Menschenfischer

Jan Seghers: Menschenfischer, Kindler Verlag, Hamburg 2017, 429 Seiten, €19,95, 978-3-463-40670-1

„Das war Terror, dachte Marthaler, während er die blaue Holztür von außen verschloss. Was man diesem Kind angetan hat, war genau geplant, und es war der nackte Terror.“

Hauptkommissar Robert Marthaler macht sich nicht gerade bei den Frankfurter Kollegen beliebt als er mitten in seinem Urlaub, eine Dienstreise nach Südfrankreich beantragt. Alle werden angeblich gebraucht, denn in Frankfurt, so scheint es, wurden etliche Menschen Opfer eines bewaffneten Terrorangriffs. Da das FBI ermittelt und Marthaler nicht den Handlanger spielen will, entschließt er sich nach einem Anruf vom pensionierten und ziemlich heruntergekommenen Rudi Ferres zur Reise in die Provence. Als im Jahr 1998 in einem Tunnel in Frankfurt eine verstümmelte Jungenleiche gefunden wurde, setzte die Polizei Himmel und Hölle in Bewegung, um des Täters habhaft zu werden. Alles umsonst. Rudi Ferres ist an dem Fall Tobias Brüning zerbrochen. Trotz aller Hilfen konnte er keine brauchbare Spur finden. Seine Ehe ist den Bach hinuntergegangen, seine Kinder sprechen nicht mehr mit ihm und er ist nun Alkoholiker und lebt in einem Wohnwagen. Auch beim Anruf mit Marthaler konnte er nur lallen und doch macht sich der Hauptkommissar auf den Weg. Vielleicht will er seiner ehemaligen Lebensgefährtin Tereza nicht begegnen, die nun schwanger und mit Heiratsabsichten nach Prag zurückkehrt.

Auch wenn der Fall des Tobias Brüning kalt ist, berührt Marthaler nach wie vor die Energie, die Ferres für diesen Jungen aufgebracht hatte.
Zur gleichen Zeit, in der Nähe der Lorelei, mitten im Wald greift eine Bäuerin zwei ziemlich hungrige Kinder auf, es sind zwei Roma Jungen auf der Flucht. Ihr Verhalten ist nicht nur seltsam, sie reden auch ständig von „Mama Sophie“. Beider Leichen wird die Bäuerin und ihr Nachbar nur kurze Zeit später in einer Röhre finden, beide Kinder sind wie der arme Tobias verstümmelt.
Bei den Ermittlungen schließen sich nun die Teams von Marthaler und der Stelle für Menschenhandel zusammen. Zum ersten Mal arbeitet Marthaler mit Kizzy Winterstein, einer Ermittlerin, die nicht nur Roma, sondern auch Jüdin ist. Jeder, der sie sieht, glaubt Amy Winehouse ist auferstanden. Langsam wird auch klar, dass der angebliche Terrorangriff nur drei Personen, einem Anwalt für Menschenrechte und zwei Frauen, deren Identität nicht ermittelt werden konnte, unter vielen Toten galt. Marthaler und Kizzy rücken etwas zu dicht zueinander und kommen aber mit ihren Recherchen der Lösung des Falles sehr nah, in dem sie erkennen, dass diejenigen, die Hilfe anbieten der größte Schurkenverein überhaupt ist.

Gebannt verfolgt der Leser an Marthalers Seite die ineinander verwobenen Handlungsstränge zwischen Vergangenheit und Gegenwart und die klar dialogische Sprache des Jan Seghers. Der Autor zeichnet alle Figuren sehr detailgenau und hält die Spannung gekonnt auf über 400 Seiten. Zugleich beschreibt er packend die kriminalistische Aufarbeitung eines nahezu perfekten Verbrechens, dass die Polizei und ihren Ermittler Ferres an den Rand des Wahnsinns bringen musste. Bitter dabei ist die Verbindung zwischen der machtvollen Justiz, Hilfsorganisationen und kriminellen Elementen.