Dann schlaf auch du

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du, Aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand Literaturverlag, München 2017, Seiten, €15,99, 978-3-630-87554-5



„Paul und Myriam verbannen sie hinter Türen, die sie am liebsten einschlagen würde. Sie hat nur einen Wunsch: Teil ihres Lebens zu sein, ihren Platz zu finden, sich dort einzunisten, ein Nische zu graben, einen Bau, ein warmes Eckchen. Manchmal fühlt sie sich bereit, ihr Stück Land einzufordern, dann wieder verlässt sie die Energie, Kummer erfasst sie, und sie schämt sich, auch nur irgendetwas geglaubt zu haben.“

Ausgezeichnet wurde die französisch-marokkanische Autorin von “Chanson douce” mit dem
Prix Goncourt 2016. Leïla Slimani beginnt ihren Roman mit einem Satz, der bereits das Blut erstarren lässt: „Das Baby war tot.“ Von Anfang an weiß der Leser, dass sich eine schreckliche Tragödie zutragen wird. Leïla Slimani begleitet ihn auf dem Weg zur Katastrophe und verbirgt doch so vieles zwischen den Zeilen.

Myriam und Paul, sie hat gerade ihr Jurastudium abgeschlossen, er beginnt eine hoffnungsfrohe Karriere in der Musikbranche, haben zwei Kinder, Mila und Adam. Fühlte sich Myriam mit Mila allein zu Hause noch ganz wohl, so stürzt das zweite Baby sie eher in einen existentielle Krise. Die Familie Massé lebt in einer guten Pariser Gegend in einer kleinen Wohnung. Per Zufall trifft die ziemlich von den Kindern genervte und geschlauchte Myriam einen alten Kommilitonen, der ihr Arbeit in seiner Kanzlei anbietet. Wenn Myriam Paul überreden kann, dann suchen sie sich ein Kindermädchen und Myriam wäre wieder frei für den Arbeitsmarkt. Groß ist Myriams Sehnsucht fern der Alltagsschwierigkeiten, wieder als sie selbst auftreten zu können. Mila ist ein anstrengendes, mürrisches Kind, Paul hält sich aus allem raus und die Schwiegermutter sieht nur die negativen Seiten.
Über eine Empfehlung finden die Massés Louise, eine schmale aber kräftige Frau in den Anfang vierziger Jahren. Sie ist die perfekte „Mary Poppins“, die sich unentbehrlich macht. Bei Louise schläft Adam durch, Mila lässt sich von Louises Geschichten gefangen nehmen, sie spielt mit den Kindern mit Ausdauer und Freude. Auch wenn die Massés manchmal ein schlechtes Gewissen haben, Louise ist alles gleichzeitig Kinderfrau, Putzfrau, Köchin und Vertraute, zumindest für Myriam. Doch wie wollen Paul und Myriam eigentlich wissen, mit wem sie da unter einem Dach wohnen? Louise beginnt auch bei der Familie ab und zu zu übernachten, wenn die Eltern aus sind oder lang arbeiten. Langsam baut sich die Kinderfrau ein kleines Nest mitten in der Familie, denn Louise ist ein einsamer, schüchterner Mensch, der sich nach Zuneigung und Liebe sehnt. Seit dem Tod ihres vulgären Mannes, der ihr nur Schulden hinterlassen hat, wohnt sie möbliert und weit fort von der Wohnung der Massés. Ihre Tochter ist einfach als Teenager verschwunden. Ob sie noch lebt oder wirklich in Südfrankreich glücklich geworden ist? Wer weiß?
Myriams Schwiegermutter findet nur beißenden Spott für die Kinderfrau und in den Gesprächen mit den Freunden schleicht sich immer wieder auch ein latenter Rassismus ein.

Louise übernimmt nach und nach den Haushalt der Familie, sie richtet liebevoll und ideenreich die Geburtstage der Kinder aus, sie bekocht die Familie, sogar die Freunde der Familie und sie genießt diese Rolle der Unentbehrlichen und Unsichtbaren, die sogar die getragenen Kleider von Myriam erbt. Scheint Myriam sie mit einer gewissen Herablassung zu betrachten, so vertraut sie ihr doch über einen langen Zeitraum das Wertvollste in ihrem Leben an.

Ab und zu jedoch schimmert auch Louises Hilflosigkeit und Ängstlichkeit durch. Paul entwickelt langsam eine Abneigung gegen ihre altmodischen Erziehungsmethoden, ihre Unsicherheit und ihr „Ohrfeigengesicht“. Diese wird noch verstärkt als ein Brief vom Finanzamt bei den Massés ankommt, der bestätigt wie schlecht Louises finanzielle Situation ist. Myriam bietet ihr zwar ihre Hilfe an, gibt aber auch auf als Louise ihr nicht entgegenkommt. Dem Leser wird nach und nach klar, das Louise keine eigenes Leben hat, sie konzentriert sich auf die Kinder, die sie so vergöttert, und hängst doch auch völlig unrealistischen Träumen nach.
Als die Familie sie zu einem Urlaub auf eine griechische Insel mitnimmt, denkt sie im Nachhinein, hier könnte sie sie selbst sein, hier könnte sie leben und sich um niemanden kümmern.

Louises offenbare Schwierigkeiten führen auch zu einem distanzieren Verhältnis zu Myriam, der die Kinderfrau ganz direkt Verschwendung und Unachtsamkeit vorwirft. Dabei hat Myriam Louise, der sie immer mehr aus dem Weg geht, befohlen, den Kindern keine abgelaufenen Lebensmittel zu geben. Langsam macht sich in der engen Wohnung ein Gefühl der Unbehaglichkeit breit und die Massés beschließen, wenn Adam in den Kindergarten geht, Louise nach den Ferien zu kündigen. Louise jedoch verkennt die Lage und glaubt, wenn Myriam ein drittes Kind bekäme, könnte man auf sie nicht mehr verzichten.

Mit dem Wegfall der Großfamilien entsteht für qualifizierte Frauen ein Konflikt, mit dem sie klarkommen müssen, Arbeit oder Kinder, und mit Kindern der qualvolle Spagat zwischen Erziehung und Berufstätigkeit. Ist der Mann, so wie Paul, eher außen vor und nur auf sich und seine Karriere orientiert, dann bleibt alles an Myriam hängen. Gesellschaftlich ein Problem in Frankreich wie in Deutschland. Wem kann man seine Kinder anvertrauen? Wie nah kommt dieser Mensch der Familie, welche Aufgaben übernimmt er und vor allem, wie genau sollte man ihn kennen?
Und hätten Myriam und Paul erkennen können, was wirklich in Louises Kopf vor sich geht?
Wäre diese Katastrophe vermeidbar gewesen?

Leïla Slimani berichtet neben den Alltagsgeschichten der Familie und Louises Schicksal sehr sparsam von den Menschen, mit denen Louise Kontakt hatte. Der Prozess wird erwähnt, aber nur peripher. Der Leser betrachtet aus seiner Perspektive Louises Gedankenströme, erfährt etwas aus Myriams Sicht und setzt sich so sein Bild von den genau gezeichneten Figuren und ihrem Verhältnis zusammen. Angelehnt ist die Geschichte an ein wahres Verbrechen in New York, wo 2012 Yoselyn Ortega, die 50-jährige Kinderfrau, die ihr anvertrauten Kinder in ihrer Badewanne erstochen hat.

Berührend und bedrückend zugleich ist die Handlung dieses Buches, das man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite nicht aus den Händen legen kann.