Die Hauptstadt

Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 459 Seiten, €24,00, 978-3-518-42758-3

Der Deutsche Buchpreis 2017 geht an Robert Menasse. Sein Roman “Die Hauptstadt”, für den der Autor aus Österreich Brüssel und die EU in den Mittelpunkt stellte, mache “unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können”, so die Jury.

„Sie war in Zypern geboren, als Griechin, und sie war in Griechenland Griechin, geboren in Zypern. Es war verrückt, dass ihr nun abverlangt wurde, die Identität als eine doppelte zu sehen, die ihr eine Entscheidung abverlangte: Du bist schizophren, entscheide dich, wer du bist! Natürlich würde sie die Chance ergreifen und den Pass wechseln. Sie brauchte zwei Stunden, um es sich einzugestehen. Sie war Pragmatikerin.“

Es sind die Absurditäten, die sich hin und wieder in den Vordergrund dieses Europaromans über Intriganten, Karrieristen, Egomanen und stur arbeitende Beamte drängen. Die Griechin namens Fenia Xenopoulou, die eine steile Karriere in Brüssel anvisiert, allerdings nicht im Ressort „Kultur und Bildung“, kann nur nach oben fallen, wenn sie ihren Pass, das stellt sich zum Ende heraus, umschreiben lässt. Und das in einer Institution, in der es um die Überwindung der Nationalitäten geht. Fenia Xenopoulou bringt auch in Erfahrung, dass das Lieblingsbuch des Kommissionspräsidenten angeblich “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil ist und beginnt es mit großen Zweifeln und einer einsetzen Verzweiflung zu lesen.

“Die Kultur war ein bedeutungsloses Ressort, ohne Budget, ohne Gewicht in der Kommission, ohne Einfluss und Macht. Kollegen nannten die Kultur ein Alibi-Ressort – wenn es das wenigstens wäre! Ein Alibi ist wichtig, jede Tat braucht ein Alibi! Aber die Kultur war nicht einmal Augenwischerei, weil es kein Auge gab, das hinschaute, was die Kultur machte. Wenn der Kommissar für Handel oder für Energie, ja sogar wenn die Kommissarin für Fischfang während einer Sitzung der Kommission auf die Toilette musste, wurde die Diskussion unterbrochen und gewartet, bis er oder sie zurückkam. Aber wenn die Kultur-Kommissarin rausmusste, wurde unbeeindruckt weiterverhandelt, ja es fiel gar nicht auf, ob sie am Verhandlungstisch oder auf der Toilette saß. Fenia Xenopoulou war in einen Aufzug gestiegen, der zwar hochgefahren, aber dann unbemerkt zwischen zwei Stockwerken stecken geblieben war.”

Ein Schwein, dass angeblich durch die belgische Hauptstadt rast, beschäftigt die Gemüter. Ist es ein Phantom, ein Sinnbild oder gar doch ein gefährliches Tier? Mit dieser Szene beginnt dieser fantastisch geschriebene Roman, in dem Mordfälle zu den Akten gelegt werden und Beamte sich warme deutsche Unterwäsche besorgen, damit sie bei einem Besuch in Auschwitz nicht frieren. Da spielt China als größter Schweinefleischabnehmer die europäischen Staaten gegeneinander aus, weil die EU es nicht schafft, ein vernünftiges Abkommen auszuhandeln.
Kein Wunder, dass die Leute in Europa das Vertrauen in die EU verloren haben, und diese mit ihrem schlechten Image zu kämpfen hat. Da kann nur eins helfen, die Idee einer Jubiläumsfeier, die das Ansehen der EU wieder aufpoliert. Als Fenia Xenopoulou die Organisation dieses Ereignisses in zwei Jahren gleich mal an sich reißt, kann der Österreicher Dr. Martin Susman nur mit den Augen rollen, denn er soll in vierzehn Tagen ein Konzept für die Feier zum 50. Jahrestag der EU vorlegen. Sarkastisch stellt er fest, dass nicht die Jahre in Brüssel zählen, sondern die Kilo, die er im Laufe der Zeit zugenommen hat.

Um über die EU zu schreiben, bedarf es vieler Protagonisten, denn nicht umsonst ist Brüssel eine glanzvolle Stadt mit vielen hohen schillernden Gebäuden und wenig Moral. Verwoben in die temporeiche Handlung sind neben den Beamten aber auch ein Auftragskiller, ein Kommissar, der sich mit der Endlichkeit des Lebens befasst, ein Europa-Utopist, ein KZ-Überlebender und diverse Lobbyisten. Den großen innereuropäischen Flüchtlingstreck 2015 sowie den Brexit 2017 lässt sich der Autor nicht entgehen. In einem Interview sagte Robert Menasse, der selbst einige Jahre in Brüssel gelebt hat:

„Weil man das, was geschieht in Brüssel und in den europäischen Institutionen nicht anhand einer Figur erzählen kann, denn das Charakteristische und Wesentliche ist ja das Babylonische in Brüssel: also die vielen Sprachen, die vielen Mentalitäten, die vielen Arbeitsebenen, die Widersprüche, hinter denen konkrete Menschen immer stehen. Das ist ja nicht nur ein institutioneller Widerspruch. Der wird durch Menschen vertreten und verschärft und betrieben.“

In verschiedenen Erzählsträngen wird nun das Scheitern der Figuren und einer Idee mit Ironie und Sprachwitz thematisiert. Auch der Gedanke an Auschwitz als der heimlichen Hauptstadt, von der aus eine Feier zelebriert werden soll, um den europäischen Friedensgedanken in Erinnerung zu rufen, zerschlägt sich in allen möglichen Gremien und Instanzen.

Keine optimistisch stimmende Lektüre, was unsere Zukunft angeht, aber vielleicht eine genau beobachtete, anregende und manchmal auch eine, die den Leser zum Schmunzeln bringt.