Maiglöckchenweiß

Christian Schünemann & Jelena Volić: Maiglöckchenweiß, Ein Fall für Milena Lukin, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 320 Seiten, €18,99, 978-3-257-60818-2

„Sie schlang die Arme um ihren Körper, als würde sie ihren kleinen Jungen umarmen, schloss die Augen und machte den Schritt ins Leere.“

Aus mehreren Erzählperspektiven nähert sich das Autorenduo Schünemann & Volić dieser ergreifenden Geschichte, in deren Mittelpunkt eine brutale Tat steht, die vor gut fünfundzwanzig Jahren von zwei Jugendlichen begangen wurde. Jurij und Luca, zwei angetrunkene Jugendliche, erschlagen den zehnjährigen Dusan, einen serbischen Roma mitten in Belgrad. Wie die zweite Tat, die gleich zu Beginn erwähnt wird, im Zusammenhang mit der ersten steht, klärt sich im Laufe des Romans. Fünf Jahre später, 2003, wird der serbische Ministerpräsident aus dem Hinterhalt erschossen.

Der Leser schaut kurz in das tragische Leben der Roma-Familie, die ihr Kind verloren hat. Die Mutter Svetlana nimmt sich das Leben und der Vater schickt seine Tochter Anna auf Nimmerwiedersehen in die USA.

Schnitt. Der Leser ist in der Gegenwart bei Milena Lukin. Sie teilt ihr Arbeitsleben zwischen dem Institut für Kriminalistik und dem Job bei der deutschen Botschaft, bei dem sie sich um Rechtsreformen den EU-Beitritt Serbiens betreffend beschäftigt. Ihr Sohn Adam wird elf Jahre alt und wartet sehnsüchtig auf seinen deutschen Papa Philip. Milenas Ex-Mann bringt seine um Jahre jüngere Lebensgefährtin mit. Trotz Trennung fühlt sich Milena immer unter Druck, wenn sie mit Philip, dem nichts in ihrem Leben passt, zusammentrifft. Sie fragt sich, sieht die Wohnung nicht zu schäbig in seinen Augen aus, kann sie ihre Eifersucht auf die Vater – Sohn – Beziehung in den Griff bekommen und hoffentlich hält sich ihre Mutter zurück. Hin- und hergerissen zwischen den beiden Arbeitsstellen hält Milena Kontakt zu ihrem Freund Sinisa, der als Anwalt Jurij Pichler, einen der Kindsmörder, vertritt. Pichler ist einer der Jugendlichen, der sich nun seiner Verantwortung stellen will und nach Belgrad zurückgekehrt ist. Nur Luca musste damals eine Haftstrafe wegen Todschlags absitzen. Jurij wurde von der Familie nach Argentinien geschickt. Doch dann wird Jurij Pichler tot aufgefunden. Die Polizei kehrt alles schnell unter den Teppich und behauptet, es sei Selbstmord gewesen. Aber Sinisa ahnt, dass mehr hinter dieser Geschichte steckt. Milena versucht mit ihren Kontakten, Licht ins Dunkel zu bringen, weil sie das traurige Schicksal des Roma-Jungen berührt, der im gleichen Alter wie ihr Sohn Adam war, als er sterben musste. Ein Glas mit Maiglöckchen steht an der Stelle in der Belgrader Straße, in der der Junge sein Leben lassen musste.

Als Philip dann mit seiner Freundin Jutta anreist, kippt der Roman kurz mal in den Reiseführer-Ton, denn Milena fühlt sich bemüßigt, der Freundin ihres Ex die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Unter all der Fassade, die gut übertüncht ist, und das spürt auch der Leser, rumort eine Gesellschaft, in der noch die alten Seilschaften funktionieren, sogar Milena mit ihren Beziehungen Leute ködert und vieles, auch was den EU-Beitritt anbelangt, im Argen liegt. Im Hintergrund spielt natürlich auch die Tito-Zeit eine Rolle und der Jugoslawienkrieg. Erzählt Milenas Mutter ihrem Enkel, dass Tito ein Held ist, so sieht Philip dies völlig anders. Allein schon Philips abschätziger Blick und Ton, der Milena auf die Palme bringen kann, dem sogenannten „Osteuropa“ gegenüber, spricht Bände. Und doch, es geht immer um menschliche Schicksale, ob es nun um Roma-Kinder geht oder Serben, die sich ihrer Schuld stellen wollen. Bleibt die Frage, wer hat den reuigen Jurij kaltblütig erschossen, denn von Selbstmord kann nicht die Rede sein. Was hat er seinem Freund Luca am Abend vor seiner Ermordung erzählt? Ist es die späte Rache der Roma? Hat es mit Annas Rückkehr aus den USA zu tun, die sich mit Jurij treffen wollte? Anna, die in den USA als Roma eine Karriere als Anwältin hinlegen konnte.

Spannend liest sich dieser Roman, der in einem osteuropäischen Land spielt, von dem wir so wenig wissen und vielleicht auch wissen wollen. Milena als Hauptfigur ist interessant genug, um dieser teils auch konstruierten Handlung zu folgen. Es ist die Mischung aus Kriminalfall und privatem Einblick ins Leben und Denken der Belgrader, das doch um Längen anders ist als unseres, das den Roman so lesenswert macht.