Davonfliegen

Sarah Armstrong: Davonfliegen, Aus dem Englischen von Ute Brammertz, Diana Verlag, München 2017, 446 Seiten, €14,99, 978-3-453-29193-5



„Mit gesenktem Kopf stieg die Kleine die Stufen hoch. Sie sah nicht zu Anna zurück. Er packte sie am Arm und zerrte sie ins Haus. Die Tür knallte hinter ihnen zu. Jetzt war das kleine Mädchen im Haus gefangen.“

Annas neue Nachbarn ziehen lautstark in ihre neue Wohnung ein. Hellhörig sind die Zimmer, denn Anna kann hören, wer sich wo aufhält. Als sie die fünfjährige Charlie kennenlernt, wurde diese von ihrer Mutter einfach ausgesperrt. Den offenbar menschlichen Biss auf Charlies Bein kann Anna nicht vergessen und ihren Geruch nach Zigaretten und Urin. Aggressiv und voller Missachtung reagiert Charlies Mutter, Gabby, auf Annas Fürsorge für das Kind, dass auch des Nachts wie ein Baby weint. Noch heftiger sind die Drohungen des gewalttätigen Stiefvaters Harlan. Anna fühlt sich hilflos, denn sie ahnt, wie es dem Kind hinter den verschlossenen Türen geht. Sie ruft mit ihrem Freund Dave zusammen die Polizei an, sie ruft das Jugendamt an. Niemand unternimmt etwas.

Anna arbeitet als freie Designerin, ist 37 Jahre alt und hat keine Kinder. Früh ist ihre Mutter gestorben, über die ihr Vater, ein pensionierter Polizist, nie sprechen will. Vor gut siebzehn Jahren war sie von Pat schwanger, einem Freund, der in den Bergen, weit ab von Sydney, ein freies Hippiedasein lebt. Sie hat sich damals gegen das Kind entschieden, denn mit Pat zusammenleben wollte sie nicht. Ihr neuer Freund Dave, Jurist, möchte gern, das Anna seine Kinder kennenlernt.

Als Anna sieht, wie Charlies Stiefvater sie kopfüber schüttelt, und das Kind sich in den Büschen versteckt, um dann zu ihr zu kriechen, ist ihre Geduld mit den Behörden vorbei. Sie packt das weinende, dünne Mädchen ins Auto und fährt ohne groß nachzudenken davon. Während der Fahrt ruft sie Dave an, der sie darauf hinweist, dass diese Entführung strafrechtliche Konsequenzen hat, ja Gefängnisstrafe bedeuten könnte. Aber Anna kann nicht ertragen, dass Charlie wieder in diese Familie zurückkehren muss, auch wenn es nur eine kurze Zeit wäre.
Sie verwischt alle Spuren und begibt sich zu Pat, der weitab nun mit Sabine im Regenwaldtal zusammenlebt und selbst demnächst Vater wird. Beide unterstützen Annas Handeln und haben doch Vorbehalte. Aber Charlie lebt langsam auf, spielt mit anderen Kindern und fragt nur ab und zu nach der Mutter. Doch sie zeigt auch ihre schwierige Seite, sie schreit, beißt vor Wut andere Kinder und beschimpft Anna. Diese weiß, das Kind hat nichts anderes gelernt. Als Charlie hohes Fieber bekommt, muss sie ins Krankenhaus. Auch hier wird Charlies Identität nicht aufgedeckt und doch weiß Anna, dass die Polizei sie sucht, Gabby sich aber nicht mehr um ihr Kind kümmern will. Als Anna und Charlie von der Polizei gefunden werden, kommt das Kind in die Obhut von Gabbys Mutter, die Charlie nie gesehen hat und Anna wird inhaftiert.

Sarah Armstrongs Romanhandlung kreist um ein heikles Thema. Hat man das Recht, misshandelte Kinder vor seinen eigenen Eltern zu schützen? Darf man das Gesetz in die eigenen Hände nehmen, wenn man glaubt, ein Menschenleben ist in Gefahr? Hat sich Annas Angst um das Kind nicht bestätigt als Gabby ihre Verantwortung einfach an die alte Mutter abgibt, die keine Beziehung zu ihrem Enkelkind hat? Nie versucht die australische Autorin, Annas spontane Handlungen auf eine psychologische Ebene zu verlagern und doch ahnt der Leser, dass die eigene fehlende Mutter für Anna auch der Auslöser war, ein einsames Kind zu beschützen. Was die Geschichte vorantreibt, ist natürlich die Neugier auf den Ausgang und die eigenen Zweifel, ob Anna wirklich so handeln sollte. Immer wieder schwankt man selbst, besonders in Situationen, in denen Charlie einfach unausstehlich ist. Und unwillkürlich denkt man beim Lesen dieses gut geschriebenen Romans an Schlagzeilen, in denen mitgeteilt wird, dass ein kleines Kind verhungert oder zu Tode gequält wurde, weil die Nachbarn einfach desinteressiert waren und nichts hören und sehen wollten.
Lesenswert – ein zwiespältiges Plädoyer für Zivilcourage und Verantwortung!