Schwarz und weiß

Irene Dische: Schwarz und weiß, Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Plessen, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, 489 Seiten, €26,00, 978-3455-40477-7

„Die meisten ihrer Bekannten waren von Dukes Einsilbigkeit fasziniert – wahrhaftig, er war dunkel und geheimnisvoll. Seine Frau war das Gegenteil. Nach Jahrzehnten eines Lebens als hässliches Entlein im Schatten ihrer Eltern hatte Lili sich zu einem schillernden Paradiesvogel gemausert, und ihr Mann war ein Bestandteil ihrer allseits geschätzten Farbpalette.“

Sie sind das schwarz-weiße Traumpaar von Manhattan, Lili und Duke Butler. Als sie sich in Nairobi kennenlernen und später, 1972, in New York wiedersehen, ahnen sie nicht, welche berauschend beglückende und zugleich grausame Berg- und Talfahrt ihnen bevorsteht. Irene Dische zieht alle Register ihrer satirischen Fabulier- und Erzählkunst, um den Leser zu fesseln, zumal alles mit einer bedrückenden Information beginnt. Eine gewisse Jo, eigentlich Jutta Bolin, Deutsche und Mutter von Duke, erzählt, dass ihr Sohn nach einem Verbrechen zum Tode verurteilt wurde. Sie habe angeblich die Aufzeichnungen von Lili gefunden. Es heißt, Duke sei das Monster und Lili die Heilige, da leben sie bereits völlig verarmt und zerstritten in Florida.
Und doch, alles beginnt so glanzvoll an der Upper West Side. Lilis Eltern, Vlado und Bucky Stone, sie eine bekannte Essayistin, er ein begnadeter Komponist, konsultieren regelmäßig ihre Analytiker und gehören der angesagten Kunstszene an.

“Eine dreiköpfige Familie wie die Stones hat nicht drei, sondern sechs Mitglieder, weil jedes Mitglied rund um die Uhr von einem unsichtbaren Therapeuten begleitet wird, einem Vertrauten, auf den man sich beruft und den man zitiert und der so an allem beteiligt ist, an jedem Zerwürfnis, jedem Kuss und jedem Gespräch.”

Lili mit der klobigen Brille, die nun alle Erwartungen ihrer Eltern erfüllen soll, zeigt eine Begabung für Chemie, was die Eltern eher verachten als schätzen. Mit achtzehn verliebt sich Lili dann in den sanftmütigen, gutartigen und in der Armee völlig deplatzierten Duke. Er wird nach amerikanischen Verhältnissen, die allergrößte Liebe. Mit all ihren Beziehungen sorgen die Stones für Dukes Zukunft ohne Armee und an der Seite ihrer Tochter. Er befasst sich mit dem in der besseren Gesellschaft so geschätzten Wein und sie beginnt zu aller Überraschung eine Modelkarriere, um sogar in den Medien noch populärer zu werden als ihre Eltern. Duke schafft es sogar ins Fernsehen mit einer Wein-Sendung. Aber so schnell wie die unberechenbare und völlig verrückte Lili nach oben steigt, fällt sie auch wieder in dem hart umkämpften Business. Beide können nicht mit Geld umgehen, so muss der blauäugige Duke lernen, dass er auch Steuern zahlen muss und Lili kauft sich Nerze ohne Ende als würde sie ihr Leben lang modeln. Beide agieren auf zu großem Fuß und ohne doppelten Boden. Tief wird der Absturz sein, der bereits damit beginnt, dass Lili in einem unachtsamen Moment ihrem Mann ein Auge aussticht.
All ihre Bemühungen ein Kind zu bekommen, Duke lehnt Kinder ab, endet in einer Abtreibung und einem grausigen Moment im Krankenhaus. Lili wird sich immer mehr im Alkohol- und Drogenrausch verlieren, der treue Duke wird für ihr Weiterleben sorgen.

Parallel zur extrem sarkastisch erzählten Geschichte des Paares in den 1970er und 80er Jahren berichtet Jos Mutter aus der Ich-Perspektive im fernen Florida von ihrem öden Leben und der Vita ihres Sohnes, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat.

Erzählt Irene Dische von den Abgehängten und potentiellen Trump-Wählern einerseits und den besser gestellten Intellektuellen andererseits, so ergibt sich in ihrem Handlungsverlauf eher ein düsteres Bild einer gespaltenen Gesellschaft, in der mehr Schein als Sein den Tagesablauf bestimmt. Einige Unstimmigkeiten in der Handlungsführung beeinträchtigen nicht unbedingt den Erzählfluss, irritieren jedoch. Und doch, Lili und Duke scheitern auf ganzer Linie ohne jegliche Sympathie der Autorin und bei allem Sarkasmus bleibt der Leser von ihren Schicksalen gewollt oder ungewollt betroffen.