Bis an die Grenze

Dave Eggers: Bis an die Grenze, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 479 Seiten, €23,00, 978-3-462-04946-6

„Josie war sicher, dass es eine fürchterliche Idee war, über das alles zu reden – über entsetzliche Dinge zu reden, hatte ihr noch nie geholfen, sie fuhr besser damit, zu vergessen, ….

Irgendwie hat das Leben es mit Josie nicht gut gemeint. Die vierzigjährige Zahnärztin verliert ihre Praxis in Ohio durch einen angeblichen Patientenfehler. Sie wird auf zwei Millionen Dollar verklagt und wirft hin. Josie hatte sich auf Carl eingelassen, der irgendwie unzuverlässig ist, nicht unsympathisch, immerhin jemand mit einem Millionenerbe in Aussicht und doch völlig konturlos.

„Sie hatte eine Beziehung mit einem Zwölfjährigen.“

Der einzige Lichtblick in Josies Leben sind ihre Kinder: der mütterliche Paul ist acht und die chaotische Ana fünf Jahre alt. Die Kinder lieben sich und passen aufeinander auf. Und nun ist Josie auf der Flucht, denn Carl, die beiden haben sich getrennt, sitzt ihr im Nacken. Sie hat sich ein altes Wohnmobil geliehen und fährt durch Alaska. Erste Station ist ihre Stiefschwester Sam.

In einem Gedankenstrom rekapituliert Josie die Geschehnisse der Vergangenheit, ihr Leben mit Carl, die berufliche Pleite, die eigene Familie und die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes. Josie kann sich aus ihren Verpflichtungen nicht lösen, doch fühlt sie sich hilflos, ausgepowert und einsam. Auf der Suche nach einem Lebensinhalt, einem Ziel tritt sie diese Reise an, die auch noch einen anderen Grund hat. Carl hat eine neue Freundin und will, dass sie seine Kinder kennenlernt. Die nervöse, überforderte Josie bekommt es mit der Angst, denn sie fürchtet seinen negativen Einfluss. Mit ihren Kindern, Ana ist ein äußerst schwieriges Kind, dass Dinge zerstört und irgendwie auffällig ist, und einer gehörigen Portion Wut im Bauch, durchstreift sie Alaska. Wenn die Kinder schlafen, muss sie einfach Alkohol trinken, um alles zu ertragen. Im Hintergrund der Handlung lauern Naturkatastrophen, wie Waldbrände, aber auch irdische Konflikte, wie launische Wohnwagenfahrer oder Unfälle.

Immer mehr rücken die Kinder in den Blickwinkel des Lesers, sie scheinen für Dave Eggers die einzige Kraft zu sein, die noch zählt. Die Idylle jedoch, auch im Familienleben, will sich einfach nicht einstellen. Es gibt sie einfach nicht, obwohl Josie sich weit entfernt hält, von allem, was unser Miteinander zu zerstören scheint, kein Internet, keine Social Media Kontakte, nur pure Natur.
Wie fast nebenher entwirft Dave Eggers aber auch ein Bild von den USA, den abgehängten Menschen am Rande des Landes, die mit ihren Nöten nicht mehr klarkommen. Aber Josie schafft es, sich aus ihrem Tal zu befreien, und das hat sie letztendlich ihren Kindern zu verdanken.
Dave Eggers ist ein tiefgründiger Erzähler, ein Beobachter und Moralist.