Herz auf Eis

Isabelle Autissier: Herz auf Eis, Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig, Mare Verlag, Hamburg 2017, 224 Seiten, €22,00, 978-3-86648-256-2



„ Und überhaupt, wer könnte die Geschichte schon verstehen? Nur wer monatelang an Pinguinfleisch genagt hat, kann ermessen, was es heißt, die eigene Haut zu retten.“

Fern des Pariser Alltags gehen Louise und Ludovic, beide um die 30, auf Abenteuersuche. Bis ans Ende der Welt reisen sie und landen auf einer Insel, einem Naturschutzgebiet, mit einer verlassenen Walfangstation. Seit fünf Jahren kennt sich das Paar, er ist das verwöhnte Einzelkind, das mit Charme und Lebensfreude sich überall durchmogelt und sie eine eher ängstliche, nüchterne, aber durch die Liebe zu Ludovic doch starke Person. Um Ludovic nicht zu enttäuschen, beteiligt sich Louise, die passionierte Bergsteigerin, am Atlantiktörn mit dem Schiff Jason, geplant von den Antillen über Patagonien nach Südafrika und dann vielleicht noch weiter über den Indischen Ozean. Doch als beiden Weltenbummler die Insel Stromness, auf der Pinguine, Robben und See-Elefanten leben, betreten, gerät alles außer Kontrolle. Das Wetter schlägt um und als die beiden mit dem Beiboot nicht zu ihrem Schiff gelangen, übernachten sie in der Station. Am kommenden Morgen ist das Beiboot noch da, die Jason allerdings nicht mehr. Mit zwei Äpfeln und ein paar Müsliriegeln sitzen die beiden fest und sehen auch keine Chance auf Rettung. Ein harter Überlebenskampf über acht Monate beginnt, den Isabelle Autissier schonungslos und detailreich im Präsens beschreibt.

Neben Schuldzuweisungen und Auseinandersetzungen plagen sich die beiden der wilden Natur nun ausgelieferten mit der Nahrungssuche, die sich mit einfachsten Mitteln auf die Tiere vor Ort konzentriert. Zum Glück hat die Bergsteigerin wie immer ein Feuerzeug dabei und doch hilft dieses nicht gegen Rattenschwärme und ekligem Essen. Die Robinsonade bringt beide zwischen Verzweiflung, Angst und Hass an ihre Grenzen. Als Louise sich allein auf den Weg zur Forschungsstation macht, lässt sie den geschwächten und völlig antriebslosen Ludovic zurück.

„Dieses jämmerliche Dasein mit all den Entbehrungen hat nicht nur ihren Wohlstand zunichtegemacht. Die Angst hat das Allerwichtigste zerstört: ihre Gefühle, ihre Menschlichkeit. Völlig bloß steht sie da, besessen einzig von dem Drang zu überleben, nicht anders als irgendeins der Tiere, die sie täglich sieht.“

Als Louise nach geraumer Zeit, sie hat Lebensmittel gefunden, zurückkehrt, ist ihr Lebensgefährte tot.

Der Journalist Pierre-Yves liest von der glücklichen Rettung einer jungen Französin von der Insel Stromness. Er weiß, diese Story ist Gold wert. Und so beginnt er seine Kontakte spielen zu lassen. Er trifft Louise und managt ab diesem Zeitpunkt ihr Leben, denn alle möglichen Medien stürzen sich nun auf ihre außergewöhnliche Geschichte. Doch Louise völlig traumatisiert, plagt sich mit ihrer Schuld Ludovic gegenüber.

Diesen inneren Kampf und Louises zunehmende Freude an ihrer Medienpräsenz beschreibt die französische Autorin sprachlich absolut fesselnd. Durch die wechselnden Perspektiven gewinnt die Geschichte über zwei Menschen zwischen beruflichem Alltag und Sicherheit und den Auseinandersetzungen auf der Insel mit gnadenloser Kälte, Hunger und Panik vor dem unausweichlichen Tod eine ungeheure Sogkraft. Louises Rückkehr in die Zivilisation jedoch wird für sie zum Martyrium und führt zu erneutem Umdenken. „Herz auf Eis“ klingt etwas trivial, trifft aber letztendlich doch Louises inneren Konflikt.