Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, 349 Seiten, €11,90, 978-3-423-14551-0

„Dabei ist es gar nicht lang her, dass man dachte alles liegt noch vor einem, eine Unendlichkeit an Möglichkeiten und Zeit, als warte die Welt nur darauf, dass man ihr den eigenen Stempel aufdrückt. Dass bald schon alles dem Ende entgegengehen könnte, erschien ihm bis vor kurzem noch als abstrakter Gedanke, mit dem zu beschäftigen sich nicht lohnte.“

Da stehen nun alle vier erwachsenen Kinder um den toten Vater herum und wissen, dass alles irgendwie ziemlich schief gelaufen ist. Linda hatte in den letzten Jahren, bevor der Vater sie aus dem Haus geworfen hatte, noch versucht, ihn für unmündig zu erklären. Sie konnte nicht fassen, dass er, nach dem Tod der Mutter, seinen Lebensabend umgeben von Pornopostern verbringt. Seiner Pflegekraft, Linda nennt sie die „ungarischen Hure“, hat er schon mal zu Lebzeiten das Wochenendhaus in Arona vermacht. Als der unberechenbare Vater, zu dem auch Sohn Jakob keinen Zugang findet, Joschi, der ewige Revoluzzer sowieso nicht und Uli, das Weichei, erst recht nicht, seine Kinder nun vor vollendete Tatsachen stellt, ist klar, die Erbschaftsfrage muss vor dem Totenschein geklärt werden. Alle mutmaßen, dass ihnen, die den Geldsegen gut gebrauchen könnten, nicht mal ein Plichterbe zusteht. Und so warten sie nun auf den verhassten Anwalt und das Testament.

In den Gesprächen, inneren Monologen und Reflexionen stellt Karl-Heinz Ott wortgewaltig und sarkastisch die Generation der Achtundsechziger vor. Linda hat die Kunstbegeisterung der Mutter mit nicht gerade viel Erfolg zu ihrem Beruf gemacht, Joschi musste schon mal abtauchen, da er Geld veruntreut hatte und sowieso von den Eltern bereits ein Erbteil ausgezahlt bekommen hatte, woran Linda ihn regelmäßig erinnert. Jakob hat seinen beruflichen Zenit als Journalist für Film und Rundfunk weidlich überschritten und hält sich trotz leerem Bankkonto für den besseren Intellektuellen und Uli ist der ewige Hippie geblieben, der als Lehrer an seiner Waldorfschule sich in sein Schicksal gefügt hat. Zwischen typischen Geschwisterstreitereien mit viel Rotwein mischen sich philosophische Diskurse, herrliche Wutausbrüche und viel Wehmut im Elternhaus nahe Ulm. Alle vier hatten eine behütete Kindheit, in der der milde und geradezu gleichgültige Vater als Chefarzt des Unfallkrankenhauses wenig zu Hause war und wenn dann, wollte er seine Ruhe. Ein wahrer Kontakt, auch nach dem Tod der Mutter, hat sich zu den Kindern aus vielerlei Gründen nicht hergestellt. Nichts was den Vater, der seinen Kindern auch bei der Berufswahl freie Hand ließ, interessierte, ob nun Sternenbilder oder die Arbeit, wurde Gesprächsthema mit den Söhnen oder der Tochter. Mit dem Wissen um die Fremdheit zwischen den Generationen, der mürrische Vater pocht nun auf seine Freiheit, in der er machen könne, was er wolle, sitzen die vier Hinterbliebenen, Linda noch mit Mann und Uli mit Ehefrau, und pochen auf ihr Recht am Hab und Gut der Eltern. In Erinnerungen, die 1960er und 1970er Jahre im Blick, liest sich vieles im Rückblick ziemlich komisch, aber schaut man sich die Personen an, die die Zeit noch einmal Revue passieren lassen, auch tragisch.

Als Leser baut man eine Distanz auf und schwankt zwischen Vater und Kindern hin und her. Haben Sie es nicht anders verdient, könnte der Leser denken. Und fragt sich, wann nun endlich der Anwalt vor dem Haus steht und endlich Klarheit bringt. Was natürlich nicht geschehen wird, bedenkt man den Titel des Buches.
Wunderbar geistreicher Familienroman und zugleich Kammerspiel voller Tiefe und Intelligenz!