Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 650 Seiten, €25,00, 978-3-257-06998-3

„Die Welt hatte keinen Platz für ihn.“

Der achtzehnjährige Ukrainer und Jude Boris Sidis kommt am 5. Oktober 1886 in der Neuen Welt an und wirft alles, was er hat, auch sein Geld, einfach fort. Frei sein will er und landet in Manhattan in der Hölle, denn Boris verfügt zwar über Sprachkenntnisse, kennt aber kein englisches Wort und hat nie körperlich hart gearbeitet. Schwer schuften muss er nun, um nicht unterzugehen und er muss viel einstecken. Aber Boris verblüfft den Leser durch seinen enormen Drang nach Bildung, aber auch seine kompromisslose, taktlose und vor allem direkte, ignorante wie ehrliche Art auf Menschen zuzugehen. Absolut kopfgesteuert in allem was er tut, ist er fasziniert von Büchern, er ist ein kluger Mensch und ein begnadeter Lehrer. Eine seiner Schülerinnen ist Sarah Mandelbaum, ebenfalls aus der Ukraine emigriert. Sie ist nie in die Schule gegangen und will trotzdem ihrem harten Los als ungebildete Arbeiterin entfliehen. Sie verliebt sich in Boris, aber dieser sieht sie zuerst nur als sein Versuchsobjekt. Und doch, sie werden heiraten, denn Boris hat sich geschworen, er wird aus dieser Frau eine Akademikerin machen. Sarah wird Medizin studieren und dem unpraktischen Boris, wenn es sein muss, den Kopf zurechtstutzen, denn für ihn hat materielle Sicherheit keinen Wert, für sie, die in Armut leben musste, schon. Als Freigeist, der immer nur nach vorn schaut, hasst er regelmäßige Arbeit. Bei allen Fähigkeiten, die Boris nun im Laufe der Jahre sammelt, entscheidet er sich endlich für den Beruf des Psychologen, nachdem er ein Buch seines Idols, Prof. James, gelesen hat. Er arbeitet in New York am Pathologischen Institut of the New York State Hospitals for the Insane und muss sich auch hier gegen viele Widerstände durchsetzen. Boris überzeugt immer wieder durch seinen klaren Verstand, seine Bildung und vor allem seinen Enthusiasmus, wenn er sich für ein Thema begeistern kann. Auch sein Sohn Billy, eigentlich William James, das Genie, wird alle diese Eigenschaften vom Vater erben. Auch Billy wird zum Forschungsprojekt des Vaters, der mit seiner Erziehungsmethode beweisen will, wie schnell ein Kind lernen kann, wenn es nur gefördert wird. Vom ersten Tag, an dem Billy auf der Welt ist, wird er von Vater und Mutter unterrichtet. Zu diesem Zeitpunkt lallt er noch Babysprache.

„Boris setzte sich eine Pelzkappe auf, wie immer, wenn er bei der abendlichen Konversationsstunde das Russische an der Reihe war. Das sollte William die Ordnung im Kopf erleichtern. Ein Bowlerhut stand für Englisch, eine Baskenmütze für Französisch, ein Filzhütchen für Deutsch und die Pelzkappe eben für Russisch. Diese vier Sprachen waren als Grundlage erst einmal genug, befand Boris. … Man durfte seine Kind nicht durch überhöhte Erwartungen unter Druck setzen.“

Billy wird behandelt wie ein Erwachsener. Es gibt kein Verhätscheln, keine Babysprache und offenbar wenig emotionale Zuwendung. Bereits als Kleinkind ist der Junge ein unausstehlicher, altkluger Besserwisser, der ein enormes Allgemeinwissen angehäuft hat, aber keinen Ball werfen kann.
Er liebt es, Straßenbahn zu fahren, hat aber keine Ahnung, wie man mit Kindern spielt. Boris entwickelt für ihn Spielzeug, mit dem er automatisch auch etwas lernt. Mit seinem trainierten Gehirn, Lügen sind ihm ein Graus, lebt der Junge mit seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Selbstgewissheit wie ein Autist, der von der Außenwelt und gesellschaftlichen Regeln keine Ahnung hat. Erste erhebliche Einbrüche muss er hinnehmen, als er die Grundschule besuchen muss. Es fehlt ihm an mathematischen Kenntnissen, eine Tatsache, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes krank macht. Sein Vater schließt für ihn die Lücke und entdeckt, wie begabt der Junge auch auf diesem Gebiet ist.

Klaus Cäsar Zehners Sprache ist von großem erzählerischem Reichtum. Atmosphärisch genau und szenisch klar vorstellbar entfaltet er das Leben der Familie Sidis vor den Augen des Lesers. Besonders tragikomisch sind die Momente, in denen der Vater gegen die Regeln des Bildungssystems in den USA Sturm läuft und kein Blatt vor den Mund nimmt und Billy ehrwürdige Herren und deren Aussagen ins Lächerliche zieht. Das Wunderkind durchläuft die Schule, es war nicht anders zu vermuten, mit vielen Kränkungen und Schlägen in nur sieben Monaten. Ständig leben die Lehrer in der Angst, dass Billy inmitten seiner um Jahre älteren Mitschüler, er wechselt wie im Flug die Klassen, ihnen einen Fehler nachweisen könnte. Mit sieben Jahren beginnt Billy, seine ersten wissenschaftlich unterfütterten Bücher zu schreiben, eine neue Sprache zu erfinden, die sogar zu hoch für den Vater ist, und mit elf Jahren wird er sein Harvard Studium aufnehmen. Ein Kind in kurzen Hosen, das vor der Aufnahme in die Uni im Mathematischen Klub vor illustren Professoren über vierdimensionale Körper doziert, ist eine Sensation. Allerdings verfügt Billy auch über gründliche Kenntnisse der Anatomie, Politik, Wirtschaft, Jura, Philologie, Geschichte und Astronomie. Billy wirkt unter all den Studenten, wie das naive Kind, das wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einfach immer das sagt, was der klare Verstand ihm eingibt, auch in den unpassendsten Momenten.

Billys Hochbegabung zieht auch die Presse an, die über ihn schreibt, aber nicht über die Erziehungsmethode des Vaters, was diesen sehr verärgert. Billy jedoch sieht sich nicht als „Produkt seiner Erziehungsmethode“, er beginnt darüber nachzudenken, was für ein Mensch er sein will. Er stellt Regeln für sein Leben auf, auch moralische und an diesen wird er als Pazifist zu Beginn des 20.Jahrhunderts kläglich scheitern. Zwischenzeitlich arbeitet er als Versicherungsangestellter oder Straßenbahnschaffner und fühlt sich glücklicher als in jeder akademischen Einrichtung. Billy entdeckt seine Zuneigung zu Katzen und sogar entgegen seinen Lebensregeln zu einer Frau, die ihn allerdings nicht liebt. Und er ahnt, warum das Erziehungsprojekt seines Vaters gescheitert ist.

„ Nicht an ihm, William, auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt.“

Immer auf der Flucht vor der Presse, ohne Kontakt zu seiner hartherzigen Mutter, den er abgebrochen hat, scheint William James Sidis Leben einst ohne Erfolg gewesen zu sein. Aber für ihn war es das sicher nicht. 1944, im Alter von 46 Jahren, stirbt William James Sidis an einer Gehirnblutung.

Klaus Cäsar Zehrer zieht den Leser, auch wenn das eine abgedroschene Floskel ist, von der ersten bis zur letzten Seite in die unglaubliche Lebensgeschichte der Familie Sidis hinein. Selten wurde so lebendig und witzig über die Lust an der Bildung erzählt. Stellenweise muss man laut lachen, wenn der kluge Knirps oder auch „Erklärzwerg“ die Erwachsenen unfreiwillig vorführt, stellenweise spürt der Leser aber auch die innere Tragik und Qual des William James Sidis, für den es keine Normalität gab.

„Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“