Halali

Ingrid Noll: Halali, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 320 Seiten, €22,00

„Da wurde wiederum der Grizzly hellhörig, und Karin klärte ihn prompt über German Sokolow alias Hermann Falkenstein auf und über das belastende Material, das wir gefunden hatten. Sie geriet regelrecht in Fahrt, was wiederum mir nicht recht war.“

Enkelin Laura und Großmama Holda treffen sich, da sie nicht weit auseinander wohnen, zum Essen und Plauschen. Und die zweiundachtzigjährige Oma hat so einiges von ihren ersten Berufsjahren im aufstrebenden Bonn zu erzählen, was Enkelin Laura ab und zu ihr Sushi vergessen lässt. Da geht es nicht um Büroarbeit und Tratsch, oh nein, es wird Tote geben und vor allem von Geheimdiensten und seinen Machenschaften handeln. Holda, auch genannt Frau Holle oder einfach nur Holle, und ihre Freundin Karin entfliehen ihren kleinbürgerlichen Elternhäusern, leben zur Untermiete und arbeiten als Sekretärinnen in Bonn. Beide sind jung, Holle sexuell noch ziemlich naiv, Karin schon ambitionierter und nicht nur aufs Küssen aus. Karin wohnt bei ihrer gräflichen Tante in einer Villa, deren vier möblierte Zimmer im Erdgeschoss vermietet werden. Holle führt den Hund ihrer Wirtin aus, so kann sie einmal in der Woche umsonst ein warmes Bad nehmen.

Einfach waren die Verhältnisse nach dem Krieg und belastet von Erinnerungen, die sich nicht als Gesprächsthemen beim Tee eigneten. Karin hat wohl so einiges auf der Flucht erlebt, was erst in ihren Fieberträumen angedeutet wird. Aber das Leben muss weitergehen, es wird nach vorn geschaut und nicht zurück. Träumen die jungen Sekretärinnen ohne Abitur von ganz anderen Berufen, Holle wäre gern Grundschullehrerin, Karin würde gern Sprachen im Ausland studieren, so geht es im Büro eher um Tratsch und Mode. Politik ist das letzte, was sie beide beschäftigt und ihre Chefs in grauen Anzügen schon gar nicht. Sicher wissen die beiden Frauen, dass ihre Berufung nicht die Arbeit in einem Büro ist, sondern die Heirat. Allerdings schwebt Karin da schon eher ein Diplomat vor und kein kleiner Handwerker. Am langweiligsten ist einer ihrer Vorgesetzten, der Regierungsrat Burkhard Jäger. Allerdings ändert sich so einiges als die beiden Frauen in einem Starenkasten in einem braunen Umschlag eine seltsame Nachricht mit Datum und Uhrzeit finden.

Als Holle zu diesem Datum und gleicher Uhrzeit Regierungsrat Jäger mit einem dubiosen kleinen Mann beobachtet, die Papiere austauschen, denkt sie noch, es sei Zufall. Als der kleine Mann dann allerdings als Leiche per Zufall im Rhein schwimmt und von Holles damaligem Freund herausgefischt wird, keimt ein Verdacht auf. Dann zieht der mufflige Regierungsrat auch noch als Untermieter zur Tante in die Villa. Als Unterwäsche verschwindet durchsuchen die beiden Frauen und ein weiterer Untermieter, die Frauen nennen ihn Grizzly, der sich in Karin verliebt hat, Jägers Zimmer. Sie finden eine Menge Bargeld. Der Tote aus dem Rhein ist ein gewisser German Sokolow, offenbar ein Russe, der die Seiten wechseln wollte. Doch warum hat er sich mit Jäger getroffen? Was läuft da ab in Bonn? Als Karins Tante ins Krankenhaus muss, tanzen die Mäuse auf dem Tisch und Karin und Holle feiern mit Grizzly wilde Feste. Als der biedere Herr Jäger den dreien droht, alles der Tante zu stecken, kommt es zum Eklat, in dessen Verlauf so einiges zur Sprache kommt, auch ein seltsamer Brief. Am Ende ist Jäger tot. Er hat Karin mit einem Messer bedroht, Holle hat ihn mit einem Degen aus dem Stock der Tante verletzt und Karin hat ihn dann endgültig wie auf der Jagd zur Strecke gebracht. Mit Grizzlys Hilfe verfrachten sie den Toten ins Auto und verbrennen Jäger auf einer Lichtung. Die Todesursache ist vertuscht, aber der Mord scheint nur Grizzly so richtig an die Nieren zu gehen.
Alle drei ahnen nicht, dass sie beobachtet wurden.

Wie immer dreht sich alles bei Ingrid Noll um Mord, Erpressung und seltsame Geschehnisse. Leichthändig verfasst, konventionell und historisch interessant erzählt die ebenfalls zweiundachtzigjährige Autorin von der Nachkriegszeit, vom Lebensgefühl junger Frauen und ihrer Alternativen. Dass die beiden „Tippsen“ die NATO-Unterlagen für ein Handgeld und einen Geheimdienst mal kurzerhand umgeschrieben haben, ist eine witzige Idee. Dass die Stasi in Bonn sogenannte Romeos eingeschleust hat, um Sekretärinnen um Liebesdienste und Landesverrat zu bitten, ist jedoch mittlerweile kein Geheimnis mehr. Und dass Holle und Karin ihre Freundin Ulla von so einem Romeo befreit haben, liest sich eher komisch als tragisch. Noch ein Toter, aber auch dieser wird nicht der letzte sein. Halali!