Pirasol

Susan Kreller: Pirasol, Berlin Verlag in der Piper Verlag, München 2017, Seiten, €20,00, 978-3-8270-1341-5



„ Gwendolin braucht den Geruch der Buchseiten, den sie so gierig aufnimmt wie auf dem Wochenmarkt den Duft der Äpfel, und wie einen Apfel führt sie auch jedes Buch zur Nase, blättert darin, riecht daran, schwelgt…. Gwendolin sitzt Woche für Woche da und blättert in den Menschen vor den Regalen, blättert in den Büchern hier auf dem winzigen, runden Tisch, ….“

Gwendolin ist 84 Jahre alt als die Geschichte beginnt. Sie ist immer noch gefangen in ihrer Vergangenheit, in der sie alles hingenommen hat und viel geschwiegen. In ihren Erinnerungen kehrt sie immer wieder in ihre Kinderzeit in Berlin-Wilmersdorf vor dem Krieg zurück, als die Mutter Klavier spielte und der Vater fürs Theater lebte. Nie ist er, der durch sein steifes Bein nicht in den Krieg ziehen musste, ohne ein Buch aus dem Haus gegangen. Sogar im Luftschutzkeller hat er seiner Tochter vorgelesen, bis eine Nachbarin einen Blick auf seinen Gedichtband von Heinrich Heine wirft und ihn denunziert. Zum ersten Mal geht der Vater ohne Buch als er mitten in der Nacht abgeholt wird. Gwendolin wird die Mutter verlieren und den stummen Vater, der als Skelett aus dem Konzentrationslager Sachsenhaus zurückkehrt.

In Gedankenströmen, die anfänglich verwirren und den Einstieg in die Geschichte erschweren, berichtet Gwendolin in ihrer ganz eigenen, beobachtenden Sprache von den Geschehnissen. Dabei entwirft Susan Kreller unvergessliche Szenen, zum Beispiel Vater und Tochter, die sich einst so nah waren und nun körperlich verzweifelt in der Nachkriegszeit aneinander festhalten und wärmen, ohne sich zu erreichen.
Nach dem Tod des Vaters berührt die Fürsorge einer sich schuldig gemachten Nachbarin. Das junge Mädchen durchläuft eine Ausbildung als Hauswirtschafterin und heiratet einen um Jahre älteren, im ersten Moment sanften Mann, der auch noch gut betucht ist. Willem Suhr besitzt eine Papierfabrik am Niederrhein, entpuppt sich aber in der Ehe als Sadist. Er quält mit seiner sanften Art und den toten Augen nicht nur seine Frau, sondern auch seinen Sohn, den er gnadenlos schlägt und verhöhnt. Gwendolin vermag es nicht, ihrem Kind beizustehen. Dieses Gefühl belastet sie unendlich schwer.
Sie flieht, nachdem sie Alleinerbin ist, in die Welt der Bücher und Gedichte, ob von Mascha Kaléko oder den Schwestern Brontë.

Und dann ist da Thea, eine rüstige Rentnerin, jünger als Gwendolin, eine Frau, die sich in Gwendolins Villa Pirasol hinterlistig einnistet und versucht, das Kommando zu übernehmen. Angeblich trage Gwendolin eine Schuld ihr gegenüber, die Thea publik machen wolle. Doch Gwendolin fühlt eher dem Sohn gegenüber Schuldgefühle, denn sie kann ihn trotz ausgesandten Detektiven nicht finden. Als Gwendolin es endlich schafft, Thea klar und deutlich zu schreiben, dass sie die Villa verlassen muss und ihr eine Frist setzt, sind plötzlich die blockierenden Albträume und Schuldgefühle wie weggeblasen.

Susan Kreller wurde durch ihre feinfühligen Kinder- und Jugendromane bekannt, unvergesslich ihr Roman „Elefanten sieht man nicht“ oder „Schneeriese“, für den sie den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. „Pirasol“ dagegen ist ein Entwicklungsroman für erwachsene Leser, der in drei Strängen, die in drei Zeiten angesiedelt sind, erzählt. Zum einen geht es um Gwendolins Familie im Krieg und unmittelbar danach, es geht um die Ehe mit Willem und schließlich die Gegenwart im Jahr 2014, als Gwendolin durch das Getuschel ihrer Umgebung erfährt, dass ihr vor mehr als dreißig Jahren spurlos verschwundener Sohn in der Stadt gesehen worden ist.
Kunstvoll verwebt die Autorin diese Zeitebenen und berührt den Leser, den diese Geschichte noch lang beschäftigen wird.