Wir Strebermigranten

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten, Carl Hanser Berlin, Berlin 2017, 221 Seiten, €16,99, 978-3-446-25683-5

„Selbstverständlich gehörten sie nicht zu den ‘vielen Ausländern’. Sie waren ja Turbodeutsche. Den deutschen Pass, den eingedeutschten Namen hatte sie auf dem Silbertablett serviert bekommen. Das Polnische hatten sie abgestreift.“

Emilia Smechowski verlässt 1988 mit ihren Eltern, beide sich ausgebildete Ärzte, ihren grauen Heimatort in der Nähe von Gdansk. Ihr vorgeblich geplanter Urlaub in Rimini endet in einem Aufnahmelager in Berlin. Emilka, dann Emilia ist fünf Jahre alt und wird durch den unbedingten Anpassungswahn ihrer Eltern die Muttersprache langsam verlernen. Als ihre eigene Tochter geboren wird, besucht sie einen Kurs, um ihre Polnischkenntnisse aufzufrischen.

Ihre autobiographische Erzählung jedoch beginnt die Autorin mit einem Paukenschlag. Als 16-Jährige verlässt sie ihre Eltern und das verhasste Haus, das nun als Statussymbol zeigen soll, was man als Bürger polnischer Herkunft, als eigentlicher Wirtschaftsflüchtling, schaffen kann. Dabei sind Emilia und ihre Eltern auf dem Papier gar keine Polen, sondern wurden als Aussiedler anerkannt. Einst hatte der Uropa sich auf der Liste der Nazis zu seiner „deutschen Volkszugehörigkeit“ bekannt und dafür in der Wehrmacht gekämpft. Diese historische Tatsache ist nun der Freibrief für die umbenannten Smechowskis, im bunten Kapitalismus ein besseres Leben zu führen. Doch um welchen Preis? Abducken, unsichtbar sein, nicht polnisch sprechen, schnell Deutsch lernen, schnell aus der Sozialsiedlung in ein eigenes Haus, schnell assimilieren und bloß nicht auffallen. Die Kinder mussten die besten sein, besser als die Deutschen. Wenn die Mädchen, mittlerweile sind es drei, nicht funktionieren, droht der Vater mit erniedrigenden Konsequenzen, das heißt ein harter Griff um die Handfesseln und Schläge auf den Hintern, auch bei Emilia als Teenager. Die Eltern schämen sich für die polnische Herkunft, die allerdings in einer noch so perfekt antrainierten deutschen Sprache hindurchklingen muss. Nach und nach verändern sich die Eltern, sie werden zu hart arbeitenden Menschen, die ihren unbedingten Leistungswillen auf die Kinder übertragen, die nur geliebt werden, wenn sie den hohen Erwartungen entsprechen.

Interessant sind die aktuellen Bezüge, die die Autorin einfließen lässt. So sind die Polen die zweitgrößte Migrantengruppe neben den Türken, allerdings ohne wirklich klare Sichtbarkeit.
Im Vergleich zu den Syrern oder Irakern sind die Polen die „Premiumsflüchtlinge“. Die deutsche Staatsbürgerschaft mussten sie nicht durch Aufnahmeprüfungen oder diverse Nachweise hart erkämpfen, sie bekamen sie einfach.

„Die ersten Polen, die ich in der deutschen Öffentlichkeit wahrnahm, im Fernsehen, in Zeitungen, waren Miro und Poldi. Da lebte ich schon mehr als zwanzig Jahre in Deutschland.“

Mit einem Augenzwinkern und diversen, zugegeben komischen Polenwitzen beleuchtet die Autorin auch die Vorurteile und das arrogante Verhalten, gerade der Ostdeutschen nach dem Mauerfall, gegenüber den Polen. Wobei die polnischen Einwanderer, die nicht die Nähe ihrer Landsleute suchte, damit klarkommen mussten, dass sie nun trotz deutschem Pass Ausländer unter Ausländern, wie den Türken, Asiaten oder Arabern, waren.
Immer wieder kehrt die Autorin zu ihrer Familie zurück und erzählt, bereichert auch durch die Erinnerungen ihrer Eltern, die längst geschieden sind, wie das Leben in Westberlin und der späteren Hauptstadt Deutschlands war. Auch wenn die Familie ehrgeizig ihr Deutschsein pflegte, so waren die Weihnachtsfestlichkeiten doch die Ausnahme. Kein Kartoffelsalat mit Würstchen landete auf dem Familientisch, sondern ein stattliches Zehn-Gänge-Menü.

Der schnelle materielle Reichtum sorgte bei den Smechowskis nicht für familiären inneren Frieden, vom Ehrgeiz zerfressen, gewähren die Eltern ihren Kindern keinen individuellen Freiraum und kappen jegliche Träume. Dagegen wehrt sich die Autorin vehement und erarbeitet und erkämpft sich willensstark auch als Lebenskünstlerin ihren Weg zuerst zur Opernsängerin, dann zur Journalistin. Und Emilia Smechowski sucht nach ihren polnischen Wurzeln.

„Manchmal steht, wer glaubt, sich entscheiden zu müssen, am Ende verloren da. Assimilation ist kein Ankommen, es ist ein Versteckspiel. Ich stand kurz vor meinem 27. Geburtstag und ich hatte das Verstecken satt.“

In einer Mischung aus Ernsthaftigkeit, aber auch Humor erzählt Emilia Smechowski eloquent, ehrlich und unterhaltsam ihre persönliche Familiengeschichte. Sie zeigt dem deutschen Leser die Sichtweisen, in diesem Fall der polnischen Einwanderer, die heute anders als vor gut dreißig Jahren
ihren kulturellen Hintergrund verleugnen wollten und vielleicht auch mussten, um anzukommen.
Parallel denkt man natürlich auch an die syrischen Asylsuchenden und ihre Chancen im Vergleich zu den polnischen Migranten. Und es stellt sich zwischen den Zeilen die Frage: Wie kann ein gutes Miteinander in Zeiten funktionieren, in denen sich Staaten, allen voran Polen, abschotten, auf Nationalismus setzen und weigern muslimische Flüchtlinge aufzunehmen? Das Gefühl der inneren Zerrissenheit der Autorin bleibt bis zum Ende spürbar, die Entdeckung der polnischen Kultur und Sprache jedoch wird als Gewinn verbucht und darum kann man sie nur beneiden.