Der namenlose Tag

Friedrich Ani: Der namenlose Tag, Osterwold audio, Hamburg 2015, Ungekürzte Lesung mit Udo Wachtveitl, 5 CDs, 402 Minuten, €19,99,
978-3-86952-291-3

„Schweigen, wie es Brauch im Haus mit dem gepflegten Garten war, Generationen übergreifend.“

Der Kriminalkommissar Jakob Franck, der in München lebt, könnte die Beine hochlegen und sich nicht mehr mit den Toten und anderen Geistern beschäftigen. Auch wenn er seit achtzehn Jahren von seiner Frau Marion geschieden ist, sie ist der einzige Mensch, den er aufsucht, um zu reden oder Filme zu schauen. Und nun zwei Monate nach der Pensionierung hat er wieder dieses Polizistengesicht, das sie nicht mag, denn Franck hat einen alten Fall übernommen. Vor gut zwanzig Jahren hat sich die siebzehnjährige Ester Winther im Park erhängt. War sie schwermütig oder wurde sie wirklich ermordet, wie ihr Vater Ludwig Winther vermutet? Franck hatte die Todesnachricht der Mutter, Doris Winther, überbringen müssen. Er beginnt mit seinen Recherchen, liest die alten Akten, befragt erneut den Bekanntenkreis und alle Personen, die mit Esters Tod zu tun hatten. Nur Doris Winther kann er nicht sprechen, denn sie hat sich ein Jahr nach dem Tod der Tochter im Garten erhängt.

Franck gewinnt langsam ein deutliches Bild dieser Familie, in der mehr geschwiegen als geredet wird und in der alle, trotz Häuschen und Sicherheit, für sich allein leben. Ester fühlt sich vom Vater, der nur das Beste möchte, bevormundet und gegängelt. Die stille Doris glaubt, ihr Mann, Ester hatte dieses perfide Gerücht gestreut, habe die Tochter auf dem Gewissen. Oder hat sich die attraktive Tochter erhängt, weil der ältere Mann, in den sie angeblich verliebt war, nichts von ihr wollte?
Wie es wirklich zur Selbsttötung kam, wird Franck herausfinden, vorher jedoch, tief im Leid aller Beteiligten waten.
Bereits in Friedrich Anis „Süden“-Romanen drehten sich die Plots nie um spektakuläre Mordfälle. Seine Hauptfigur Süden begab sich auf die Suche nach Vermissten und eher die privaten, oftmals psychischen Komponenten spielten für die Handlung eine Rolle.
Auch Franck ist eher der genaue Zuhörer mit seiner „Gedankenfühligkeit“ und der Gabe Zusammenhänge herzustellen, die anderen nicht in den Sinn kommen.
Nie stellt Friedrich Ani eine seiner Figuren bloß, er beschreibt sie in ihrem Umfeld und überlässt dem Hörer das Urteil.

Der aus dem ARD- „Tatort“ bekannte Schauspieler Udo Wachtveitl findet sich mühelos in jede Figur hinein und verleiht ihr per Stimme, ohne Übertreibungen, einen Charakter. Bravourös meistert er die dramatischen Szenen, die in ihrer Alltäglichkeit und teilweisen Banalität an die Schmerzgrenze des Hörers gehen.

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