Zeit der Schwalben

Nicola Scott: Zeit der Schwalben, Aus dem Englischen von Nicole Seifert, Wunderlich Verlag, Reinbek 2017, 504 Seiten, €19,95, 978-3-8052-0037-0

„Und jetzt war da Phoebe Roberts und jagte alles in die Luft, alles, was ich immer für selbstverständlich gehalten hatte, was Teil von mir war, was mich ausmachte.“

Adele, die Erzählerin, arbeitet seit fünfzehn Jahren als Konditorin in einer Londoner Pâtisserie. Immer wieder hat ihre Mutter ihr das Gefühl vermittelt, nicht genug aus ihrem Leben gemacht zu haben. So arbeitet ihre Schwester Venetia als Architektin und ihr Bruder als bekannter Chirurg. Und sie, sie ist nur eine Bäckerin. Doch nun ist Adeles Mutter, Elizabeth, eine Literaturprofessorin, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Für Adeles Vater ist das ein schwerer Schlag, den er hat seine Frau über alles geliebt. Nach einem Jahr versammeln sich alle Familienmitglieder am Todestag der Mutter und plötzlich steht eine Frau, Phoebe Roberts, vor der Tür und behauptet, sie sei die Zwillingsschwester von Adele und Elizabeth sei ihre Mutter. Von einer Sekunde zur nächsten verändert sich Adeles Lebensgefühl, denn sie kann nicht glauben, dass ihre Mutter und ihr Vater sie angelogen haben. Alle Daten stimmen nicht mehr und klar wird, dass Elizabeth die beiden Mädchen vor ihrer Hochzeit mit George zur Welt gebracht hat. Folglich ist auch George nicht Adeles Vater und er war mit Elizabeth keine vierzig Jahre verheiratet. Als Adele, die sich kaum gegen ihre charismatische und leicht hysterische Schwester Venetia durchsetzen kann, im unberührten Zimmer der Mutter ihre Hermés – Tasche und ein fremdes Handy findet, entdeckt sie den Kontakt der Mutter zu einem Privatdetektiv. Klar wird, die Mutter hat längst nach Phoebe gesucht.

Parallel zu Adeles Geschichte erfährt der Leser aus dem Tagebuch von Elizabeth ab 1958 wie es ihr ergangen ist. Adele wird auch dieses Tagebuch später finden, aber zu diesem Zeitpunkt sind schon fast alle Geheimnisse gelüftet.

Im gedanklichen Mittelpunkt der Handlung stehen die 1950er und 1960er Jahre, in denen es kaum möglich war, als unverheiratete Frau Kinder allein großzuziehen. Elizabeth verliert ihre weltoffene Mutter als sie siebzehn Jahre alt ist, der konservative Vater hält das Mädchen wie eine Gefangene. Aber Elizabeth hatte bei ihrem Sommeraufenthalt einen Mann kennengelernt, den sie liebte und er sie offenbar auch. Allerdings hatte er vergessen ihr zu sagen, dass er verheiratet ist.
Eins kommt zum anderen und Elizabeth ist schwanger. Aus Angst vor der gesellschaftlichen Schande, bringt der Vater die Tochter in ein Heim für unverheiratete Mütter und behauptet als er sieht, dass es zwei Babys sind, dass ein Kind tot geboren wurde. Im Gespräch mit Phoebes Mutter offenbart sich jetzt auch, dass Elizabeth’ Vater eigentlich beide Kinder zur Adoption freigeben wollte. Aber Phoebes Mutter und auch ihr Vater fühlten sich nicht stark genug für Zwillinge.
Bevor Adele dies herausfinden konnte, glaubte sie, ihre Mutter hätte einfach nur auf ein Kind gezeigt und es weggegeben. Dabei hätte Phoebe der Mutter viel besser gefallen. Sie ist erfolgreich im Beruf und sogar Pilotin, sie hat aus ihrem Leben wirklich etwas gemacht.
Als Adele ihren Vater mit den Fakten konfrontiert, bekommt dieser in seinem noch andauernden Schmerz um die Mutter einen Herzinfarkt. Nach und nach klären sich alle über Jahre verheimlichten Tatsachen und Adele und Phoebe wollen endlich nach ihrem leiblichen Vater suchen.
Adele jedenfalls verliert nun mit ihren vierundvierzig Jahren all ihre Blockierungen, sie entwickelt eine neue Sicht auf ihre Vergangenheit, auch auf ihre doch nicht so starke Mutter.

So kitschig wie diese Handlung anmutet, die ein gesellschaftliches Zeitkapitel und die sozialpolitische Situation der Frauen in den Focus stellt, auf den ersten Blick klingt, ist sie eigentlich gar nicht, denn Nicola Scott vermag es, ihren weiblichen Figuren Kontur und psychologische Glaubwürdigkeit zu geben. Ihre Sprache ist anspruchsvoll und zugleich unterhaltsam. Dass Elizabeth nach der Geburt, nie mehr mit ihrem eigenen herzlosen Vater gesprochen und ihn innerhalb der Familie für tot erklärte hat, überzeugt dabei. Wie sie jedoch ihren Ehemann kennen und lieben lernte, ist doch sehr konstruiert. Und doch, gern folgt man Adele auf ihrem Weg in ihre Familiengeschichte und erfährt so einiges über die Adoptionspraktiken in Zeiten so gar nicht fern von uns.
Warum der Verlag den Romantitel „Zeit der Schwalben“ gewählt hat und nicht wie im englischen Original „My Mother’s Shadow“ bleibt etwas unklar.