Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017, 960 Seiten, €28,00, 978-3-446-25471-8

„Er war müde, er war so müde. Es verlangte ihm so viel Energie ab, die Scheusale auf Abstand zu halten. Manchmal stellte er sich vor, wie er sich ihnen ergab und sie ihn mit ihren Klauen und Schnäbeln und Krallen zudeckten und hackten und zwickten und rupften, bis er verschwunden war, stellte sich vor, das er es zuließ.“

Vier Freunde treffen sich auf dem College: Willem wird ein gefeierter Schauspieler, JB avanciert zum Künstler, Malcolm arbeitet erfolgreich als Architekt und Jude wird ein angesehener Prozessanwalt. Alle vier haben keine einfachen Kindheiten hinter sich, stehen unter Erwartungsdruck, den sie sich selbst auferlegen oder Familienmitglieder ihnen suggerieren. Wie und warum die vier sich so gut verstehen, bleibt offen, wie so vieles in diesem Roman, der so dick ist wie ein Ziegelstein. Vom Marketing ausführlich beworben wird das Buch von Hanya Yanagihara, einer amerikanischen Autorin und Journalistin, 42 Jahre alt, in allen Zeitungen und Sendungen, mal euphorisch, mal kritisch ablehnend, besprochen. Keine Frage, es ist eine zunehmende Qual, mal begonnen, das Buch zu Ende zu lesen, denn die Handlung umkreist aus verschiedenen Erzählperspektiven die Lebensgeschichte von Jude, eine schwierige undurchsichtige Figur, die pausenlos leidet. Er ist der Hochbegabte von allen, der Attraktivste und vor allem der Geheimnisvollste. Als Säugling, gefunden neben einer Mülltonne, als Kind von Männern missbraucht, die ihn eigentlich beschützen sollten, taucht er dann in diesem College auf, in dem die jungen Männer sich kennenlernen. Alle müssen sich, außer Malcolm, da aus wohlhabendem Hause, finanziell abmühen. Judes Vergangenheit ist nie Gesprächsthema, dass er jedoch massive persönliche Probleme hat, weiß nicht nur sein Vertrauensarzt Andy. Jude zieht ein Bein nach, ritzt sich immer wieder, bis hin zu so tiefen Einschnitten, dass man vermutet, er wolle sich umbringen. Phasenweise wird er nicht mehr laufen können. Was ihm Schreckliches geschehen ist, erfährt der Leser nach und nach. Und Jude sucht sich Männer, die ihn zutiefst demütigen, fast totschlagen und er wird nichts unternehmen. Als er mit Willem, dem gefeierten Leinwandstar, endlich zusammenkommt, eigentlich waren sie nur Freunde, entspannt sich die Lage für ihn. Auch die Freundschaft zu seinem Professor Harold wird immer wieder auf die Probe gestellt. Judes Erlebnisse in der Vergangenheit haben ihn verunsichert, er ist, trotz beruflichem Erfolg, sich seiner nie sicher. Er kann nicht verstehen, warum Harold und seine Frau ihn adoptieren wollen und somit sehr schätzen. Jude lehnt jede Form von Therapie ab, kann keine Form von Hilfe annehmen, zerstört nach und nach sich selbst.
Immer wieder kreuzen sich im Lauf von drei Jahrzehnten die Wege der vier Männer, deren Lebensstandard sich erhöht, die Wohnungen werden größer, sie entzweien sich, verlieben sich auch ineinander und kommen tragisch zu Tode. Im Hintergrund spielt noch New York eine Rolle, aber die Erzählungen, die konzentrisch um Jude kreisen, spiegeln immer nur das Private wider, nie Berufliches oder gar das Zeitgeschehen. Überrascht ist man sicher, über die Konzentration der Autorin auf die männliche Psyche und Sprachlosigkeit. Sie durchzieht wie ein roter Faden den umfangreichen Roman. Vor dem inneren Auge des Lesers entfalten sich Lebenspanoramen, die zum größten Teil Schicksale von homosexuellen Männern offenbaren. Nur Malcolm wird heiraten und ein eher bürgerliches Leben führen.
Der vielbeschworene Sog, der den Leser in den Roman zieht, wird nach und nach aber auch zur Qual, denn die Geheimnisse um Jude, physische und psychische Gewalt, brutalste Exzesse, aber auch Liebe füllen melodramatisch die fast tausend Seiten. Steigen alle eindimensional gezeichneten Freunde in den Olymp ihres Ruhms, so enden sie auch tragisch. Zwischendurch fragt man sich schon als Leser und auch Kritiker, warum Hanya Yanagihara sich so an dieser Jude-Figur, die durch alle Höllen gegangen ist, festklammert, warum so ein Hype um diese fast 1000 seitigen Roman veranstaltet wird. Diese Art der Literatur, deren Erzählfluss ab und zu auch völlig unrealistisch und allzu gefühlig ist, muss einen schon ziemlich fesseln, um ans Ende zu gelangen. Sie kann vereinnahmen, aber auch abschrecken.