Zeithain

Michael Roes: Zeithain, Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2017, 803 Seiten, €28,00, 978-3-89561-177-3

„Vielleicht muss ich mir Hans Katte eher als eine Art Punk vorstellen, als einen Rebellen aus einem privilegierten Elternhaus, der seine adlige Herkunft verachtet, ihr am Ende aber nicht entkommt. Einer, der sich mit Musikern, Malern, Schaustellern herumtreibt, am liebsten selbst einer von ihnen wäre, ein Freigeist, ein Ketzer, Künstler.“

Jeder, der sich irgendwann mit Preußen und Friedrich dem Großen beschäftigt, stößt auf die Namen von Katte und von Keith. Überliefert ist, dass Katte dem Kronprinzen bei der Flucht vor seinem prügelnden Vater helfen wollte und dafür mit nur 26 Jahren im Jahr 1730 in Küstrin geköpft wurde. Von Keith konnte sich nach England absetzen.

Doch wer war dieser Hans Hermann von Katte? Wie hat er gelebt und wie wurde er zum Vertrauten des verzweifelten Kronprinzen?
Michael Roes verfasst keine Biografie, sondern nähert sich seiner historischen Figur auf zwei Ebenen. Zum einen lässt er Katte selbst erzählen und gewährt dem Leser somit einen genauen Blick ins 18. Jahrhundert, zum anderen verfolgt in unserer Zeit Philip Stanhope, ein entfernter Vorfahre vom Grafen von Chesterfield, Kattes Lebensweg. Er findet angeblich sieben Briefe, die Lieutnant von Katte an seine Tante Ehrengard Melusine von der Schulenburg, die Mätresse von Georg II., König von England, geschrieben haben soll. Auf seiner Kavaliersreise hatte von Katte sie in London besucht, ein kurzzeitiger Lebensabschnitt, in dem er sich frei fühlen durfte.

Wenn der Leser sich durch alle möglichen verwandtschaftlichen Zuordnungen gelesen hat und diese ausführlichen Beschreibungen hoffentlich überstanden hat, landet er mitten in Kattes Reflexionen. Geboren wurde Hans Hermann von Katte 1704 in Wust, einem kleinen märkischen Dorf. Seine Mutter stirbt, da ist der Junge drei Jahre alt. Eine Großteil seiner Kindheit verbringt Katte bei seinem geliebten, ziemlich toleranten Großvater Alexander Herman Graf von Wartensleben in Berlin, im Herzen der Stadt Unter den Linden. Der nüchterne und vor allem strenge Vater ist als Kriegsarbeiter und Offizier im Dienst der preußischen Herrschaft viel unterwegs. Zurück in Wust erinnert sich Katte an seine Kindertage hier, an die Dorfjungs, die Spiele, seine Privatlehrer und seine Leidenschaft für die Flötenmusik. Skeptisch betrachtet der Vater die Interessen des Sohnes, dessen klarer Weg ohne Ausflüchte zum Militär führen wird.

Verweilt man noch an Kattes Seite, beschreibt Philip Stanhope parallel dazu das heutige Berlin, Wust, später dann Halle und alle Stationen, die Katte durchlaufen hat.
Fährt man durch Halle sieht man in großen Lettern den Hinweis auf die Franckeschen Stiftungen.
Ein Zögling des Pastors Francke, der weder die Musik noch das Theater für gut hieß und für eine rigide Disziplinierung der Schüler und drakonische Strafen eintrat, war der 13-jährige Katte. Eigenes Denken war im Pädagogischen Regium nicht erwünscht, Lehrsätze sollten ohne Kenntnisse des Inhalts einfach nur auswendig gelernt werden, heuchlerische Frömmigkeit und ein pietistisches Regiment herrschen. Nach einer sehr harten Zeit, jeder Schüler unterliegt einer Hackordnung und Katte wehrt sich durch Prügelattacken gegen jede Demütigung, findet er langsam Anschluss an die Jungen und Freunde, die er sogar an seinem letzten Tag sehen wird.

Hier in Glauchau wird Katte Friedrich zum ersten Mal sehen, einen acht bis neunjährigen Jungen in eine Uniform gezwängt.
Was beide, Katte und Friedrich, verbinden wird, ist die Liebe zur Musik und der Hass auf die emotionslosen, kontrollsüchtigen Väter, denen der militärische Dienst über allem steht. Katte durchläuft ab seinem siebzehnten Lebensjahr ein langweiliges Studium der Rechte in Königsberg, wo auch Kattes Vater als Stadtkommandant stationiert ist. Philip wird Kaliningrad besuchen. Von Blattern gezeichnet wird Katte auf der Grand Tour erleben, wie sein mitreisender Tutor bei einem Überfall ermordet wird. Mit schweren Verletzungen entgeht Katte dem Tod und reist weiter ins ungastliche London. Zurück in der Mark Brandenburg sehnt er sich nach der Freiheit, die für ihn nun in weiter Ferne liegt. Als Leibgardist des Königs und Cornett bei den Gens d’armes fühlt er sich wie eingesperrt. Doch dann wird Katte den jungen Friedrich in Mathematik unterrichten, ihn kennenlernen und somit seinem Schicksal nicht mehr entgehen können. Die große Armeeshow in Zeithain mit August dem Starken und dem Soldatenkönig, beide rund und wohlgenährt, beginnt und Kronprinz Friedrich, dem alles Militärische verhasst ist, denkt an Flucht Richtung Frankreich, England.

Michael Roes ist ein betörender Schriftsteller, der szenisch genau beschreiben und atmosphärisch dicht erzählen kann. Als Leser schaut man Katte über die Schulter, man spürt die brutale Gewalt in der Frankeschen Erziehungsanstalt geradezu körperlich, die Kälte und Distanz des Vaters von Hans, die Einöde und Ruhe in Wust, das verdreckte Paris oder die kindlich homoerotische Zuneigung des jungen Friedrich. Der Exkurs in die Vergangenheit, das mag Geschmackssache sein, ist um Längen interessanter als die Besuche von Philip im gegenwärtigen Europa. Möglicherweise ist Kaliningrad noch eine Entdeckung, aber letztendlich hat die Stadt all ihren auch intellektuellen Glanz verloren.
Exzellente Recherche paart sich in diesem Roman mit unbändiger Erzähllust, die manchmal auch nur andeutet und nie alles bis ins letzte interpretiert, in einer der Zeit angepassten Sprache.