehen.